Bertelsmann legt RTL-Gruppe und Gruner + Jahr zusammen

18.08.2021 •

Seit Monaten hatte sich diese Nachricht bereits angebahnt – am 6. August wurde sie dann offiziell: Die Mediengruppe RTL Deutschland und der Verlag Gruner + Jahr, die beide zum Bertelsmann-Konzern gehören, werden zusammengeführt. Die zuständigen Gremien bei Bertelsmann seien zu dem Schluss gekommen, dass RTL Deutschland und Gruner + Jahr ihr Wachstumspotenzial gemeinsam besser ausschöpfen könnten, teilte der in Gütersloh ansässige Konzern mit. Das Inhouse-Geschäft wird so umgesetzt, dass die deutsche RTL-Gruppe (Sitz: Köln) das Verlagshaus (Hamburg) übernimmt, wobei der Markenname Gruner + Jahr wie auch der Sitz in Hamburg erhalten bleiben sollen.

Seit Februar war intern geprüft worden, in welcher Form eine noch engere Zusammenarbeit zwischen RTL Deutschland und Gruner + Jahr am besten erreicht werden kann. Im Bertelsmann-Konzern gibt es seit mehreren Jahren drei sogenannte Allianzen, um die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Unternehmen zu verbessern (Ad Alliance, Content Alliance und Tech & Data Alliance). Ziel der nun verkündeten Zusammenführung von RTL Deutschland und Gruner + Jahr sei es, „einen neuen nationalen, crossmedialen Medien-Champion zu bilden“, erklärte Bertelsmann. Das neue Unternehmen soll Anfang Januar 2022 operativ an den Start gehen. Wettbewerbsrechtlich wird es keine Probleme geben, da beide Unternehmen schon lange Teil des Bertelsmann-Konzerns sind.

Im Wettbewerb mit Tech-Konzernen

Mit der Zusammenlegung von Gruner + Jahr – der Verlag gibt unter anderem die Zeitschriften „Stern“, „Brigitte“, „Capital“ und „Geo“ heraus – und der deutschen RTL-Gruppe will der Bertelsmann-Vorstandsvorsitzende Thomas Rabe die Position im hiesigen Wettbewerb mit den global agierenden Tech-Plattformen stärken: „Kein anderes Medien­unternehmen hierzulande kann ein derartiges, gattungsübergreifendes Wachstumsbündnis schaffen“, sagte er. RTL Deutschland und Gruner + Jahr zusammen sind für Rabe „ein Content-Powerhouse mit der Inhalte-Kompetenz von unter anderem 1500 Journalistinnen und Journalisten“.

Beim erweiterten Unternehmen sollen Thomas Rabe zufolge die Redaktionen von Gruner + Jahr mit denen von RTL „organisatorisch zusammengeführt“ werden. Wie das konkret erfolgen werde, sei noch zu klären. Geplant ist beispielsweise, die Marken „Stern“ und „Gala“ rund um die Themenfelder ‘Gesellschaft’, ‘Politik’, ‘Investigatives’ und ‘People’ crossmedial auszubauen. Angestrebt wird auch eine deutliche Erweiterung der journalistischen Digitalangebote von RTL, ntv und „Stern“. Unter dem Namen „Stern Investigativ“ soll ein neues TV-Format gestartet werden. Auch „Geo“ – von Bertelsmann als „Marke für hochwertige Dokumentationen und Wissensformate“ bezeichnet – soll es Produktionen für die TV-Angebote von RTL geben. Zur deutschen RTL-Gruppe gehört bereits seit 2014 der Pay-TV-Sender Geo Television, der seither in Kooperation mit der „Geo“-Redaktion betrieben wird (vgl. FK-Heft Nr. 11/14).

Chefposten noch nicht besetzt

Thomas Rabe – der am 6. August, als die Fusion bekannt gegeben wurde, 56 Jahre alt wurde – ist zugleich Chef der internationalen RTL Group, zu der wiederum die deutsche RTL-Gruppe gehört. Bertelsmann hält rund 75 Prozent der Aktien an der börsennotierten RTL Group (Luxemburg), die der wichtigste Ertragsbringer des Gütersloher Konzerns ist, wobei hier vor allem das Geschäft in Deutschland für die Profite sorgt. Gruner + Jahr, 1965 in Hamburg von den beiden Verlegern John Jahr sen. und Gerd Bucerius sowie dem Druckereibesitzer Richard Gruner jun. gegründet, gehört seit 1969 zu Bertelsmann. Damals übernahm der Konzern einen Anteil von 25 Prozent. Mitte der 1970er Jahre wurde Bertelsmann dann Mehrheitseigner von Gruner + Jahr und 2014 schließlich Alleineigentümer.

Das Verlagshaus Gruner + Jahr, das zu seinen Glanzzeiten Anfang der Jahrtausendwende mit seinen deutschen und diversen internationalen Geschäftsaktivitäten einen Jahresumsatz von rund 3 Mrd Euro erzielte, kam 2020 noch auf einen Umsatz von 1,1 Mrd Euro. Über die Jahre wurden diverse Unternehmen und Beteiligungen im Ausland verkauft und Print-Produkte im hiesigen Markt eingestellt (zum Beispiel 2012 die „Financial Times Deutschland“) bzw. veräußert (wie etwa 2002 die „Berliner Zeitung“ und 2013 das Wirtschaftsmagazin „Impulse“). Die sinkenden Umsätze gehen auch auf die rückläufigen Auflagenzahlen der Print-Produkte zurück, was durch Digitalgeschäfte nicht entsprechend aufgefangen werden kann. Der Umsatz der deutschen RTL-Gruppe belief sich 2020 auf 2,1 Mrd Euro.

Nicht alle Geschäftsaktivitäten von Gruner + Jahr werden nun in die hiesige RTL-Gruppe integriert. Dazu gehören die Mehrheitsbeteiligung an der DDV-Mediengruppe in Dresden (u.a. „Sächsische Zeitung“) und die Anteile von 25,5 Prozent an der „Spiegel“-Gruppe („Spiegel“, „Spiegel TV“ und „Manager-Magazin“), die ebenso bei Bertelsmann verbleiben wie die App-Marketing-Plattform Applike und die Firma Territory, die unter anderem für Unternehmen Kundenmagazine produziert. Insgesamt werden 1700 Mitarbeiter von Gruner + Jahr, darunter 800 Journalisten, künftig zur RTL-Gruppe gehören. Unter dem Strich werden Geschäftsaktivitäten im Umfang von rund eine halben Milliarde Umsatz verlagert. Für diese hausinterne Transaktion soll ein Kaufpreis von lediglich 230 Mio Euro verrechnet werden, den RTL Deutschland zu zahlen hat.

Jährlich rund 100 Mio Euro Synergie‑Effekte

Die Zusammenführung von RTL Deutschland und Gruner + Jahr soll Synergie-Effekte bringen, die Bertelsmann auf jährlich rund 100 Mio Euro beziffert; dieser Betrag soll ab dem Jahr 2025 vollständig realisiert werden. Rund drei Viertel (75 Mio Euro) der Synergie-Effekte sollen durch weiteres Wachstum erreicht werden, etwa ein Viertel (25 Mio Euro) durch Einsparungen, beispielsweise beim Personal. Wie umfangreich Stellenstreichungen bei dem zusammengeführten Unternehmen ausfallen, bleibt abzuwarten.

Offen ist außerdem, wer künftig an der Spitze des Gemeinschaftsunternehmens stehen wird. Das soll in den kommenden Monaten entschieden werden. Chef der deutschen RTL-Gruppe ist seit Januar 2019 Bernd Reichart, 47. Gruner + Jahr wird seit April 2021 von Stephan Schäfer geleitet; er folgte im Frühjahr auf Julia Jäkel, die den Chefposten des Verlagshauses nach rund zehn Jahren Ende März 2021 abgab und das Unternehmen verließ. Schäfer, 47, ist seit 2013 Mitglied der Geschäftsführung von Gruner + Jahr. Anfang Februar 2019 wurde er zusätzlich Geschäftsführer ‘Inhalte und Marken’ bei RTL.

18.08.2021 – Volker Nünning/MK

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