Vom Klatsch zum Kultursalon

Zum Tod der Münchner Verlegerin und Journalistin Anneliese Friedmann

Von Karl-Otto Saur
22.11.2020 •

Wer heute die Sendlinger Straße im Münchner Zentrum entlanggeht, bräuchte einen guten Stadtführer, um einen Hauch von dem mitzubekommen, was diese Straße einst geprägt hat. Nachdem im April 1945 die letzten Bomben auf die schon reichlich vorhandenen Trümmer gefallen waren, begann sich in den Kellerräumen des Hauses der Nummer 80 neues Leben zu regen, genauer gesagt: Zeitungsleben.

Hier war einst der Redaktionssitz der „Münchner Neuesten Nachrichten“, einem eher liberalen Blatt, das dem Geistesleben der Stadt entsprach, bis die Nazis die Vertreter dieser Haltung aus der Stadt vertrieben hatten. Nach dem Ende der braunen Diktatur entstand hier am 6. Oktober 1945 die erste Nummer der „Süddeutschen Zeitung“, die bald das Kunststück fertigbrachte, an die liberale Tradition des alten Blattes anzuschließen und gleichzeitig die Vorstellung der Amerikaner von einer freien demokratischen Presse in Deutschlands zu etablieren.

Drei Jahre später entstand im selben Haus eine weitere Zeitung, mit dem harmlosen Titel „Abendzeitung“ – ein Titel aber, aus dem man, wenn wollte, die Andeutung herauslesen konnte, dass die Unterhaltung der Leser hier mindestens genauso wichtig sein sollte wie die Politik, denn abends wollen sich die Menschen nach den Mühen des Tages ja gerne unterhalten. Beide Zeitungen, die SZ und die AZ, wie sie abgekürzt wurden, waren von einem Namen geprägt: Werner Friedmann. Friedmann gehörte nicht zu den Gründungsmitgliedern der „Süddeutschen Zeitung“, wurde allerdings in der Besatzungszeit von den amerikanischen Presseoffizieren nachträglich ausgesucht und übernahm nur wenig später die Chefredaktion. Der Aufstieg der „Süddeutschen“ zur wichtigsten Zeitung Süddeutschlands war damit gesichert.

Einsatz für Emanzipation und Frauenrechte

Und so wie häufig in der Geschichte Macht und Liebe aufeinandertreffen, so verliebte sich Werner Friedmann in eine junge Volontärin, die er in einem Journalistenkurs unterrichtet hatte. Sie hieß Anneliese Schuller, aber nur bis zu dem Tag im Jahr 1951, als sie Werner Friedmann heiratete. Sie sollte eine Journalistin werden, die die deutsche Publizistik prägen würde. Anneliese Friedmann ist am 7. November im hohen Alter von 93 Jahren in München gestorben.

Unter dem Pseudonym „Sibylle“ schrieb sie anfangs in der „Süddeutschen Zeitung“, bei der sie das Modejournal leitete, eine Kolumne, in der politische Fragen zwar eher selten vorkamen, die freilich politisch eine große Wirkung entfaltete. Insbesondere die Leserinnen erfuhren aus ihren Beiträgen, wie sie sich in einer männlich dominierten Arbeitswelt behaupten konnten, sie lernten, dass Nachgeben nicht eine natürliche Eigenschaft ist, dass Auseinandersetzung und Kampf auch nicht unattraktiv machen.

Kein Wunder jedoch, dass Anneliese Friedmann mit ihren Kolumnen nicht nur Frauen auffiel. Henri Nannen, damals schon Chefredakteur bei der Hamburger Illustrierten „Stern“, wurde auf sie aufmerksam und machte ihr das Angebot, ihre Kolumne im „Stern“ zu einem vielfach höheren Honorar zu veröffentlichen. Von 1960 bis 1970 erschien ihre Kolumne im „Stern“. Es war die Zeit, als das Blatt sich vermehrt in politische Diskussionen einmischte, als im Jahr 1971 der berühmte Titel „Wir haben abgetrieben“ erschien, der Pressegeschichte schrieb. Anneliese Friedmann setzte sich bei ihrer journalistischen Tätigkeit stets für Emanzipation und Frauenrechte ein. Sie wurde für ihre Arbeit mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bayerischen Verdienstorden, dem Publizistikpreis der Landeshauptstadt München und dem Henri-Nannen-Preis (für ihr Lebenswerk).

Als Werner Friedmann 1969 starb, geriet ihr bis dahin gewohntes Leben aus den Fugen. Sohn Johannes wie auch die beiden Töchter Anemone und Florentine waren noch zu jung, um die Redaktion und die Geschäfte der Münchner „Abendzeitung“ zu übernehmen. Aber sie stellte sich auch dieser Herausforderung und übernahm die Herausgeberschaft der „Abendzeitung“. Sie blieb bis 2014 Herausgeberin des als liberal geltenden Blattes und, zusammen mit ihrem Sohn, bis zuletzt auch Mitgesellschafterin der „Süddeutschen Zeitung“.

Die Verlegerin aus der Fernsehserie „Kir Royal“

Aber Anneliese Friedmann war noch ein ganz anderes Engagement wichtig. Ihre Überzeugung, dass eine gute Zeitung auch in ihrer Stadt auch persönlich präsent sein muss, machte sie zu einer gerühmten und berühmten Gastgeberin, die die Tradition der Kultursalons wieder aufleben ließ. Vor allem im Kulturbereich versammelte sie ihre Gäste in ihrem Haus in Harlaching. Es war der Treffpunkt für alle, die ihrer Meinung nach eine Rolle im Münchner Kulturleben spielen sollten.

Gerade diese Mischung aus Bussi-Gesellschaft, Geschäft und Presse reizte den Filmemacher Helmut Dietl, eine in der Münchner Schickeria spielende Fernsehserie zu drehen, die unter dem Titel „Kir Royal“ in der bayerischen Metropole schnell zum Tagesgespräch wurde. Im Mittelpunkt stand dabei der von Franz Xaver Kroetz gespielte Klatschjournalist „Baby“ Schimmerlos, der mit seinem Fotografen Herbie (Dieter Hildebrandt) die Aufträge der Verlegerin Friederike von Unruh (Ruth Maria Kubitschek) erfüllte. Wie für eine Satire notwendig, orientierte sich Dietl nahe an der Realität, reicherte die Handlung mir ironischen Seitenhieben an. Die „Abendzeitung“ lieferte die Blaupause für das Klatschblatt von „Baby“ Schimmerlos (die „Münchner Allgemeine Tageszeitung“) und niemand anderes als Anneliese Friedmann galt als Vorbild für Friederike von Unruh.

Alle Beteiligten ahnten, dass diese ARD-Serie (die wurde 1986 erstmals ausgestrahlt) auch über München hinaus ein großer Erfolg werden würde. So wurde auch im Hause Friedmann heftig darüber diskutiert, ob man die Persönlichkeitsrechte der Familie vor Gericht reklamieren sollte, um eine Ausstrahlung zu verhindern. Man unterließ es. Doch auch zum Glück für Anneliese Friedmann ist dadurch ein filmisches Dokument erhalten geblieben, dass längst nicht alle Aspekte dieser großen Frau widerspiegelt, aber dennoch an eine Zeit erinnert, die sie entscheidend mitgeprägt hat.

22.11.2020/MK

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Karl-Otto Saur, 76, arbeitete nach dem Besuch der Münchner Journalistenschule von 1972 an als Redakteur bei der „Süddeutschen Zeitung“ in München. Von 1975 bis 1989 war er bei dem Blatt für die Medienseite (damals „Hörfunk und Fernsehen“) verantwortlich. Anschließend leitete er für ein Jahr das Feuilleton der Münchner „Abendzeitung“, bevor er 1990 nach Hamburg zum „Spiegel“ wechselte, für den er bis 1992 tätig war. Danach machte er sich in München mit einem Journalistenbüro selbständig.

22.11.2020/MK

Print-Ausgabe 1/2021

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