Was ist uns der Reflexionsraum wert?

Kultur im Radio: Hörspielkritik in der sich wandelnden Medienlandschaft

Von Hans-Ulrich Wagner

19.04.2018 • „Lauter Likes?“, so lautete der Titel eines Symposiums zur Hörfunk- und Fernsehkritik am 8. November 2017 in Karlsruhe. Veranstaltet wurde das Symposium vom Südwestrundfunk (SWR) im Rahmen der der ARD-Hörspieltage, die vom 8. bis 12. November im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) stattfanden (vgl. auch diese MK-Meldung). Wir dokumentieren an dieser Stelle den Vortrag zur Hörspielkritik, den Hans-Ulrich Wagner auf der Veranstaltung hielt. Wagner, Jg. 1962, ist Senior Researcher am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg. Er veröffentlichte mehrere Bücher und Aufsätze zum Hörspiel und dessen Geschichte. Zudem schrieb er zahlreiche Hörspielkritiken (u.a. auch für die „Funkkorrespondenz“) und er ist Mitglied in Jurys. Der folgende Text wurde vom Autor für den Abdruck leicht überarbeitet. Alle Vorträge des Symposiums und zwei sich anschließende Podiumsdiskussionen dazu können im „Dokublog“ des Radioprogramms SWR 2 nachgehört werden (hier der Link dazu). Zu den Referenten der Veranstaltung zählten außerdem unter anderem Jochen Hörisch, Stefan Niggemeier, Kathrin Röggla und Diemut Roether. • MK

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„Lauter Likes?“ Ich vermute, dass heute viele „Liker“ versammelt sind: Auf der Bühne, hier im Saal. Leute, die diese Medien „mögen“ und sie eben nicht „disliken“; Menschen, die sie loben, gern und dies sowohl leise als auch laut. Die sie aber auch kritisieren, mitunter scharf und sehr laut, die sich mit ihnen auseinandersetzen, sich an ihnen reiben, eben weil sie sie zu schätzen wissen, weil sie sie wertschätzen. Womit wir einen Teil unserer großen bunten „Mediengesellschaft“ bilden. Sicherlich keinen repräsentativen, aber einen besonders interessierten.

Von der „Mediengesellschaft“ werde ich gleich noch genauer sprechen. Von „den Medien“ muss ich heute Gott sei Dank nicht handeln, sondern darf mich auf Kulturprogramme im Radio und speziell auf das Hörspiel beschränken. Das ist gut so, denn speziell für diesen Fall darf ich mich auch gleich als ein solcher „Liker“ vorstellen, einer, der öffentlich-rechtliche Kulturprogramme hört und schätzt, und einer, der sich mit Hörspielproduktionen seit über 25 Jahren beschäftigt, wissenschaftlich, journalistisch, und der manchmal über sie als Juror urteilen darf – darunter mehr als 20 Jahre lang in der Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden. Womit wir beim ersten Part meiner insgesamt vierteiligen Ausführungen wären, einigen Momentaufnahmen vor dem persönlichen Hintergrund.

Blütezeit des Hörspiels

Eine allererste Erklärung soll die Absage an jegliches „Bashing“ sein. Das wäre zum einen zu simpel; zum anderen wäre unklar, wer denn als Verursacher von was an den Pranger gestellt werden sollte. Aber, klar, früher war alles besser. Meine im Krieg erblindeten und jahrgangsälteren Kollegen berichten mir natürlich von den Zeiten, als die Bekanntgabe des Preisträgers oder der Preisträgerin des Hörspielpreises in der „Tagesschau“ verlesen wurde.

Ich habe mir noch gar nicht die Mühe gemacht, das mal zu überprüfen, ob die Hörspielkunst einer Ingeborg Bachmann oder eines Friedrich Dürrenmatt den frühen Fernsehnachrichten eine Meldung wert war. Denn die Geschichte ist einfach zu schön. Und sie könnte auch stimmen, denn die ersten ein, zwei Nachkriegsjahrzehnte sind noch die Jahre der radio times, der „Hochzeit des Kulturradios“ und der „Blütezeit des Hörspiels“. Aber wie mit vielem, so ist es auch mit der „Hörspiellandschaft“ – sie wurde als „blühende Landschaft“ in der Zukunft beschrieben oder kann als bunt und voller Leben nostalgisch erinnert werden.

Es gibt allerdings auch belegbare Tatsachen. Seit die Film- und Medienstiftung NRW den Hörspielpreis der Kriegsblinden mitträgt, erhalten wir Juroren einige Zeit nach der Sitzung ein Pressedossier mit allen Artikeln, die über unser jeweils gekürtes Hörspiel erschienen sind. Was ich da als Papierstoß abhefte oder als digitale Datei abspeichere, wird kleiner – keine Frage. Die Anzahl der Medien, in denen Kritiken, Berichte, ja, selbst die Wiedergabe der Jury-Pressemeldung erscheinen, nimmt kontinuierlich ab. Ein Rückzug des professionellen Medienjournalismus, ein Versiegen von journalistischen Stellungnahmen gegenüber dem Hörspiel also?

Was bleibt? Die „Funkkorrespondenz“, mittlerweile „Medienkorrespondenz“, ist als erstes zu nennen; dann „epd medien“. Dann ein paar große Tageszeitungen: die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ), für die Jochen Hieber schrieb, und jetzt vor allem Eva-Maria Lenz schreibt; die „Süddeutsche Zeitung“, für die lange Zeit Thomas Thieringer und Jörg Drews geschrieben haben, jetzt Stefan Fischer; die „Welt“, solange der Kollege Elmar Krekeler in der Jury ist.

Wütende Höreranrufe

Gelegentlich tauchen noch ein paar andere Titel auf, häufig bringen sie aber nur noch einen Teil der Pressemeldung, wenn überhaupt. die „Zeit“ – Fehlanzeige. Der „Spiegel“ – Fehlanzeige. Die „Junge Welt“ – Treffer, eine regelmäßige Hörspielkolumne auf Seite 14 des Feuilletons, verfasst von Rafik Will. Doch sehr selten eines der großen regionalen Blätter. In 20 Jahren Hamburg habe ich es nie geschafft, dem „Hamburger Abendblatt“ etwas erfolgreich anzubieten. Das heißt: Das Hörspiel hat in den gedruckten Medien, in der Fachpresse und in den Feuilletons keinen Reflexionsraum oder, halten wir es so fest, bis auf wenige Ausnahmen so gut wie keinen Reflexionsraum mehr. Es spielt im öffentlichen Bewusstsein keine Rolle mehr.

Machen wir an dieser Stelle einen Abstecher zu den versprochenen „geschichtlichen Entwicklungen“. Wie war das mit der Bedeutung im öffentlichen Bewusstsein, mit der Rolle im Literaturbetrieb, im kulturellen Feld? Die radio times hatte ich bereits erwähnt. Das sind, üblicherweise, die 1930er bis 1960er Jahre. Die „Hochzeit des Radios“ deshalb, weil der Hörfunk „das Hegemon der häuslichen Freizeit“ bildete, wie der Historiker Axel Schildt das ausdrückte. Sprich: Innerhalb der zur Verfügung stehenden Medien nahm das Radio einmal einen besonderen Platz ein. Das Fernsehen gab es noch nicht und wurde erst seit Ende der 1950er Jahre populär. Fürs Kinogehen musste man ausgehen. Das Radio hingegen stand im Wohnzimmer und in der Küche zur Verfügung. Es wurde seit den 1930er Jahren, dann in den Kriegsjahren und schließlich nach dem Untergang des „Dritten Reichs“ ein alltägliches Gerät, ein zuverlässiger Begleiter durch den häuslichen Alltag.

Davon profitierte auch das Hörspiel, vor allem solange nur wenige Programme zu empfangen waren und somit keine Alternativprogramme auf anderen Wellen zur Verfügung standen. Überdies reden wir von einem sogenannten Kästchenprogramm auf einer Mittel- oder auf einer Ultrakurzwellenfrequenz. Im Kästchenprogramm kommt alles hintereinander, Information, Service, Musik, Wort, Kultur, Unterhaltung. Dazwischen dann ein Hörspiel. Das konnte dann die Hörerinnen und Hörer, die auf Entspannung eingestellt waren, mitunter ziemlich irritieren.

„Rufer und Hörer“

Die wütenden Höreranrufe, die 1951 auf Günter Eichs „Träume“ eingingen, sind ein schönes Beispiel. Was da an spontaner Hörermeinung mitgeschnitten wurde, ließ an Schärfe nichts zu wünschen übrig. Die Forderungen, den Autor der Polizei, dem Gericht oder der Psychiatrie zu übergeben, waren das eine. Der Verweis auf die Rundfunkgebühr, die man nicht bereit sei, hierfür zu entrichten, war das andere. Über solche Ereignisse berichtete übrigens damals ziemlich ausführlich der „Spiegel“. Wenn die Hörspielkritiker und die Germanisten mit etwas Verzögerung übereinkamen, dass dieses Hörspiel von Günter Eich so etwas wie Kunst sei und eine neue Ära des Hörspielschaffens eingeläutet habe, verstellt das die Tatsache, dass auch in den Radio Zeiten gern vieles andere als Hörspiele gehört wurde, und wenn Hörspiel, dann eher „Gestatten, mein Name ist Cox“ und Francis Durbridge.

Dieser kleine Umweg über das Nutzerverhalten und somit über die Relevanz eines bestimmten Themas führt mich zur Hörspiel- und zur Rundfunkkritik. Ich habe bei uns im Hans-Bredow-Institut in Hamburg systematisch in alten Rundfunkzeitschriften geblättert und Äußerungen zur Funkkritik gesucht. Alle Essays und Stellungnahmen, die ich gefunden habe, stehen in einem kommunikativen Zusammenhang, der treffend mit „Rufer und Hörer“ beschrieben werden kann. So hieß damals eines der wichtigsten Organe der Fachpresse; aber auch insgesamt ging es um den Rundfunk als einen Kommunikator, als einen „Rufer“. Und es ging um den „Hörer“, den, der die Botschaften wahrnimmt, aufnimmt, empfängt. Von Anfang war er „das unbekannte Wesen“, von dem man nicht wusste, was genau er oder sie mit den Programmangeboten macht. Ein Idealbild existierte freilich – das vom aufmerksamen, gebannt lauschenden Zuhörer. Ein Klischee weitgehend, wie wir wissen.

Welche Rolle kam dem „Funkkritiker“ zu, wie man das in den Anfangsjahren des Rundfunks nannte? Erste Antwort, ganz klar: Er hilft den Rundfunkmachern bei ihren Versuchen, bessere Programme zu machen. Zweite Antwort: Er vertritt eine bestimmte Hörergruppe, er bildet deren Geschmack, schult deren Urteilsvermögen. Nennen Sie das gern die „Geburt der Funkkritik aus dem Geiste der Volksbildung“. Hier haben wir, wenngleich in der Wortwahl der 1920er/1930er Jahre, klassische Kriterien des professionellen Journalismus: die Kritik- und Kontrollfunktion, die Herstellung von Transparenz und das Schaffen eines Forums für Meinungsbildung.

Unnützes Gerede

Doch die Essays der Fachorgane verraten auch, dass es mit der Rolle der Funkkritik als Instanz der (Selbst-)Beobachtung und der (Selbst-)Steuerung keineswegs zum Besten stand. Man liest in den Zeitschriften häufig, dass viel unnützes Gerede stattfinde. Die Artikel handeln davon, wie wünschenswert eine professionelle journalistische Rolle wäre. Einer der schönsten Texte in diesem Zusammenhang stammt von Jochen Klepper. Er schildert 1932 den „Versuchscharakter“ der noch „jungen Funkkritik“, fordert einen eigenen Berufszweig, also spezialisierte Fachjournalisten jenseits des allgemeinen Feuilletons. Und es wird beim Lesen klar, dass der junge Jochen Klepper für diese Aufgabe bereitstünde.

Zitat aus dem Schlussplädoyer Kleppers: „Zum ABC des Breviers für Funkkritiker gehören Wahrnehmungsvermögen für das keimfähige Neue, Mut und Geduld, Sinn für Zusammenhang und Gliederung und eine gewisse wirtschaftliche Opferbereitschaft.“ Das zuletzt genannte Stichwort verwies schon 1932 auf die ökonomischen Bedingungen von Rundfunk- und Hörspielkritikern. Und es erinnert mich an Herbert Hovens 2016 gehaltenen Vortrag „über den Beruf des freien Hörfunkautors“ (vgl. MK-Dokumentation). Die Zuspitzung seines Überblicks lautet: Wenn es schon so schlecht um den Radioautor bestellt ist, wie reden wir dann über Geld, wenn es um den Radiokritiker geht. Womit wir wieder bei der aktuellen Situation angekommen sind.

Sammeln, was uns im Netz begegnet

Da wir über die Zeitungen und über die Fachpresse bereits gesprochen haben, werden wir jetzt über digitale Angebote reden. Ein internationales Projekt wie „RadioDoc Review“ etwa, das an einer australischen Universität angesiedelt ist und sich der Kritik von „audio/radio documentaries, podcasts and features from around the world“ verschrieben hat, gibt es im deutschsprachigen Raum nicht. Eine Plattform wie sie „Nachtkritik.de“ seit 2007 für das Theaterschaffen darstellt, sucht man für die Hörspielarbeit vergeblich.

Und doch, es gibt sie, die zentrale Adresse für eine Plattform im Bereich des Hörspiels: www.hoerspielkritik.de. Eine Ein-Mann-Unternehmung. Seit 2012 betreibt der in Berlin lebende Autor und Hörspielkritiker Jochen Meißner dieses Blog, sammelt interessante Dokumente ein, etwa die Jury-Begründungen für das „Hörspiel des Monats“ bzw. „Hörspiel des Jahres“, und veröffentlicht seine professionellen Hörspielrezensionen, die gegen Honorarzahlung für die „Funkkorrespondenz“ bzw. „Medienkorrespondenz“ entstanden sind. Zirka 150 sind das mittlerweile, wie er mir im Interview erzählt hat. Dazu gehört ein Twitter-Account mit rund 1000 Tweets.

Im Jahr 2014 wurde Jochen Meißner, der aktuell sicherlich der Hörspielkritiker in Deutschland ist, in Marl mit der „Besonderen Ehrung“ des „Bert-Donnepp-Preises für Medienpublizistik“ ausgezeichnet. „Seine Hörspielkritik ist im Fall des Falles immer auch wieder Medienkritik“, heißt es in der Begründung und sie konstatiert: „Als Kritiker ist Jochen Meißner immer auch Ermunterer und ein zugleich Fordernder, der es sich, dem Hörspiel und den Lesern seiner Rezensionen niemals leicht macht, der niemals den bequemen Weg einschlägt“. Leider war es nur die „Besondere Ehrung“ und das heißt eine undotierte Auszeichnung, also nicht der mit einer bestimmten Summe dotierte eigentliche Donnepp-Preis.

Alte und neue Medien

Darüber hinaus können wir sammeln, was uns so alles im Netz begegnet, was wir kennen und was wir wie wann und wozu nutzen: Web-Adressen wie beispielsweise die Hörspieldatenbank www.hoerdat.de mit Informationen zu 42.624 Hörspielen (aufgenommen in die Datenbank sind Stücke mit Erscheinungsjahr ab 1924); Blogs wie etwa www.hoerspieltipps.net, eine „Informationsseite zum Thema Hörspiele“, die seit 2005 auch Besprechungen publik macht; www.hoerspieltalk.de, das fan-orientierte „Forum für Hörspiele und Hörbücher“, das 2239 Mitglieder ausweist; oder www.mein-ohrenkino.de, ein Blog, das vom Mitmach- und Selbstmach-Gedanken ausgeht.

Des weiteren gibt es mehrere Twitter-Accounts. Um nur einige zu nennen:
@MedienHoerspielSound vom Hamburger Kollegen Frank Schätzlein (seit März 2009, 650 Tweets, 479 Follower), @Radiokritik von Jochen Meißner, der süffisant erklärt: „Sachdienliche Hinweise zur #Hoerspiel-Kritik [...], irgendjemand muss es ja machen“ (seit Januar 2011, 1036 Tweets, 298 Follower), @audiokritiken (seit Februar 2011, 1116 Tweets, 294 Follower) und @HoerNews (seit März 2011, 929 Tweets, 318 Follower). In summa begegnen einem professionelle und semiprofessionelle Angebote, viele Special-Interest-Initiativen, Fan- und Liebhaber-Ambitionen.

Ich hoffe, Sie gehören nicht zu denen, die jetzt reflexartig kulturkritisch argumentieren und das Abendland untergehen sehen, nur weil die sozialen Medien neue Möglichkeiten für das Sich-Äußern zur Verfügung stellen. Ja, klar: Vieles von dem, was da im Netz ist und über Social Media ausgetauscht wird, ist „mundane media criticism“, wie es der US-amerikanische Journalismusforscher Matt Carlson nennt. Gewöhnliche, nicht professionelle Medienkritik. Jede und jeder kann sich äußern. Das war aber auch schon früher so. Nur ist es jetzt sehr viel leichter, seine Meinungen auch zu publizieren, sie öffentlich zugänglich zu machen.

Orientierung und Vertrauen

Medienkritiker ist keine geschützte Berufsbezeichnung, Medienkritik kann sogar zu einem „Breitensport“ werden, wie eine Ringvorlesung von Volker Lilienthal und Irene Neverla unlängst in Hamburg übertitelt war. Dieses Sich-Äußern über Medien allgemein und über Hörspiele im Speziellen erfüllt aber doch offensichtlich konkrete kommunikative Funktionen. Also gut so und keineswegs ein Alarmsignal für etwas, was der Internet-Kritiker Andrew Keen vor einem Jahrzehnt noch verkaufsfördernd als den „Cult of the Amateur“, als die „Stunde der Stümper“ ausrief. Klar stehen wir einer Vervielfältigung von Äußerungen und Kommentaren, von kritischen Anmerkungen, nichtssagenden Spontanbekundungen und unqualifiziertem Geschwafel gegenüber. Doch jenseits der neuen Unübersichtlichkeit können und sollten wir gelassen auf all die Verschiebungen gucken, die mit den neuen kommunikativen Praktiken verbunden sind.

Beleuchten wir das einmal kurz genauer. Das Gefüge „öffentliche Kommunikation“ hat sich verändert. In unserer Mediengesellschaft gibt es ein komplexes In- und Miteinander von sogenannten alten und vermeintlich neuen Medien. Es boomen die vielfältigsten Nutzungen zu ganz unterschiedlichen Zwecken. Mein Kollege am Hans-Bredow-Institut, Jan-Hinrik Schmidt, konstatiert drei Prinzipien einer Medienlogik, die sich zwischen massenmedial und interpersonal abspielt, wenn er die Bedeutung des Internets für die Meinungsbildung untersucht:

Prinzip 1 beschreibt die Ent- und Neubündelung von Informationen. Das machen sogenannte Informationsintermediäre, also Akteure, die sich zwischen das, was mal als Rufer und Hörer so einfach erschien, geschaltet haben. Algorithmen generieren Trefferlisten, filtern Informationsangebote, empfehlen uns Dinge.

Prinzip 2 beschreibt die Personalisierung von diesen Informationen. Durch unser bisheriges Nutzerverhalten bekommen wir auf uns zugeschnittene Suchergebnisse – Angebote, die uns sehr wahrscheinlich interessieren.

Prinzip 3 schließlich gilt dem „Zusammenwachsen von publizistischer und konversationaler Kommunikation“, sprich: der Konvergenz von Konversation und Publikation. Mit jeder Aktion im Netz beteiligen wir uns daran, unbewusst oder nur teilweise bewusst, mehr oder weniger aktiv in unseren Handlungen.

Wie sieht es also aus, so ein Informationsrepertoire eines am Hörspiel Interessierten? Versuchen Sie einmal Ihr eigenes zu beschreiben! Über mein eigenes kann ich Folgendes sagen. Um in der Flut von Informationen, die für mich relevanten hörspielbezogenen Informationen zu erhalten, lese ich Hörspielbroschüren, so die Dramaturgien diese denn noch veröffentlichen können, oder ich durchforste die abonnierten Newsletter, die mir regelmäßig zugeschickt werden. Wenn ich mehr zu den Produktionen erfahren möchte, höre ich Hörspielmagazine – im laufenden Programm, in der Mediathek, auf den Web-Portalen der Hörspielabteilungen der Sender.

Gott sei Dank gibt es noch ein paar Hörspielmagazine: die vom Deutschlandfunk und vom Schweizer Radio SRF, das „Hör!Spiel!art.mix“-Magazin des Bayerischen Rundfunks (BR). Werkstattberichte, Interviews, Essays vermitteln in diesen Hörfunksendungen Einblick in die Arbeit der derjenigen, die Hörspiele machen, geben Platz für deren Konzepte und Ziele. Eine Frage, die in diesem Zusammenhang auftaucht: Warum findet in den öffentlich-rechtlichen Kulturmagazinen, auch und gerade des Fernsehens, eigentlich nie das Hörspiel Berücksichtigung? An der Zurückhaltung gegenüber der eigenen künstlerischen Produktion kann es nicht liegen, denn jeder Film, den man koproduziert, wird im Rahmen von Eigenwerbung vorgestellt.

Bleibt schließlich und endlich die Suche nach der Kritik. Hier stellt sich die Frage der Orientierung und des Vertrauens. Eine professionell urteilende Kritik von Jochen Meißner, Rafik Will, Angela di Ciriaco-Sussdorff, Christian Hörburger, Renate Stinn, Eva-Maria Lenz, Christian Deutschmann und weiteren Kolleginnen und Kollegen – veröffentlicht in der „Medienkorrespondenz“, in „epd medien“ und in den wenigen Tageszeitungen, in denen es solche Kritiken noch gibt – versprechen mir diese Orientierung. Auch wenn ich nicht immer einer Meinung mit den Kollegeninnen und Kollegen bin, ihr Urteil ist interessant, ist lesens-, bedenkens-, nachdenkens-, kurz: diskussionswert.

Das Gespräch über Hörspiel

Schließlich erhalte ich über solche Sendungskritiken hinaus vielfältige Informationen – Wissenswertes, das investigativ ermittelt und zusammengestellt wurde, Kenntnisse, die ich so nicht, nur rudimentär oder erst sehr viel später bekommen hätte. Jüngstes Beispiel: Jochen Meißners in der „Medienkorrespondenz“ veröffentlichte Übersicht über das „klandestine Sparen“ der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland und in Österreich (vgl. diesen MK-Artikel). Solche klug recherchierten Informationen braucht man als Hörspiel-Liker, das sind Dinge, die wissenswert sind.

Dies alles führt mich am Ende zu drei Anregungen, mit denen ich zur Diskussion einlade:

1. Vor der Hörspielkritik ist das Hörspielgespräch. In Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie gilt: Alles, was das Gespräch über Hörspiel ermöglicht, ist erlaubt.

Viele Hörspielinteressierte, viele Hörspielkritiker, viele Hörspielmacher beteiligen sich daran. Öffentliche Veranstaltungen, Events an ungewöhnlichen Orten jenseits des Programms, multimediale Vermarktung – das alles dient dem Gespräch über das Hörspielschaffen und das Hörspielhören. Gut so, weiter so! Und vor allem darüber reden und schreiben!

2. Wenn wir eine Hörspielkritik wollen, müssen wir etwas dafür tun, um Kritik als klassische medienjournalistische Aufgabe aufrechtzuerhalten.

Vor dem Hintergrund der sich wandelnden kommunikativen Praktiken sind neue kreative Lösungen gefragt, wie professionelle Inhalte, also „Content, und damit auch Hörspielkritik erstellt und distribuiert werden können. Diese werden vielleicht bald nicht mehr gedruckt erfolgen, aber auch als Online-Angebot müssen sie weiterhin kuratiert und redigiert werden, um Zuverlässigkeit zu garantieren und Vertrauen zu erhalten. Das kostet Zeit und Geld, siehe Punkt 3. Solche Lösungen müssen nicht immer schriftlich sein – warum nicht in mündlicher Form und als Gespräch? Nicht alle Tage gelingt etwas so Populäres wie Stefan Niggemeiers und Sarah Kuttners Gesprächs-Podcast „Das kleine Fernsehballett“. Aber Experimente in Richtung eines hörspielkritischen Quartetts oder Duos könnte man mal wagen.

3. Was ist uns der Reflexionsraum wert?

Die letzte Frage, die unweigerlich noch gestellt werden muss, lautet: Was ist es uns wert, wenn wir diese spezielle Art von qualitätsgetriebenen Journalismus in unser Repertoire aufnehmen wollen? Qualität hat ihren Preis. Sie kann nicht preiswert sein. Aktuell sehen wir die Liberalisierung aller Bereiche, auch des öffentlichen Dienstes und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und nicht zuletzt der Fachpresse. Deshalb konkret an Sie die Frage: Wer hat ein Abonnement der „Medienkorrespondenz“, von „epd medien“?

Wenn Qualitätsjournalismus insgesamt und Medienkritik und Hörspielkritik als Teile davon auf dem Markt nicht mehr finanziert werden können – ich erinnere an dieser Stelle gern noch einmal an die erwähnte „wirtschaftliche Opferbereitschaft“, die Jochen Klepper 1932 als Voraussetzung für Funkkritiker sah –, müssen wir über andere Quellen nachdenken, wenn wir Orientierung und Transparenz, den Austausch über das Hörspiel, über seine ästhetischen, gesellschaftlichen und kulturellen Leistungen garantieren wollen.

19.04.2018/MK

Print-Ausgabe 22/2018

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