Drehbuchautoren-Initiative „Kontrakt'18“: Gemeinsam für bessere Vertragsbedingungen

04.07.2018 • Am 10. Januar dieses Jahres machte die Drehbuchautorin Kristin Derfler bei Facebook öffentlich, dass sie, obwohl sie als Koautorin des ARD-Zweiteilers „Brüder“ für den Deutschen Fernsehpreis nominiert war, bis dato nicht zur Verleihungsfeier am 26. Januar 2018 eingeladen worden war. Sie schloss ihre Zeilen mit dem Aufruf: „Bitte teilen!!“

Die Bitte wurde befolgt, die kurze Notiz sorgte für Furore (vgl. MK-Meldung und MK-Dokumentation). Der Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) nahm die Kritik auf, denn der Affront betraf alle Vertreter dieser Berufssparte. Die Presse berichtete umfänglich. Die Veranstalter des Deutschen Fernsehpreises reagierten. Mit dem Resultat, dass auch Kristin Derfler am Abend der Preisverleihung in Köln auf der Bühne stand, als „Brüder“ in der Kategorie „Bester Mehrteiler“ mit einem Preis ausgezeichnet wurde.

Eingriffe von fremder Hand

Die Intervention beim Deutschen Fernsehpreis war ein kleiner Erfolg, der aber den Unmut der Drehbuchautoren nicht besänftigen konnte. Denn aus ihrer Warte war der Vorfall symptomatisch. Die Autoren beklagen auch die verbreitete Praxis, dass von fremder Hand – von Produzenten, Redaktionen, Regisseuren – ohne Rücksprache in ihre Werke eingegriffen werde. Sie fühlen sich immer wieder übergangen, wenn über die Besetzung von Regie und Hauptrollen entschieden wird, wünschen sich Mitspracherecht beim Schnitt und vollständige Rechte an ihrem Stoff. Bislang nämlich kann es geschehen, dass ein Autor eine Idee entwickelt, die dann angenommen, aber an einen anderen Autor weitergereicht oder auch vom Regisseur ausge- bzw. überarbeitet wird. In extremen Fällen ist das ursprüngliche Konzept dann nur noch in Ansätzen erkennbar.

Schon vor den Vorgängen um den Deutschen Fernsehpreis 2018 gab es Bestrebungen, die urheberrechtliche Situation der Drehbuchautoren zu verbessern. Als Vorbild gilt primär das US-amerikanische Fernsehgeschäft, namentlich die dortige Serien-Produktion. Dort gibt es die Funktion des Showrunners. Gemeint ist der ausführende Produzent, das heißt jene Person innerhalb eines hochgradig arbeitsteiligen Produktionssystems, die die notwendigen inhaltlichen, redaktionellen und personellen, oft auch finanzielle Entscheidungen trifft. In den USA kommen die Showrunner vorwiegend aus dem Kreis der Autoren, eine Gepflogenheit, die sich bis in den Bereich des Hörfunks, bis zu den Radio-Soaps der 1930er und 1940er Jahre zurückverfolgen lässt.

Die Funktion des Showrunners

Der Schöpfer einer Fernsehserie kann selbst als Showrunner tätig werden; eine entsprechende Gesetzmäßigkeit ist aber auch in den USA nicht gegeben. Rein illusorisch ist der in der deutschen Berichterstattung zuweilen anklingende Gedanke, ein Showrunner könne in jeder Hinsicht nach Belieben entscheiden – gerade für ihn gelten unter anderem die Gesetze der Ökonomie. Ebensowenig ist ein Showrunner automatisch Garant für außergewöhnliche erzählerische Qualitäten. Und er ist auswechselbar. Die Auftraggeber, eine Produktionsfirma oder ein Sender, können durchaus die Absetzung eines Showrunners veranlassen. In der Regel wird dann Stillschweigen vereinbart, weshalb ‘unfreundliche’ Trennungen selten bekannt werden. Manche Showrunner entscheiden sich indes tatsächlich aus eigenen Stücken, eine Serie zu verlassen, um sich neuen Aufgaben zuzuwenden.

Dessen ungeachtet gewährt dieses Modell einem Autoren-Produzenten ein hohes Maß an Kontrolle über sämtliche Aspekte einer Fernsehproduktion. Deshalb erscheint dies auch den deutschen Autoren erstrebenswert. Sie wollen mehr Verantwortung übernehmen.

Steigende Anzahl der Unterzeichner

Die deutschen Drehbuchautoren Orkun Ertener („Tatort“, „KDD – Kriminaldauerdienst“) und Annette Hess („Weissensee“) sind bereits in der Position, dass ihnen die gewünschten umfänglichen Einflussmöglichkeiten vertraglich zugebilligt werden. Sie setzen sich nun dafür ein, dass dies in der Branche hierzulande zum Standard wird. Gemeinsam mit Kristin Derfler und Volker A. Zahn gründeten sie am 26. Januar 2018 (am Tage der Verleihungsfeier des Deutschen Fernsehpreises) die Initiative „Kontrakt'18“, die in Form einer Selbstverpflichtung auf Basis einer gleichberechtigten wechselseitigen Verständigung vornehmlich zwischen den Autoren auf der einen Seite und Produzenten, Regisseuren und Redakteuren auf der anderen Seite Verbesserungen zu erreichen versucht.

Am 14. Februar kam es in Köln zu einem erweiterten Arbeitstreffen mit 20 Autoren. An der nächsten Zusammenkunft am 24. Mai in Berlin nahmen dann schon rund 30 Kollegen teil. Hier entstand der endgültige Text der gemeinsamen Erklärung und er wurde von der Gruppe verabschiedet. Binnen zehn Tagen hatten 77 Kollegen das über ein internes Forum verbreitete Papier unterzeichnet. Weitere schlossen sich an, bald waren es über 90, bald mehr als 150, Tendenz derzeit weiterhin steigend.

Ursprünglich war geplant, die gemeinsame Aktion im Rahmen der Berlinale 2018 vorzustellen, doch der Termin ließ sich nicht halten. Daraufhin wollte man das vom 28. Juni bis 7. Juli 2018 stattfindende Filmfest München zum Anlass nehmen. Dort gibt es mit dem Bernd-Burgemeister-Fernsehpreis den nächsten Branchentreff. „Kontrakt'18“-Unterzeichner wie die Drehbuchautoren Max Eipp, André Georgi, Sarah Schnier und Ruth Toma sind im Wettbewerb vertreten. Letzten Endes gingen die Autorinnen und Autoren, unter anderem durch Freischaltung der Web-Seite kontrakt18.org, drei Wochen früher an die Öffentlichkeit, mit zu diesem Zeitpunkt 92 Unterschriften unter der Erklärung. Die Sperrfrist für die Berichterstattung wurde auf Wunsch einer überregionalen Frankfurter Zeitung vom 10. auf den 9. Juni vorgezogen. Ganz Ungeduldige wie „Spiegel Online“ preschten schon am 8. Juni vor.

Eigenwillig: „FAZ“ und „Spiegel Online“

Die Erklärung fand umgehend breite Resonanz. Branchenmedien, auch Tageszeitungen griffen das Thema auf. „Spiegel Online“ und die „FAZ“ nahmen dabei recht eigenwillige Bewertungen der „Kontrakt'18“-Klauseln vor, die ausdrücklich als eine Selbstverpflichtung formuliert worden waren. Bei „Spiegel Online“ schrieb Christian Buß: „Denn mitten in die schwierige, bislang eher branchenintern geführte Diskussion über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks schlägt nun ein vollmundig und öffentlich formulierter Forderungskatalog von jenen Kreativen, ohne die es mit dem Goldenen Fernsehzeitalter für Deutschland nichts wird: den Drehbuchautorinnen und -autoren.“ Und Elena Witzeck sekundierte in der „FAZ“: „Der Zeitpunkt der Veröffentlichung auch als öffentliches Statement zur Debatte über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der ohne die Kreativität seiner Drehbuchautoren wohl schlechte Chancen hätte, ist klug gewählt.“ Zwei Autoren, eine Agenda. Der „Spiegel“: „ARD, ZDF und die von ihnen beauftragten Produktionsfirmen müssen nun blitzschnell reagieren.“ Die „FAZ“: „Die Sender müssen jetzt schnell reagieren.“

Doch wie Orkun Ertener aus dem Kreis der „Kontrakt'18“-Initiatoren gegenüber der MK erklärte: „Ein ‘öffentliches Statement zur Debatte über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks’ ist unser Vorstoß sicher nicht.“ Der Veröffentlichungstermin verdankt sich Umständen, die mit anderen rundfunkpolitischen Ereignissen mithin in keinerlei Verbindung stehen. Im Grunde haben sich „Spiegel“ und „FAZ“ genau das erlaubt, wogegen sich die Drehbuchautoren gerade vehement wehren: Sie haben das ursprüngliche Skript verändert.

04.07.2018 – Harald Keller/MK