Norbert Himmler im dritten Wahlgang zum nächsten ZDF‑Intendanten gewählt

02.07.2021 •

Der Fernsehrat des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) hat am heutigen 2. Juli den derzeitigen Programmdirektor Norbert Himmler zum nächsten Intendanten des Senders gewählt. Er erhielt bei der Wahl im dritten Durchgang 57 Stimmen (bei zwei Enthaltungen und einer Nein-Stimme). Seine Gegenkandidatin Tina Hassel (WDR), Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios, hatte vor dem dritten Wahlgang ihre Kandidatur zurückgezogen. Für die Intendantenwahl beim ZDF ist im Fernsehrat eine Drei-Fünftel-Mehrheit der Mitglieder nötig, das sind in dem 60-köpfigen Gremium mindestens 36 Stimmen. Im ersten Wahlgang gab es 34 Stimmen für Himmler, 24 für Hassel und zwei Enthaltungen. Im zweiten Durchgang lautete das Ergebnis 32:28 zugunsten von Himmler, Hassel hatte also aufgeholt – um dann doch auf eine weitere Abstimmungsrunde zu verzichten.

Der ZDF-Fernsehrat, von dem Norbert Himmler und Tina Hassel für die Wahl nominiert worden waren, tagte in der Rheingoldhalle in Mainz; die öffentliche Sitzung wurde im Internet per Livestream übertragen. Beide Kandidaten stellten dem Gremium in jeweils rund zwanzigminütigen Vorträgen ihre Konzepte zur Zukunft des ZDF vor und beantworteten anschließend Fragen der Fernsehratsmitglieder. Hassels Ausführungen standen unter dem Titel „Raum für das Wir. Manifest zur Zukunft des ZDF", Himmlers Rede hatte die Überschrift „Ein ZDF für alle. Was bis 2025 zu tun ist“. Mit dem ZDF-internen Kandidaten Himmler setzte sich bei der Wahl letztlich derjenige durch, der zuvor auch als großer Favorit in das Rennen um die Intendanz gegangen war. Er erhielt, nachdem er im dritten Durchgang als einzig verbliebener Kandidat mit 95-prozentiger Mehrheit gewählt worden war, lang anhaltenden Applaus von den Fernsehratsmitgliedern. Schließlich fragte ihn die Fernsehratsvorsitzende Marlehn Thieme, ob er die Wahl annehme, und er antwortete: „Ich bedanke mich für das Vertrauen und nehme natürlich die Wahl an.“

Der Favorit macht das Rennen

Norbert Himmler galt inoffiziell als Kandidat des sogenannten schwarzen Freundeskreises (CDU) im ZDF-Fernsehrat, während Tina Hassel als dem roten Freundeskreis (SPD) nahestehend gewertet wurde, von dem sie recht überraschend noch als Gegenkandidatin ins Spiel gebracht worden war, denn eigentlich schien im Vorfeld alles auf eine reibungslose Wahl Himmlers hinauszulaufen. Dass dies so nicht geschah, lag wohl daran, dass die politisch schwächelnde SPD bei dieser Intendantenwahl noch einmal ihre Bedeutung aufzeigen wollte. Als Beobachterin der Wahl war auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) vor Ort, die zudem Vorsitzendes des ZDF-Verwaltungsrats und der Rundfunkkommission der Länder ist.

Die beiden Freundeskreise sind benannt nach ihren Leitern, dem früheren Bundesminister Franz Josef Jung (CDU) auf der einen und dem Verdi-Vorsitzenden Frank Werneke (SPD) auf der anderen Seite. Wie sie das Geschehen bestimmen, ließ sich beispielsweise in dem Moment ahnen, als die Fernsehratsvorsitzende Thieme mit Blick auf die Beratungen vor dem zweiten Wahlgang sagte: „Der Freundeskreis von Herrn Werneke trifft sich hier im Raum, der Freundeskreis von Dr. Jung trifft sich vor dem Saal auf der Terrasse.“ Auf der Pressekonferenz nach der Intendantenwahl sagte Thieme, als sie zum Thema Freundeskreise befragt wurde: „Sie sehen ja aus der Zusammensetzung der verschiedenen Freundeskreise, dass das keine Parteikader sind, die dort irgendwie organisiert sind. Es gibt Grüne hier wie dort und es gibt alle verschiedenen, auch sehr viel freie zivilgesellschaftliche Organisationsvertreter darin, so dass das keine Bindungswirkung hat, die man so früher vielleicht erlebt haben mag. Das war aber auch vor meiner Zeit.“

Die Freundeskreise im Fernsehrat

Thieme ist von der evangelischen Kirche in den ZDF-Fernsehrat entsandt. Bezüglich der Freundeskreise führte sie weiter aus: „Sie bilden sich ja frei, man kann dem angehören oder man kann dem auch fernbleiben, und das nehmen auch einige Fernsehratsmitglieder so wahr, dass sie tatsächlich nicht dazu kommen. Andere haben Interesse daran, sich auszutauschen mit Gleichgesinnten oder auch anders Gesinnten, das geht wild durcheinander, das sage ich ganz bewusst, um da sich eine Meinung zu bilden. Und der eine macht das mit den total Gleichgesinnten oder nur partiell und der andere möchte genau die Gegenseite hören. Und ich glaube, da gibt es auch Organisationen, die auf das Ganze schauen und die dann auch ihren Einfluss in den jeweiligen Sitzungen geltend machen.“

Norbert Himmler, 50, volontierte ab 1998 beim ZDF. In den folgenden Jahren übernahm der promovierte Politikwissenschaftler dann verschiedene Positionen im redaktionellen und administrativen Bereich des öffentlich-rechtlichen Senders, darunter ab 2009 die Leitung des Spartenprogramms ZDFneo. Seit 2012 ist er Programmdirektor des in Mainz ansässigen ZDF. Am 15. März 2022 wird Himmler, der auch in Mainz geboren ist, das Intendantenamt übernehmen. Der derzeitige Intendant Thomas Bellut, 66, scheidet dann nach zehnjähriger Amtszeit aus und geht in den Ruhestand (vgl. MK-Meldung). Himmler wird der sechste Intendant in der ZDF-Geschichte. Vor Thomas Bellut (seit 2012) waren Markus Schächter (2002 bis 2012), Dieter Stolte (1982 bis 2002), Karl-Günther von Hase (1977 bis 1982) und Karl Holzamer (1962 bis 1977) die Intendanten des Senders.

Tina Hassel, 57, gab nach dem zweiten Wahlgang in einer kurzen Rede ihren Rückzug als Kandidatin für die ZDF-Intendanz bekannt und machte damit den Weg frei für Norbert Himmler. Sie hatte zwar vier Stimmen hinzugewonnen, aber realistischerweise dürfte ihr klar gewesen sein, dass sie weitere acht Stimmen, die sie aus dem schwarzen Freundeskreis für das 36er-Quorum benötigt hätte, nicht würde zu sich herüberziehen können. Ein Aufrechterhalten ihrer (Außenseiter-)Kandidatur hätte somit wohl nur zu einer Art Wahlblockade geführt.

Für Tina Hassel gibt’s Standing Ovations

Also sprach Tina Hassel an die Fernsehratsvorsitzende und den Fernsehrat gewandt: „Herzlichen Dank Frau Thieme, herzlichen Dank an Sie alle hier. Im zweiten Wahlgang hat es noch keine Mehrheit gegeben. Vier Stimmen trennen Herrn Doktor Himmler und mich. Und ich möchte im Sinne des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und eines starken ZDF, dass aus einer kleinen Mehrheit eine große Mehrheit wird, dass Sie alle für Herrn Doktor Himmler stimmen können. Ich auf jeden Fall danke, ich werde an dieser Stelle das Rennen beenden. Ich danke ganz herzlich allen, die für mich gestimmt haben, die mir das Vertrauen ausgesprochen haben. Eine Wahl mit echten Alternativen ist die Krone der Demokratie – genauso ist es. Und insofern reite ich sehr erhobenen Hauptes hier vom Hofe und danke Ihnen allen, aber gratuliere vor allem Herrn Doktor Himmler ganz herzlich, wünsche ihm gutes Gelingen für die großen Aufgaben, die vor ihm liegen. Und wir wollen, glaube ich, beide dasselbe, er jetzt an der Stelle und ich, wo immer ich arbeite: einen starken, modernen, agilen, krisenfesten öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dafür brauchen wir auch sie alle, die unsere Arbeit begleiten und auch in möglicherweise noch stürmischeren Zeiten weiter begleiten. Und, das gestatten Sie mir noch zum Abschied: Wir brauchen beide öffentlich-rechtlichen Systeme. So, das war’s. Herzlichen Dank!“

Auf diese Ansprache hin erhielt Tina Hassel Standing Ovations vom ZDF-Fernsehrat. Dessen Vorsitzende Marlehn Thieme entgegnete: „Herzlichen Dank, Frau Hassel! Liebe Frau Hassel, entnehmen Sie dem tosenden Applaus den Respekt und die Hochachtung und die Wertschätzung, die wir im Laufe dieses Verfahrens Ihrer persönlichen Vorstellung, Ihrer konzeptionellen Vorstellung für Sie und Ihre Arbeit gewonnen haben. Viele kannten Sie als berühmtes Fernsehgesicht der ARD, wertschätzten dieses, und wir haben uns auch geehrt gefühlt, dass Sie mit uns um das beste Konzept für die Zukunft des ZDF gerungen haben, und ich danke Ihnen dafür persönlich und auch im Namen des Fernsehrates ganz offiziell. Ich wünsche Ihnen, und das sei mir erlaubt, Gottes Segen für Ihren weiteren Lebensweg, der sicher auch noch interessante Herausforderungen für Sie nach dieser Vorstellung an anderer Stelle zur Verfügung stellen wird. Alles Gute!“

Die andere Stelle, für die Tina Hassel eine interessante Herausforderung sein könnte, wäre möglicherweise das Amt der WDR-Intendantin. Dort steht in absehbarer Zeit die Nachfolge für Tom Buhrow an, für die WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn sich bereits seit längerer Zeit warmläuft. Gut möglich aber, dass ihm mit Tina Hassel, geadelt durch ihre Kandidatur für die ZDF-Intendanz, nun eine ernsthafte Konkurrentin erwachsen ist (vgl. dazu diesen MK-Artikel).

02.07.2021 – da/MK

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