Wie künstlich ist die künstliche Intelligenz?

Cologne Futures: Zur Tagung zum Thema Medienevolution

Von Lutz Hachmeister

10.10.2018 • Zum sechsten Mal hat die MK am 5. Oktober anlässlich der „Cologne Futures“, der jährlichen Tagung zum Thema „Medien- und Technikevolution“, ein Sonderheft veröffentlicht, in dem die Tagungsvorträge des Vorjahres abgedruckt sind. Im Folgenden veröffentlichen wir auch online die Einleitung, die Lutz Hachmeister für das Sonderheft 2018 geschrieben hat. (Weiteres zum MK-Sonderheft siehe am Ende dieses Artikels.) Die „Cologne Futures“ werden vom in Köln ansässigen Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) veranstaltet. • MK 

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„Mutation der Menschheit“, so hieß in der deutschen Suhrkamp-Lizenz ein Buch des französischen Germanisten Pierre Bertaux, das in seiner französischen Erstausgabe (1963) noch feinsinniger mit „La mutation humaine“ betitelt worden war. Es ging Bertaux um die „Überlebenschancen der Menschheit“ angesichts der vom Menschen selbst bewirkten (waffen)technologischen Entwicklung; damit hatten sich nun gerade in den 1950er Jahren recht viele Philosophen und Physiker befasst, aber die Originalität von Bertaux lag darin, wie sehr er den Grundgedanken durchzog, „dass die biologische Entwicklung nicht abgeschlossen ist, dass in ihrem Verlauf die gegenwärtige Menschheit nur ein Durchgangsstadium darstellt, dass aus den Menschen etwas hervorgehen wird, das sich zwar von ihm herleitet, aber dem nicht mehr genau entsprechen wird, was wir uns unter dem Wort ‘Mensch’ vorstellen.“ Diese Idee sei von „Darwin geahnt, von Nietzsche erkannt, von Teilhard de Chardin ausdrücklich formuliert“ worden.

Es entbehrt nicht der Ironie, dass gerade jetzt bei dem aktuellen Papst Franziskus Vorschläge auf dem Tisch liegen, den hageren Jesuiten, Missionar und Paläontologen Pierre Teilhard de Chardin (1881 bis 1955) zu rehabilitieren, dessen spirituelle Evolutionstheorie (mit der „Noosphäre“ und dem christologischen „Punkt Omega“) jahrzehntelang von der römischen Kurie verboten und unterdrückt worden war. Aus Sicht der Amtskirche mit guten Gründen, denn die Vorstellung, dass Gott nicht nur hinter der Evolution steckt, sondern gleichsam konvergent in der Evolution ist, läuft bis heute nicht nur allen möglichen „krea­tionistischen“ Dogmen zuwider, sondern kann auch vordergründig-hegelianisch als deterministischer Zirkelschluss interpretiert werden.

Teilhard wurde in dem Roman „In den Schuhen des Fischers“ vom Bestseller­autor Morris L. West ein Denkmal gesetzt. Dieser Roman wurde dann 1968 von Michael Anderson in dem gleichnamigen, prächtigen, starbesetzten Pana­vision-Epos (mit Anthony Quinn, Sir Laurence Olivier und Oskar Werner) als geo­politisches Vatikan-Drama verfilmt. Hier heißt Teilhard „Pater Telemond“ – eine Namens­zuweisung, die dem katholischen Teilhard-Bewunderer Marshall McLuhan, der ja auch den Menschen als eine Art „Geschlechtsteil der Maschinen­welt“ sah, sehr gefallen haben dürfte.

Das Ende der Menschheit im herkömmlichen Sinne

Pierre Bertaux (1907 bis 1986), kein „Trendforscher“ oder „Futurologe“, ist heute weitgehend so vergessen wie sein Buch; nur Hölderlin-Forschern wird er noch ein Begriff sein, weil er die steile These vertreten hatte, das schwäbische Dichtergenie sei gar nicht verrückt geworden, sondern habe seine Krankheit im Tübinger Turm nur simuliert. Bertaux war Résistance-Held, nach 1945 eine Zeitlang sogar Chef der französischen Geheimpolizei („Sureté“) und ein auf vielen Feldern aktiver Protagonist der deutsch-französischen Verständigung – eine Biografie, die in der faden gegenwärtigen akademischen Sphäre wohl als paradiesvogelhaft abgestempelt würde. Dabei ist seine Vorstellung von der mutation humaine heute gängige Münze. Das Stufenmodell, in dem der Homo sapiens als Zwischenelement einer übergeordneten Evolution gehandelt wird, bestimmt etwa Max Tegmarks „Leben 3.0. Mensch sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz“ (2017) ebenso wie Yuval Hararis „Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen“ (2015) und natürlich Ray Kurzweils Prognosen von der „Singularität“.

Dass vor allem Hararis Buch ein internationaler Bestseller-Erfolg werden konnte, zeigt auch, wie sehr sich weite, mehr oder weniger gebildete Kreise inzwischen damit abgefunden haben, dass es mit der Menschheit im herkömmlichen Sinne zu Ende geht. Spekuliert wird nur noch darüber, ob es gelingen kann, gewisse „humanistische“ Elemente in die Welt von Robotern, KI und algorithmischen Meta-Daten einzuspeisen – und wie exponentiell die technologische Dyna­mik akzelerieren wird. Wie viel „menschliche“ Reflexionszeit bleibt also noch?

Mit dem auch von Bertaux kühl kalkulierten generellen Evolutionsmodell wäre allerdings zu fragen, ob die Rede von der „künstlichen Intelligenz“ überhaupt Bestand haben kann. Die ständige Emergenz neuer Kommunikations- und Informationsinfrastrukturen, die „uns“ umhüllen und mitunter beängstigen, wäre ja eher als evolutionär natürlich anzunehmen, ganz gleich, in welche Maschinen- und Roboterwelten sie noch münden mag. Und, gleichsam im dialektischen Zusammenhang, wird ebenso natürlich vielen human beings bewusst, wie sehr ihre alltägliche Lebenswelt inzwischen von den Projektionen (von denen im filmhistorischen Sinne Rüdiger Suchslands Referat bei den Cologne Futures 2017 handelte) abweicht – dies führt jenseits allen flachen Digitalisierungsgeredes unverständiger Politiker zu erstaunlichen Gegenreaktionen im Sinne einer „sozio­logischen Differenz“: vom atavistischen Neo-Nationalismus bis zum Retro-„Manufactum“-Environment, gegen sprechende Kühlschränke, Smart Homes und Smartphone-Abhängigkeit.

Von algorithmischer Herrschaft bedroht

Gewiss, „die Menschen“ werden im Durchschnitt immer älter; angesichts ihrer Aufbewahrung in mehr oder weniger komfortablen „Pflegeheimen“ am Ende ihres biologischen Lebens erscheint aber die Betreuung durch immer „huma­noidere“, freundliche Roboter nur ein schwacher Trost (vgl. den Text von Elisabeth André in diesem Heft). Und die sich lange Zeit halbwegs autonom dünkende „Bewusstseinsindustrie“ („Medien“, „Journalismus“ im alten Stil) sieht sich selbst düster von algorithmischer Herrschaft bedroht – dabei wird „Roboterjournalismus“ im Moment noch fast niedlich mit automatisierten Texterstellungen verbunden und noch nicht so sehr mit figürlichen journalistischen Robotern in Redaktionen und Kriegsgebieten – vielleicht auch bald in den Kinos, versehen mit filmhistorischen und -ästhetischen Datenpaketen.

All das klang in Alvin Tofflers Trendsammlung „Der Zukunftsschock“ (1970) noch anders: „Um Kontrolle über die Technologie zu gewinnen und dadurch den Beschleunigungsschub irgendwie kanalisieren zu können, müssen wir zunächst alle technologischen Neuerungen ganz genau prüfen, bevor wir sie auf die Gesellschaft loslassen. […] Wir müssen die langfristigen Konsequenzen einer technischen Neuerung auf die gesellschaftliche, kulturelle und psychologische Umwelt prüfen.“ Ob sich ein solches Programm im Sinne eines humanistischen Re-Claims noch einmal aktualisieren lassen wird, ist fraglich. Politiker, Medienleute und professionelle Akademiker jenseits der technischen Entwicklersphäre sehen sich jedenfalls zusehends musealiert – eher aus Trotz schlagen sie auf immer neuen Kanälen und „Plattformen“ mit ihren intellektuellen Flügeln insektenartig in ihrer eigenen Buttermilch herum.

Lutz Hachmeister, Jg. 1959, ist Publizist und Filmemacher sowie Direktor des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) in Köln. Derzeit arbeitet er an einem Buch zur Kulturgeschichte der Côte d’Azur.

 

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Das MK-Sonderheft 2018 zum Thema Medienevolution kann zum Preis von 10 Euro (Porto inbegriffen) bestellt werden unter dieser E-Mail-Adresse: leserservice.spam@medienkorrespondenz.de. Das Heft enthält die Texte der auf den Cologne Futures 2017 gehaltenen Vorträge von Vincent C. Müller („In 30 Schritten zum Mond? Zukünftiger Fortschritt in der KI“), Rüdiger Suchsland („Von 'Golem' zu 'Her'. Künstliche Intelligenz und Robotik in der Filmgeschichte“), Raju Pookottil („How Species Direct Their Evolution“) und Elisabeth André („Lässt sich Empathie simulieren?“).

10.10.2018/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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