Vom Nutzen und Nachteil der Unbefangenheit

Der Briefwechsel von Elisabeth Noelle und Fred von Hoerschelmann

Von Lutz Hachmeister
23.12.2021 •

In seinem neuen „Retro-Archiv“ hält der SWR einen „Abendschau“-Film aus dem Jahr 1964 parat, der mit dieser Frage beginnt: „Glauben die Menschen in der Bundesrepublik noch an die große Liebe – und erleben die Menschen noch die große Liebe?“ Antwort der prominenten Haupt-Persönlichkeit des Beitrags: „Einen Augenblick, das wollen wir gleich auszählen!“ Es rattert die Lochkartenmaschine auf Bestellung der Fernsehreporter und Elisabeth Noelle, verheiratete Neumann, gibt bekannt: „Wir haben hier 1100 Frauen und Männer befragt und fast die Hälfte, 45 Prozent, glauben an die große Liebe und haben sie auch selbst erlebt.“ Zwischendurch Schnittbilder von einer schwarzen Katze, von Schild­kröten und drei Kleinkrokodilen in einem Terrarium des Allensbacher Instituts am Bodensee.

Die Allensbacher Frau mit den Kleinkrokodilen und im eleganten Pelzmantel, zweimal Titelfigur des „Spiegel“, „die Noelle“, war alles mögliche: Weltreisende, erfolgreiche Unternehmerin, Grande Dame der Demoskopie in Deutschland, Präsidentin internationaler Organisationen der politischen Kommunikationsforschung, Begründerin einer eigenen „Mainzer Schule“, Nostradamus-Anhängerin, Helmut-Kohl-Vertraute. Feministinnen könnten an ihrer – besonders gemessen an der heute in akademischen Formalia verblassten Medien- und Kommunikationswissenschaft – außerordentlich schillernden Biografie ihre helle Freude haben, hätte sie nicht beständig vor den Folgen eines sinistren Wertewandels im Gefolge der 68er-Bewegung gewarnt. Sex & Drugs & Rock’n’Roll waren ihre Sache nicht, das „Gendern“ hätte sie als lächerlich empfunden, sie war keine Simone de Beauvoir oder Patricia Highsmith, sondern blieb die adrette Großbürgerstochter, aber mit spezifischem Unabhängigkeitsverlangen und Wissbegierde.

Die einflussreichste deutsche Kommunikationsforscherin

Menschen sind nur glücklich, wenn sie zielbewusst arbeiten können, und sich nicht desorientiert hängen lassen, so eine ihrer Lebensmaximen – damit war sie erstaunlich nahe bei Hannah Arendt. Und so arbeitete sie, zunächst eher solitär als Journalistin, nach 1945 mit zahlreichen Assistentinnen, Kofferträgern und Mitarbeitern versehen, mit enormem Fleiß in die Öffentlichkeit hinein. „Public Opinion“ wollte sie mit zahlreichen empirischen Experimenten und Befragungen systematisch enträtseln, berichtete aber auch von mystischen Engelserscheinungen, die ihr widerfahren waren. Es spricht für ihren eigenwilligen Kampfesmut, dass sie sich gegen Ende ihrer langen öffentlichen Karriere immer wieder unbefangen in Talkshow-Situationen (des für sie eo ipso „gefährlichen“ öffentlich-rechtlichen Fernsehens, dem Musterfall eines „mächtigen Mediums“) hineinbegab, die aufgrund ihres esoterisch-damenhaften Auftretens und ihrer politischen Grundpositionen aber rituell im Noelle-Neumann-Bashing endeten.

Den intensivsten Briefwechsel ihres Lebens führte die Publizistik-Professorin und Meinungsforscherin über Dezennien hinweg, von 1932 bis 1975, mit dem Literaten und Hörspielautor Fred von Hoerschelmann. Der gebürtige Baltendeutsche, Geburtsjahrgang 1901, war eine Zeitlang einer der Stars der Radiophonie („Das Schiff Esperanza“, „Flucht vor der Freiheit“), und ist in jüngster Zeit zumindest in Fachkreisen wiederentdeckt worden (vgl. diesen MK-Artikel). Hagen Schäfer und Ralph Erich Schmidt haben den Briefwechsel jetzt in einer voluminösen (1106 Druckseiten) und erfreulich intensiv kommentierten Ausgabe des Wallstein-Verlags herausgegeben. Schäfer ist Germanist und Hoerschelmann-Experte, Schmidt ist Psychotherapeut und nicht zuletzt der Großneffe von Noelle. Er hält das Andenken an seine Großtante mit bemerkenswerter Energie aufrecht, hat eine informative Website über ihr Leben aufgebaut und es nach zahllosen Unterlassungsklagen unter anderem erreicht, dass eine offenbar recht schlampig gearbeitete Noelle-Biografie des Sozialwissenschaftlers Jörg Becker vom schließlich entnervten Schöningh-Verlag wieder vom Markt genommen werden musste. So verfügt die Fachwelt bis heute über keine anerkannte Gesamtdarstellung zu der mit Abstand einflussreichsten deutschen Kommunikationsforscherin.

Tatsächlich ist diese Briefwechsel-Edition, auch wenn man über Dutzende elegisch-impressionistischer Demarchen aus den Blütenstaubzimmern (vor allem von Seiten Hoerschelmanns) hinwegkommen muss, die treffendere Einführung in den Typus Noelle. Es beginnt sehr aufgeräumt und fröhlich mit einem ersten Schreiben des jungen Mädchens am 19. Juni 1932 – sie ist gerade einmal sechzehn – aus der Berlin-Lichterfelder Limonenstraße nach Hapsal (Estland), und dieser Brief sei einmal ausführlicher zitiert, weil in ihm schon die ganze Noelle kenntlich wird:

„Sehr verehrter Herr Hoerschelmann! Ja – nun werden Sie erst einmal nicht wissen, wer Ihnen hier eigentlich schreibt, und wenn sie die Unterschrift besehen, werden sie auch nicht schlauer. Natürlich nicht! Denn sie kennen mich nicht und ich kenne Sie eigentlich auch nicht, d.h. ich habe ein Bild von ihnen in der ‘Funkstunde’ gesehen. Es fiel mir auf, da man dort sonst nur wichtig aussehende Männer mit Glatzen und Sängerinnen mit Dauerwelle vorgesetzt bekommt. – Übrigens, Ihr ‘Urwald’ habe ich nicht gehört. Sicher eine unverzeihliche – Unterlassungssünde, nicht wahr? [...] Übrigens bin ich für klare Angelegenheiten. Trotzdem beabsichtige ich nicht, Ihnen meine Lebensbeschreibung zuzusenden. Aber irgendwas von mir muß ich wohl sagen: Also: 16 Jahr, Obersekunda, trotzdem oder deswegen sehr vergnügt und nicht ohne Recht. Ich liebe nämlich Berlin sehr und lebe zudem ohne eigenes Verdienst in einem wundervollen Haus mit Riesengarten (klingt beinah wie eine Verkaufsanzeige). Übermäßig viel arbeiten tu ich auch nicht gerade.“

Die Abwehr jeglichen Konformitätsdrucks

Der geschmeichelte Hoerschelmann ist von der forschen und attraktiven Gymnasiastin bald entzückt, man wechselt zum Vornamen („Liebe Elisabeth“ – „Lieber Fred“), Noelle berichtet aufgekratzt und detailfreudig von ihrer Schulzeit in Elite-Institutionen (unter anderem Salem), wo sie sich bereits gegen die Folgen sozialdemokratisch-reformfreudiger „Disziplinlosigkeit“ wendet, und schon 1933 kommt es zu einem Face-to-face-Treffen. Der Hörspielautor will bald offenkundig mehr von ihr als sie von ihm, nennt sie später einmal „Tigerlein“, sie hält ihn auf freundliche Distanz – der Briefwechsel wird fortgesetzt. Noch vor ihrem Abitur hat die Briefpartnerin an Hoerschelmann geschrieben: „Ich sträube mich davor, eingereiht zu werden in die Masse, Gemeinschaft liebe ich nur, wenn ich darüber stehe.“ Das wird dann ihr Lebensthema als Demoskopin und Publizistik-Wissenschaftlerin: die Abwehr jeglichen Konformitätsdrucks, nach 1945 vor allem von links.

Hoerschelmann wiederum definiert sich ein ums andere Mal als apolitisch, sieht sich im anhebenden NS-Regime zunehmend an den Rand gedrückt, als dessen sozialpsychologische Grundlage er bereits im Mai 1933 den „Hass gegen alles Klügere und Feinere“ definiert, „das dieser bestimmte dickbäuchige Menschenschlag einfach nicht begreift“, obwohl er dem „ganzen Elan dieser Revolution“ anfangs durchaus Kredit geben möchte.

Noelle beginnt ihr Zeitungswissenschafts-Studium in Berlin bei Emil Dovifat, liest „Tonio Kröger“ von Thomas Mann und ganz unmerklich kehrt sich das Verhältnis der Briefpartner um: Sie wird dominierender, aktivistischer, Hoerschelmann immer verzagter. Spätestens seit ihrem Journalistik-Auslandsstudium in den USA (1937/38), dann mit ihrer Demoskopie-Dissertation von 1940 und frühen Redakteursarbeiten bei der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ (DAZ) wird sie der Star im Briefwechsel. In den USA wird sie Konformität und den Öffentlichkeitsdruck der Mehrheit (oder später, je nachdem, aktivistischer Minderheiten, wie in ihren „Schweigespiralen“-Theoremen) gleichsetzen, eine für sie kardinale Erfahrung. Am 28. Februar 1938 schreibt sie von Columbia, Missouri, aus an Hoerschelmann: „Um abends um halb elf stehen vor jedem Hauseingang der nüchternen Backstein- oder Holzhäuser mehrere sich küssende Paare – auch das geschieht in der Öffentlichkeit, vollkommen unverhüllt. Die unbedingte Öffentlichkeit, das ist die Versicherung der Menschen hier: Nichts kann vorgehen, das ihnen verborgen bliebe. [...] Es kann recht quälend werden, diese Öffentlichkeit.“

„Dieser Mann ist auch ein fanatischer Nationalsozialist“

Gemessen an dem Aufsehen, das Noelle als wackere Verteidigerin des NS-Regimes in US-Studentenblättern und Diskussionsveranstaltungen sogar international erregte – ergänzt dann um schlichte Pseudo-Erkenntnisse zur jüdischen Dominanz im US-Pressewesen in ihrer Dissertation und in weiteren journalistischen Artikeln vor 1945 –, war sie wahrscheinlich die berühmteste deutsche US-Austauschstudentin aller Zeiten. Sie fühlte sich stets in dieser Angelegenheit missverstanden und von zahlreichen „Kampagnen“ zumeist jüdischer Wissenschaftler gegen sie nach 1945 verfolgt. Das ist alles weitgehend erforscht.

Aber es findet sich auch diese Passage im Hoerschelmann-Briefwechsel: 1936, als Noelle kurzzeitig in Königsberg studierte, schreibt sie über den SS-Dozenten Franz Alfred Six (1909-1975), der damals gerade in Ostpreußen ein Ein-Mann-Institut für Zeitungswissenschaft aufgezogen hatte: „Zu gleicher Zeit ist aber hier mein Zeitungswissenschaftler von ungeheurer Arbeitswut besessen – und verlangt das Gleiche von uns – es ist eine Mühe, das zu vereinigen. [...] Dieser Mann ist auch ein fanatischer Nationalsozialist. Manchmal stehn selbst mir die Haare zu Berge. Übrigens ist er Berliner – ich glaube. Ich erzählte Dir – er kommt immer extra am Donnerstag zu seinen Übungen hergereist – das ist sein Nebenberuf“. Nun wird man nicht mehr klären können, ob Noelle wusste, was der Hauptberuf von Six war – seinerzeit Chef der Abteilung „Presse und Museum“ in Heydrichs SD-Hauptamt, schon damals mit guten Gestapo-Verbindungen –, in jedem Fall ist die Briefpassage erstaunlich offenherzig.

Auch Vater Ernst Noelle, Jurist und Filmunternehmer, geht ihr mit seiner zunehmenden Regime-Begeisterung zu weit, wie man einem Brief vom Februar 1943 entnehmen kann: „Will ich Dir doch sagen, dass es mich bedrückt, mit meinen Eltern in der Zeit jetzt nicht sprechen zu können, insbesondere nicht mit meinem Vater, der ganz und gar von den Thesen unserer Propaganda umfangen ist; [...] so war er vor kurzem am Frühstückstisch nicht abgeneigt, Erwägungen, die nach seiner Angabe schweben sollten, angesichts der hohen Verluste an der Front die Ehe eines Mannes mit zwei Frauen zu legalisieren, zu verteidigen.“

So ganz einfach ist es nicht mit der jungen Noelle und dem NS-Regime: in den USA trotzige Affirmativität, dann wieder Opportunismus bei Gelegenheit, Wegducken, wenn es bequem erschien, auch häufig das „strategische Krankwerden“, wenn es Konflikte mit diversen Zensurinstanzen gab. Ihre beruflichen Stationen nach der DAZ führen sie vom NS-Vorzeigeblatt „Das Reich“ als Innenpolitik-Schriftleiterin zur „Frankfurter Zeitung“ bis hin zum obskuren Zeitschriften-Projekt „Tele“ beim Auswärtigen Amt. Der Briefwechsel mit Hoerschelmann bringt hier auch nur bedingt Aufklärung, immerhin weiß man dadurch, wo sich Noelle gerade aufhielt, gegen Kriegsende zumeist im vergleichsweise idyllischen Bad Schandau in der sächsischen Schweiz; im nahegelegen Krummhübel recherchiert sie im März 1944 im ausgelagerten Archiv des Ribbentropschen Außenamtes.

Nach Kriegsende ist es für Hoerschelmann, der 1938 die Baroness Liselotte von Buxhoeveden geheiratet hatte und 1942 zur Wehrmacht eingezogen worden war (aber nicht an die Front musste), nicht einfach, wieder publizistisch und ökonomisch Fuß zu fassen, er wird von Noelle und vor allem ihrem Ehemann Erich Peter Neumann, den sie beim „Reich“ kennengelernt hatte (später CDU-Bundestagabgeordneter), aber großzügig unterstützt. Ihrer neuen Karriere als Allensbach-Demoskopin und Unternehmerin steht er bewundernd gegenüber. Jetzt wird der Briefwechsel im Hoerschelmann-Ton mitunter sogar unterwürfig: „Meine liebe Elisabeth, ich bin ganz gerührt, dass Du meine viel zu langen Briefe überhaupt durchliest. Ich habe manchmal Bedenken, sie abzuschicken, einfach aus Angst, dass sie Dich langweilen könnten. Aber wenn Du es erlaubst, habe ich wieder Mut“ (8. Mai 1947). Dann kommt eine Hörspiel-Renaissance in den 1950er Jahren, vor allem beim Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) und Süddeutschen Rundfunk (SDR), und Hoerschelmann kann sich sogar ausgedehnte Auslandsaufenthalte in Teneriffa und Südamerika leisten.

Den letzten Geheimniskrämereien ein Ende bereiten

Eine der skurrilsten Konstellationen deutscher Universitäts-Geistesgeschichte Anfang der 1960er Jahre sollte sich ergeben, als Theodor W. Adorno gerne die immer noch aparte Elisabeth Noelle aufgrund ihrer Fachkenntnisse der „Gallup-Methoden“ mittels eines Habilitationsprojekts in sein Frankfurter Soziologenreich eingliedern möchte – da spielten die bekannten antijüdischen Ausfälle der Kandidatin offenbar keine Rolle, es ging um übergeordnete Wissenschaftsstrategie im Kampf deutscher Soziologie-Fraktionen. Die Habilitation kommt nicht zustande, der Vorgang bleibt noch zu erforschen.

Die Herausgeber des Briefwechsels weisen auf Noelles Standardwerk „Umfragen in der Massengesellschaft“ (Rowohlt, 1963) hin, das wohl aus den Arbeiten an der geplanten Habilitation entstand. Noelle rächt sich, indem sie Adorno später in ihrer Autobiografie als widerwärtigen Grabscher darstellt. (In aktuellen Konstellationen hätte der Mann keine Chance mehr auf eine akademische Karriere.) Noelle wird stattdessen 1965 Publizistik-Professorin in Mainz, gefördert von Helmut Kohl (CDU) und vom Sozialdemokraten und Ex-SDR-Intendanten Fritz Eberhard. Als Fred von Hoerschelmann 1976 starb, kommunizierte Elisabeth Noelle noch mit Marcel Reich-Ranicki über einen Nachruf in der FAZ und mit dem Tübinger Oberbürgermeister über eine Grablegung auf dem Stadtfriedhof von Tübingen, in die Ruhestätte von Noelles Bruder Dieter, der ohnehin von dort aus nach Allensbach umgebettet werden sollte. Die Bitte wurde aus bürokratischen Gründen abgelehnt.

Alles in allem genommen, sind Noelle-Briefe und -Notizen – über die Hoerschelmann-Korrespondenz hinaus – eine einzigartige wissenschafts- und zeithistorische Quelle. Und die in solchen Fragen etwas lendenlahme Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sollte doch einmal großzügig Mittel bereitstellen, damit eine Noelle-Gesamtausgabe ediert werden kann, zum Nutzen und Frommen nachkommender Kommunikationswissenschaftler. Dann könnte der Noelle-Nachlass aus Piazzogna (Tessin) in ein öffentlich besser zugängliches Archiv transferiert werden, um auch den letzten Geheimniskrämereien um ihre multiple Karriere ein Ende zu bereiten.

23.12.2021/MK

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