Deutsche Welle startet mit drei weiteren Auslandssendern türkischsprachigen Videokanal +90

10.05.2019 •

Die Deutsche Welle (DW) hat zusammen mit drei weiteren westlichen Auslandssendern den türkischsprachigen Kanal +90 gestartet. Seit dem 29. April ist der Kanal über die Videoplattform YouTube abrufbar. Ursprünglich sollte der Start bereits zwei Wochen zuvor erfolgen, wurde dann aber verschoben (vgl. MK-Meldung). Bei +90, so lautet auch die internationale Telefonvorwahl der Türkei, handelt es sich nicht um ein lineares Programm, sondern um ein Angebot, über das die beteiligten Auslandssender ausgewählte Videobeiträge zum Abruf bereitstellen.

Partner der Deutschen Welle, die bei dem Projekt die Federführung hat, sind der US-Auslandssender Voice of America, die britische BBC und der französische Fernsehnachrichtenkanal France 24, der zum Auslandsrundfunk France Médias Monde (FMM) gehört. Die vier Sender arbeiten nun erstmals zusammen. In ihrer Aufgabenplanung für die Jahre 2018 bis 2021 hatte die Deutsche Welle die Absicht bekundet, einen „türkischsprachigen TV- und YouTube-Kanal“ zusammen „mit führenden westlichen Informationsanbietern“ zu starten.

Unabhängige Berichterstattung

Die an +90 beteiligten Auslandssender produzieren mit Ausnahme von France 24 bereits seit langem türkischsprachige Inhalte. Bei der Deutschen Welle, gegründet 1953 und aus Steuergeldern finanziert, ist dies seit dem Jahr 1962 der Fall. Seine türkischsprachigen Inhalte verbreitet der deutsche Auslandsrundfunk seit 2014 vor allem über digitale Angebote, also über die eigene Internet-Seite und soziale Netzwerke. Seit Januar 2018 unterhält die Deutsche Welle ein Korrespondentenbüro in Istanbul. Der BBC World Service betreibt seit 1939 ein türkischsprachiges Programmangebot, Voice of America seit Anfang der 1940er Jahre. Der Nachrichtenkanal France 24 sendet in vier Sprachen (Französisch, Englisch, Arabisch, Spanisch). Für +90 werden ausgewählte englischsprachige Beiträge aus dem Angebot von France 24 ins Türkische übersetzt.

Freigeschaltet wurde +90 am 29. April im Rahmen einer Pressekonferenz in Istanbul, bei der Vertreter der vier Auslandssender, darunter Deutsche-Welle-Intendant Peter Limbourg, den neuen Kanal näher vorstellten. Mit +90 soll DW-Angaben zufolge ein türkischsprachiges Publikum erreicht werden, das sowohl innerhalb als auch außerhalb der Türkei lebt und das an internationaler Politik, Wirtschaft, Gesellschaftsthemen, Wissenschaft und Kultur interessiert ist. Ziel sei es, „eine unabhängige, glaubwürdige Berichterstattung“ zu liefern und die Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt zu stärken.

Plattform für Dialog mit Nutzern

In der Türkei regiert Präsident Recep Tayyip Erdogan seit dem gescheiterten Putsch vom Juli 2016 immer stärker mit autoritären Maßnahmen, so dass es in dem Land faktisch keine Presse- und Medienfreiheit mehr gibt. Die internationale Organisation ‘Reporter ohne Grenzen’ stuft in ihrer am 18. April veröffentlichten „Rangliste der Pressefreiheit 2019“ die Türkei wie zuvor auf den 157. Rang von insgesamt 180 Plätzen ein. Mehr als 100 Journalisten sitzen in der Türkei aktuell im Gefängnis; zahlreiche Reporter stünden „wegen absurder Terrorvorwürfe vor Gericht“, so die Organisation. Christian Mihr, Geschäftsführer der deutschen Sektion von ‘Reporter ohne Grenzen’, betonte am 3. Mai anlässlich des internationalen Tags der Pressefreiheit, man dürfe „nicht aufhören, das schamlose Vorgehen der türkischen Willkürjustiz gegen kritische Stimmen im Land anzuprangern“.

Deutsche-Welle-Intendant Limbourg erklärte, wie es in einer DW-Pressemitteilung hieß, dass die beteiligten vier Sender mit +90 „gemeinsam Brücken in Richtung Türkei bauen“ wollten: „Es besteht ein großes internationales Interesse an diesem Land. Wir möchten zu einem besseren gegenseitigen Verständnis beitragen, indem wir eine Plattform für Dialog anbieten und die Nutzerinnen und Nutzer noch stärker einbinden, als wir es bislang getan haben.“

Jamie Angus, der Direktor des BBC World Service, erklärte laut der DW-Mitteilung, für die Veranstalter des Projekts +90 gehe es darum, mit „unabhängigen und vertrauenswürdigen Nachrichten so viele türkischsprechende Menschen wie möglich zu erreichen“. Er zeigte sich überzeugt, dass sich durch +90 „Kontakt zu zahlreichen neuen Nutzern aufbauen“ lasse. Eric Phillips, Programm-Manager Süd- und Zentralasien beim Sender Voice of America, verwies darauf, mit dem neuen Angebot für die Türkei „vor allem junge, einflussreiche Menschen“ erreichen zu wollen: „Es ist uns ein großes Anliegen, dass sie ihre Meinung frei äußern können.“ Marie-Christine Saragosse, Intendantin von France Médias Monde, hob hervor, man arbeite bei +90 nicht zuletzt deshalb mit, um verifizierte Informationen insbesondere für die jüngeren Generationen online zur Verfügung zu stellen.

Eventuell lineares Programm

Bei +90 wollen die vier Veranstalter regelmäßig ausgewählte aktuelle Videobeiträge – Reportagen, Interviews, Hintergrundstücke – bereitstellen. Abrufbar waren am Starttag von +90 insgesamt zehn Beiträge, darunter eine BBC-Serie über die Arbeitslosigkeit türkischer Hochschulabsolventen, eine DW-Reportage über die Krise in der türkischen Bauwirtschaft, ein Video von France 24 über Leonardo da Vincis letzte Lebensjahre in Frankreich und die Geschichte seines weltberühmten Porträts der Mona Lisa sowie eine Reportage von Voice of America über künstliche Intelligenz. Pro Woche werden von den vier Sendern zunächst insgesamt drei Beiträge zum Abruf hochgeladen. Vorgesehen ist, das Angebot an Beiträgen sukzessive zu erweitern.

Der Deutschen Welle obliegt das Channel Management bei +90, das heißt, der Sender koordiniert, welche Beiträge von den beteiligten Sendern zugeliefert werden. Channel-Managerin ist die Journalistin Isil Nergiz, die bei der Deutschen Welle in der Türkisch-Redaktion arbeitet. Deren Leiter ist seit November 2018 Erkan Arikan. Der 50-jährige Journalist war in den vergangenen Monaten für den Aufbau des Kanals verantwortlich. Ob auf längere Sicht aus dem YouTube-Kanal +90 ein Fernsehsender mit einem linearen Programmangebot entsteht, ist offen und hängt letztlich vor allen davon ab, ob es dafür genügend Geld gibt. DW-Intendant Limbourg strebt jedenfalls einen solchen linearen Fernsehkanal an. Dafür müsse dann aber zusätzliches Geld zur Verfügung stehen.

10.05.2019 – vn/MK