BR-Intendant Ulrich Wilhelm gibt sein Amt zum Februar 2021 ab

31.07.2020 •

 Beim Bayerischen Rundfunk (BR) in München muss das Intendantenamt zum 1. Februar 2021 neu besetzt werden. Ulrich Wilhelm, der seit Februar 2011 als Intendant den BR leitet, erklärte am 10. Juli, nicht für eine dritte fünfjährige Amtsperiode zu kandidieren. „Nach reiflicher Überlegung und intensiver Abwägung der Argumente Pro und Kontra habe ich mich – zugegebenermaßen schweren Herzens – entschlossen, für eine weitere Amtszeit als BR-Intendant nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Zehn Jahre voller spannender Herausforderungen waren eine gute Zeit, mich mit all meiner Energie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und dem BR zu verschreiben“, erklärte Wilhelm, der am 8. Juli 59 Jahre alt wurde, in einem schriftlichen Statement.

Was Ulrich Wilhelm künftig beruflich machen wird, ist offen. Er selbst machte dazu bisher keine Aussagen. Möglicherweise wird Wilhelm sich nach seiner BR-Zeit ausschließlich für das Projekt einer europäischen Medienplattform („European Public Sphere”) engagieren, wofür er sich in seiner Intendantenfunktion bereits seit längerem einsetzt; auch als er ARD-Vorsitzender war (2018/19), hatte Wilhelm dieses Projekt besonders forciert (vgl. hierzu diesen MK-Artikel).

Im Zeichen der Transformation

Der BR-Rundfunkratsvorsitzende Lorenz Wolf würdigte Wilhelms Einsatz als Intendant der Rundfunkanstalt: „Sein Engagement im BR und in der ARD ging in vielen Bereichen über das erwartete und geschuldete Maß hinaus. Für seine Entscheidung, die er nach einem längeren Abwägungsprozess getroffen hat, habe ich vollstes Verständnis.“ Die Leitung des BR übernahm Ulrich Wilhelm im Februar 2011 in der Nachfolge von Thomas Gruber (vgl. FK-Heft Nr. 4/11). Wilhelm ist seit 2013 zusätzlich zu seiner Arbeit als BR-Intendant auch Vertreter von ARD und ZDF im Executive Board der europäischen Rundfunkunion EBU in Genf.

Bevor Wilhelm Intendant der viertgrößten ARD-Landesrundfunkanstalt wurde, war der gebürtige Münchner von November 2005 bis Ende Juli 2010 Leiter des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung und Sprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Dass ein Regierungssprecher auf den Chefposten bei einem öffentlich-rechtlichen Sender wechselte, hatte entsprechende Kritik ausgelöst (vgl. FK-Heft Nr. 16-17/10). Wilhelm, der Mitglied der CSU ist, war von 1991 bis 2005 auch in verschiedenen Positionen im bayeri­schen Staatsdienst tätig; unter anderem war er von 1999 bis 2003 Sprecher des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU). „Mit übergroßer Nähe zu Stoibers Nachfolgern“ sei Wilhelm in seiner Zeit als BR-Intendant, wie die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb (Ausgabe vom 11. Juli), „indes nicht aufgefallen“.

Die Zeit beim Bayerischen Rundfunk seit 2010 habe ihm „sehr viel Freude bereitet“, erklärte Wilhelm weiter. Er habe zusammen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des BR „vieles auf den Weg bringen, umsetzen und die Transformation des BR zu einem trimedialen Medienhaus mitgestalten dürfen“. Er sei überzeugt, dass im Februar nächsten Jahres der richtige Zeitpunkt sei, die Leitung der Rundfunkanstalt an jemand anders zu übergeben. Entscheidende Etappen des Umbauprozesses und die Regionalisierung seien „erfolgreich abgeschlossen“.

Die „BR-hoch-drei“-Reformen

Im Herbst 2012 hatte der Bayerische Rundfunk unter der Projektformel „BR hoch drei“ seinen Umbauprozess gestartet, um sich zu „einem trimedialen Medienhaus“ weiterzuentwickeln (vgl. FK-Heft Nr. 43/12). Die Arbeitsstrukturen beim BR wurden in der Folge „nach Inhalten“ ausgerichtet, die bisherige organisatorische Trennung nach den Ausspielwegen Hörfunk und Fernsehen wurde sukzessive aufgegeben. Dieser Umbauprozess, der einige Zeit später von verschärften Sparmaßnahmen des Senders begleitet wurde, führte auch zu Protesten aus der Mitarbeiterschaft, die sich vom Umfang der Veränderungen überlastet fühlte.

Gab es ab 2014 beim BR im Zuge des Umbaus drei Programmdirektionen (Information, Fernsehen, Hörfunk), wurde die Anzahl Anfang Juli 2020 wieder auf zwei reduziert: die Programmdirektion Information und die Programmdirektion Kultur. Erstere leitet Thomas Hinrichs, die andere Reinhard Scolik. Vom BR-Rundfunkrat wurde Scoliks Vertrag als Programmdirektor am 16. Juli verlängert (vgl. MK-Meldung). Teil der „BR-hoch-drei“-Reformen ist auch ein Neubau auf dem BR-Gelände in München-Freimann, den bisherigen TV-Standort der Rundfunkanstalt. Dort entstehen ein sogenanntes Aktualitätenzentrum (kurz: „AktZent“) und für die Hörfunkprogramme ein Wellenhaus, die in einem Gebäude untergebracht sein werden.

In dem neuen Komplex sollen künftig alle aktuell arbeitenden Einheiten beheimatet sein. Angesichts der Corona-Pandemie gibt es aber Verzögerungen, so dass sich der ursprüngliche Plan, das neue Gebäude ab 2024 nutzen zu können, wohl nicht mehr realisieren lassen wird. Auf drei Ebenen in dem Gebäude sollen künftig die trimedial ausgerichteten Redaktionen zusammenarbeiten. Bislang sind die Redaktionen auf drei Standorte verteilt: neben dem bisherigen TV-Standort in Freimann gehören dazu noch das BR-Funkhaus an der Arnulfstraße im Zentrum Münchens und die BR-Fernsehstudios in Unterföhring. In dem neuen Gebäude sollen nach den bisherigen Planungen 1000 Mitarbeiter für Fernsehen, Hörfunk, Online und Social Media arbeiten. Die Baukosten hat der BR auf insgesamt 200 Mio Euro veranschlagt.

Personalvorschläge aus dem Rundfunkrat

Vorangetrieben hat BR-Intendant Wilhelm auch den Ausbau der Regionalberichterstattung („Regionalisierung“). Durch verbesserte Arbeitsstrukturen sollte erreicht werden, dass Reporter und Korrespondenten stärker als früher in den Regionen Bayerns präsent sind. Der BR hatte sich das Ziel gesetzt, „noch näher an den Themen und der Lebenswirklichkeit der Menschen zu sein“. Nun verfügt der BR über insgesamt 23 Korrespondentenplätze in Bayern, die den vier Regionalstudios (Augsburg, Nürnberg, Regensburg, Würzburg) und der Zentrale in München zugeordnet sind.

Das Procedere für die Neuwahl des BR-Intendanten, die frühestens im Herbst 2020 stattfinden wird, sieht nun wie folgt aus: Eine öffentliche Ausschreibung ist gemäß der Geschäftsordnung des BR-Rundfunkrats nicht vorgesehen, stattdessen sind die 50 Mitglieder des Rundfunkrats aufgefordert, bis Mitte September Personen für das Intendantenamt vorzuschlagen. Die achtwöchige Frist, Kandidaten vorzuschlagen, begann Mitte Juli mit dem Versand eines entsprechenden Schreibens des BR-Rundfunkratsvorsitzenden Lorenz Wolf an die Mitglieder des Gremiums. Nach Ablauf der Vorschlagsfrist werden die Rundfunkratsmitglieder über die endgültigen Wahlvorschläge informiert und der Termin für die Intendantenwahl wird festgelegt. In diesem Jahr tagt der Rundfunkrat noch am 22. Oktober und am 17. Dezember. Zum Intendanten ist diejenige Person gewählt, die im Rundfunkrat die Mehrheit der abgegebenen Stimmen der Gremiumsmitglieder erhält.

Zur jüngsten Sitzung des Rundfunkrats, die am 16. Juli coronabedingt im bayerischen Landtag stattfand, hat das BR-Frauennetzwerk „Female for Future“ die Gremiumsmitglieder in einem offenen Brief aufgefordert, eine Frau an die Spitze des BR zu wählen. Im bisherigen sechs- und jetzt fünfköpfigen Direktorium des BR gebe es nur eine Frau. Es sei nun an der Zeit, eine Intendantin an die Spitze des Senders zu wählen, um den BR „zukunftsfähig und divers“ aufzustellen. „Kompetent in Sachen öffentlich-rechtlicher Rundfunk, erfahren in digi­taler Transformation und mit journalistischem/medialem Background – so wünschen wir uns die Frau an der Spitze des BR“, heißt es in dem offenen Brief weiter.

31.07.2020 – vn/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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