Kardinal Woelki: Politische Talkshows sind ein langweiliges Format

05.04.2018 • Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki hat die politischen Talkshows in den Hauptprogrammen von ARD und ZDF kritisiert. „Das ist auf Dauer eine langweilige Form“, so Woelki in einem Gespräch mit dem Fachdienst „Medienkorrespondenz“. Er habe oft den Eindruck, dass es bei diesen Talksendungen „gar nicht mehr ums Zuhören und den Austausch von Argumenten“ gehe. Es handele sich um „Selbstdarstellungsshows“, jeder bekomme „seine Rolle zugewiesen und soll diese erfüllen. Es war aus diesem Grund bisher meine bewusste Entscheidung, dort nicht hinzugehen“, so Woelki. Er sei mitunter persönlich von Sendervertretern angesprochen worden, weil „es wichtig wäre, dass auch in einer solchen Talkshow ein hochrangiger kirchlicher Vertreter sitzen würde, damit dort die Stimme der Kirche zu hören sei“. Persönlich bevorzuge er allerdings „Eins-zu-Eins-Formate“.

Generell verteidigte Kardinal Woelki das Prinzip des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Dieser sei „nach wie vor sehr wichtig, wenn er überparteilich, journalistisch professionell und der Wahrheit verpflichtet dazu beiträgt, dass es eine permanente politische Diskussion gibt über die Themen und Inhalte, die eine Gesellschaft zusammenhalten und zusammenbringen“, sagte Woelki, 61, in dem Interview, das von MK-Chefredakteur Dieter Anschlag und Lutz Hachmeister, dem Direktor des Instituts für Medien und Kommunikationspolitik (IfM), geführt wurde.

Hinsichtlich der Berichterstattung über Missbrauchs- und Finanzskandale im kirchlichen Bereich lobte Woelki die kirchenkritischen Recherchen von Journalisten. Er sei „sehr dankbar, dass es diese kritische Berichterstattung der Medien gibt“, so der Kardinal, „und ich glaube, dass wir ohne die Aufarbeitungsleistung der Medien über das, was in Limburg oder was mit Blick auf Missbrauch von Schutzbefohlenen geschehen ist, nicht so schnell weitergekommen wären in der Selbstreflexion. Das hätte von uns allein so nicht in dieser Geschwindigkeit aufgearbeitet werden können.“ Solche Recherchen seien „eine ganz zentrale Aufgabe der Medien“, so Woelki weiter: „Natürlich ist es nicht immer angenehm, wie dann über die Kirche berichtet wird. Doch wir sind ja auch in manchen Fällen selbst dafür verantwortlich, dass man so über uns berichten musste.“ Kritisch merkte er an, „dass bei vielen Journalisten das Wissen über Kirche und kirchliche Zusammenhänge“ abnehme und „die Darstellung dann nur sehr verkürzt geschieht“.

Facebook, Google, Areopag

Angesichts der Marktmacht von US-Medien- und Wissenskonzernen wie Facebook und Google ist der Kölner Kardinal der Ansicht, dass auch die Kirche an diesen Plattformen im digitalen Zeitalter nicht vorbeikomme: „Ich glaube, dass wir heute wie damals Paulus auf den Areopag dieser Welt gehen müssen, um unsere Botschaft zu verbreiten. Dieser Areopag wird heute auch durch die neuen sozialen Medien bestimmt.“ Aus diesem Grund habe er unmittelbar bei seinem Amtsantritt in Köln, wo er Mitte 2014 Erzbischof wurde, „großen Wert darauf gelegt, dass wir diese Formen der Digitalisierung ernst nehmen und auf die Kommunikation mit diesen neuen Medienformen setzen“, zumal über diesen Weg gerade junge Menschen zu erreichen seien. Woelki: „Wir müssen unsere Botschaft so aufbereiten und so darstellen und so formulieren können, dass die Essentials dieser Botschaft heute den Menschen erreichen.“

Mit Blick auf Fake News und Hasstiraden, wie sie über Facebook oder Twitter verbreitet werden, sei es aber geboten, dass Äußerungen im Netz „immer in einer Form geschehen, die den Respekt und die Achtung vor dem Anderen zum Ausdruck bringt“. Er plädiere dafür, dass in den sozialen Medien die Anonymität eingeschränkt werde, so Woelki: „Man sollte mit seinem Namen zu dem stehen können, was man dort äußert. Jede Meinungsäußerung sollte in einer Form vorgetragen werden können, für die ich personal oder institutionell einstehe und wofür ich dann auch zur Rechenschaft gezogen werden kann.“

Mensch und Maschine

Woelki äußerte zur fortschreitenden Entwicklung künstlicher Intelligenz, wie sie derzeit zum Beispiel in der Amazon-Sprachassistentin „Alexa“ Ausdruck findet, er sei davon überzeugt, „dass Maschinen im Letzten niemals die Kreativität, Spontaneität und die Intelligenz des menschlichen Geistes werden ersetzen können“. Im Endeffekt würden derartige Maschinen, die sicherlich im Wissensbereich sehr nützlich sein könnten, „immer nur das Produkt menschlicher Intelligenz sein und bleiben“.

Angesichts der beschleunigten Evolution übergeordneter und automatisierter Technologien sagte der Kölner Erzbischof, dass selbst in gefährlichen Zeiten wie der Kuba-Krise „sich die Menschen in der letzten Konsequenz doch auf ihre Verantwortung für die Welt besonnen haben“. Denn sie hätten nicht all das angewendet, was in diesem Fall technisch möglich gewesen wäre. „Diese Verantwortung“, so Woelki, „ist mit jeder neuen technischen Entwicklung untrennbar verbunden. Aber ich habe schon ein Grundvertrauen in die Reflexionsfähigkeit der Menschenwesen, sich dieser Verantwortung immer wieder zu stellen.“

Im Wettstreit gesellschaftlicher, kultureller Meinungen und Institutionen sieht Woelki die katholische Kirche durch die ihr eigenen Traditionen durchaus in einer Vorteilsposition: „Diese katholischen Formen und diese Riten sind so sinnfällig, dass sie für Medien und für die Kommunikation in Medien natürlich sehr naheliegend sind.“ Dies mache einen großen Unterschied aus „zu einer recht wortlastigen Feier, in der mehr oder weniger eine Gemeinde still sitzt und einen Text betet oder ein Wort hört“. Die katholische Liturgie, erklärte der Kölner Erzbischof, „ist so angelegt, dass sie durch ihre Gestalt und einfachen Zeichen jedem Menschen verständlich sein soll, allein dadurch, dass Farbe im Spiel ist, dass die Sinne angesprochen werden über die Liturgie und über all das, was wir mit Katholizismus im Grunde genommen verbinden. Die ‘Inszenierung’ ist kein Selbstzweck, sondern soll verdeutlichen: Hier geschieht etwas Wertvolles.“

05.04.2018 – MK