ARD-Programmdirektion erhält Zuständigkeit für Mediathek

17.12.2019 •

Die ARD-Intendanten haben sich hinsichtlich der Digitalstrategie des Senderverbunds auf erste zentrale Weichenstellungen geeinigt. Um eine „integrierte Programmplanung“ für Fernsehen und Internet zu erreichen, werde die ARD-Programmdirektion künftig nicht nur für das Erste zuständig sein, sondern auch für die Mediathek, erklärte der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm am 27. November bei einer Pressekonferenz in München. Die redaktionelle Verantwortung für das Erste und die ARD-Mediathek solle von der Programmdirektion im Zusammenspiel mit der Programmkonferenz und den Koordinationen erfolgen, sagte Wilhelm, der Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR) ist. Er äußerte sich nach der ARD-Hauptversammlung, die am 25. und 26. November in München stattfand.

Die neuen Organisationsstrukturen gelten ab dem 1. Januar 2020. Es seien erste Maßnahmen im Rahmen einer weitergehenden Umstrukturierung, erklärte ARD-Programmdirektor Volker Herres in München. Die nun getroffene Entscheidung, die Zuständigkeit für die ARD-Mediathek in die in München angesiedelte ARD-Programmdirektion zu integrieren, nannte Herres einen „ganz großen Schritt“, der „jetzt auch dringend fällig“ gewesen sei. Dies auf den Weg zu bringen, sei in einem föderalen und komplexen Verbund wie der ARD nicht ganz einfach gewesen. Bei diesem Umsteuerungsprozess sei Ulrich Wilhelm, so Herres weiter, „ein echter Future Fighter“ gewesen.

Herres: „Ein ganz großer Schritt“

Bereits seit längerem haben die ARD-Intendanten über ihre künftige Digitalstrategie beraten, bei der es auch darum geht, fünf Online-Angebote des Senderverbunds deutlich auszubauen und dort zugleich Kräfte zu bündeln. Bei diesen sogenannten „Big-Five“-Angeboten handelt es sich um die ARD-Mediathek, die ARD-Audiothek, die Portale tagesschau.de und sportschau.de sowie die Online-Angebote für Kinder (Kika-Player). Bei der ARD-Pressekonferenz verwies Ulrich Wilhelm auch auf das Ziel, den Nutzern mit den „Big-Five“-Plattformen ein vernetztes Gesamtangebot zu bieten. So solle es dabei Querverweise geben, damit ein Nutzer ein thematisches Interesse auch über die unterschiedlichen Portale hinweg verfolgen könne.

Wilhelm zeigte sich in München ferner darüber erfreut, dass im Intendantenkreis auch eine Einigung darüber gelungen sei, innerhalb der ARD die Programmkonferenz und die Koordinationen künftig so aufzustellen, dass sie zusätzlich für die Inhalte zuständig seien, die fürs Internet, also die digitalen Ausspielwege, benötigt würden. Für die ARD-Mediathek ist bis Ende 2019 noch der Bereich ARD Online verantwortlich, der in Mainz beim Südwestrundfunk (SWR) angesiedelt ist. Aufgabe der bisherigen Fernsehprogrammkonferenz (FPK) der ARD war es, das Erste Programm zu gestalten – unterstützt von mehreren Koordinatoren, die für bestimmte Bereiche zuständig sind, etwa das Vorabendprogramm oder den Fernsehfilm im Ersten. Wie sich nun die Neuaufstellung der Koordinationen konkret gestaltet, also welche Koordinatoren künftig für welche Bereiche zuständig sind, dazu äußerte sich Wilhelm jetzt in München nicht näher.

Florian Hager wird Channel-Manager

Mit den Strukturänderungen geht eine personelle Entscheidung einher: Zum 1. Januar 2020 wird Florian Hager stellvertretender ARD-Programmdirektor und Channel-Manager der ARD-Mediathek. Programmdirektor der ARD ist seit November 2008 der heute 62-jährige Volker Herres. Sein Vertrag war im September 2017 von den ARD-Intendanten um drei Jahre verlängert worden (Laufzeit: November 2018 bis Oktober 2021; vgl. MK-Meldung). Bevor Herres ARD-Programmdirektor wurde, war er ab 2004 Fernsehdirektor des Norddeutschen Rundfunks (NDR). Stellvertretender ARD-Programmdirektor bleibt außerdem ARD-Chefredakteur Rainald Becker.

Florian Hager, 43, wurde 2015 zum Gründungsgeschäftsführer von Funk berufen, dem gemeinsam von ARD und ZDF veranstalteten Online-Angebot für 14- bis 29-Jährige, das dann am 1. Oktober 2016 seinen Betrieb aufnahm (vgl. diese MK-Meldung und diesen MK-Artikel). Seinen Sitz hat das Online-Jugendangebot in Mainz; federführender Sender ist der SWR. Stellvertretende Funk-Geschäftsführerin ist Sophie Burkhardt vom ZDF. Florian Hager wird ab Januar 2020 neben seinen neuen Positionen als stellvertretender ARD-Programmdirektor und Channel-Manager der ARD-Mediathek zunächst weiterhin Funk-Geschäftsführer bleiben. Im Lauf des Jahres werde der SWR einen Vorschlag für eine Nachfolge machen, erklärte Wilhelm.

Bevor Hager zu Funk ging, war er ab 2009 beim deutsch-französischen Kulturkanal Arte in Straßburg in verschiedenen Positionen tätig, zuletzt ab 2012 als stellvertretender Programmdirektor und Hauptabteilungsleiter Programmplanung TV + Web. Hager, der in Stuttgart Medientechnik, Informatik und Multimedia studiert hat, begann seine berufliche Laufbahn 2002 als Redakteur beim damaligen Doku-Kanal des ZDF, der im November 2009 in ZDFneo umgewandelt wurde. Parallel zu seiner beruflichen Arbeit studierte Hager dann noch Publizistik und Filmwissenschaft in Mainz und Paris. Von 2006 bis zu seinem Wechsel zu Arte war Florian Hager Referent von Gottfried Langenstein, der damals beim ZDF Direktor Europäische Satellitenprogramme war.

Mediathek als eigenständiger Streaming-Dienst

Bei der Pressekonferenz in München sagte ARD-Programmdirektor Volker Herres des Weiteren, es gehe künftig darum, dass man „Inhalte von der Entstehung an crossmedial über alle Ausspielwege hinweg denken“ müsse. Dadurch, dass die Programmplanung fürs Fernsehen und für die Mediathek demnächst in einer Hand liegen werde, könne die ARD in der Folge auf jede Marktentwicklung reagieren. So lasse sich über alle Plattformen, linear wie non-linear, das Publikum optimal bedienen. Da es in der neuen Rundfunkbeitragsperiode ab Januar 2021 nicht so sein werde, dass „es Manna vom Himmel regnet“, müssten darüber hinaus „die „Ressourcen rational und synergetisch umgestellt werden“, um trotzdem zukunftsfähig zu bleiben.

Die ARD-Mediathek, so Herres, müsse „zunehmend ein eigenständiges Streaming-Angebot werden, das aus sich heraus auch eine Attraktivität generiert“. Dafür seien mehr und andere Inhalte nötig, auch solche, die exklusiv für die Mediathek produziert würden. Bereits im September hatte Herres bekannt gegeben, dass bei der ARD-Filmtochter Degeto ein Budgetposten geschaffen worden sei, aus dem Serien produziert werden könnten, die exklusiv über die ARD-Mediathek verbreitet werden sollen (vgl. hierzu diese MK-Meldung).

Die ARD-Mediathek entsprechend zu erweitern, ist deshalb für Herres die notwendige Konsequenz. Denn für den ARD-Programmdirektor ist klar: Eine Mediathek, die nur den Abruf von bereits ausgestrahlten Sendungen ermögliche, also praktisch die Funktion eines Videorekorders übernehme, sei „für eine digitale Zukunft viel zu wenig“. Herres hob aber auch die nach wie vor große Bedeutung des linearen Fernsehens hervor. Pro Tag schalteten insgesamt 25 Mio Menschen das Erste Programm ein. Diese „lineare Kraft“ gelte es auch zu nutzen, um auf Inhalte der ARD-Mediathek hinzuweisen, etwa auf neue Formate, die online bereits abrufbar seien, oder auf Sendungen zu bestimmten historischen Ereignissen. Auch hier gehe es um Vernetzung – darum, was künftig alles aus einer Hand über die ARD-Programmdirektion möglich sei.

17.12.2019 – Volker Nünning/MK

Print-Ausgabe 16-17/2020

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