Rückständig: Frauenbilder bei YouTube und Instagram

08.03.2019 •

Plätzchen backen, Schminktipps und Nähen – mit diesen Hobbys präsentieren sich Frauen meistens auf ihren jeweiligen YouTube-Kanälen. Während sie sich vor allem im privaten Umfeld ihres Zuhauses zeigen, agieren männliche YouTuber häufiger im öffentlichen Raum und bedienen mit Themen von Comedy über Sport bis hin zu Politik ein deutlich größeres Feld. Die Geschlechterdarstellung auf den erfolgreichsten YouTube-Kanälen beruht auf den veralteten Stereotypen einer typischen Hausfrau. Das fanden die Universität Rostock und die Filmuniversität Babelsberg durch die Analyse von 1000 YouTube-Kanälen und 2000 Videos sowie in Gesprächen mit 14 YouTuberinnen heraus.

Dies ist nur ein Ergebnis mehrerer neuer Studien zum Thema „Weibliche Selbstinszenierung in den neuen Medien“, die im Auftrag der MaLisa-Stiftung erarbeitet wurden. Ende Januar stellte die Stiftung von Schauspielerin Maria Furtwängler und ihrer Tochter Elisabeth Furtwängler drei repräsentative Studien in der deutschen Kinemathek am Potsdamer Platz in Berlin vor. Darin wurde die Geschlechterdarstellung bei YouTube, Instagram und in Musikvideos untersucht. Und die Ergebnisse scheinen viele zu überraschen, nämlich dass das Verhältnis von weiblichen zu männlichen Protagonisten bei den 100 beliebtesten Musikvideos auf YouTube 1 zu 2 ist, genau wie bei den 100 beliebtesten YouTube-Kanälen und auch den Top 100 Instagrammern.

Heidi Klums weiße Zähne

In Musikvideos sind Frauen unterrepräsentiert und werden sexualisiert dargestellt. Sexualisiert meint dabei, dass Frauen meist als passive Figuren auftreten. Die Kameraeinstellungen legen dabei den Fokus auf die Brust oder den Po, während in über 50 Prozent der Fälle der Kopf der Frauen nicht gezeigt wird. Zu diesem Ergebnis kam das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk (BR) unter der Leitung von Maya Götz nach der Analyse von Bild und Text der 100 erfolgreichsten Musikvideos, die bei YouTube zu sehen sind.

Bei Instagram wurden 300 Posts von Influencerinnen untersucht und mit 300 Bildern von Instagram-Userinnen verglichen. Erfolgreich sind dabei die Frauen, die dem allgemeinen Schönheitsideal entsprechen: schlank und langhaarig. Dass die rückständigen Frauenbilder nicht nur die Influencer/innen selbst beeinflussen, zeigten die Fallstudien. Denn viele Instagrammerinnen eifern den gezeigten Schönheitsidealen nach; die Chance steigt dabei, wenn sie selbst Influencern oder Influencerinnen folgen. Die Hälfte der gut 400 befragten Mädchen gab an, ihr Äußeres auf Bildern zu optimieren. So zeigte die Studie beispielsweise, dass knapp 70 Prozent der Mädchen, die Heidi Klum („Germany’s Next Top-Model“) folgen, ihre Zähne auf ihren Bildern aufhellen.

Vor zwei Jahren hatte die MaLisa-Stiftung die erste umfassende Studie zu Geschlechterdarstellungen im deutschen Film und Fernsehen präsentiert. Auch hier stellte sich heraus, dass Frauen im Fernsehen deutlich unterrepräsentiert sind. Dass die Ergebnisse in den untersuchten sozialen Medien – Facebook und Twitter wurden nicht beachtet – nun den vorherigen Ergebnissen so sehr ähneln, ist auf den ersten Blick unerwartet.

Der Beauty-Bereich als sicheres Terrain

Denn die Online-Plattformen YouTube und Instagram weisen deutlich jüngere Nutzerinnen und Nutzer auf als die deutsche Fernsehlandschaft. Zudem bieten sich bei sozialen Medien jedem die Chance, seine eigene Identität zu zeigen, seine Stimme zu erheben und sich so zu präsentieren, wie es einem gefällt. Im Gegensatz zum Fernsehen bestimmen hier nicht Produzenten, Autoren oder Regisseure die Darstellung. Doch trotzdem verkörpern die Nutzerinnen von YouTube und Instagram Ideale einer Frau vergangener Jahrzehnte anstatt progressive Frauenbilder. Nicht unbedingt das, was man von neuen Medien erwartet.

Doch die Unabhängigkeit dort ist nur eine scheinbare. Zu den Auswertungen der Bilder und Videos wurden bei den Untersuchungen auch Interviews mit YouTuberinnen geführt. Aus den Gesprächen ging hervor, dass Frauen den Bereich „Beauty“ wählen, weil sie ihn als sicheres Terrain empfinden. Damit ist gemeint, dass er in erster Linie lukrativ für sie ist und sie dabei wenig Hatespeech ausgesetzt sind. Im Gegenteil zu den Themen Comedy oder Politik, bei denen sie vielfach nicht ernst genommen oder beleidigt werden. Dass geschlechterstereotype Themen unter YouTuberinnen dominieren, ist also nicht allein persönlichen Interessen geschuldet, sondern auch Trollen und einem sexistischen Markt.

Bisher wurden die Studien nicht veröffentlicht, lediglich die Ergebnisse wurden vorgestellt und sind auf der Website der MaLisa-Stiftung abrufbar. Das Fazit, das aus den Studien gezogen werden kann, nämlich dass in sozialen Medien lediglich veraltete Stereotypen reproduziert werden, greift jedoch zu kurz. Denn die Studien zeigen zwar, dass in den erfolgreichsten YouTube-Kanälen und Instagram-Profilen hinsichtlich der Sichtbarkeit Männer dominieren und Nutzerinnen thematisch eingeschränkt agieren, doch es gibt eine Vielzahl von Ausnahmen. Auch in sozialen Medien gibt es politische Aufklärungsarbeit, Comedy- oder Sportinhalte von Frauen – aber sie befinden sich in Nischen. Zeit, dass sie da herausgeholt werden. Doch auch die Studien bergen Grund zur Hoffnung. Um ein Beispiel zu nennen: Mit der Diversität läuft es in den sozialen Medien nämlich schon deutlich besser als im linearen Fernsehen. Fast die Hälfte der männlichen YouTuber hat Migrationshintergrund, bei den Frauen ist es immerhin ein Drittel.

08.03.2019 – cas/MK

Print-Ausgabe 7/2021

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