Zeugnis für eine andere Welt

Zum Tod des früheren WDR-Redakteurs Martin Blachmann

Von Martin Thull
14.11.2021 •

Martin Blachmann, bis zum Eintritt in den Ruhestand Redakteur beim Fernsehen des WDR in der Abteilung ‘Religion-Bildung-Wissenschaft’, ist am 31. Oktober nach langer Krankheit im Alter von 70 Jahren in seiner Geburtsstadt gestorben. Blachmann, am 1. April 1951 in Bonn geboren, kam nach Stationen in der Jugendarbeit und als Sektenbeauftragter im Erzbistum Köln zunächst als freier Mitarbeiter zum Fernsehen des WDR. Seine Produktionen zeichneten sich von Beginn aus als „jünger, frecher“ und er verfolgte die Linie zu einer „Publikumssendung mit ‘normalen’ Menschen – unterwegs in NRW mit den Reportagewagen der Landesstudios und ihren starken Teams“, so beschreibt es seine langjährige Kollegin Maria Dickmeis in einem Nachruf für den WDR.

Und weiter schreibt sie: „Er war Trendsetter für neue Formate: 30-Tages-Reportagen mit Mini-Produktionsteams, Selbsterfahrungswochen mit Promis, Reenactment und 3D, Selbstversuche, Groß-Events wie die Vigil auf dem Weltjugendtag, die zu Quotenhits des WDR Fernsehens wurden. Beharrlich und unbeirrbar in der investigativen Recherche, kirchenkritisch und undogmatisch, dabei tief verankert im christlichen Glauben.“

Die von ihm mitgestaltete WDR-Sendereihe „Ein Tag...“ wurde – wenn eben möglich – wörtlich genommen. Es wurde nur einen Tag gedreht: Die Struktur ergab sich aus den Menschen, die bereit waren, vor der Kamera über ihre Eindrücke zu sprechen, ihre Motive zu beschreiben oder einfach nur ihrer Tätigkeit nachzugehen. Dann wurde drei bis vier Tage geschnitten – und schließlich gesendet. Mit beachtlichem Erfolg: Die Reihe hatte im Sendegebiet des WDR Fernsehens eine durchschnittliche Quote von 5,6 Prozent Marktanteil (der Jahresdurchschnitt des WDR Fernsehens lag im betreffenden Jahr bei 6,6 Prozent).

Und Quote war Blachmann durchaus wichtig, „die ist doch nicht unanständig“, sagte er. Denn die Zahlen zeigten ihm, ob er die Zuschauer mit seinem Anliegen erreichte, „Religion auf dem Marktplatz zu zeigen“ mit „Geschichten vom gelingenden Leben“. Und das nicht in Filmen über Heilige, sondern über „Alltagsmenschen“, bei denen die religiöse Motivation nicht auf den ersten Blick sichtbar und deren Handeln beispielhaft war, wie etwa bei der über 70-jährigen Sabine Ball im Dresdner „Café Stoffwechsel“, die nach einem Leben in Reichtum und Luxus in Amerika nach Deutschland zurückgekehrt war und in einem Altbau in Dresden jungen Menschen einen Ort der Ruhe gab, wo Gespräche für die Seele möglich waren und auch eine Suppe gegen den Hunger bereitstand. Oder die Folge „Ein Tag beim Nikolaus“, in der von bescheidenen und unglaublichen Wünschen, von kleinen und großen Sorgen der Kinder am Beginn des neuen Jahrtausends berichtet wurde, weil Blachmann in der Dezember-Folge im Jahr 200 den Ort vorstellte, in dem Ehrenamtliche die Kinderbriefe an den Nikolaus beantworten (vgl. hierzu diesen FK-Artikel).

Im WDR kannte man ihn als Journalist aus Leidenschaft mit einem Gespür dafür, Manipulationstechniken zu durchschauen und Abhängigkeiten zu erkennen. Das hatte er als Sektenbeauftragter trainiert. Die Zeugen Jehovas, Kinder Gottes, Hare Krishnas und andere selbsternannte Heilsbringer enttarnte er mit scharfem, unaufgeregtem Blick, hellhörig für Ungerechtigkeiten und Machtmissbrauch, auf der Suche nach spannenden Protagonisten. „Nicht nur Arte-Themenabende profitierten davon. Seine Dokumentation über das Opus Dei und die darauffolgenden harten juristischen Attacken der Sekte auf den WDR schrieben Rechtsgeschichte“, so Maria Dickmeis.

Martin Blachmann hat gezeigt, dass Fernsehen möglich ist abseits von aufwendigen Studiokulissen und inszenierten Events. Alltag im Fernsehen nicht als blasierter Ego-Trip einiger Auserwählter, sondern als Zeugnis für eine andere Welt, die in dem flüchtigen Medium Fernsehen sonst kaum zu finden ist. „Geschichten von gelingendem Leben“ erzählen, das war sein Markenzeichen. Fernsehen mit einem schmalen Budget, stilbildend in einem überschaubaren Bereich, preiswert, aber nicht billig. Martin Blachmann hat gezeigt, was geht und wie es geht. Möge er viele Nachahmer finden.

14.11.2021/MK

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