„Zivilisatorische Grundnahrungsmittel“

Alles anders in diesem Jahr: Aus der Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden 2020

Von Hans-Ulrich Wagner
11.07.2020 •

In diesem Jahr kam alles anders. Was für so viele kulturelle Ereignisse coronabedingt seit März gilt, traf im 69. Jahr seines Bestehens auch auf den Hörspielpreis der Kriegsblinden zu: keine Jury-Sitzung vor Ort, stattdessen Telefondiskussionen und ein Online-Abstimmungsverfahren; keine öffentliche Preisverleihung vor Ort, stattdessen ein im Web abrufbarer Podcast. Insgesamt 22 Einreichungen standen zur Wahl, die drei von der Jury für den Preis nominierten Hörspiele wurden am 28. Mai öffentlich gemacht (vgl. MK-Meldung). Mit dem am 24. Juni online gegangenen Podcast stand dann fest: Der „Hörspielpreis für Kriegsblinden – Preis für Radiokunst“ geht in diesem Jahr an das Autorenduo Christian Wittmann und Georg Zeitblom für die Produktion „Audio.Space.Machine. Ein Bauhaus-Konzeptalbum“ (Deutschlandfunk/NDR/SWR in Verbindung mit der Interactive Media Foundation). Damit setzte sich in wunderbares Hörstück auf der Höhe der akustischen Kunstform gegen eine insgesamt sehr starke Konkurrenz durch.

Der Jurybericht kann an dieser Stelle ein paar Schlaglichter auf die diesjährigen Ereignisse werfen und eine ‘Sichtung’ des Hörspieljahrgangs unternehmen. Das soll in drei Durchgängen geschehen. Beginnen wir mit einer Idee, die überzeugt. Es geht um den Preisverleihungs-Podcast, der auf der Webseite der Film- und Medienstiftung NRW – sie ist die Hauptträgerin des Wettbewerbs – abrufbar ist. Rund 56 Minuten lang leitet Moderatorin Ute Soldierer durch den von ihr gebauten Beitrag, befragt Verantwortliche und Beteiligte, stellt die Nominierten mit ihren Hörspielen vor und verkündet schließlich das Gewinnerstück. Das ist zwar erst einmal eine Eins-zu-Eins-Übersetzung des Veranstaltungsformats, wie es in den letzten Jahren beim Deutschlandfunk in Köln als Feierstunde stattfand – also mit Ansprachen, kurzen Gesprächen, Einspielungen von Hörspielausschnitten. Doch sieht man vom Branchentreff ab, den eine solche Live-Veranstaltung immer auch darstellte – das online ohne Aufwand zugängliche Format bietet inhaltlich eine überaus gelungene Hörspielinformationsreise für alle Interessierten und ist zum Nachhören sehr zu empfehlen.

Preisverleihung als Podcast

Mit den drei für den Preis nominierten Stücken wird nämlich bereits ein breites Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten deutlich. Klaus Hahn, Präsident des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV), der in diesem Jahr die Mitträgerschaft für den Wettbewerb vom Bund der Kriegsblinden Deutschlands (BKD) übernommen hat, weist im Interview speziell auf diesen glücklichen Umstand hin. „Audio.Space.Machine“, „Das Ende von Iflingen“ (SWR) und „Die Entgiftung des Mannes. Radiokomödie in zehn Szenen“ (MDR) – diese drei Produktionen könnten unterschiedlicher nicht sein. Wolfram Lotz gelingt in seinem Hörspiel „Das Ende von Iflingen“ eine märchenhaft-melancholische Fabel bzw. ein Stück über die göttliche Weltordnung, die gehörig in Frage gestellt wird. Das apokalyptische Werk vom Weltuntergang, den Erzengel Michael – wunderbar gesprochen von Altmeister Wolf-Dietrich Sprenger – zusammen mit seinem Hilfsengel Ludwig im entlegenen Ort Iflingen durchführen soll, war bereits 2007 geschrieben worden. Die SWR-Produktion unter der Regie von Leonhard Koppelmann aus dem Jahr 2019 erweist in Pandemie-Zeiten eine neue Qualität. Dieses überaus hörenswerte Radiodrama überzeugte die Jury sehr und vereinte in den Abstimmungsschritten viele Stimmen auf sich.

Ebenfalls ein Hörspiel, das seine Qualität aus den Dialogen und den handelnden Stimmen entwickelt, legte Holger Böhme mit seinem Stück „Die Entgiftung des Mannes“ vor. Der in Dresden geborene Hörspielautor wagte sich an die deutsch-deutsche Geschichte. Er gewann dabei den wechselseitigen Vor-Urteilen eine komödiantisch überzeugende Geschichte ab. Können Steffi und Isa, die sich im Herbst 1989 auf den Dresdner Montagsdemonstrationen kennengelernt hatten, sich aber erst 30 Jahre später zufällig wiedertreffen, Steffis Mann, den Ost-Looser und Pegida-Anhänger, „entgiften“? Hier trug insbesondere das sehr gute Sprecherinnen-Duo zum Gelingen bei. Sie brachten unter der Regie von Stefan Kanis den Humor und den Sprachwitz der Textvorlage zum Ausdruck. Alle drei nominierten Produktionen stehen derzeit noch auf der Homepage der Film- und Medienstiftung NRW zum Nachhören.

Widmen wir uns im zweiten Schritt den insgesamt 22 Hörspielen, die von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten aus Deutschland (ARD-Sender, Deutschlandradio), Österreich (ORF) und der deutschsprachigen Schweiz (SRF) eingereicht worden waren. Natürlich können hier nicht alle einzeln gewürdigt werden. Die Jury-Mitglieder hatten in diesem Jahr zum ersten Mal statt eines CD-Pakets die Hörspiele als MP3-Files erhalten. Nachdem die für den 10. März in Berlin geplante Jury-Sitzung abgesagt worden war, wurde in einem ersten Abstimmungsverfahren am 19. März eine Shortlist erstellt. In der später stattfindenden Telefonkonferenz (am 9. April) ging es dann vor allem um die zehn Stücke auf dieser Liste: 15 Jurorinnen und Juroren – sieben davon sehbehindert oder blind – diskutierten einen Abend lang per Telefonschalte, streng moderiert von der Jury-Vorsitzenden Gaby Hartel.

Die neue Alchemie des Gesprächs

Auf der Shortlist stand ein Titel, der formale Fragen auslöste, dessen Konzept und Umsetzung mir jedoch sehr interessant erscheinen. Die Hörspieldramaturgie des WDR hatte eine acht Teile umfassende Produktion eingereicht: „Guter Rat – Ringen um das Grundgesetz. Aus den Protokollen des Parlamentarischen Rates 1948-49“. Koproduzenten des federführenden WDR waren bei dem Stück der Deutschlandfunk (DLF) und der Bayerische Rundfunk (BR). Laut Statut des Wettbewerbs kann nur eine Autorenschaft ausgezeichnet werden, nicht aber eine übergeordnete Idee – wie in diesem Fall die, aus den Schriftstücken und O-Ton-Aufnahmen der vielen Väter und wenigen Mütter des Grundgesetzes ein Hörspiel zu machen. Zwei Schriftstellerinnen und zwei Schriftsteller hatten sich auf dieses gewagte und in jeder Hinsicht unglaubliche Unterfangen eingelassen: die Erzählerin Terézia Mora, die Lyrikerin, Dramatikerin und Übersetzerin Özlem Özgül Dündar, der Erfolgsautor Frank Witzel und der juristisch sehr versierte Autor Georg M. Oswald. Entsprechend unterschiedlich fallen bei „Guter Rat – Ringen um das Grundgesetz“ die vier Teile à zwei Folgen aus. Die sprachlich interessantesten Erkundungen gelangen sicherlich Terézia Mora, die sezierend, süffisant, kämpferisch die Nachkriegsdokumente „in ihrer Zeit betrachtet“. Auch wenn das Mammutprojekt in diesem Jahr keinen Preis-Erfolg hatte, sollten solche Unternehmungen immer wieder gewagt werden. Das Hörspiel zeigt hier seine zeitgeschichtliche und, sagen wir ruhig: gesellschaftspolitische Bedeutung auf.

Zwei weitere Hörspielarbeiten wurden lange und intensiv diskutiert: „Rauschunterdrückung. Ein Aufnahmezustand“ (SRF, Koproduzent: WDR) von Ulrich Bassenge und „Das neue Alphabet“ (BR) von Alexander Kluge. Während die Debatte im Fall von Bassenges Remake immer kritischer wurde, förderte die Aussprache zu Kluges Über-Gott-und-die-Welt-Philosophieren immer neue Aspekte zutage. Der Münchner Autor Ulrich Bassenge unternimmt gleichsam ein Remake des 1969 entstandenen Mauricio-Kagel-Hörspielklassikers „Aufnahmezustand“, indem er das Entstehen eines Hörspiels zum Gegenstand nimmt – freilich eines in einem Hörspielstudio, das demnächst aufgelöst werden wird (Bezug auf reale Vorgänge) und mit einer abgehalfterten Band, die unfähig ist, an alte Zeiten anzuknüpfen (fiktive Geschichte). Den pessimistischen Grundton, der sich 50 Jahre nach Kagel dabei einschleicht, wollten viele Jury-Mitglieder nicht gelten lassen. Der Geburt eines Hörspiels aus dem Geiste einer gescheiterten Musik-Band versagten viele ihre Stimme – übrigens im Gegensatz zu den britischen Kolleginnen und Kollegen, die dieser Produktion im Februar 2020 den „BBC Audio Drama Award“ in der Kategorie „Best European Drama“ zugesprochen hatten (vgl. MK-Meldung).

Fast hätte es Alexander Kluge, Jahrgang 1932, unter die Nominierten geschafft. Denn was der Bayerische Rundfunk eingereicht hatte – „Das neue Alphabet“ ist ein zweiteiliges Stück –, erwies sich über die insgesamt 100 Minuten als Montage-Essay und Denkprotokoll par excellence. Kluge spricht über Gott und die Welt, räsoniert über alles, was ihn interessiert, und das ist bemerkenswert viel, beileibe nicht nur die „Dialektik der Aufklärung“, der „Mythus des 20. Jahrhunderts“ und Wilhelm von Humboldt. Gegen jegliche digitale 0-oder-1-Logik, gegen jede Künstliche Intelligenz (KI) setzt Kluge die „Poesie“, die Schaffung einer Welt aus den Buchstaben, aus Stimme, Sprechen, Artikulation, aus Symphilosophieren. Dieser assoziativ immer neu entstehende Kosmos lädt zum Nach-Denken ein, gerade in Zeiten einer Pandemie. Wenn es um ein neues „Decamerone“ geht, sollte Alexander Kluge mit von der Partie sein.

Hörspiel und Radiokunst in Zeiten der Coronakrise

Es war also eine leidenschaftlich geführte digitale Jury-Sitzung, mit einer in der Tat „munteren Aufgeregtheit“, wie Gaby Hartel im Podcast verrät. Die neue Alchemie des Gesprächs, die per Telefon zum Ausdruck kam, mündete schließlich in ein ausgeklügeltes Abstimmungsverfahren mittels Straw Poll. Wie gesagt, zehn Titel standen auf der Shortlist. Neben den erwähnten Hörspielen standen darauf noch „Unterland“ (HR) von Björn SC Deigner, „Reisewut“ (RBB) von Bettie I. Alfred, „Der Zauberer von Ost“ (SWR) von Henning Nass und „GEH DICHT DICHTIG“ (ORF, Koproduzent: BR) von Elfriede Gerstl. Im ersten Wahlgang kamen sechs Produktionen weiter, die allesamt fast gleichauf lagen. In den weiteren Schritten wurden die drei nominierten Stück und das Gewinnerhörspiel ermittelt.

Ziehen wir im letzten Durchgang Bilanz. Auf dem Höhepunkt der ersten Coronavirus-Welle war ich vor sechs Wochen vom „Leibniz-Magazin“ gefragt worden, was ich mir denn gerade so anschaue. Ich stellte die Selbstverständlichkeit des Primats des Fernsehens in Frage und antwortete, was ich mir im Radio so alles anhöre. Wie ich bald merkte, irritierte und faszinierte diese Wendung so manche in meinem wissenschaftlichen Kollegenkreis. Denn trotz Drosten-Podcast für die Informationssuche und Kinder-/Krimihörspielen für die entspannende Unter­haltung stellt sich die Frage nach der Rolle des Kulturradios in diesen Krisenzeiten neu.

Auch die diesjährige Jury-Arbeit und schließlich die Preisverleihung im Podcast kreisten um die Frage nach der Bedeutung des Radios, nach der Rolle von Kultur und speziell natürlich des Hörspiels während einer Pandemie. Die Frage stellte sich nicht nur in der Zeit der Corona-Einschränkungen, sondern sie stellt sich auch angesichts des zunehmenden Homeofficing, und sie ist weitreichend angesichts der allgemeinen Verunsicherung. Ute Soldierer unterstrich ihre Professionalität, indem sie Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue, den sie für den Podcast interviewte, bemerkenswerte Sätze zum Hörspiel entlockte. Unter anderem das Bekenntnis zum „großen Potenzial des Hörspiels“, das eben gar nicht Fragen beantworte, sondern diese vielmehr stelle, ja, sie provoziere. Ganz in diesem Sinn ging die Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung NRW, Petra Müller, noch einen Schritt weiter. Sie attestierte der Radiokunst, ein „zivilisatorisches Grundnahrungsmittel“ zu sein, beileibe nicht nur ein Luxusgut.

Allen Hörspielschaffenden werden solche programmatischen Aussagen wohltuend in den Ohren nachhallen. Wie das Publikum diese bekräftigt, ob es sich provozieren lässt und seine „Grundnahrung“ einfordert, wird sich zeigen. Die Konkurrenz auf dem Markt wächst, wenn heutzutage jedes Museum einen Podcast produziert und viele Theater ihre alten und neuen Produktionen streamen. Hier entsteht gerade ein neues Akteursfeld mit Angeboten, die um die Aufmerksamkeit und um die Zeit des Publikums ringen. Das öffentlich-rechtliche Hörspiel ist darin sicherlich so etwas wie der versierte Altmeister. Nun aber muss es seine Professionalität und seine Kraft unter Beweis stellen. Angesichts des beim Kriegsblindenpreis 2020 eingereichten Hörspieljahrgangs, wie er von der Jury diskutiert und gewertet wurde, besteht kein Grund, an dem Potenzial zu zweifeln. Doch alle Möglichkeiten der verschiedenen Ausspielwege sind weiter zu erproben. Auch der Hörspielpreis der Kriegsblinden hat dies kurz vor seinem 70. Geburtstag getan und einen innovativen Sprung gemacht.

11.07.2020/MK

• Hans-Ulrich Wagner, Senior Researcher am „Leibniz-Institut für Medienforschung / Hans-Bredow-Institut“ in Hamburg, war Mitglied der Jury des 69. Hörspielpreises der Kriegsblinden

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Die Begründung der Jury für die Preisvergabe

Die Jury schreibt: «In besonders geglückten Momenten überschreitet das Hörspiel Audio.Space.Machine. Ein Bauhaus-Konzeptalbum die Grenzen von Körper, Raum und Zeit. Dann zieht es sein Publikum mit Hilfe von Musik, Geräuschen, von zwingenden Rhythmen und den Timbres der Stimmen der Schauspielerinnen und Schauspieler tief in einen unendlichen Erfahrungsraum. In einen, wo Gedanken, Gefühle und Intellekt nicht durch einen Bildschirm begrenzt werden, von dem sie vielleicht ermüdet abgleiten.

Lange bevor die Coronakrise solche Ermüdungserscheinungen durch Rezeptionspsychologen erläutern ließ, haben Wittmann/Zeitblom mit ihrer künstlerischen Forschung zur Bauhaus-Bewegung einen lebendigen Radionerv getroffen. Basierend auf gründlichen Recherchen erzählen sie frei von verklärender Nostalgie den komplexen kulturellen Gründungsmythos der Moderne mit den tiefenwirksamen Mitteln des Hörspiels. In immer neuen Perspektiven besuchen sie den Moment der Weichenstellung für das heutige Verhältnis von Mensch und Maschine, für unsere Position im Öffentlichen, für die Rolle von Urbanistik und Design im Allgemeinen. Sie fügen die Konzepte und Glaubenssätze der Bauhäusler zu Dialogen und postumen Telefonkonferenzen und kleben ihnen auch selbstkritische Erkenntnisse ins Album: „Wer möchte schon Hitler auf einem Freischwinger sehen?“ Diese Frage verweist auf die problematische Nähe totaler Gesellschaftspläne zu nationalsozialistischen Vorstellungen.

Neben den Theorien der Konkurrenten Johannes Itten und Walter Gropius führt das komische, als „Bauhaus-Fiction“ eingeführte Videospiel „Gropemon“ in unsere Wirklichkeit. Akustisch wird das Konzeptalbum zusammengehalten, vorangetrieben und getragen von Rhythmus und Komposition, die durchgehend als gleichberechtigte Agenten der Analyse fungieren. Mit Humor und ohne in einer allwissenden Belehrungsperspektive zu erstarren, machen die Künstler konsequent erlebbar, wie viel der hochfliegenden Bauhaus-Konzeption im Heute zu finden ist.

„Audio.Space.Machine“ ist also kein historisches Stück. Es ist brandaktuell: Indem sie den vergangenen Stoff in unsere Zeit fortschreiben, geben Wittmann/Zeitblom uns ein Werkzeug an die Hand, mit dem wir, im Rückblick auf Geschehenes, unsere Zukunftsmöglichkeiten durchdenken können.»

11.07.2020/MK