Deutschlandradio-Intendant sorgt sich um Printbranche

19.12.2017 • Nicht ganz 100 Tage ist Stefan Raue der neue Intendant des Deutschlandradios, als er am 7. Dezember – dem, um genau zu sein, 98. Tag seiner Amtszeit – erstmals zum alljährlichen Hintergrundgespräch des Senders ins Berliner Funkhaus einlud. Vom trimedialen Chefredakteur des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) ist er nun zum Chef einer Anstalt mit drei Programmen geworden, die seit dem 1. Mai auf die Namen Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova hören. Aus der Trimedialität ist eine Bimedialität geworden (Radio/Internet), denn auf dem Fernsehmarkt darf sich das Deutschlandradio naturgemäß nicht tummeln.

Und auch was Texte im Internet angeht, die die Verleger als (zu) „presseähnlich“ den Sendern gerne zusammenstreichen würden, zeigt sich Stefan Raue überraschend entgegenkommend. Öffentlich-rechtliche Anbieter seien „vollkommen ungeeignet für Textmassen“, meinte er bei dem Hintergrundgespräch. Aber er sagte auch, dass er feste Grenzen zum Umfang der Texte, die öffentlich-rechtliche Sender online stellen dürfen, für problematisch halte. Und er brachte es mit dem Satz auf den Punkt: „Ich habe ein Problem mit diesem Zeilenzählen.“ Voraussetzung für Online-Texte der Öffentlich-Rechtlichen ist in der Regel Sendungsbezogenheit. Nun könnte Raue sich diesbezüglich eigentlich bequem zurücklehnen, denn Nicht-Sendungsbezogenes gibt es kaum auf den Websites der Deutschlandradio-Programme – was schon an der hohen Quote an Eigenproduktionen liegt.

Raue wähnt nicht zu Unrecht, dass sich das Geschäftsmodell der Verlage nicht durch Nachrichtenproduktion refinanziert und hat insofern ein Auge für die Probleme der auf dem Printmarkt agierenden Häuser. Und so ist der neue Deutschlandradio-Intendant redlich bemüht, sich auch in dieser Branche Freunde zu machen. Wiewohl die öffentlich-rechtlichen Angebote von Verlagsvertretern gerne mal mit den unter staatlicher Aufsicht stehenden Medien in Nordkorea, Kuba oder der früheren DDR verglichen werden, wie das Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender des Axel-Springer-Konzerns und Präsident des Bundes­verbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), jetzt wieder in einem „Spiegel“-Interview tat (Ausgabe Nr. 50/2017).

Erfreuliche Resonanz für Medienmagazin

Dass sich der Intendant einer öffentlich-rechtlichen Hörfunkanstalt, wie Raue bei dem Hintergrundgespräch, um das wirtschaftliche Wohlergehen des Printsektors sorgt und sich sogar ernsthaft fragt, wodurch öffentlich-rechtliche Angebote bei den Verlegern ein wirtschaftlicher Schaden entstanden sein könnte, das hat man so auch noch nicht gehört. Vermeiden will der Deutschlandradio-Intendant jedenfalls, dass die Klärung dieses Konflikts den Juristen und Politikern überlassen wird – auch wenn er zugibt, dass dies eine wohl naive Hoffnung sei.

Begleitet wird diese medienpolitische Gemengelage der Interessen mittlerweile kompetent von einem eigenen Deutschlandfunk-Format, dem am 20. März dieses Jahres gestarteten werktäglichen Medienmagazin „@mediasres“ (vgl. MK-Meldung). Die Sendung finde in Kreisen der Medienkritik wie auch im Netz eine erfreuliche Resonanz, sagte Deutschlandradio-Programmdirektor Andreas-Peter Weber bei dem Gespräch in Berlin. Auch auf die Zugriffszahlen des am 25. September gestarteten Podcast-Formats „Der Tag“ zeigte sich Weber in seiner Jahresbilanz stolz. Und die Zugriffszahlen der Politikerinterviews im Bundestagswahlkampf dieses Jahres auf Facebook (300.000 bis 600.000) seien auch nicht zu verachten gewesen. Die neue Smartphone-App „DLF-Audiothek“ (nicht zu verwechseln mit der „ARD-Audiothek“) hätten inzwischen über 150.000 Nutzer auf ihren Endgeräte installiert, teilte Weber zudem mit.

Weiterentwickeln will man beim Deutschlandradio die investigative Kompetenz im Sender und dazu einen eigenen Pool an Journalisten aufstellen. Außerdem sollen Off-air-Veranstaltungen wie die Konferenz „Formate des Politischen“ fortgesetzt werden; in Zukunft sollen sogar neue Veranstaltungen dieser Art hinzukommen etwa „Formate des Wissens“ und „Formate der Kultur“. Unwahrscheinlich, dass sich darüber eine Lobby beschwert. Was das Geld angeht, muss auch beim Deutschlandradio gespart werden – etwa 2 Mio Euro pro Jahr. Der jährliche Gesamtetat der Hörfunkanstalt liegt bei rund 250 Mio Euro (laut Wirtschaftsplan 2018). Die Einsparungen sollen, so Stefen Raue, durch „interne Optimierungen“ erzielt werden, was immer das heißen mag. Der Intendant wünscht sich jedenfalls, dass die zwei Prozent um die jährlich die Sach- und Personalkosten steigen, in Zukunft vom Rundfunkbeitrag aufgefangen werden – denn sonst würde allein dieser Kostenanstieg eine Einschränkung des Deutschlandradio-Angebots zur Folge haben.

19.12.2017 – jm/MK

Print-Ausgabe 12/2018

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