Medienwissenschaftlerin: Produzentinnen in Deutschland strukturell benachteiligt

06.04.2020 •

Produzentinnen in der deutschen Film- und Fernsehbranche bekommen weniger Fördermittel und haben kleinere Budgets. Dennoch produzieren sie Filme mit dem gleichen künstlerischen Erfolg und sind zudem wirtschaftlich erfolgreicher als ihre männlichen Kollegen. Zu diesem Fazit kommt Elizabeth Prommer, Direktorin des Instituts für Medienforschung an der Universität Rostock. Den entsprechenden Bericht mit einer Zusammenfassung mehrerer Studien präsentierte sie am 21. Februar unter dem Titel „Produzentinnen in Deutschland: Relevanz und Strukturdaten“ beim Berlinale-Brunch von MDR-Chefin und ARD-Filmintendantin Karola Wille.

Demnach gibt es bei der Beschäftigung von Männern und Frauen in der Branche nach wie vor eine sehr ungleiche Verteilung, auch wenn bei den Produktionsalumni an den Filmschulen schon seit Mitte der 1990er Jahre ein weitgehend paritätisches Geschlechterverhältnis herrscht. Auf dem Markt kommen die Studentinnen aber nicht an. Denn was die Zeit nach der Ausbildung betrifft, gibt es Prommers Bericht zufolge im Bereich Produktion seit gut zehn Jahren „keine signifikante Veränderung des Frauenanteils“. Demnach waren Frauen 2018 an 43 Prozent der Kinofilme als Produzentinnen beteiligt, Männer hingegen an 88 Prozent (die Zahlen ergeben sich, weil 31 Prozent der Filme gemischte Team hatten).

Effizienterer Umgang mit Fördermitteln

Fürs Fernsehen zeigt sich eine ähnliche Verteilung: Hier standen 25 Prozent frauengeführten Produktionen 52 Prozent männergeführte Produktionen gegenüber und bei 23 Prozent gab es jeweils ein gemischtes Team. Produzentinnen waren also mit 48 Prozent, Produzenten mit 75 Prozent an Fernsehfilmen beteiligt. „Das heißt, in über der Hälfte der Filme ist keine Frau beteiligt, aber nur in 12 Prozent der Filme ist kein Mann beteiligt“, so die Untersuchung.

Dazu komme eine strukturelle Benachteiligung der Produzentinnen. Ein Drittel weniger Fördermittel pro Film erhalte eine weiblich geführte Produktionsfirma im Vergleich zu ihrem männlichen Pendant, stellt Elizabeth Prommer auf Grundlage aller 138 deutschen Kinofilme des Jahres 2018 fest. Demnach erhielten Produzentinnen rund 25 Prozent der gesamten Fördermittel (Bund, große Länderförderungen), davon gingen 10 Prozent an rein weibliche Firmen, der Rest an gemischte Teams. 75 Prozent der Mittel flossen demnach an männliche Filmemacher.

In Sachen unterdurchschnittlicher Projektförderung von rein weiblichen Teams (nämlich mit weniger als 10 Prozent) fielen im Jahr 2018 übrigens die kulturelle Filmförderung der Bundesregierung (BKM), die Film- und Medienstiftung NRW sowie das Land Hamburg besonders auf. Prommers Erkenntnisse für das Jahr 2019 sehen nicht viel besser aus: So ging die Produktionsförderung der Filmförderungsanstalt (FFA) zu 14 Prozent an Firmen mit Chefinnen, zu 59 Prozent an Firmen mit männlicher Leitung und zu 27 Prozent an gemischte Teams.

Und das, obwohl Produzentinnen nachweislich effizienter mit den Fördermitteln umgehen. Während, so die Rostocker Medienwissenschaftlerin, eine Filmemacherin im Jahr 2016 statistisch nur 17 Euro Fördergeld benötigte, um einen Zuschauer ins Kino zu locken, brauchte ein Filmemacher dafür 42 Euro. Eine Tendenz, die sich auch zwei Jahre später bestätigte: 2018 standen diesen Werten 22 Euro (w) bzw. 49 Euro (m) gegenüber. Die Produzentinnen benötigten also in beiden Jahren weniger als halb so viel Geld wie ihre männlichen Kollegen, um ein Kinoticket zu verkaufen.

Vielfältigere Besetzung der kreativen Funktionen

Auch in Sachen künstlerischer Erfolg können die weiblich geführten Produktionsfirmen mithalten mit der männlichen Konkurrenz: „Filme von Produzentinnen sind gleich erfolgreich bzw. geringfügig erfolgreicher in Bezug auf Filmpreise/Nominierungen und Festivalbeteiligung“, berichtete Elizabeth Prommer in ihrer Präsentation bei der Berlinale-Veranstaltung der ARD-Filmintendantin.

Und noch eine Erkenntnis brachte die Medienwissenschaftlerin mit nach Berlin: Produzentinnen fördern Diversität, indem sie eine zentrale Rolle für eine vielfältigere Besetzung der anderen kreativen Funktionen wie Drehbuch oder Regie spielen. So arbeiteten Produzentinnen im Vergleich mit Produzenten mehr als doppelt so oft mit Regisseurinnen und mehr als zweieinhalbmal so häufig mit Drehbuchautorinnen zusammen. Außerdem erzählten sie häufiger Frauenfiguren, machten Protagonistinnen und damit Schauspielerinnen in Kino und Fernsehen sichtbarer.

Laut Elizabeth Prommer hat „nur die Produzentin diese starken Effekte auf die anderen kreativen Positionen“. Umso wichtiger wäre es, dass die Erkenntnisse der Medienwissenschaftlerin nicht nur Gehör in der Branche finden, sondern ihnen auch Taten folgen. Konkrete Zielvorgaben zur Beseitigung der strukturellen Benachteiligung von deutschen Produzentinnen bei der Filmförderung – etwa entsprechende Richtlinien, das Geld pari-pari zu verteilen oder mehrheitlich weibliche Teams besonders zu fördern – wären ein erster essentieller Schritt, so Prommer gegenüber der MK.

06.04.2020 – kaz/MK

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