Der Conze-Abgang: Tumult bei Pro Sieben Sat 1

27.04.2020 •

Am Abend des 26. März teilte der Aufsichtsrat der Pro Sieben Sat 1 Media SE mit, dass der Vorstandsvorsitzende Max Conze das Unternehmen (Sitz: Unterföhring bei München) mit sofortiger Wirkung verlasse. Erst am 1. Juni 2018 hatte Conze den Job übernommen (vgl. MK-Meldung), nach sechs erfolgreichen Jahren als CEO des britischen Staubsauger-Herstellers Dyson – wobei man sich allerdings nach Vorwürfen von Geheimnisverrat im Streit getrennt hatte. Jetzt, nach weniger als zwei Jahren, musste er bei der Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe den Top-Posten räumen.

Dass etwas faul war in Unterföhring, wurde spätestens am 9. März 2020 öffentlich. Am Tag, als der stellvertretende Pro-Sieben-Sat-1-Vorstandschef Conrad Albert in einem aufsehenerregenden Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ bekannt gab, seinen zum 30. April 2021 auslaufenden Vertrag „in der aktuellen Konstellation“ nicht verlängern zu wollen. Das Gespräch lief auf das knallige Statement hinaus, dass sich etwas ändern müsse, so Albert, sonst werde am Unternehmen nur „der Eindruck einer Vorstands-Soap-Opera haften bleiben“.

Kurssturz an der Börse

Conrad Albert, seit 2011 im Vorstand und nicht mehr gewillt, nach dem Ende seines Mandats unter der Leitung von Max Conze weiterzumachen, hatte es sich nach seinem öffentlichen Bruch mit Conze mit der Konzernführung verscherzt, natürlich. Am 13. März 2020 teilte die Sendergruppe mit, Albert werde schon zum 30. April 2020 gehen, das habe man in gegenseitigem Einvernehmen beschlossen.

Max Conze hatte man ja auch geholt, damit er für Ruhe sorgte nach dem unrühmlichen Abgang von Thomas Ebeling, Pro-Sieben-Sat-1-Chef von 2009 bis 2018. Ebeling hatte, man erinnert sich, im November 2017 in einer Analysten-Konferenz sein Zielpublikum als „ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm“ verspottet und wurde kurz darauf zum vorzeitigen Abgang gezwungen (vgl. MK-Meldung); er verließ das Unternehmen im Februar 2018. Dann kam Branchenneuling Conze, Jg. 1969, mit Anfangselan („Wir brauchen Leidenschaft“) und Plänen für digitale Abspielkanäle, eine Streaming-Plattform und Online-Shops. Er scheiterte ziemlich spektakulär. Zurück bleibt ein Bild von Selbstüberschätzung und Tumult im Konzern.

Es war ja nicht nur die „Vorstands-Soap-Opera“, wie Conrad Albert es nannte, mit der er sich auf die hohe Fluktuation und den Braindrain im Top-Management von Pro Sieben Sat 1 bezog. Zahlreiche Vorstandsmitglieder (Jan Frouman, Christof Wahl, Sabine Eckhardt, Jan Kemper) und Führungskräfte, einige hatte Conze selbst geholt, verließen das Unternehmen. Ab Frühjahr 2019 blieb nur ein dreiköpfiges „Executive Committee“ um Conze, Albert und Finanzchef Rainer Beaujean übrig.

Aus Dax-Mitglied wird Übernahmekandidat

Es waren vor allem die Wirtschaftsdaten. Wobei: Schon in den letzten Jahren unter Ebeling hakte es gewaltig, mussten Gewinnprognosen gesenkt werden, hatte sich die Aktie der Pro Sieben Sat 1 Media SE vom historischen Höchststand von 50,99 Euro am 19. November 2015 bis zu Conzes Amtsantritt halbiert, wurde Pro Sieben Sat 1 am 16. März 2018 aus dem Dax geworfen. Auch hatten die großen Sender des Konzerns Marktanteile verloren. Auf Sat 1, „zuvor ein Familiensender mit erkennbarer Handschrift“ (FAZ), laufe nichts Neues mehr, so die Kritik. Und Pro Sieben – nach der Zeit mit Stefan Raab, der die Entertainment-Strecken fast im Alleingang produzierte – stand nur noch für US-Serien in Dauerschleife, für Joko und Klaas, Heidi und die schönsten Kleider vom roten Teppich vor der Oscar-Verleihung.

Nur, mit Conze wurde es nicht besser. Auch mit ihm setzte sich der Kurssturz an der Börse fort, von 25,36 Euro am 1. Juni 2018 auf 6,80 Euro am 26. März 2020. Pro Sieben Sat 1 kämpft weiter mit sinkenden Erlösen im Kerngeschäft Werbefernsehen: Im vierten Quartal 2019 sanken die Erlöse um 3,5 Prozent auf 2,17 Mrd Euro (Vorjahr: 2,25 Mrd Euro). Und das im Juni 2019 als deutscher Netflix-Konkurrent gestartete Videoportal Joyn (ein Joint-Venture mit Discovery) wird im ersten Jahr 100 Mio Euro Verlust machen. Aus dem angeschlagenen ehemaligen Dax-Mitglied Pro Sieben Sat 1 war durch den geschrumpften Börsenwert ein Übernahmekandidat geworden.

Der Einstieg von Mediaset

Am 3. April 2019 gab es Spekulationen, der Mediaset-Konzern des früheren italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi ziehe eine Übernahme der deutschen Senderkette in Erwägung – Fusionsphantasien entstanden, die das Pro-Sieben-Sat-1-Papier um vier Prozent nach oben trieben. Die Börsenattacke Ende Mai 2019, als Mediaset für rund 330 Mio Euro ein Aktienpaket von 9,6 Prozent erwarb und größter Anteilseigner wurde, konnte dann niemanden überraschen.

Weiter ging es Mitte November 2019, als Mediaset (über seine spanische Tochter) seinen Anteil um 5,5 auf 15,1 Prozent ausbaute, um Mitte März 2020 auf insgesamt 20,1 Prozent zu erhöhen. Damit nicht genug: Am 6. April 2020 wurde bekannt, dass Mediaset eine weitere Aufstockung auf, wie spekuliert wird, 25 Prozent plant und beim Bundeskartellamt in Bonn den „Erwerb eines wettbewerblich wesentlichen Einflusses“ angemeldet hat. „Mediaset macht ernst“, titelte dazu die „Süddeutsche Zeitung“.

Max Conze hatte von Beginn an kühl reagiert und Gerüchte einer grenzüberschreitenden Übernahme durch Mediaset dementiert: Für ihn lag der Fokus, so zitierte ihn die „Süddeutsche Zeitung“ (Ausgabe vom 4.8.2019) „auf der bestehenden, punktuellen Zusammenarbeit mit Mediaset und anderen europäischen TV-Ketten“ sowie auf dem Videoportal Joyn.

Auch über den amerikanischen Medienkonzern Discovery hört man in Branchenkreisen, er sei an Pro Sieben Sat 1 interessiert. Gunnar Wiedenfels, Pro-Sieben-Sat-1-Finanzvorstand bis 2017, ist mittlerweile bei Discovery in gleicher Funktion tätig. Dann wäre da als weiterer möglicher Interessent die Investmentfirma Czech Media Invest des Milliardärs Daniel Kretinsky: Der Investor war Ende Oktober 2019 zunächst mit vier Prozent bei Pro Sieben Sat 1 eingestiegen, um Mitte März 2020 den Kursverfall der Aktie zu nutzen und die Anteile auf etwas über zehn Prozent aufzustocken.

Mögliche Übernahme durch Bertelsmann?

Zuletzt bestätigte auch Bertelsmann-Chef Thomas Rabe bei der Bilanz-Präsentation seines Konzerns am 24. März, dass er sich eine Fusion von Pro Sieben Sat 1 mit der zu Bertelsmann gehörenden RTL-Gruppe durchaus vorstellen könne. Zwar sei das aus regulatorischen Gründen „momentan schwierig“, doch „irgendwann sollte das möglich sein“. Warum genau eine Fusion der beiden größten deutschen Privatfernsehgruppen, die sämtliche relevanten kommerziellen Sender unter einem Dach versammeln würde, irgendwann kartellrechtlich unproblematisch sein soll – das führte Rabe nicht weiter aus.

Jetzt musste Max Conze gehen. Am Ende waren es sehr wahrscheinlich die neuen starken Anteilseigner von Mediaset, die seine Ablösung forderten. Die Konzernleitung ist nun neu aufgestellt: Finanzchef Rainer Beaujean hat auch den Vorstandsvorsitz übernommen; Wolfgang Link (Entertainment) und Personalchefin Christine Scheffler sind in den Vorstand nachgerückt. Deutlich ist bereits: Das neue Spitzenpersonal ändert die Strategie. Das Kerngeschäft mit Fernsehen und Unterhaltung soll wieder im Mittelpunkt stehen. Von den Start-ups aber, vom E-Commerce und Internet-Firmen, die mit Werbung auf den eigenen Sendern promotet werden, wird man sich wohl trennen.

27.04.2020 – wag/MK

Print-Ausgabe 10/2020

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