Friedensnobelpreis für Journalisten aus Russland und den Philippinen

22.10.2021 •

Zum ersten Mal seit 2011 sind in diesem Jahr zwei Journalisten mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Am 8. Oktober gab das Nobelpreis-Komitee in Oslo bekannt, dass Dmitri Muratow, 59, und Maria Ressa, 58, den Preis gemeinsam erhalten werden – „für ihre Bemühungen um die Wahrung der Meinungsfreiheit, die eine Voraussetzung für Demokratie und dauerhaften Frieden ist“, wie es das Komitee formulierte. Muratow ist Chefredakteur der regierungskritischen russischen Zeitung „Novaya Gazeta“, Ressa Gründerin der philippinischen Online-Nachrichtenseite „Rappler“. Vergeben wird die Auszeichnung traditionell am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896).

Vor Muratow und Ressa waren in der Geschichte des Friedensnobelpreises, der 1901 erstmals verliehen wurde, sechs Journalisten mit der Auszeichnung geehrt worden – oft allerdings zu einem Zeitpunkt, als ihr journalistisches Wirken schon länger zurücklag. Der hierzulande bekannteste Journalist unter den Friedensnobelpreisträgern ist Carl von Ossietzky, der einstige Herausgeber der Zeitschrift „Die Weltbühne“. Er bekam den Preis 1936 rückwirkend für das Jahr 1935. Gewissermaßen die direkte Vorgängerin von Dmitri Muratow und Maria Ressa ist die jemenitische Journalistin Tawakkol Karman, eine der Mitgründerinnen der Organisation „Women Journalists Without Chains“, die vor zehn Jahren den Friedensnobelpreis erhielt.

Bedrohte Pressefreiheit

Das in New York erscheinende Journalismus-Fachmagazin „Columbia Journalism Review“ betonte, Ressa und Muratow seien „nicht nur für ihre eigene Arbeit ausgezeichnet wurden, sondern als Vertreter von Journalisten überall in einer Welt, in der die Pressefreiheit zunehmend bedroht ist“. Die Philippinen zum Beispiel belegen in der 180 Länder umfassenden Rangliste der Pressefreiheit, die jährlich von der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ erstellt wird, nur Platz 138.

Die „Novaya Gazeta“ reagierte nach der Bekanntgabe der Preisvergabe auf ihrer Website mit den Worten, dass der Preis allen Mitarbeitern gehöre, auch den ehemaligen und den bereits verstorbenen. Letzteres war eine Anspielung darauf, dass seit 1993 sechs Journalisten der Zeitung ermordet wurden.

Einen Teil des Preisgeldes will Dmitri Muratow verwenden, um Journalisten zu unterstützen, „die derzeit von den Behörden verfolgt werden“, wie er in einem Interview mit poynter.org sagte, der Website der renommierten US-Journalistenschule Poynter Institute. Das Preisgeld beträgt in diesem Jahr insgesamt 10 Mio Schwedische Kronen (mehr als 980.000 Euro). Einen Bezug zwischen der „Novaya Gazeta“ und dem Friedensnobelpreis gab es bereits vorher: Nachdem der frühere sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow 1990 den Friedensnobelpreis bekommen hatte, investierte er einen Teil seines Preisgeldes in die Zeitung.

„Morden und Drohungen zum Trotz hat Chefredakteur Muratow sich geweigert, die unabhängige Redaktionslinie seiner Zeitung zu ändern“, sagte Berit Reiss-Andersen, die Vorsitzende des Nobelpreis-Komitees. 2007 hatten Muratow und sein Team den Henri-Nannen-Preis verliehen bekommen. Die mittlerweile als Nannen-Preis firmierende Auszeichnung wird vom Hamburger Verlag Gruner + Jahr und dessen Zeitschrift „Stern“ vergeben.

Dokumentarfilm über Maria Ressa

Die Preisträgerin Maria Ressa ist in Deutschland einem etwas größeren Publikum bekannt, weil der „Rappler“ und sie im Mittelpunkt des Arte/SWR-Dokumentarfilms „Die Unbeugsamen. Gefährdete Pressefreiheit auf den Philippinen“ stehen (Erstausstrahlung bei Arte am 19. Mai 2020; vgl. MK-Kritik). Der 85-minütige Film schildert unter anderem die behördlichen Schikanen, denen sich Ressa wegen der regierungskritischen Berichterstattung des „Rappler“ seit Jahren ausgesetzt sieht. Oft hat sie schon eine Nacht im Gefängnis verbringen müssen. Auch derzeit ist die früher als CNN-Korrespondentin für die Region Südostasien tätige Journalistin nur auf Kaution frei.

Die Bekanntgabe der Preisvergabe an Maria Ressa am 8. Oktober nahm die ARD zum Anlass, an diesem Tag „Die Unbeugsamen“ kurzfristig um 22.15 Uhr im Ersten Programm auszustrahlen. Die für diesen Sendetermin geplante Wiederholung eines „Tatort“-Krimis entfiel. Als Termin für die erstmalige Ausstrahlung im Ersten war für „Die Unbeugsamen“ ursprünglich der 20. Oktober (22.50 Uhr) vorgesehen gewesen. Auch diesen Termin behielt die ARD übrigens bei, sie zeigte den Film also zweimal innerhalb von weniger als zwei Wochen im Ersten Programm – eine sehr ungewöhnliche Maßnahme.

Im April 2021 hatte die Wochenzeitung „Die Zeit“ in zwei Artikeln Marc Wiese, den Regisseur von „Die Unbeugsamen“, unseriöser Methoden bei der Produktion des Dokumentarfilms bezichtigt. Diese Kampagne hatte ein früherer Mitarbeiter des Regisseurs orchestriert. Nachdem sich Wiese mit einer einstweiligen Verfügung erfolgreich gegen die Veröffentlichung zahlreicher ihn diskreditierender Passagen gewehrt hatte, scheiterte der „Zeit“-Verlag am 29. Juni 2021 beim Landgericht Berlin mit einem Widerspruch gegen diese Entscheidung (Az.: 27 O 162/21). Die Artikel sind mittlerweile nicht mehr im Netz zu finden. Der Film „Die Unbeugsamen. Gefährdete Pressefreiheit auf den Philippinen“ ist noch bis Januar 2022 in der ARD-Mediathek abrufbar.

22.10.2021 – rm/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren
` `