Von Erfurt bis Washington

Ein Rückblick auf das Fernsehjahr 2020 in 10 Bildbeschreibungen

Von Dietrich Leder
23.01.2021 •

Aus dem Jahresrückblick-Heft 2020 der Medienkorrespondenz (Ausgabe Nr. 1/21)

 

Bild 15. Februar 2020

Der Mann streckt seine rechte Hand aus, um dem gerade gewählten Ministerpräsidenten zu gratulieren, und neigt dann den Kopf gen Boden. Man könnte das, was da live im Dritten Programm MDR Fernsehen zu sehen war, als eine Geste der Ehrfurcht deuten, handelte es sich bei diesem Mann nicht um Björn Höcke. Dem Rechtsaußen der rechtspopulistischen Partei AfD war gerade ein Coup gelungen. Seine Partei hatte im Thüringer Landtag in Erfurt Thomas Kemmerich, den Mann, dem Höcke die Hand schüttelte, gemeinsam mit CDU und FDP zum neuen Ministerpräsidenten gewählt. Doch Kemmerich (FDP) hielt sich nur vier Tage im Amt. Dann trat er aufgrund des lauten Protestes, der gegen diese Wahlkoalition von AfD, CDU und FDP laut wurde, zurück. Die CDU-Bundesvorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer hatte zuvor noch versucht, die thüringischen Parlamentarier ihrer Partei von diesem – wie sie meinte – Irrweg eines Bündnisses mit der AfD abzubringen. Als sie damit scheiterte, kündigte sie an, von ihrem Parteiamt zum Jahresende 2020 zurückzutreten. Das löste in der CDU einen Wahlkampf um den Parteivorsitz aus, zu dem Armin Laschet, Friedrich Merz und Norbert Röttgen antraten (die Entscheidung, wer’s wird, sollte auf dem wegen Corona erstmals digital veranstalteten CDU-Bundesparteitag am 15. und 16. Januar 2021 fallen). Das Bild von Thomas Kemmerich und Björn Höcke erinnerte von ferne an eine Aufnahme vom 21. März 1933, die den Reichskanzler Adolf Hitler zeigt, der ähnlich ehrfürchtig erscheinend dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg die Hand schüttelt – eine Geste, die über Hitlers Pläne hinwegtäuschen sollte.

 

Bild 24. März 2020

Im Dritten Programm HR Fernsehen wird am frühen Abend die Trauerfeier für die Opfer des rechtsradikalen Anschlags übertragen, dem am 19. Februar in Hanau neun Menschen (und die Mutter des Attentäters) zum Opfer gefallen waren. Eine schlichte Veranstaltung, zu der auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier gekommen sind. Beeindruckend sind die Reden der Angehörigen der Opfer, die von der Lebensgeschichte derjenigen erzählen, die in einem Café, einer Shisha-Bar und in einem Kiosk erschossen wurden, weil sie auf den Attentäter als Ausländer wirkten. Viele von ihnen sind aber in Deutschland geboren. Die Schwester eines Ermordeten ist denn auch enttäuscht, dass in den Berichten von der Mordserie ihr Bruder als Afghane bezeichnet wurde. Er sei immer Deutscher, ja, Hanauer gewesen. Die Schwester eines anderen Ermordeten erklärte, dass der Täter, der nach der Mordserie auch seine Mutter und sich selbst tötete, von Hass angetrieben worden sei. Ihre Antwort darauf: „Ich will, dass wir alle uns von Hass abgrenzen.“ Diese bewegenden Sätze sind live weder im Ersten noch im Zweiten Programm zu hören. Dort herrscht üblicher Geschäftsbetrieb. Ein Skandal!

 

Bild 39. März 2020

Die beiden Bilder sind in den folgenden Tagen immer wieder zu sehen. Mit ihnen eröffnet die ARD-„Tagesschau“ an diesem Tag ihre Hauptausgabe um 20.00 Uhr. Die Kamera befindet sich im zweiten oder dritten Stock eines Gebäudes. Ihr erstes Bild zeigt, wie abends Lastwagen von rechts nach links durch eine Innenstadtstraße fahren. Die Anzahl der identisch aussehenden Wagen lässt auf einen Konvoi schließen. Es muss sich um Militärfahrzeuge handeln, da sie in Tarnfarben lackiert sind. Im zweiten Bild, das aus ähnlicher Höhe aufgenommen wurde, aber den Blick auf eine Tankstelle öffnet, die am Rand der Straße liegt, ist zu erkennen, dass am Ende des Militärkonvois zwei Polizeiautos fahren. Ansonsten ist die Straße menschenleer. Ihre Bedeutung erhalten die Bilder durch den Off-Kommentar, der besagt, dass hier Militärlaster Tote zu Krematorien bringen. Die Zahl der Corona-Toten sei im norditalienischen Bergamo, wo die Bilder aufgenommen wurden, so stark gestiegen, dass sie nicht mehr auf gewöhnliche Weise versorgt und dann beerdigt werden könnten. Die Emotion, die von diesen Bildern erzeugt wird, liegt in der Anonymität des Vorgangs, der dem einsamen Sterben auf Intensivstationen fernab von Verwandten und Freunden entspricht.

 

Bild 425. Mai 2020

Das Handy-Video, das in den nächsten Tagen in der ganzen Welt zu sehen sein wird, ist vom Bürgersteig aus aufgenommen. Die junge Frau, die das Geschehen filmt, bewegt sich, um das, was vor ihr passiert, besser aufnehmen zu können, ohne dass sie dem Ganzen zu nahekommt. Im linken Bildteil ist ein am Straßenrand geparkter Polizeiwagen mit dem Kennzeichen von Minneapolis zu sehen. Hinter diesem Wagen liegt ein Mann mit nacktem Oberkörper mit dem Bauch auf der Straße. Seine Hände scheinen nach der Lage der Arme auf seinem Rücken gefesselt. Auf seinem Nacken kniet ein Polizeibeamter, ein zweiter steht daneben. Nach einer kleinen Unterbrechung ist die Kamera näher am Geschehen. Nun ist das schmerzverzerrte Gesicht des am Boden liegenden Mannes zu sehen. Er stöhnt: „I can’t breathe“ („Ich kann nicht atmen“), mehrfach. Doch der auf ihm kniende Polizist bleibt ungerührt, selbst noch, als Passanten ihn mit lauten Rufen auf die bedrohliche Lage des Mannes hinweisen. Als sie hinzutreten wollen, werden sie von dem zweiten Polizisten daran gehindert. Dann sieht man, wie der Mann auf einer Krankenliege abtransportiert wird. Der Afroamerikaner George Floyd stirbt im Krankenhaus. Acht Minuten lang drückte der Polizist Derek Chauvin sein Knie auf den Nacken Floyds, bis er erstickte. Das Video dokumentiert eine weitere Gewalttat von weißen Polizisten an Afroamerikanern. Das löste unter der Parole „Black Lives Matter“ Massenproteste aus – nicht nur in den USA, sondern weltweit.

 

Bild 54. August 2020

Die vielen Kameras, die das Ereignis aufnehmen, registrieren zunächst ein Feuer, das starken Rauch auslöst. Dann explodiert das hinter dem Rauch liegende Gebäude. Eine enorme Druckwelle breitet sich aus, die dazu führt, dass einige der Kameras, die das Geschehen filmen, verrissen werden und die, die sie führen, zu Boden stürzen. Auf Kameras, die weiter entfernt sind, ist eine riesige Wolke aus weißem Qualm zu sehen, die sich als Halbkugel schnell nach oben ausbreitet, ehe dahinter dunkler Rauch und ein großes Feuer sichtbar werden. In der libanesischen Hauptstadt Beirut ist im Hafen ein Lagerhaus explodiert, in dem hochentzündliche Düngemittel in großer Menge unsachgemäß gelagert wurden. Das ZDF zeigt einer „Heute“-Sendung um 19.00 Uhr einige dieser Bilder und der aus Kairo zugeschaltete Nahost-Korrespondent des Senders sagt, dass man einen Terroranschlag nicht ausschließen könne, er aber auch gehört habe, dass dort im Hafengelände sehr viele Chemikalien gelagert würden. In der ARD-„Tagesschau“ um 20.00 Uhr sind in den ersten 13 Minuten andere Themen, darunter jede Menge Nachrichten zu Corona, an der Reihe, ehe die Katastrophe, die über 100 Menschen das Leben kostet, kurz vor den Wetternachrichten erwähnt wird. Anschließend entschuldigte sich die ARD-aktuell-Redaktion in ihrem Blog tagesschau.de für die „journalistische Fehleinschätzung“ bezüglich der Explosion in Beirut. Auch das „Heute-Journal“ widmete sich an diesem Tag erst einmal einem anderen Thema und Wulf Schmiese als Redaktionsleiter der ZDF-Sendung gesteht via Twitter den Fehler ein, den Bericht aus Beirut nicht richtig platziert zu haben.

 

Bild 610. August 2020

Die Kamera, die das nächtliche Bild aufnimmt, ist unruhig, als käme sie gar nicht hinterher, das aufzunehmen, was sie zeigen will. Zu sehen ist, wie sich auf den Straßen von Minsk Tausende Menschen versammeln. Viele von ihnen haben eine leuchtende Taschenlampe dabei oder haben an ihrem Handy die Lichtfunktion eingeschaltet. Nun halten sie die Geräte in die Höhe, so dass ein Lichtermeer entsteht. Diesen Menschen stehen, das zeigt eine andere Einstellung im Bericht der ARD-„Tagesschau“ von 20.00 Uhr, viele dunkel gekleidete Polizisten gegenüber, die schwere Schutzschilde in der einen und Schlagstöcke in der anderen Hand tragen. Am Tag zuvor war bei den Präsidentschaftswahlen in Belarus (Weißrussland) nach offiziellen Angaben mit 80 Prozent der abgegebenen Stimmen Amtsinhaber Alexander Lukaschenko als der Sieger hervorgegangen (über die Schreibweise seines Namens besteht in Deutschland Uneinigkeit, da ihn manche Medien am Ende mit einem „a“ schreiben, als handelte es sich um zwei unterschiedliche Personen.) Zweifel am Wahlausgang sind angesichts der Stimmung im Land angebracht. So äußert sich der Protest gegen eine mögliche Wahlfälschung in Demonstrationen, die über Wochen bis heute immer wieder in Gang kommen. Sie werden vor allem von Frauen angeführt und verblüffen durch stets neue Protestformen. Doch der autoritäre Präsident behält die Macht.

 

Bild 730. August 2020

Das kurze Filmstück, mit dem an diesem Tag die ZDF-Nachrichtensendung „Heute“ um 19.00 Uhr aufmacht, stammt aus einer Handy-Kamera. Links oben wird als Quelle ein Name genannt. Auf dem Video ist zu sehen, wie eine Gruppe von Menschen erst Sperrgitter überwindet und dann die Treppe des Bundestags hochläuft. Mehrere von ihnen tragen die Reichsflagge, einer hält die Flagge der Türkei hoch. Alle sind sommerlich gekleidet. Ein Mann dreht sich auf der Hälfte der Treppe um und schwenkt stolz die Reichsflagge. Die Aktion scheint ein Erfolg zu sein. Petra Gerster, die durch diese Nachrichtensendung führt, sagt zu dem neun Sekunden langen Filmstück: „Eskalation am Reichstag. Rechtsextreme dringen zum Parlamentsgebäude vor. Politiker aller Parteien reagieren empört.“ Am Rande von Demonstrationen in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen war es am Vortag zu dieser Aktion gekommen, bei dem – so Gerster später in der Sendung – Rechtsextreme die Sicherheitskräfte, die das Bundestagsgebäude schützten, überraschten. Auf Fotos, die nun eingeblendet werden, sieht man, dass die Menge wohl mehr als hundert Demonstranten umfasst. Dann wird das Filmstück vom Anfang der „Heute“-Sendung wiederholt. Diesmal erwähnt der Kommentar, was man zu Beginn nur bei genauem Betrachten erkennen konnte, dass nämlich die Aufnahme von einem der Demonstranten stammte, der sie ins Netz stellte. In der längeren Fassung, die nun zu sehen ist, hört man, wie jemand „Wahnsinn“ ruft, während er die Stufen hinaufläuft. Bleibt die Frage, warum das ZDF mit diesem Propaganda-Material von der Aktion seine Nachrichtensendung aufmachte?

 

Bild 89. September 2020

Hoch lodert das Feuer in den Nachthimmel. Die Kamera, die das aufnimmt, steht in einiger Entfernung zum Brandherd. Im Vordergrund des Bildes sind Bäume und Sträucher zu erkennen. Unter dem weiß leuchtenden Zentrum des Brandes sind Gebäude zu erkennen. In der folgenden Einstellung ist die Kamera nah an den Brand herangerückt. Zu sehen ist, wie links und rechts Zelte lichterloh brennen. Die Kamera bewegt sich schnell nach rechts. Auch dort brennt alles. In der nächsten Einstellung gehen im Bildvordergrund schwerbepackte Menschen, die vor dem Hintergrund des Brandes nur als Silhouetten zu sehen sind, nach rechts. Die Menschen, die vor dem Feuer fliehen, sind Geflüchtete, die im Zeltlager Moria auf der griechischen Insel Lesbos untergekommen waren. Das größte Flüchtlingslager in der Europäischen Union war seit Monaten heillos überfüllt. Daran erinnert der Beitrag in der 19.00-Uhr-„Heute“-Ausgabe dieses Tages, der von dem Brand in der Nacht zuvor berichtete. Die unwürdige Situation in diesem Lager war wie das Elend der Geflüchteten generell aus den Schlagzeilen des Corona-Jahres größtenteils verschwunden.

 

Bild 929. Oktober 2020

Die Handy-Kamera befindet sich in einem Haus gegenüber der Basilika Notre-Dame de l’Assomption in Nizza, sie zeigt in starker Aufsicht einen Seitenausgang der Kirche. In dem kurzen Filmstück, das in der ARD-„Tagesschau“ gezeigt wurde, ist zu sehen ist, wie zunächst ein Polizist die kleine Treppe zum Ausgang hochläuft, dann stoppt, um sich wieder zurückzuziehen. Nun kommen vier seiner Kollegen nacheinander rückwärts gehend mit gezogenen Pistolen aus dem Gebäude. Es hat den Anschein, dass sie durch die geöffnete Tür in die Basilika schießen. Dabei verletzen sie den Attentäter schwer, der in dieser Kirche zuvor eine Besucherin und den Küster mit einem Messer ermordet hatte. Eine weitere Kirchenbesucherin konnte zunächst schwerverletzt fliehen, verstarb aber wenig später. Der Attentäter soll die eintreffenden Polizisten bedroht und dabei „Allahu Akbar“ gerufen haben. Es handelt sich um einen 21-jährigen Tunesier, der erst kurz zuvor aus Italien kommend nach Frankreich eingereist war. Er war über das Mittelmeer nach Italien geflüchtet, wo er wegen einer Corona-Erkrankung in Quarantäne genommen wurde, aus der er dann nach Frankreich aufbrach. Zwei Wochen zuvor war in einem Pariser Vorort von einem anderen Attentäter ein Lehrer ermordet worden, weil er im Unterricht Mohammed-Karikaturen behandelt hatte. Der Mörder veröffentlichte stolz bei Twitter ein Bild des Opfers. Wenig später wurde er von Polizisten erschossen. Der aus Tschetschenien stammende junge Mann hatte mit seiner Familie in Frankreich Asyl beantragt.

 

Bild 106. November 2020

Ein Auftritt wie immer, wenn er im Pressezimmer des Weißen Hauses in Washington zu den akkreditierten Journalisten spricht. Das Gesicht tief gebräunt, die blonden Haare zu einer Tolle toupiert, den Kopf leicht schief haltend. Links steht die US-Flagge. Die Rückseite der Stühle, auf dem die Pressevertreter sitzen, tragen eine Warnaufschrift wegen Corona. Drei Tage zuvor fand die Präsidentschaftswahl in den USA statt. Bei der noch laufenden Auszählung der Stimmen führt der demokratische Herausforderer Joe Biden. Doch der republikanische Noch-Amtsinhaber Donald Trump, der sich an diesem 6. November im Weißen Haus, live übertragen vom Fernsehen, zur Wahl äußert, feiert sich selbst als Sieger. Das, was für ihn nicht sein kann, existiert in seiner Vorstellungswelt nicht. Man könnte das als Regression in die Welt eines Kleinkindes bezeichnen, das glaubt, wenn es die Decke über den Kopf zieht, dann sei die Außenwelt verschwunden. Man könnte es aber auch als die Übersteigerung jener Allmacht begreifen, die Trump als Fernsehmoderator der NBC-Show „The Apprentice“ inszeniert hatte – somit wäre das performative Spiel dieser Reality-Show für ihn zur politischen Wirklichkeit mutiert. Die meisten Fernsehsender zogen, noch während Trump sprach, die Konsequenz aus diesem Lügengerede mit seinen haltlosen Anschuldigungen und schalteten die Live-Übertragung aus dem Weißen Haus vorzeitig ab. Am 20. Januar wird Joe Biden in Washington als neuer US-Präsident vereidigt werden.

23.01.2021/MK

Print-Ausgabe 3-4/2021

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