Wachstum und Vakuum

USA: Fernsehen, Radio und Streaming in Zeiten der Coronakrise

Von Franz Everschor
06.05.2020 •

US-Präsident Donald Trump erklärte das Coronavirus zum neuesten „Streich“ der Demokraten und datierte das Ende der Epidemie auf Ostersonntag (12. April). Noch Mitte März, als Mediziner im ganzen Land längst nach verstärkten Maßnahmen der Regierung riefen, versprach er dem amerikanischen Volk zum bevorstehenden Festtag volle Kirchen. Erst als die sich überschlagende Zahl der Toten dem Präsidenten keine Wahl mehr ließ, begann er, auf die Voraussagen seines Epidemiologen Anthony Fauci zu hören, der oft genug während Trumps Pressekonferenzen seine Hände vors Gesicht geschlagen hatte. Nun konnte auch Fox News, der ‘Haussender’ des Präsidenten, seinen Zuschauern nicht mehr weismachen, das ganze Pandämonium sei bloß eine neue Machenschaft von Nancy Pelosi, Trumps Nemesis im Parlament, und Joe Biden, seinem Gegner von der Demokratischen Partei in der bevorstehenden Präsidentschaftswahl.

Die unentschlossenen Vorkehrungen und die irrlichternden Pressekonferenzen des US-Präsidenten konnten weder das Anschwellen der Krise noch die katastrophalen Auswirkungen der Pandemie verhindern. Sie verunsicherten die Menschen nur, die nicht mehr wissen, wem sie vertrauen sollen, ihrem Präsidenten oder den medizinischen Experten. Auf seiner Suche nach der Wahrheit taten die Amerikaner, was sie zu Krisenzeiten schon immer getan haben: Sie flüchteten zu den ansonsten viel gescholtenen Medien. Dort sind Außenseiter der täglichen Berichterstattung binnen weniger Wochen zu Stars der Informationsnot der Bevölkerung avanciert. Gleichgültig, welcher medizinischen Fakultät sie auch angehören, wurden sie zu Auguren in der Krise, Journalisten wie Jonathan LaPook (CBS), John Torres (NBC), Sanjay Gupta (CNN) und Jennifer Ashton (ABC), die auch eine medizinische Ausbildung haben und in ihrer Korrespondentenrolle zu normalen Zeiten auf dem Bildschirm nur ein spärliches Randdasein führen.

Die Nachrichten der Networks

So lässt sich seit dem Ausbruch der Corona-Epidemie in den USA beobachten, wie sich die sonst im Sensationellen und Gefälligen verhafteten Nachrichten- und Informationssendungen des Broadcast- und Kabelfernsehens zu einer Spielwiese von vorgeblich Sachverständigen gewandelt haben, deren Hauptaufgabe sein soll, dem Publikum alle jene Fakten zu vermitteln, die in den offiziellen Verlautbarungen des Weißen Hauses permanent verunklart werden. Große Teile der amerikanischen Zuschauer sind inzwischen so weit, dass sie sogar einem Notfallarzt (Torres), einem Gastroenterologen (LaPook) und einer Gynäkologin (Ashton) in der Krise mehr vertrauen als dem Präsidenten.

Diese Art der Berichterstattung hat bei den Networks allerdings dazu geführt, dass die Befunde und Meinungen führender Experten oft nur gefiltert das Publikum erreichen. Während im deutschen Fernsehen Fachleute wie Christian Drosten, der Chefvirologe der Berliner Charité, regelmäßig auf dem Bildschirm erscheinen, musste sich Anthony Fauci, dessen amerikanisches Pendant, in den US-Nachrichtensendungen der ersten Epidemiewochen oft damit begnügen, in Berichten aus der ‘zweiten Reihe’ vorzukommen. Sender wie Fox News, die stets akklamierend auf der Seite von Donald Trump stehen, machen sich diese Tradition zunutze und betreiben in ihren Darstellungen der Coronakrise oft mehr Partei- und Wahlkampfpolitik, als dass sie sachliche Information über den Fortschritt und die Bekämpfung der Pandemie bieten.

Man darf den Einfluss der Fernsehberichterstattung auf den mentalen Zustand der Vereinigten Staaten und auf die Befindlichkeit des amerikanischen Volkes zur Zeit der Coronakrise nicht unterschätzen. In ihrem Hunger auf tägliche, gar stündliche Informationen sind die Fernsehzuschauer in Scharen zu den Sendungen gerade jener Networks zurückgekehrt, denen sie in jüngster Zeit zugunsten der Online-Medien den Rücken zugewendet hatten. So erreichten zum Beispiel die Abendnachrichten von ABC und NBC im März dieses Jahres im Schnitt jeweils 12 Mio Zuschauer. Das ist eine Sehbeteiligung, die von diesen Formaten seit Anfang der 2000er Jahre nicht mehr erzielt wurde und die heutzutage normalerweise nur Sportübertragungen vorbehalten ist. 

Die „CBS Evening News“, längst nicht mehr wie früher das Starangebot unter den Nachrichtensendungen, brachten es auf 7,6 Mio Zuschauer, auch das noch ein beträchtlicher Anstieg der Einschaltquote. Zusammengenommen erreichten also allein diese drei Broadcast-Networks unter dem Einfluss der Coronakrise durchschnittlich rund 32 Mio Menschen. Das entspricht einer Steigerung der Zuschauerzahl um 42 Prozent. Die Zahl der für die Werbewirtschaft besonders wichtigen 25- bis 54-jährigen Zuschauer wuchs sogar um 67 Prozent.

Höchste Zuwachsraten für das Radio

Es sind aber nicht nur Nachrichtensendungen und Magazine, die von dem wieder anschwellenden Interesse der Amerikaner an den aus früheren Zeiten in Erinnerung gebliebenen Medien profitieren. Auch der Unterhaltungssektor findet derzeit mehr Zuschauer. Die Menschen versuchen sich abzulenken von Ausgehverboten und „Social Distancing“. Sie entdecken Sendereihen und Serien, die sie in den letzten Jahren links liegen ließen, um beim Streaming ihr Heil zu suchen, sie schauten wieder eine Sitcom wie „The Neighborhood“ (CBS) oder eine Feuerwehrserie wie „Station 19“ (ABC). Was besonders erstaunt, ist die Feststellung, dass nun auch wieder Kinder und Jugendliche, die sonst die besten Kunden der Streaming-Anbieter sind, das lineare Fernsehen auskundschaften: Deren Anteil an der Gesamtsehbeteiligung für die Networks stieg im März von Woche zu Woche um rund 20 Prozent.

Die höchsten Zuwachszahlen verzeichnet in den USA derzeit aber das noch ältere Medium, das Radio. Hier manifestiert sich geradezu das Bedürfnis des irritierten und verängstigten Publikums nach dem Vertrauten und Beruhigenden. Es sind keineswegs nur Nachrichtensendungen, die im Radio vermehrt eingeschaltet werden, das ohnehin, aber vor allem sind es auch Musikprogramme verschiedenster Art. „Ich steige ins Auto und sofort trägt mich KUSC in eine bessere Welt“, schrieb, wie die „Los Angeles Times“ berichtete, eine Hörerin an Kaliforniens führenden Sender für klassische Musik. Seit Beginn der Krise kommentieren die Moderatoren von KUSC ihre Sendungen aus hastig zuhause eingerichteten Studios. Die aus der Vergangenheit vertrauten Stimmen und die beruhigende Wirkung der Musik seien es, die das Publikum nun wieder in Scharen anlocken, vermutet KUSC-Präsidentin Judy McAlpine. Auch die Facebook-Seite des Senders verzeichne eine um über 500 Prozent gesteigerte Aktivität, sagt sie.

Boom des Videostreamings

Illusionen machen sich die Betreiber von Fernseh- und Radiostationen angesichts des momentan gestiegenen Zuspruchs aber nicht. Sie ahnen, dass die in der Coronakrise zu beobachtende Rückkehr der Abtrünnigen nicht von Dauer sein wird, sobald die Epidemie erst einmal abflacht. Dass sie mit dieser Vermutung recht behalten werden, zeigt der gleichzeitig stattfindende Boom des Videostreamings, der die Wachstumszahlen des linearen Fernsehens und des Radios noch übertrifft. „Während der Coronavirus-Pandemie“, heißt es im Branchenblatt „Variety“, „bleiben die Amerikaner zuhause und streamen mehr als jemals zuvor.“ Allein in den ersten drei Wochen des Monats März waren es 400 Mrd Minuten, 85 Prozent mehr als in denselben drei Wochen des Vorjahres. Und das ist nur die Nutzung über ausgewachsene Smart-TV-Geräte, denn das für die Quotenmessung verantwortliche Forschungsinstitut Nielsen Research berücksichtigt weder Mobiltelefone noch Computer. 

Da auch Disney plus (das inzwischen schon 50 Mio Kunden bedient) und Apple TV plus bei den Nielsen-Messungen noch außen vor bleiben, rangiert erwartungsgemäß Netflix mit 29 Prozent der Gesamtzeit der Streaming-Nutzer an der Spitze. YouTube erreichte 20 Prozent, Hulu 10 und Amazon Prime Video 9 Prozent. Die Top 5 der gefragtesten Abrufe bei Netflix bildeten in den USA folgende Angebote: 1) der Actionfilm „Spenser Confidential“, 2) die Comedy-Serie „The Office“, 3) die Coming-of-Age-Serie „On My Block“, 4) die Reality-TV-Show „Love Is Blind“ und 5) die Serie „Criminal Minds“.

Man könnte meinen, sowohl die Networks als auch die Streaming-Anbieter müssten froh darüber sein, dass sie im Gegensatz zu den meisten Wirtschaftszweigen von dem durch die Coronakrise gestiegenen Interesse an ihren Produkten profitieren können. Doch das ist nur sehr begrenzt der Fall. Sie alle wissen nur zu gut, dass sie binnen kurzer Zeit vor einem Vakuum stehen werden, von dem sie nicht einmal ahnen, wie es zu überwinden ist.

Bittere Gewissheit: Neuproduktionen werden fehlen

Hinter den sich derzeit nach oben bewegenden Einschaltquoten lauert nämlich die bittere Gewissheit, dass der nächsten TV-Saison, die eigentlich im September beginnen müsste, die neuen Produktionen fehlen werden. Sollte nicht der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass die Virusgefahr in den nächsten Wochen durch einen rapiden Rückgang der Erkrankungen gebannt oder zumindest signifikant reduziert würde und dadurch eine Ankurbelung der stillstehenden Film- und Fernsehproduktion ermöglicht würde, so geht den Medien das Material aus. Die bisher vorliegenden Produktions- und Vertriebspläne – und mit ihnen die Sendepläne der Networks und die Vorhaben der Streaming-Anbieter – werden mit jeder neuen unter Corona-Restriktionen leidenden Woche immer mehr zu Makulatur.

Die Pressemitteilungen der Sender, der Studios und der freien Produzenten sind voller Terminverschiebungen und Stornierungen. Mitarbeiter und Angestellte werden nach Hause geschickt, Büros und Produktionsstätten geschlossen und auch die Zulieferindustrie wird nur noch auf Abruf beschäftigt. Die Coronakrise der Medien wird erst richtig beginnen, wenn sich das alltägliche Leben schon wieder erholt und nachdem Amerika sich im November für oder gegen eine weitere Amtszeit von Donald Trump entschieden hat.

06.05.2020/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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