Nach Compliance-Verfahren gegen Julian Reichelt wird die Chefredaktion der „Bild“-Zeitung neu aufgestellt

23.04.2021 •

Der Axel-Springer-Konzern (Berlin) gab am 25. März in einer Pressemitteilung bekannt, dass die Chefredaktion der „Bild“-Gruppe neu aufgestellt werde. Gleichberechtigte Vorsitzende der Chefredaktion der „Bild“-Zeitung ist neben Julian Reichelt nunmehr Alexandra Würzbach, die als Chefredakteurin der Wochenzeitung „Bild am Sonntag“ vorher bereits den Führungsgremien von Springers Boulevardtiteln angehört hatte. Der Umbau an der Spitze ist die Folge einer internen Ermittlung gegen den bis dato alleinigen Chefredaktionsvorsitzenden Reichelt. Dieser soll intime Beziehungen mit Mitarbeiterinnen gehabt haben, die er zunächst gefördert, nach Ende der Beziehung aber äußerst schlecht behandelt haben soll. „Etwa zehn konkrete Vorfälle“ hatte Mitte Februar ein leitender „Bild“-Redakteur dem Springer-Vorstandsmitglied Jan Bayer geschildert, wie die Wochenzeitung „Die Zeit“ am 18. März schrieb.

In der Springer-Pressemitteilung vom 25. März heißt es zu den Ermittlungen: „Der Vorstand ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es nicht gerechtfertigt wäre, Julian Reichelt aufgrund der in der Untersuchung festgestellten Fehler in der Amts- und Personalführung – die nicht strafrechtlicher Natur sind – von seinem Posten als Chefredakteur abzuberufen.“ Es gebe aber „Änderungsbedarf bei der Führungskultur“ in der Redaktion von „Bild“. Mit diesen Worten wurde Springers Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner in der Mitteilung zitiert.

Julian Reichelt sagte demnach: „Ich weiß, ich habe im Umgang mit Kolleginnen und Kollegen Fehler gemacht und kann und will das nicht schönreden.“ Der „Spiegel“ spottete am 26. März in seiner Online-Ausgabe, die neu an die Spitze berufene Alexandra Würzbach sei „eine Aufpasserin“ für den bisherigen Alleinherrscher.

Die Ermittlungen zu Reichelts Fehlverhalten hätten insgesamt fünf Wochen gedauert, sagte Vorstandschef Döpfner am 29. März auf einer internen Videokonferenz, bei der seine Vorstandskollegen Jan Bayer und Stephanie Caspar und er sowie Reichelt und Würzbach der Springer-Belegschaft das Doppelspitzen-Konzept erläuterten. Die Compliance-Abteilung des Unternehmens und die externe Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer hätten während der Ermittlungen mit 50 Personen gesprochen. Reichelt war ab dem 12. März auf eigenen Wunsch von seiner Position aus „Bild“-Chef freigestellt worden. Seit dem 25. März ist er wieder im Amt.

Döpfner kritisiert und lobt Reichelt

Die Dienste der fachlich recht breit aufgestellten Wirtschaftskanzlei Freshfields hatte Springer in den vergangenen Jahren immer mal wieder in Anspruch genommen – etwa in fusionskontrollrechtlichen Fragen oder bei einem Immobiliengeschäft. Freshfields beriet das Unternehmen zudem beim im Mai 2020 vollzogenen Rückzug von der Börse. Die Kanzlei stand auch dem Springer-Mehrheitsgesellschafter KKR schon zur Seite. Der US-amerikanische Finanzinvestor KKR ist seit August 2019 größter Anteilseigner des Axel-Springer-Konzerns (vgl. MK-Meldung).

In der Videoschalte vom 29. März, über die unter anderen der Branchendienst „Medieninsider“ und das Fachportal „Übermedien“ berichteten, kritisierte Mathias Döpfner einerseits das Verhalten von Julian Reichelt. So sagte er: „Ich finde, in einer Hierarchiebeziehung ist eine private Beziehung nicht in Ordnung. Ich finde das für eine Führungsposition nicht akzeptabel.“ Andererseits nutzte Döpfner die Gelegenheit aber auch, um Reichelts inhaltlichen Kurs zu loben: „Ich halte die publizistische Rolle, die Julian in den vergangenen Jahren gespielt hat, für extrem richtig und extrem wichtig für dieses Land.“

Mit Verweis auf den US-amerikanischen Stammsitz des Mehrheitseigners KKR hatte Georg Streiter, von 2005 bis 2009 Leiter des Ressorts Politik bei „Bild“ und von 2011 bis 2018 stellvertretender Sprecher der Bundesregierung, am 16. März gegenüber der Online-Ausgabe des Magazins „Cicero“ gesagt: In den USA sähe man „Geschichten“, wie sie Reichelt im persönlichen Umgang mit Mitarbeiterinnen vorgeworfen wurden, „ganz, ganz kritisch.“ Streiter weiter: „Die Amerikaner wollen Geld verdienen – und das möglichst geräuschlos. Die finden so eine Affäre nicht gut. Die kennen Reichelt gar nicht, die wollen nur Ruhe im Karton.“ Ob mit der vom Berliner Medienhaus präsentierten Doppelspitzen-Lösung nun „Ruhe“ einkehrt, ist dann aber noch mal eine andere Frage.

23.04.2021 – rm/MK

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