Wenn sich das Wahre als Ware entlarvt

Corona, Geisterspiele, Bundesliga-Fernsehen: Wir sahen Profis, Fußball war das nicht

Von Torsten Körner
22.05.2020 •

Ergebnisse sind vorhanden, neue Tabellenstände auch, es floss Bier, Europa und die Welt schauten interessiert in deutsche Stadien, der Ball flog, klatschte ins Netz, es wurde gejubelt, das Fernsehen zeigte die Bilder und am Ende waren 90 Minuten absolviert. Und jetzt liegen die Zeitungen auf dem Tisch und die Berichterstatter, Kommentatoren, und Alltagsphilosophen fragen sich, ob das Fußball war, was da am 26. Bundesliga-Spieltag (16./17. Mai) geboten wurde, als nach zehnwöchiger Unterbrechung der Betrieb in Zeiten von Corona mit sogenannten „Geisterspielen“ wiederaufgenommen wurde.

Es scheint da drei Sehweisen und Standpunkte zu geben. Die Realisten sahen gute Spiele, auch ohne Stadionkundschaft. Die Romantiker sahen aseptische Spiele ohne die Seele des Fußballs. Und die Pragmatiker sahen halt hin, weil die Zeit irgendwie gefüllt werden will. Ach, fast vergessen haben wir die Asketen, die Totalverweigerer wie etwa den Schauspieler und Fußballfan Matthias Brandt, der in einem Interview mit dem Magazin „11 Freunde“ unbeirrt bekannte: „Ich gucke davon keine Sekunde.“

War dieser erste Geisterspieltag nun der Anfang vom Ende des Fußballs, war das überhaupt noch Fußball oder war es einfach nur ein weiterer denkwürdiger Meilenstein in der ruhmreichen Geschichte des Fußballs überhaupt und nicht nur des deutschen, sondern auch des Weltfußballs? Denn von den großen Ligen war die Bundesliga die einzige, die trotz Corona wieder den Betrieb aufnahm. Sind also die Bilder davon der Beweis dafür, dass der Fußball noch lebt oder sind gerade diese Bilder der Beweis des Gegenteils?

Es fehlte die existenzielle Dialektik des Spiels

Die Macht der (Fernseh-)Bilder ist so groß, dass sie ohne den Zuschauer vor Ort überleben, ohne den Stadionhelden, der mit seiner Existenz das Spiel authentifiziert. Das wäre die Antwort des Realisten, der an diesem Wochenende durchaus gute Spiele sah, etwa beim 4:0-Sieg von Borussia Dortmund im Revierderby gegen Schalke 04 einen überragenden Ästheten wie den Dortmunder Julian Brandt, der den Raum nicht lesen muss, sondern ihn musiziert, oder einen Brutalo-Büffel wie Brandts Teamkollegen Erling Haaland, der ein terrible simplificateur ist, Fußball ist TOR … TOR … TOR: RUMMS

Man muss aber gar kein Romantiker oder gar Totalverweigerer sein, um zu erkennen, dass dem Fußball unter diesen Bedingungen etwas fehlte, und es trifft die Sache bei weitem nicht, wenn man sagt, es habe nur die Atmosphäre gefehlt. Als technischer Vorgang, das Spiel selbst, und als systemischer Vorgang, die Übertragung, haben die Partien durchaus funktioniert; was aber fehlte, war die existenzielle Dialektik des Spiels, das den Fußball erst groß gemacht hat, das große Kommunikationstollhaus zwischen Stadien, Spiel, Medien, Stadion- und Sofahelden (also den Zuschauern), das imaginäre Geflecht zwischen Stadt und Land, Rasen und Wohnzimmer, Kneipen, Autoradios, Medienmärkten, Kameras und Augen, Archiven und Gedächtnis, Identitäten und Kutten, Spielregeln und Kalendern, dem Wochentag und dem Fußballfeiertag: dem Samstag. Die energetischen, psychosozialen, kommerziellen, kulturellen und technologischen Zirkulationen haben den Profi-Fußball und den Profi dieser Tage erst geformt und die Rede vom Zuschauer als „zwölftem Mann“ ist deshalb falsch, weil sie den Zuschauer zum Motivationsmaskottchen im Stadionrund macht, der das Team nach vorne peitscht, aber ansonsten machtlos ist.

Der „zwölfte Mann“, das ist eine naive Metapher für eine reduktionistische Spielauffassung, die uns weismachen will, dass auf dem Rasen autonome Genies ihrer Arbeit nachgehen und der Fan sich lediglich als Klatschkanone am Rand austoben darf. Von den Genies, den Spielern, hat man im Übrigen wenig gehört im Vorfeld dieses Spieltags. Sie, die sonst so mediengeschulten Fragentotmacher, waren offenbar mundtot oder gedankenträge, maskengehemmt oder in Quarantäne, auf jeden Fall waren sie als mündige Subjekte kaum zu erkennen. Hatten sie keine Meinung zu diesem denkwürdigen Kapitel?

Eine Äußerung des besagten Julian Brandt (hier überliefert durch seinen Kollegen Roman Bürki) belehrt uns, dass Spieler durchaus ein Tiefen- und nicht nur ein Spieltaggedächtnis haben und dass sie vielleicht doch wissen, dass ihnen mehr fehlt als das Stadionpublikum, wenn das Stadion leer bleibt. Julian Brandt habe unter der Woche sich und seine Mitspieler mit einer Zeitreise motiviert, berichtete Bürki: „Wir haben uns gesagt: Wir alle haben als Kinder so angefangen. Da gab es auch kaum Zuschauer und man hat einfach aus Spaß an dem Spiel gespielt.“ Wer jemals als Kind intensiv Fußball gespielt hat, weiß, dass dieser Satz stimmt und auch nicht stimmt.

Ja, es gibt diese totale Seinsvergessenheit und Momentgeborgenheit im Spiel, die bis an den Rand des Kitsches geglückte Selbsterfahrung im Torschuss, einer Grätsche, die Augenblicke, wo keine Fragen mehr gestellt werden, weil alles Antwort ist, weil ein Ball steigt, fällt, fliegt und landet. Aber es gibt eben auch das imaginäre Stadion, das jeder in sich trägt, die Kette der Stars, die man als Kind kennt, die ikonischen Momente, die einen antreiben, die man nachzuahmen versucht, und es gibt die Polyphonie der Kommentatoren, die in einem selbst das Lied dieses Spiels anstimmen. Ganz gleich, wo Kinder auf dieser Erde Fußball spielen, spielen sie inmitten eines medialen Kosmos und Kokons, der in und mit ihnen im Resonanzmodus summt und singt. Die ersten Fußballschuhe, die das Kind trug, das jetzt, jenseits der Mitte des Lebens hier die Tatstatur bedient, hießen „Franz Beckenbauer“ und die drei Streifen dieses Adidas-Modells waren ebenso wichtig wie die genialischen Pässe des Ästheten, der den Deutschen eine Idee vom Fußball schenkte, die so unnachahmlich war, dass sie bestens vermarktet werden konnte.

Als die Industrialisierung des Fußballs begann

Mit der Generation Beckenbauer beginnt so richtig der Vermarktungsprozess der Träume, Hoffnungen und Gefühle. Waren die Helden von Bern 1954ff noch weitgehend leer ausgegangen, zumindest kommerziell, setzt mit der Ikone Beckenbauer die totale Industrialisierung des Fußballs ein, die auch dazu führte, dass die Spieler sich zunehmend als Warenkörper begriffen. Dieser Prozess der Kommodifizierung lief über die Einführung der Fußball-Bundesliga 1963, die Etablierung des Privatfernsehens, das Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofs 1995 und die Umwandlung von Fußballvereinen in profitorientierte Unternehmen. Der Fußball wurde immer totaler, nicht im ehrwürdigen Sinne von Johan Cruyff, der die totale Zirkulation des Spiels und der Spieler meinte, sondern im bedeutungsfordernden und geldgewinnenden Entfaltungsprozess, der aus einer Sportart nicht nur einen industriellen Komplex schuf, sondern auch ein Netz von heils- und sinnstiftenden Kapellen, von Lebenslandkarten und Agenturen der akkommodierenden Freizeitgestaltung; wer ins Haus des Fußball einzieht (das nur am Rande) fällt selten als Rebell auf.

Doch je perfekter dieser Maschinerie lief, die immer auch mehr als Maschine war, desto gefährdeter wurden die Momente, die Glück im Unglück versprachen, weil das Glück, die totale Seinsvergessenheit und die totale Seinsentfaltung, eben affiziert wurden vom Unglück der totalen Unfreiheit. Es gibt kein Spiel an sich, kein apriorisches Spiel in den Wolken, nach dem sich alle sehnen könnten, aber es gibt und gab, auch im industriellen Hochofen des Fußballs, ein kindliches Staunen, was möglich ist, Spielmomente, die nicht dem Verwertungsdiktat gehorchen, und auch, vielleicht das in erster Linie, ein emotionales Engagement der Fans, das vielleicht noch virtuoser ist als die Brandts und Haalands, das aber, vielleicht zu seinem Glück, niemals so kapitalisiert werden musste, wie deren Künste.

Das Spiel selbst – und damit ist das ganze kommunikative Kuddelmuddel gemeint – besitzt einen irreduziblen Kern, der nicht vorgängig vorhanden, sondern stets aufs Neue gewonnen werden muss. Dieser dialektische Prozess ist mehr als der handelsübliche Trialog aus These, Antithese und Synthese, weil er eine Bewegung kreiert, die niemals zum Stillstand kommt, weil der Fußball davon lebt, dass wir leiden, und daran erstickt, dass wir immer nur siegen. Das Wechselbad der Gefühle ist das Normale und mitunter gibt es Ausgänge ins Paradies (Meisterschaft oder vermiedener Abstieg) oder zur Hölle (Abstieg oder verpasste Meisterschaft). Nur das Ganze ist das Wahre, aber wo das Wahre sich als Ware entlarvt, als Nur-Noch-Ware und Total-Ware, ist das Ganze das Unwahre und just die Lüge und der Schein, dem wir doch ab und an entkommen wollen.

Etwas Blindes, Leeres, Unerfülltes, ein Ascheflug der Katastrophe

Dass wir diesem Glauben wider besseres Wissen mitunter noch anhängen, ist ebenso wahr wie unwahr und treibt die Bewegung voran. Wohin? Ins Abseits? Die totale Verdinglichung des Fußballs? Oder ins Stadion ohne Menschen, wo nur der Beton glotzt? Dieser erste Geisterspieltag bietet Perspektiven: Der Zuschauer, sowohl der Stadion- als auch der Sofaheld, könnte erkennen, dass seine Ohnmacht Macht ist. In der ARD-„Sportschau“ am Samstag (16. Mai) formulierte einer der Kommentatoren: „Diese Spiele elektrisieren die Massen.“ Ist es nicht umgekehrt auch richtig? Diese Massen elektrisieren die Spiele! 

Vielleicht ist der Rest der Saison eine Art Moratorium für den Betrieb, der – auf der systemischen Seite – den Wert des Zuschauers ebenso nicht begriffen hat, ebenso wie viele Zuschauer nicht begriffen haben, wie wertvoll und wichtig sie sind für den Betrieb. Ohne die mentale Infrastruktur dieses Landes, ohne das „kollektive Imaginäre“ gäbe es die Kunst der Brandts und Haalands nicht. Sicher, sie könnten jetzt noch ein paar Jahre im zuschauerleeren Raum vor sich hinspielen, aber Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt würde ihre Kunst brotlos und damit wertlos werden und sie würden wieder zu Kindern, die auf Ackern spielten, die ihnen Glück schenkten, das unbeobachtet und unerhört bliebe.

Die Stimmen der Fernsehkommentatoren, die immer auch Show machen, klangen an diesem Spieltag noch gemachter als sonst, die Dramatik, die sie sangen, klang wie Zucker, irgendwie ging es um nichts. Jedem Spieler, so befreit sie auch jubelten, haftete schon ein Vergängliches an, etwas Blindes, Leeres, Unerfülltes, ein Ascheflug der Katastrophe, eine Ahnung, dass sie selbst gleich zu Staub zerfallen, so als hätte Marvel-Superbösewicht Thanos bereits seinen Zerstörungsatem in die Stadien geschickt.

Die Kunst der Brandts und Haalands hatte etwas sozial entbundenes, emotional entpflichtetes, sie stoben scheinautonom übers Feld, wie Duracell-Häschen, ganz bei sich, kindliche Greise, die vergessen hatten, dass sie existieren, weil in ihnen Generationen von Anderen und Ahnen am Werk sind. Vielleicht kommen sie wieder zur Vernunft und verlieren ihren Verstand zu unserem Glück, wenn sie wieder mehr als nur ihrem Beruf nachgehen. Wir sahen Profis, Fußball war das nicht. Es hat uns an uns gefehlt, fühlbar bleibt ein Riss, durch den der Schein der Katastrophe glimmt und glüht und spricht: Es muss alles anders werden, damit es bleiben kann, wie es gerade noch war und wieder werden soll, bevor wir das erste Mal das Modell „Franz Beckenbauer“ ausprobierten.

22.05.2020/MK

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