Massive wirtschaftliche Schäden drohen: Die Medienbranche und die Corona-Pandemie

26.03.2020 •

Die Corona-Pandemie sorgt auch in der Medienbranche nicht nur für deutlich erschwerte Arbeitsbedingungen, sondern immer massiver auch für wirtschaftliche Schäden. Von letzterem sind nicht so sehr öffentlich-rechtliche, durch den Rundfunkbeitrag finanzierte Sender betroffen, sondern vielmehr kommerziell und auf dem freien Markt tätige Medienunternehmen. Insbesondere Unternehmen, die sich über Anzeigen bzw. Werbespots refinanzieren, verzeichnen signifikante Umsatzrückgänge. Vom Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) etwa hieß es, wegen der Coronakrise seien bei Tageszeitungen bereits bis zu 80 Prozent der Anzeigen weggefallen.

Neben Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen haben auch Radio- und Fernsehsender sowie Film- und Fernsehproduktionsfirmen teilweise schon mit hohen wirtschaftlichen Einnahmeverlusten zu kämpfen – was wohl auch noch über einen längeren Zeitraum anhalten wird. Gleiches gilt für freie Journalisten und Fotografen sowie weitere freiberuflich im Medienbereich Tätige. Betreiber von Kinos erleiden durch deren angeordnete Schließung, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, bereits drastische finanzielle Einbußen.

Hilfe für Kultur- und Kreativwirtschaft

Bei ersten Medienunternehmen gibt es bereits Kurzarbeit. So hat etwa der in Gütersloh ansässige Bertelsmann-Konzern, in dessen Besitz die RTL-Gruppe ist, Kurzarbeit etwa für mehrere Hundert Mitarbeiter in seiner Dienstleistungssparte Arvato angemeldet. Die Essener Funke-Mediengruppe, die unter anderem die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ (WAZ) und die „Braunschweiger Zeitung“ herausgibt, erklärte, in bestimmten Bereichen Kurzarbeit anmelden zu müssen. Im Zuge der Coronakrise entschied die Bundesregierung, die Kurzarbeiter-Regelungen für Unternehmen zu ändern, damit Arbeitgeber einfacher bei der Bundesagentur für Arbeit Kurzarbeitergeld beantragen können. Der Bundestag in Berlin stimmte am 13. März den gesetzlichen Änderungen zu.

Das inzwischen von der Bundesregierung auf den Weg gebrachte Milliarden-Hilfspaket für die Wirtschaft, das Bundestag und Bundesrat bis zum 27. März verabschieden werden, soll sich auch an Unternehmen, Angestellte und Solo-Selbständige aus der Kultur- und Kreativwirtschaft richten. Die Hilfsmaßnahmen der Regierung belaufen sich auf insgesamt 750 Mrd Euro, inklusive 600 Mrd Euro an Bürgschaften und Krediten. Kultur- und Medienstaatsministerin Monika Grütters (CDU) verwies darauf, dass gerade der Kulturbereich durch einen hohen Anteil Selbständiger gekennzeichnet sei, die jetzt existenzielle Probleme hätten. Ihnen sagte Grütters Hilfe zu, und zwar „so schnell und so unbürokratisch wie möglich“. Beispielsweise ist eine „Corona-Soforthilfe“ (insgesamt bis zu 50 Mrd Euro) für Solo-Selbständige und kleine Unternehmen vorgesehen, so dass Kinos, Musikclubs oder Künstlerateliers laufende Betriebskosten wie Mieten oder Kredite für Betriebsräume bezahlen können.

Grütters setzt sich ferner innerhalb der Bundesregierung und gegenüber den Bundesländern dafür ein, dass Geschäftsstellen von Medienunternehmen als anerkannte sicherheitsrelevante Infrastrukturen eingestuft werden und so von zwingenden Betriebsschließungen auszunehmen sind. Dadurch soll die informationelle Grundversorgung der Bevölkerung weiter sichergestellt werden. Die für den journalistischen Betrieb notwendigen Mitarbeiter sollen nach dem Willen der Staatsministerin außerdem zum „unabkömmlichen Personal der kritischen Infrastrukturen“ gezählt werden.

In Nordrhein-Westfalen hat das Gesundheitsministerium am 13. März in einer Leitlinie festgelegt, dass auch der Medienbereich und die dort Tätigen, „insbesondere Nachrichten- und Informationswesen wie auch Risiko- und Krisenkommunikation“, zum „Personal kritischer Infrastrukturen“ gehören. Weitere Bundesländer, darunter Bayern, Brandenburg und Schleswig-Holstein, haben ähnliche Regelungen verabschiedet.

Wegbrechende Werbeeinnahmen

Berufsgruppen, die zur kritischen Infrastruktur zählen, können trotz Schließung von Schulen und Kindertageseinrichtungen ihre Kinder dort zur Betreuung abgeben. Der Verband Privater Medien (Vaunet) forderte die Regierungen von Bund und Ländern auf, Medienunternehmen in ihrer Gesamtheit und nicht nur einzelne Gewerke als kritische Infrastrukturen anzuerkennen. Ähnlich äußerte sich Wolfgang Kreißig, Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM).

Mehrere Bundesländer wie Bayern und Nordrhein-Westfalen haben inzwischen ebenfalls Hilfspakete für die Wirtschaft verabschiedet, um die ökonomischen Folgen der Corona-Pandemie abzuschwächen. Auch hier soll es finanzielle Hilfen für Solo-Selbständige wie etwa freie Journalisten geben, beispielsweise über eine „Corona-Soforthilfe“. Unter anderem in Bayern stehen die lokalen Radio- und Fernsehsender angesichts des Ausfalls von Werbeeinnahmen vor großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Siegfried Schneider, Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM), hat den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) aufgrund der Coronakrise um Soforthilfe für den lokalen Rundfunk im Freistaat gebeten.

Schneider schlug vor, wie die BLM mitteilte, gemeinsam mit allen Beteiligten ein Gesamtpaket für die Branche zu schnüren. Weitere Soforthilfemaßnahmen der Staatsregierung seien nötig, um die Handlungsfähigkeit der lokalen Redaktionen in Bayern aufrechtzuerhalten. „Nicht nur die öffentlich-rechtlichen Medien und die Presse haben Systemrelevanz. Vielmehr kommt gerade auch den privaten Sendern mit ihren wichtigen Informationen vor Ort in unserem dualen Rundfunksystem eine herausragende Bedeutung zu“, erklärte Schneider. Ähnlich äußerte sich der Direktor der Niedersächsischen Landesmedienanstalt (NLM), Andreas Fischer. Er forderte Rettungsmaßnahmen für private Rundfunksender in Niedersachsen, deren „Werbeeinnahmen regelrecht wegbrechen“ würden. Bund und Land müssten „schnell und unbürokratisch helfen, da sonst vielen Sendern die Insolvenz droht“, so Fischer.

Produzentenverbände fordern Drehstopp

Eine ähnliche Hilfsaktion für die Lokalradios und lokale Online-Angebote in Nordrhein-Westfalen forderte Alexander Vogt, medienpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im NRW-Landtag in Düsseldorf: „Wegbrechende Werbemärkte dürfen nicht dazu führen, dass die 44 Lokalradiosender in Nordrhein-Westfalen oder Online-Portale wie ‘halloherne’ nicht mehr umfassend berichten können.“ Die CDU/FDP-Landesregierung solle dafür sorgen, dass die geplanten Finanzhilfen „auch die Lokalsender und weitere werbefinanzierte lokaljournalistische (Online)-Medien“ mitberücksichtigen, schrieb Vogt in einem Brief an nordrhein-westfälischen Staatskanzleichef Nathanael Liminski (CDU).

Der nordrhein-westfälische Produzentenverband hat am 24. März gemeinsam mit dem Film- und Medienverband NRW ein bundesweit einheitliches Verbot von Dreharbeiten für fiktionale Kino- und Fernsehproduktionen gefordert, um die Ausbreitung der Corona-Pandemie zu verlangsamen und Beteiligte zu schützen. Dreharbeiten könnten weiterhin fortgesetzt werden; es gebe aktuell keine deutschlandweite einheitliche Regelung hierzu. Die Corona-Pandemie mache es aber unmöglich, aus Gründen des Schutzes der Gesundheit der Beteiligten Dreharbeiten fortzusetzen. Beide Verbände verlangen, den Abbruch aller laufenden und die Verschiebung aller bevorstehenden Dreharbeiten, „ohne die Verantwortung für diesen Schritt allein auf die einzelnen Produktionsunternehmen abzuwälzen“. Auch der Bundesverband Regie (BVR) forderte ein umfassendes Drehverbot für Spielfilme und Serien in allen Bundesländern.

Zahlreiche Dreharbeiten sind bereits gestoppt worden; abgebrochen wurde beispielsweise der Dreh für eine vom Südwestrundfunk (SWR) beauftragte ARD-„Tatort“-Folge aus Ludwigshafen. Angekündigte Showproduktionen werden abgesagt, darunter die für den 8. April geplante Live-Show „Die Passion“ (RTL). Der Bundesverband Schauspiel fordert von den Regierungen im Bund und in den Ländern schnelle Hilfe für Schauspieler und deren Arbeitgeber. 

Die Filmförderungsanstalt (FFA) hat unter anderem beschlossen, einen Hilfsfonds zu bilden, an dem sich die weiteren Filmfördereinrichtungen des Bundes und der Länder beteiligen. Der private Fernsehsender RTL hat Vertreter von Produktionsunternehmen, der Produzentenallianz, des öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunks sowie der Politik am 11. Mai zu einem „Runden Tisch für das deutsche Fernsehen“ nach Köln eingeladen. ARD und ZDF haben erklärt, 50 Prozent von coronabedingten Mehrkosten bei Auftragsproduktionen zu übernehmen. Ähnlich wollen Pro Sieben Sat 1 und die RTL-Gruppe verfahren.

26.03.2020 – vn/MK

Print-Ausgabe 18/2020

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