Der Journalismus und sein Umgang mit der Identitätskrise

18.11.2019 •

Digitaler Strukturwandel der Öffentlichkeit, Glaubwürdigkeitskrise, Entgrenzung der eigenen Profession, aber auch Desinformation, Fake News und Bedeutungsverlust alles Faktischen und dessen Folgen für die Gesellschaft: Diese Themen prägten das 10. Herbstforum der ‘Initiative Qualität im Journalismus’ (IQ), das am 14. Oktober in Berlin stattfand.

Unter dem Tagungsmotto „Qualität und Professionalität: Journalismus auf guten Wegen?“ diskutierten Experten über Selbstverständnis und Rollenbilder, über professionelle und ethische Standards der Branche. Die Initiative Qualität im Journalismus, deren Herbstforum alle zwei Jahre veranstaltet wird, wurde vor zwanzig Jahren gegründet. Dabei handelt es sich um ein Netzwerk unterschiedlicher Vereine und Verbände, zu dem der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) und die beiden Journalisten-Gewerkschaften DJV und DJU ebenso gehören wie der Presserat, die Bundeszentrale für politische Bildung und zahlreiche weitere Einrichtungen.

„90 Prozent ohne Führerschein“

Der Kommunikationswissenschaftler Siegfried Weischenberg (Universität Hamburg) warnte auf der Berliner Veranstaltung, Journalismus dürfe angesichts der sinkenden Glaubwürdigkeit und öffentlicher Kritik nicht in eine Selbstkritik verfallen, die oft „masochistische Züge“ trage. Wichtig seien Diversität und Transparenz, der Blick über den Tellerrand der eigenen Branche und eine Haltung, die es erlauben müsse, nicht grundsätzlich alle Meinungen abzubilden. „Es gibt Dinge, die haben nur eine Seite“, so Weischenberg. Bei Themen wie Klimaschutz oder Rassismus sei es deshalb wenig sinnvoll, mit dem Verweis auf Ausgewogenheit und Neutralität alle Positionen gleichermaßen zu berücksichtigen.

Weischenberg attestierte dem Journalismus eine „Identitätskrise“. Die Abgrenzung des Journalismus-Begriffs werde immer schwieriger, Berufsbild und Selbstverständnis müssten sich wandeln. Der Wissenschaftler sprach mit Hinweis auf Public Relations und Blogs von „Mischformen“, die die Identität des Journalismus bedrohen würden. Cordt Schnibben, früher Reporter der Wochenblätter „Die Zeit“ und „Der Spiegel“ und inzwischen Leiter der Reporterfabrik, fragte beim IQ-Forum, wie es gelingen könne, die professionellen Standards des Journalismus auf die Kommunikationskultur von Social Media zu übertragen. Er rechnete vor, dass in Deutschland den etwa 41.000 Journalisten inzwischen ungefähr eine halbe Million Blogger gegenüberstünden, die ganz andere ethische Standards hätten. Das sei ungefähr so, als wenn im Straßenverkehr „90 Prozent ohne Führerschein unterwegs“ seien.

In einer Diskussionsrunde über neue Rollenbilder des Journalismus machte der Medienjournalist Daniel Bouhs auf die Ausdifferenzierung des Marktes, die Fragmentierung des Publikums und weitere Herausforderungen aufmerksam. So gelte es, Technik und Inhalte zu verzahnen, Qualität zu sichern und dabei nicht die Reichweiten, sondern die Inhalte in den Mittelpunkt zu stellen. Juliane Leopold (ARD), Chefredakteurin von tagesschau.de, betonte, die Social-Media-Welt sei nicht nur eine Gefahr für den Journalismus, sondern biete auch Chancen. Deshalb gelte es, soziale Online-Netzwerke wie Instagram, Snapchat oder TikTok gezielt einzusetzen, um auch Nutzer zu erreichen, die zu den klassischen Medienangeboten keinen Kontakt mehr haben.

Die Selbstorganisation der Profession

Wie Redaktionen Kontakte zu Rezipienten pflegen und nutzen können, erläuterte Maria Exner. Die stellvertretende Chefredakteurin von „Zeit Online“ berichtete über neue Formen des Leserdialogs. So werden etwa beim „Zeit-Online“-Projekt „Deutschland spricht“ Gespräche zwischen Menschen organisiert, die zu kontroversen Themen völlig gegensätzliche Meinungen haben. Dadurch lasse sich gesellschaftliche Mitte stärken und würden Medien zu „Gastgebern, denen die Menschen vertrauen“.

Für Transparenz und mehr Kontakt zu den Lesern setzte sich auch Anton Sahlender ein. Der Ombudsmann der „Main-Post“ in Würzburg und Vorstand der Vereinigung der Medien-Ombudsleute plädierte beim IQ-Forum dafür, mehr zu erklären, wer die Akteure in den Redaktionen sind, wie sie arbeiten und warum welche Themen aufgegriffen werden. Arbeitsroutinen müssten von den Medienhäusern ebenso vermittelt werden wie ethische Standards und technische Verfahren. Ursula Ott, Chefredakteurin der monatlich erscheinenden evangelischen Zeitschrift „Chrismon“, analysierte Vor- und Nachteile des sogenannten konstruktiven Journalismus, der in der Berichterstattung auf lösungsorientierte Ansätze setzt. Solche Entwicklungen seien durchaus zu begrüßen, urteilte Ott, jedoch dürfe damit weder Schönfärberei noch ein Einfallstor für Public Relations verbunden sein.

Marco Bertolaso, der beim Deutschlandfunk in Köln die Abteilung ‘Zentrale Nachrichten’ leitet, berichtete, ihm mache vor allem der lockere Umgang mit Fakten und Tatsachen in vielen Redaktionen Sorge. Beatrice Dernbach, Professorin für praktischen Journalismus an der Technischen Hochschule Nürnberg, sprach in diesem Zusammenhang sogar von einer Deprofessionalisierung und schlug eine neue Instanz vor, die die „Selbstorganisation der Profession in die Hand nimmt und sie sicherstellt“. IQ-Sprecherin Ulrike Kaiser resümierte zum Abschluss der Veranstaltung, noch so gute Ideen und Perspektiven würden ohne gesicherte Finanzierung schwer umzusetzen sein.

18.11.2019 – mak/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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