Was ist der Grimme-Preis noch wert?

Ein Zwischenruf

Von Thomas Koebner
22.03.1996 •

Arglos gemeint kam es an den Tag, in einem Bericht von Fritz Wolf in „epd/Kirche und Rundfunk“ (Nr. 4/96) über die Arbeit der Vorauswahlkommission beim 32. Adolf-Grimme-Preis. Neben anderen Bemerkungen, die tiefes Misstrauen erwecken konnten, ob in diesem Gremium gewissenhaft und solide genug verfahren wird, bestürzte die Ablehnung eines Films, Karl Fruchtmanns „Die Grube“ (Radio Bremen) – genauer, die Begründung dieser Ablehnung. Fruchtmanns Film berichtet von einer Episode aus der Chronik der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg: In der Ukraine sperren deutsche „Eroberer“ jüdische Kinder ein, deren Eltern sie zuvor umgebracht haben. Die Kinder hungern, schreien. Am Ende werden auch sie ermordet – in einer Grube.

Vieles in diesem Film ist inszeniert, denn Fruchtmann will sichtbar machen, vor Augen führen, was zur abstrakten Aktennotiz geronnen ist, was wir so gerne verdrängen: den Anblick des Schrecklichen und des Unvorstellbaren. Kunst kann die Axt sein für das Eis in unserem Inneren (um Kafkas Wort aufzugreifen). Dieses Ethos teilt auch Karl Fruchtmann. So sind in seinem Film verängstigte Kinder zu sehen, suggestive Momente, die, wie andere, verhindern, dass der Fall ins Nebelhaft-Unbestimmte entgleitet. Mit dieser Mischtechnik von (a) demonstrativer Präsentation und (b) appellativer Vergegenwärtigung hat Fruchtmann seit je gearbeitet.

Worauf man nicht gefasst sein konnte: dass ihm das Auswahlgremium „Täuschung“ vorwirft. Da sich diese Kinder-Passage in „Die Grube“ bei näherer Besichtigung (für alle, die nicht sogleich den Charakter des Nachgestellten an der eigentlich unzweideutigen Optik erkannt haben) nicht als Film-Dokument von Wehrmachtskameraleuten erweise (deren Stilistik grundsätzlich anders ist), handle es sich um Täuschung Wenn es ein Dokument gewesen wäre, hätte man es nicht „abschütteln“ können. Nun offenbart sich ein stark berührendes Bild als Inszenierung. Man könnte sie gelten lassen als Versuch intensiver Annäherung. Wer hier von Täuschung spricht, will jedoch Abstand einlegen, abwehren, sich nicht weiter belasten, nicht weiter wahrhaben. Wer von Täuschung spricht, nimmt übel – dass man ihn beunruhigt hat. Beunruhigen wollte Fruchtmann. Ein Jahrtausende altes Argument der Kunstverächter gegen Fiktion schlechthin wird wiederholt: als würde die „Nachahmung der Wirklichkeit“ prinzipiell lügen. „Was ist ihnen Hekuba?“, heißt es in Shakespeares „Hamlet“, dass sie, die Zuschauer/Zuhörer, denen Hekubas tragischer Fall erzählt wird, um sie sollen weinen. Sie wollen nicht weinen, sondern Einfühlung verweigern. In einem Anfall von Kollektiv-Ignoranz ist eine Jury regrediert zu puritanischen Bilderstürmern. Mit dem Knüppel einer banalen Provinzästhetik wollen sie Fruchtmann Mores lehren.

Der lebens- und metiererfahrene Fruchtmann ist einer der ernsthaftesten Autoren und Regisseure in der Geschichte des deutschen Fernsehens, der sein und unser Gedächtnis offenhalten und bewahren will für das, was im „Dritten Reich“, im Zustand äußerster Verfolgung, geschehen ist und möglich war. Man braucht nur an „Kaddisch nach einem Toten“ oder „Ein einfacher Mensch“ zu erinnern, vielfach respektierte und ausgezeichnete Fernsehspiele. Man muss Fruchtmanns jüngsten Film „Die Grube“ nicht ebenso beurteilen – ihm aber „Täuschung“ zu unterstellen, ist eine monströse Abwehrreaktion, gleichsam ein Pawlowscher Reflex des Typus „Nicht sehen, nicht hören, nicht…"

An Gerechtigkeit für Fruchtmann ist nicht zu denken, solange nicht die Statuten des Grimme-Preises erlauben, dass die Hauptjury die Entscheidungen der Vorauswahlkommission korrigieren kann. Unbedingt zu fordern: Die Hauptjury muss die Vorauswahljury überstimmen können – gerade in diesem Jahr wäre es nötig gewesen (und nicht nur wegen Fruchtmann). Ob es nun einigen Juroren oder dem Prozedere anzulasten ist – der Grimme-Preis hat unabweislich politischen Schaden erlitten und (wohl nicht nur für mich) an Ansehen eingebüßt.

22.03.1996/FK


• Text aus Heft Nr. 12/1996 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

22.03.1996/MK

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