Kai Gniffke zum neuen SWR-Intendanten gewählt: Amtsantritt am 1. September 2019

07.06.2019 •

Neuer Intendant des Südwestrundfunks (SWR) wird Kai Gniffke. Der promovierte Journalist ist als Vertreter des SWR seit Januar 2006 Erster Chefredakteur von ARD-aktuell in Hamburg („Tagesschau“, „Tagesthemen“). Gniffke wurde am 23. Mai in Stuttgart beim SWR von den Mitgliedern des Rundfunkrats und des Verwaltungsrats zum Intendanten der zweitgrößten ARD-Landesrundfunkanstalt gewählt. Im zweiten Wahlgang erreichte der 58-Jährige die insgesamt drei erforderlichen Stimmenmehrheiten. Er setzte sich dabei gegen Stefanie Schneider durch. Die 57-jährige Journalistin ist beim SWR seit April 2014 Landessenderdirektorin Baden-Württemberg. Im ersten Wahlgang erreichte keiner der beiden Kandidaten die notwendigen Mehrheiten. Die gesamte Intendantenwahl (inklusive der Bewerbungsreden von Gniffke und Schneider) wurde vom SWR im Internet per Livestream übertragen.

Dass für die Intendantenwahl mit Gniffke und Schneider nur zwei Kandidaten nominiert wurden, daran hatte es, als dies im März durchsickerte, von einzelnen Gremienmitglieder Kritik gegeben (vgl. MK-Meldung). Später wurde diese Zweier-Konstellation für die Wahl von den Mitgliedern des Rundfunkrats und des Verwaltungsrats jedoch in einer gemeinsamen Sitzung mit großer Mehrheit beschlossen. Um das Intendantenamt, das öffentlich ausgeschrieben worden war (vgl. MK-Meldung), hatten sich insgesamt 15 Personen beworben, darunter neben Schneider und Gniffke auch NDR-Fernsehchefredakteur Andreas Cichowicz, SWR-Verwaltungsdirektor Jan Büttner sowie Clemens Bratzler, der beim SWR stellvertretender Direktor des Landessenders Baden-Württemberg ist. Büttner kritisierte das Procedere für das Auswahlverfahren und zog schließlich seine Bewerbung für das Intendantenamt zurück.

Digitalisierung, Innovation, Gleichstellung

Laut dem SWR-Staatsvertrag wird der Intendant des öffentlich-rechtlichen Senders von den Mitgliedern der beiden Aufsichtsgremien gewählt, und zwar für fünf Jahre. Beim Südwestrundfunk, der ARD-Landesrundfunkanstalt für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, musste das Intendantenamt neu besetzt werden, nachdem Amtsinhaber Peter Boudgoust Ende vorigen Jahres überraschend erklärt hatte, den Leitungsposten Mitte 2019 vorzeitig abzugeben (vgl. MK-Meldung). Boudgoust, der im Dezember dieses Jahres 65 wird, ist seit Mai 2007 Chef der Rundfunkanstalt; seine dritte fünfjährige Amtsperiode als SWR-Intendant wäre eigentlich noch bis Ende April 2022 gelaufen. Wie der SWR am 7. Juni bekannt gab, wird Kai Gniffke am 1. September die Leitung des Senders übernehmen.

In seiner Bewerbungsrede hatte Gniffke, der seit vielen Jahren SPD-Mitglied ist, den Gremienmitgliedern seine Pläne und Ziele vorgestellt, den SWR mit Fokus auf Digitalisierung, Innovation, Gleichstellung und Vielfalt zu stärken. Er sagte, der SWR müsse „der Innovationstreiber Nummer 1 sein“. Der Sender solle in der ARD „Pacemaker in Sachen Digitalisierung“ sein. Dafür wolle er am SWR-Standort Baden-Baden ein Innovationszentrum aufbauen, das beispielsweise zeitgemäße Serien und neue Videoformate entwickle. Zudem müsse der Sender stärker als bisher auf bestimmte Schwerpunkte setzen.

Was den Fernsehbereich angehe, müssten die Inhalte effizienter produziert werden, sagte Gniffke auch mit Blick darauf, dass wohl nicht zu erwarten sei, dass der Rundfunkbeitrag deutlich steigen werde. An den drei Hauptstandorten des SWR in Stuttgart, Mainz und Baden-Baden rüttelte Gniffke nicht, er plädierte aber dafür, gemeinschaftlicher zu agieren: „Ein einiger SWR kann unglaublich stark sein.“ Sein Ziel sei es, so der künftige Intendant, beim SWR alle Führungspositionen jeweils zur Hälfte mit Männern und Frauen zu besetzen. Kai Gniffke, der in einem Dorf in der Vulkaneifel (Rheinland-Pfalz) aufgewachsen ist, warb, an die Gremienmitglieder gerichtet, auch für Diskussionsfreude: „Lassen Sie uns miteinander diskutieren über Programme und Strategien. Am Ende machen uns diese kritischen Diskussionen besser.“

Baden-württembergisches Umschwenken

Gniffkes Konkurrentin, die in Sindelfingen geborene Landessenderdirektorin Stefanie Schneider, hatte in ihrer Rede die gesellschaftliche Bedeutung des SWR hervorgehoben. Der Südwestrundfunk sei „keine kleine Klitsche“, sondern ein Sender, der in der Fläche in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz auch dort vor Ort sei, wo sich andere Medien zurückgezogen hätten. Schneider bezeichnete den SWR als „ein Grundnahrungsmittel der Demokratie“. Der Sender benötige jedoch ein „konzeptionelles Update“, Inhalte des SWR müssten beispielsweise im Internet besser präsentiert werden: „Man muss uns finden, ohne uns zu suchen.“

Auch Stefanie Schneider plädierte dafür, in ein Entwicklungslabor zu investieren. Außerdem gehe es darum, den SWR, vor allem beim jungen Publikum, sichtbarer zu machen: „Wir müssen raus dem Funkhaus, uns zeigen und auf uns aufmerksam machen.“ Schneider hob ferner hervor, dass die linearen Programmangebote des SWR auch künftig wichtig blieben; sie seien deshalb entsprechend zu pflegen. Auch Schneider, von der es heißt, sie stehe den Grünen nahe, bekannte sich zu den drei SWR-Hauptstandorten, wenngleich sie hier Reformen anmahnte. Der Abstimmungsbedarf zwischen den Standorten müsse verringert werden: „Wir müssen uns besser sortieren“, sagte Schneider. Darüber hinaus plädierte sie dafür, „mehr Querdenker“ zum SWR zu holen, die aus anderen Bereichen und auch Kulturen stammten.

Von den insgesamt 92 wahlberechtigten Gremienmitgliedern – 74 aus dem Rundfunkrat und weitere 18 aus dem Verwaltungsrat – stammen 64 aus Baden-Württemberg und 28 aus Rheinland-Pfalz. An der Intendantenwahl nahmen 88 Personen teil (63 aus Baden-Württemberg, 25 aus Rheinland-Pfalz). Zum Intendanten des SWR ist die Person gewählt, so die Vorgaben im Staatsvertrag, die mindestens 47 Stimmen aus dem Gesamtgremium bekommt und zugleich mindestens die Hälfte der Stimmen der Gremienmitglieder aus Baden-Württemberg (wenigstens 32) und Rheinland-Pfalz (14) erhält.

Im ersten Wahlgang erreichten weder Kai Gniffke noch Stefanie Schneider die notwendigen Stimmen in allen drei Segmenten. Schneider erhielt dabei insgesamt vier Stimmen mehr als Gniffke (vgl. auch Tabelle). Nach dem ersten Wahlgang wurde die Sitzung unterbrochen; einzelne Freundeskreise trafen sich, es wurde intern beraten – und dann der zweite Wahlgang gestartet. Hier erreichte Kai Gniffke dann alle drei Stimmenmehrheiten und war damit zum neuen SWR-Intendanten gewählt. Von den 88 Gremienmitgliedern unterstützen ihn 56. Er erhielt aus Baden-Württemberg 34 Stimmen (zwei mehr als nötig) und aus Rheinland-Pfalz weitere 22. Bereits im ersten Wahlgang hatten die rheinland-pfälzischen Mitglieder ganz überwiegend für den „Tagesschau“-Chef votiert.

Dass Gniffke zum neuen SWR-Intendanten gewählt wurde, ist vor allem auf das Umschwenken baden-württembergischer Gremienmitglieder von Schneider zu Gniffke zurückzuführen. Gniffkes Unterstützung aus Baden-Württemberg wuchs im zweiten Wahlgang um 12 auf 34 Stimmen an. Wäre im zweiten Wahlgang keiner der beiden Kandidaten gewählt worden, hätte es frühestens sechs Wochen später einen dritten Wahlgang gegeben. So schreibt es der SWR-Staatsvertrag vor. Bei einem dritten Wahlgang wären weiterhin mindestens 47 Stimmen aus dem Gesamtgremium zur Wahl nötig, zusätzlich aber nur noch mindestens ein Drittel der Stimmen der Gremienmitglieder aus Baden-Württemberg (wenigstens 22) und Rheinland-Pfalz (10).

Rheinland-pfälzische Wurzeln

Der Rundfunkratsvorsitzende Gottfried Müller erklärte nach der Intendantenwahl: „Mit Kai Gniffke haben die Gremien unter zwei kompetenten Bewerbungen eine hervorragende Wahl getroffen. Seine Kenntnisse des Senders und sein Blick von außen bringen die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arbeit beim SWR mit.“ Der Verwaltungsratsvorsitzende Hans-Albert Stechl verwies darauf, dass Gniffke alle Eigenschaften mitbringe, die die Rundfunkanstalt brauche: „Er kennt den SWR und dessen Problemfelder und hat Lösungsansätze gezeigt. Ich bin mir sicher, dass er mit seinem Führungsstil die gesamte Belegschaft auf seinem Weg mitnehmen kann.“

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) gratulierte Gniffke via Pressemitteilung. Darin erklärte sie, dass Gniffke „ein erfahrener Journalist mit rheinland-pfälzischen Wurzeln“ sei. Als Chefredakteur der „Tagesschau“ habe er 13 Jahre lang die Nachrichtenwelt in Deutschland geprägt. „Mit ihm gewinnt der SWR einen absoluten Medienprofi“, meinte Dreyer, deren Wunschkandidat Gniffke gewesen sein soll. Die Ministerpräsidentin verwies in der Pressemitteilung darauf, dass sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk in einem tiefgreifenden Medienwandel befinde, dessen Ende noch nicht abzusehen sei. Der SWR habe sich, so Dreyer weiter, „unter Führung des langjährigen Intendanten Peter Boudgoust gut darauf vorbereitet“. Kai Gniffke bringe „das Talent und die Erfahrung mit, den Sender erfolgreich in der neuen konvergenten Medienwelt zu lenken“.

07.06.2019 – vn/MK