IfM-Studie über Studenten, Mediennutzung und Politik

09.03.2018 • Heutige Studenten teilen kaum politische oder publizistische Vorbilder, sie rezipieren sehr unterschiedliche kulturelle Inhalte, verstehen sich nicht als zukünftige Eliten und auch nicht als Avantgarde. Politisch sehen sich die Studenten nicht als eine mächtige Gruppe und sie begreifen ein Engagement eher individualistisch als im Hinblick auf kollektive Veränderungen. Zu diesen Ergebnissen kommt eine neue Studie des in Köln ansässigen Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM). Für die Untersuchung wurden rund 60 Master-Studenten aus ganz Deutschland und aller Studienrichtungen in ausführlichen qualitativen Interviews befragt.

Deutlich wurde in den Interviews, dass sich die Studenten von heute – ganz anders als ihre bekannteren Vorgänger, die Studenten der 1960er bis 1980er Jahre – politisch nicht als eine machtvolle Gruppe erleben. Radikalität lehnen die heutigen Studenten ebenfalls ab und Konflikte sind ihnen unangenehm. „Es ist vielleicht die erste Kohorte in der Geschichte der Studentenschaft, die kein eigenes Selbst- und Gruppenbewusstsein mehr hat – obwohl oder vielleicht auch weil mittlerweile rund 2,8 Millionen Leute an Universitäten oder Fachhochschulen eingeschrieben sind“, sagte IfM-Direktor Lutz Hachmeister bei der Vorstellung der Studie am 7. Februar in Bonn.

Analoge TV-Nutzung spielt kaum eine Rolle

Das Angebot an politischen Nachrichten wird von den Interviewten durchaus hinterfragt und die Komplexität politischer Themen wird stark reflektiert. Einfache Antworten oder Ideologien sind daher für die aktuelle Generation der Studentinnen und Studenten nicht relevant; ein bescheidener, zurückhaltender und konfliktscheuer Habitus ist bei ihnen an der Tagesordnung. Im Hinblick auf die Mediennutzung ist interessant, dass die Studenten weder besonders auf das Medium (eine spezielle Zeitung oder spezielle Sendungen) noch auf die Autorenschaft achten. Zu interessierenden Themen wird breit und unspezifisch gelesen, auch um den sogenannten Echokammern zu entkommen. Spezialinteressen werden gepflegt, Medieninhalte gescannt. Die analoge Fernsehnutzung spielt im Medienrepertoire der Studenten kaum mehr eine Rolle. „Kurz gesagt: Die Studentinnen und Studenten nehmen eher die Plattform wahr als Produzenten und Autoren, von wenigen Figuren wie Jan Böhmermann oder Stefan Niggemeier einmal abgesehen“, so Hachmeister.

Deutlich wird, dass das Studentenleben wie zu Zeiten der früheren Magister- und Diplomstudiengänge vorbei ist. Es gibt weder eine enge Bindung zur Herkunftsuniversität noch sind Studenten in der Regel lange vor Ort. Grund hierfür sind kurze Studiengänge und Ortswechsel zwischen Bachelor-Abschluss (BA) und dem darauf basierenden Master-Studium (MA). Durch veränderte Studieninhalte und Spezialisierungen sind auch disziplinäre Zuordnungen nicht mehr identitätsstiftend. Die Studenten arbeiteten sich, so die IfM-Studie, zunehmend an formalen Vorgaben ihrer Dozenten und an der Hochschulbürokratie ab. Hachmeister dazu: „Der akademische Kapitalismus zeigt deutliche Wirkungen.“

Akademischer Kapitalismus

Unpolitisch sind die heutigen Studenten jedoch nicht; sie sind allerdings weniger an traditionellen innenpolitischen Kontroversen interessiert, dafür mehr an welt- und klimapolitischen Fragen. Gleichzeitig sind die Studenten aber sehr pragmatisch und so beurteilen sie auch ein Engagement: Es soll kurzfristige Effekte zeitigen und mit dem Studium gut vereinbar sein. Hinderungsgründe für ein Engagement sind mangelnde Zeit neben aufwendigen Studiengängen und häufige Umzüge durch das BA-/MA-Studium. Dementsprechend sind die Studenten bezüglich der Zukunftserwartung etwas fatalistisch: Die eigene Zukunft betrachten sie eher positiv, die Zukunft der Gesamtgesellschaft oder auch die Weltpolitik betrachten sie mit Sorge. Das historiografische Kontextwissen scheint nicht mehr besonders ausgeprägt: So konnte rund die Hälfe der Befragten Hegel, Marx und Lenin nicht mehr zeitlich und in ihrer Ideen- und Handlungsabfolge einordnen.

Die Soziologin Jasmin Siri, die zusammen mit IfM-Direktor Lutz Hachmeister die Studie leitete, sagte zu den Ergebnissen: „Die Studierenden haben ein starkes Bewusstsein für die Komplexität politischer Entscheidungen und für die Härte politischer Organisation. Was ihnen im Vergleich zu Vorgängergenerationen aber fehlt, ist die Arroganz der Jugend. Sie glauben nicht daran, die Verhältnisse grundsätzlich umkehren zu können. Nicht zuletzt angesichts ihrer vielen akademischen Verpflichtungen“, so Siri, die an der Universität München arbeitet, „wäre es aber kaum fair, ihnen den Pragmatismus vorzuwerfen. Aufgrund verschulter Studiengänge und Zeitdruck sind Studierende heute strukturell dazu verdammt, ein Engagement pragmatisch zu reflektieren und nicht zuletzt mittels der Parameter zu beurteilen, die ihnen die Hochschulausbildung an die Hand gibt.“

Kritische Selbstbefragung

Die Studie des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik wurde von der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik (BAPP), der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) und der Friedrich-Ebert-Stiftung gefördert. „Projektpate“ war der ehemalige nordrhein-westfälische Medienminister Andreas Krautscheid (CDU), heute Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband deutscher Banken in Berlin und Kuratoriumsmitglied sowohl bei der BAPP als auch beim IfM. In drei Workshops wurden mit Experten Zwischenergebnisse der Studie diskutiert, so mit dem Germanisten und ehemaligem Bonner Universitätsrektor Jürgen Fohrmann, der Bielefelder Politologin Madeleine Myatt, Henrik Schmitz von der Deutschen Telekom (Bonn), Philipp Albers (Zentrale Intelligenz-Agentur), Mirko Derpmann (Scholz & Friends) und dem Journalistik-Professor Bernd Gäbler, Ex-Geschäftsführer des Grimme-Instituts (Marl) und während seiner Studienzeit Bundesvorsitzender des MSB Spartakus.

Gäbler sagte am 7. Februar in Bonn zu den Studienergebnissen: „Es wäre jetzt leicht, sich in Anekdoten zu ergehen über eklatante Wissenslücken oder kuriose Fehlleistungen von Studierenden. Wer aber mit einem Finger auf die Studierenden zeigt, sollte sich darüber bewusst sein, dass immer drei Finger zurückzeigen: Die Studie kann auch als eine Aufforderung an die Hochschulen und die Hochschullehrer zu kritischer Selbstbefragung gelesen werden. Wir Hochschullehrer stellen haufenweise Fragen in kleinteiligen Klausuren, korrigieren ständig Arbeiten und nehmen permanent Prüfungen ab, wissen aber im Grunde gar nicht, was man heute wirklich wissen muss. Eigentlich müssten wir in allen Klausuren erlauben zu googeln und die Aufgaben so raffiniert stellen, dass tatsächlich herauskommt, wer am besten denken kann, und nicht, wer am besten auswendig gelernt hat.“ Die Ergebnisse der IfM-Studentenbefragung sollen Anfang 2019 in Buchform erscheinen.

09.03.2018 – MK

Print-Ausgabe 25-26/2018

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