NDR-Intendant Knuth kündigt stärkere Fokussierung und Priorisierung an

08.02.2021 •

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten könnten nach dem „kalkulierten Verstoß gegen die Rundfunkfreiheit“ in Sachsen-Anhalt „nicht darauf warten, dass die Politik den Auftrag der Sender ändert“, sagte NDR-Intendant Joachim Knuth, am 18. Januar bei einem medienpolitischen Colloquium des Kölner Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM). Die als Online-Videokonferenz abgehaltene Veranstaltung widmete sich unter dem Titel „Wie weiter nach Sachsen-Anhalt?“ Perspektiven des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nach dem sachsen-anhaltischen Manöver vom Dezember, die Abstimmung zur Rundfunkbeitragserhöhung zu verweigern und sie dadurch zum Scheitern zu bringen. Jetzt muss das Bundesverfassungsgericht dazu entscheiden (vgl. MK-Artikel).

Joachim Knuth kündigte eine stärkere „Fokussierung und Priorisierung“ an, die auch bedeute, „dass man Dinge bleiben lässt“. Unabhängig von der aktuellen Rundfunkbeitragslage habe der NDR, um 300 Mio Euro bis 2024 einzusparen, bereits größtenteils bei Unterhaltung und Sport gekürzt. Der NDR verfolge das Ziel, „im Linearen stark zu bleiben und im Non-linearen stark zu werden“, sagte Knuth. Dazu sollen sich „die unterschiedlichen Angebotslinien“, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk biete, aufeinander zubewegen.

Drosten-Podcast ein „Wellenbrecher“

Als Beispiel nannte der NDR-Intendant die Integration von Inhalten des von ARD und ZDF veranstalteten plattformunabhängigen Jugend-Netzwerks Funk auch in die ARD-Mediathek. Künftig sollten junge Leute davon sprechen können, sich „einen spannenden Abend mit der ARD-Mediathek“ zu machen. Der NDR plane zudem, die im linearen Fernsehen erfolgreiche Regionalberichterstattung in non-linearen Angeboten „anders zu verteilen“, so dass sie dort auch jüngeres Publikum erreichen. Ein „Wellenbrecher“ für den Erfolg non-linearer Angebote sei der vom NDR produzierte Podcast mit dem Charité-Virologen Christian Drosten, der „die gesamte Medienlandschaft des Landes linear und non-linear erobert“ habe.

Der Hamburger Kultur- und Mediensenator Carsten Brosda (SPD) nannte bei dem Colloquium „solidarische Integration als Grundlage gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit“ als künftige Antwort auf die Frage, warum es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk weiterhin brauche. Diese Diskussion sei zuletzt vernachlässigt worden, nachdem die ursprüngliche Begründungsgrundlage, Knappheit der Frequenzen, überholt sei.

Ein entscheidendes Kriterium, so Brosda weiter, sei außerdem die Staatsferne des Rundfunks, die gestärkt werden könne, wenn die Politik die Anstalten künftig „abstrakter beauftragen“ und mehr Budget-Verantwortung in die Hände der Sender legen würde. Als Beispiel nannte er hier ebenfalls Funk. Zur Finanzierung der Plattform habe die Politik den Anstalten gesagt: „Finanziert das gegen, indem Ihr andere Dinge lasst.“ Das ZDF habe vorgeschlagen, das Programm ZDFkultur aufzugeben, musste es jedoch noch gut anderthalb Jahre weiter ausstrahlen, da die Abschaltung einen Staatsvertrag und die Zustimmung aller Landtage erforderte.

Medien- und Kulturabgabe

Lutz Hachmeister, der Gründungsdirektor des IfM, kritisierte bei dem Colloquium die „vollkommen senderfixierte Medienpolitik“ der Bundesländer und plädierte dafür, „den Bereich gemeinwohlorientierter Medien nicht mehr auf die öffentlich-rechtlichen Sender zu reduzieren“. Wenn aus dem Rundfunkbeitrag mittelfristig eine „Medien- und Kulturabgabe“ werde, könnten Anteile der Einnahmen daraus „direkt an die Kreativen“ vergeben werden. Ein „bürgerlich-zentristischer öffentlich-rechtlicher Rundfunk“ würde von finanzstärkeren internationalen Rivalen wie Netflix auf die Dauer „ästhetisch und kulturell abgehängt“ werden.

Brosda entgegnete, dass im gemeinwohlorientierten Journalismus auch eine Gefahr liege, weil mäzenatischer, jedoch an Partikularinteressen orientierter Journalismus ebenfalls unter den Begriff fiele, wie die Entwicklungen in den USA zeigten. Knuth entgegnete, dass das öffentlich-rechtliche Publikum gar nicht so stark nach anderen Angeboten giere, wie gerne angenommen werde. Das Publikum des NDR habe „das Bedürfnis, in den eigenen Lebenswelten ernst genommen zu werden“, und das würden Streaming-Anbieter wie Netflix und Amazon nicht erfüllen. Wichtig sei, die öffentlich-rechtlichen Mediatheken zusammenzuführen, wie es in der ARD-Mediathek bereits geschehe. „Am Ende wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk als ein System gesehen werden“ und auch die ZDF-Mediathek mit der der ARD zusammenwachsen, glaubt Knuth. Statt „eine neue Supermediathek“ zu fordern, die auch als Marke neu etabliert werden müsste, sollten die Anstalten „die wechselseitige Formatkompatibilität ihrer Mediatheken-Inhalte erhöhen“, so dass die gleichen Inhalte auf unterschiedlichen Plattformen auftauchen könnten, empfahl Brosda.

Formatkompatibilität der Mediatheken-Inhalte

Auf die Frage von Moderatorin Brigitte Baetz, ob der NDR nach der gestoppten Rundfunk­beitragsanhebung überlege, die kleine Anstalt Radio Bremen ähnlich „einzugemeinden“, wie es gerade SWR-Intendant Kai Gniffke hinsichtlich seiner ARD-Nachbaranstalt Saarländischer Rundfunk (SR) vorschlug, antwortete Knuth: „Wir sind mit Bremen weiter.“ NDR und Radio Bremen würden unter Aspekten wie Buchhaltung, Vermarktung oder Produktionstechnik bereits so eng kooperieren, dass sich solche Fragen hier nicht stellten.

Schon weil „die Schwierigkeit, dass wir einen Staatsvertrag durch sechzehn Parlamente bekommen müssen, nicht kleiner werden wird“, plädierte Knuth bezüglich der Zukunft des Rundfunkbeitrags für „Indexierungsformen, an denen die KEF beteiligt bleibt“. Ideen, die Höhe des Rundfunkbeitrags an einem Indexmodell zu orientieren (vgl. diesen MK-Artikel und diese MK-Meldung), waren unter den Bundesländern lange diskutiert worden und seien „an Landesregierungen mit FDP-Beteiligung gescheitert“, so der NDR-Intendant.

„Es wird in Zukunft immer einen Landtag geben, der nicht mitmacht“, glaubt auch Hachmeister und empfahl den Bundesländern daher, sich „durchzuringen, Kompetenzen an zentralere Einheiten abzugeben“, wie es in der ebenfalls föderalistischen Schweiz bereits geschehen sei.

08.02.2021 – cba/MK

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