Vom Archiv an die Spitze

Zum Tod des früheren ARD‑Programmdirektors Dietrich Schwarzkopf

Von Karl-Otto Saur
25.01.2020 •

Wer Dietrich Schwarzkopf kannte, erlebte ihn als einen durchaus selbstbewussten Mann. So war es für seinen Nachfolger im Amt des ARD-Programmdirektors, Günter Struve, höchst erstaunlich, von seinem Vorgänger bei der Amtsübergabe (1992) zu hören, dass er ihm leider ein ungelöstes Personalproblem hinterlassen müsse. Struve, der sich nicht zuletzt durch seine Erfahrungen in der Berliner SPD mit Personalproblemen auszukennen glaubte, versicherte seinem Vorgänger, das Problem werde vom ihm schnell erledigt werden.

Doch was er erfahren musste, war, dass der Begriff „schnell“ sehr dehnbar ist. Denn ein Programmdirektor der ARD ist zwar letztendlich verantwortlich für das Programm, das inzwischen unter dem Namen „Das Erste“ ausgestrahlt wird, aber in allen Landesrundfunkanstalten sitzen eigene Programmdirektoren und Chefredakteure, die darauf bestehen, dass die Interessen ihrer Sender sich im Gesamtprogramm widerspiegeln. Das führt zu langen (und häufig auch ermüdenden) Diskussionen. Und da müssen interne Probleme, die nicht mit einem Federstrich erledigt werden können, manchmal einfach zurückstehen.

Eine Überzeugung nach außen vertreten

Dietrich Schwarzkopf, geboren am 4. April 1927, hatte das typische Schicksal eines Menschen, der in das Deutschland zur Zeit der Nazi-Herrschaft hineinwuchs. Er war gerade 18 Jahre alt geworden, als der Zweite Weltkrieg endlich beendet war, er hatte gerade noch das Notabitur ablegen können. Im Chaos dieser Zeit bekam er durch Beziehungen eine Volontärsstelle beim Preußischen Geheimen Staatsarchiv in Berlin-Dahlem. Die Arbeit gefiel ihm, so dass er anschließend in das Archiv der gerade in Berlin gegründeten Zeitung „Der Tagesspiegel“ wechselte.

Nach einem Jura-Studium kehrte er zum „Tagesspiegel“ zurück, aber nicht mehr ins Archiv. Als politischer Journalist entdeckte er für sich das Medium Radio. Für den Deutschlandfunk ging er daher 1962 nach Bonn, um in der damaligen Hauptstadt die politische Berichterstattung für den Sender zu übernehmen. In einer solchen Position ist es fast unvermeidlich, dass man immer wieder auch auf die Politiker trifft, die in den Schaltzentralen der Parteien für die Medienpolitik zuständig sind. Und für viele von ihnen ist Medienpolitik vor allem Personalpolitik. Keine Partei ist bereit, auf die Positionen zu verzichten, die vorher in Parteigremien und Freundeskreisen ausgekungelt wurden.

Im Jahr 1966 wurde Dietrich Schwarzkopf so Programmdirektor beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) in Hamburg. Allerdings nicht für den Hörfunk, sondern für das Medium, das den Politikern schon lange weit wichtiger erschien: das Fernsehen. War der NDR ja nicht nur Sitz für die „Tagesschau“-Redaktion, sondern auch der Sender, der mit „Panorama“ das seinerzeit wichtigste (und häufig umstrittene) Politmagazin der ARD ausstrahlte. Gerade in der beginnenden ideologischen Auseinandersetzung mit der sogenannten 68er-Generation hatten die Akteure auf allen Seiten erkannt, welchen Einfluss das Medium Fernsehen besaß. Und zwar nicht nur in der politischen Berichterstattung, sondern bis hinein in die Bereiche der Unterhaltung oder auch des Fernsehspiels.

Zelebrierte Gastfreundschaft

Gerade in diesem Bereich hatten Redakteure und Autoren entdeckt, wie man auch mit Fernsehspielen die politische Diskussion fördern oder sogar anheizen konnte. NDR-Programmverantwortliche wie Egon Monk oder Dieter Meichsner stellten sich bewusst dieser Aufgabe, ohne den künstlerischen Anspruch aufzugeben. Immer wieder musste Dietrich Schwarzkopf erleben, wie ‘sein’ Programmbereich in die Kritik geriet. Manche waren enttäuscht, weil sie geglaubt hatten, in ihm einen konservativen Gesinnungsgenossen gefunden zu haben. Aber so einfach machte es Schwarzkopf niemanden.

Vielleicht lag es an seinem Entschluss, 1946 als junger Mann, der bis dahin der evangelischen Kirche angehört hatte, sich zum katholischen Glauben zu bekennen. Diese Erfahrung prägte ihn. Er wusste, was es heißt, eine Überzeugung auch nach außen zu vertreten, wenn sie andere nicht nachvollziehen können. Aber er vergaß auch nie in diesen Fragen die andere Seite, die ihre Religiosität nicht in Frage gestellt haben mochte. Diese Grundhaltung des entschiedenen Ausgleichs war vielleicht der Grund für Schwarzkopfs weiteren Aufstieg in der Hierarchie der ARD. 1974 wurde er stellvertretender Intendant beim NDR. Stellvertreter gibt es viele in der ARD, aber beim NDR war es damals ein Hauptberuf mit wesentlich mehr Einfluss als bei anderen Sendern, wo die Stellvertretung in der Regel eine Abwesenheitsvertretung ist.

Vier Jahre später wurde Schwarzkopf Nachfolger des legendären Hans Abich als ‘Programmdirektor Deutsches Fernsehen’, wie der Posten des ARD-Programmdirektors, Dienstsitz München, offiziell genannt wird. Abich, der von allen wegen seiner konzilianten Art hochgeschätzt war, wollte sich den wachsenden Querelen und Eifersüchteleien innerhalb der Landesrundfunkanstalten, die die ARD bilden, nicht länger aussetzen. Sein Nachfolger Schwarzkopf hatte da zweifellos ein dickeres Fell. So unterschiedlich die beiden waren, sie schlossen – unabhängig von ihren Aufgaben – später eine Art Altersfreundschaft. In der Münchner Medienszene sah man sie häufig zusammen auftreten.

Das lag vermutlich daran, dass sie beide auf trefflichste Weise Gastfreundschaft zu zelebrieren wussten. Abich in einer Villa am Nymphenburger Kanal in München. Schwarzkopf in einer Villa hoch gelegen über dem Starnberger See mit einem offenen Blick bis zu den Alpen: Hier „empfing“ er Gäste, die sich durch die Pracht nicht abgeschreckt fühlen sollten, sondern in angemessener Kulisse nach Lösungen suchen sollten, die allen gerecht werden könnten.

Aber Dietrich Schwarzkopf war kein Mensch, der sich irgendwann glücklich zurücklehnte, um die Welt mehr oder weniger zufrieden zu betrachten. Immer wieder folgte er dem Ruf, wenn er glaubte, gebraucht zu werden. So ein Ruf erfolgte beispielsweise vom Vorstand der Deutschen Journalistenschule, die bereits seit Jahren von der ARD finanziell unterstützt wurde, als ein neuer Vorstandvorsitzender gesucht wurde. Er übernahm für mehr als ein Jahrzehnt den Vorsitz im Vorstand. Wenn man die Mitarbeiter in allen ARD-Landesrundfunkanstalten zählt, die einst ihre Ausbildung an der Münchner Journalistenschule genossen haben, findet man ein weiteres Beispiel dafür, dass Dietrich Schwarzkopf ein Talent in seinem Berufsleben besaß, fast immer auf das richtige Pferd zu setzen.

Seine kirchliche Verwurzelung nutzte er im Übrigen, um in seinem Nebenamt als Leiter der Konferenz zur Koordination kirchlicher Sendungen in der ARD – er hatte diese Funktion von 1978 bis 1992 inne – die Kirchenvertreter in den Redaktionen und Gremien zu stärkeren Leistungen, zu besserer Präsentation, zu originellerer Themenwahl anzuspornen. „Das Bibelquiz bei RTL kann doch nicht die einzige Neuerung in der Präsentation von Religion und Kirche im Fernsehen sein“, spöttelte er aufmunternd vor Verantwortlichen im Herbst 1991 in Mainz.

Rundfunkhistorie und Medienpolitik

Und als Dietrich Schwarzkopf die meisten seiner zahlreichen Ämter aufgegeben hatte, begann er einen neuen Abschnitt seines Lebens – als Autor. Er schrieb nicht seine Erinnerungen, nein, er mischte sich in viele Diskussionen und aktuelle Debatten ein. Dabei kam ihm auch das Amt als Vorsitzender der Historischen Kommission der ARD zugute. Hier konnte er seine Kenntnisse aus der Geschichte des Rundfunks ideal mit den aktuellen Rundfunkproblemen verbinden.

Als seine Zeit an der Spitze der ARD zu Ende ging, wurde ihm noch eine Aufgabe anvertraut, die er sich selbst sehr gewünscht hatte. Er wurde stellvertretender Präsident des deutsch-französischen Kulturfernsehsenders Arte in Straßburg (1991 bis 1994). Hier konnte Schwarzkopf alles verbinden, was er sich vorgestellt hatte. Eine Verbesserung des deutsch-französischen Verhältnisses, vor allem im Bereich der Kultur, seine Liebe zur französischen Lebensart (und der französischen Küche) sowie aktive Teilnahme am Kulturleben. 

Auch nach dem Ende des Engagements bei und für Arte lehnte er sich nicht zurück. Im Gegenteil, er meldete sich immer wieder zu Wort. Er äußerte sich zu medienpolitischen Fragen, er schrieb ein rundfunkhistorisches Standardwerk, rief manches in Erinnerung, was nicht vergessen werden sollte und blickte dabei auch immer mal wieder selbstkritisch zurück. Von seinem Fachwissen profitierte auch die „Medienkorrespondenz“ (früher: „Funkkorrespondenz“), für die er oftmals Texte beisteuerte. So schrieb er vor zehn Jahren einen Artikel unter dem Titel „Wie der Parteienproporz in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kam“. Es lohnt sich heute noch, diesen Text nachzulesen: als spannenden Rückblick und als notwendige Warnung.

Am 21. Januar starb Dietrich Schwarzkopf im Alter von 92 Jahren in Starnberg.

25.01.2020/MK