Ultimative Bewunderung

Ein Münchner „Polizeiruf 110“ gewinnt den Wettbewerb des Fernsehfilm-Festivals Baden‑Baden

Von Steffen Grimberg
20.12.2021 •

Eigentlich war, Corona zum Trotz, fast alles wie früher: Die nominierten Filme beim Fernsehfilm-Festival Baden-Baden (22. bis 26. November) konnten dank 2G-plus-Hygienekonzept wieder vor Publikum gezeigt werden, anschließend folgte die öffentliche Jury-Diskussion und auch die angereisten Filmemacher kamen wie immer im Baden-­Badener Kurhaus, dem mondänen Veranstaltungsort, zu Wort. Bis zum Nachmittag des Abschlusstages lief alles wie geplant. Nach den Erfahrungen mit dem pandemiebedingt rein digital veranstalteten Festival vom vorigen Jahr (vgl. diesen MK-Artikel) gab es dabei gleich noch erfreuliche Neuerungen: Die Website des Fernsehfilm-Festivals verlinkte die meisten Wettbewerbsbeiträge direkt mit der 3sat-Mediathek zum Abruf für Daheimgebliebene und die Jury-Diskussionen wurden live gestreamt.

Ausgerechnet am Abend der Preisverleihung aber, als schon alles fast über die Bühne schien, übernahm dann Corona doch noch die Regie. Aufgrund der rasant steigenden Infektionszahlen und entsprechender neuer Vorschriften in Baden-Württemberg musste die eigentlich vor Publikum geplante Veranstaltung kurzfristig abgesagt und die Preisverleihung wieder – wie im vorigen Jahr – digital zelebriert werden.

Und plötzlich zwei Favoriten

Doch es blieb auch so spannend. Denn wer die Diskussion der Jury unter dem letztmaligen Vorsitz der Medienmanagerin Christiane von Wahlert mitverfolgt hatte, war zum Schluss noch einmal hellhörig geworden. „Jackpot“, der letzte Beitrag im Wettbewerb der insgesamt zwölf nominierten Filme, brachte als Roadmovie um die bei einem Abschleppunternehmen arbeitende Maren (Rosalie Thomass) auf einmal alle in Wallung. Thrillerähnlich lief da ein Krimi fast ohne Polizei und Ermittler. Dafür mit gleich mehreren zutiefst menschlichen Geschichten, die aus den einen Jäger und den anderen Gejagte machten. Die Jury überschlug sich mit Lob – und plötzlich gab es zwei Favoriten. Den ARD-Film „Jackpot“ (SWR) hatte Emily Atef nach einem Drehbuch von Frédéric Hambalek inszeniert (vgl. MK-Kritik).

Am Ende fiel die Wahl dann doch auf den Altmeister: Die Jury vergab den Hauptpreis an die Münchner „Polizeiruf-110“-Folge „Bis Mitternacht“ (ARD/BR) von Regisseur Dominik Graf. Das Drehbuch zu dem Krimi stammte von Tobias Knieb. Und die Jury – deren Mitglieder waren neben Christiane von Wahlert noch der Fernsehkritiker Volker Bergmeister, die Schauspielerin und Produzentin Sara Fazilat, der Regisseur, Autor und Produzent Adrian Goiginger und die Dramaturgin Julia Grünewald – sparte in ihrer Begründung für die Preisvergabe nicht mit ultimativer Bewunderung: „Ein Film wie aus einem Guss. Inszenierung, Bildsprache, Schnitt, Einsatz von Stilmitteln, schauspielerische Leistungen – hier stimmt alles“, hieß es da.

Sonderpreise für Thomass und Thoma

Für die von Rosalie Thomass in „Jackpot“ brillant gespielte Maren gab es von der Jury dann immerhin einen Sonderpreis für die herausragende darstellerische Leistung. „Jackpot“ war aber auch Favorit der studentischen Jury, die in guter Tradition ihr Votum mit einem filmpolitischen Statement verknüpfte. Die Mitglieder dieser Jury kamen von der Filmakademie Baden-Württemberg, der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) München, der Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“ und der Hochschule für Gestaltung Offenbach.

Die Studentenjury zeichnete bewusst Anja Dihrberg für ihr Casting bei „Jackpot“ aus und verband dies mit einem Appell für mehr Diversität im Fernsehen: „Unterschiedliche Körperformen, kulturelle und religiöse Backgrounds und Menschen, die in anderen Hautfarben gelesen werden, müssen einen größeren Teil unserer Geschichten einnehmen.“ Denn öffentlich-rechtliche und private Sender, in alten wie auch neuen Medien, hätten immer noch ein Millionenpublikum und dabei erreiche „das Fernsehen auch genau die Generation, die der zeitgenössische Diskurs der Diversität kaum berührt“. In Jackpot“, so die Studentenjury weiter, „sehen wir eine Hauptdarstellerin, die als Frau endlich einmal nicht Kleidergröße S trägt. Das sollte nicht erwähnenswert sein, ist es aber leider, wenn man sich die Wettbewerbsfilme anschaut.“

In der Tat repräsentierte das Tableau der zwölf Wettbewerbsfilme in Baden-Baden wieder einmal den zwar hochwertigen, aber doch wenig von größerer Aufbruchstimmung getriebenen deutschen Fernsehfilm-Durchschnitt. Den darf der Preis der 3sat-Zuschauer gerne auszeichnen und das geschah auch zielsicher, denn die vom TV-Publikum vergebene Auszeichnung ging an Bjarne Mädels Regie-Debüt „Sörensen hat Angst“ (ARD/NDR; Buch: Sven Stricker; vgl. MK-Kritik).

Die Abbildung gesellschaftlicher Diversität

Ein weiterer Sonderpreis ging an Ruth Thoma für ihr Drehbuch zur Krebs-Fehldiagnosen-Komödie „Ruhe! Hier stirbt Lothar“ (ARD/WDR; Regie: Hermine Huntgeburth; vgl. MK-Kritik). „Wie entsetzlich, Lothar darf nicht mit Chopin-Musik sterben und wie eine seiner marokkanischen Kacheln zum Muster Gottes werden. Er muss leben!“, schreibt die Jury dazu und lobt die von Ruth Thoma erdachten „verblüffenden und poetischen Szenarien darüber, wie dieses neu entdeckte Leben einem in die Fresse hauen kann“. Damit kreiere sie „eine Tonalität, die bei uns einen Suchtreflex nach weiteren Erzählungen dieser Art im deutschen Fernsehen auslöst“. Stimmt. Auch wenn die Jury hier wie bei allen Begründungen arg in die Phrasenkiste greift: Mehr Lachen tut Not im Fernsehfilm.

Denn er steht vor großen Herausforderungen. Der von der Studentenjury angeprangerte Mangel an Diversität ist nur eine davon. Dies machte auch die diesjährige Diskussion zum Thema „Schlecht gealtert, gut gemeint? Diskriminierung im alten und Political Correctness im neuen Fernsehfilm“ klar. In der Debatte brach sich immer wieder die Frage Bahn, wie gesellschaftliche Diversität heute realistischer abgebildet werden könnte. Dabei sollte es doch eigentlich vor allem um die Frage gehen, wie mit rassistischen Inhalten oder extrem stereotypen Rollenbildern in alten Fernsehfilmen umgegangen werden soll. Müssen sie im Archiv bleiben und dürfen nicht das Licht der Mediathek erblicken? Bedarf es einer umfänglichen geschichtlichen Einordnung oder reicht ein Hinweis zu Beginn? Dazu diskutierten Claudia Tronnier (Arte), die Schauspielerinnen Dela Dabulamanzi und Gisa Flake, Helge Albers, Geschäftsführer der Moin Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, und NDR-Fiction-Chef Christian Granderath. Und wie das Gespräch der Runde zeigte, steht diese Diskussion noch ganz am Anfang, darf aber keinesfalls in Richtung vorschneller, zensurähnlicher Beschränkungen der Kunstfreiheit gehen.

Mehr Freiheit nehmen sich in Baden-Baden traditionell die Filme um den von der Medien- und Filmgesellschaft (MFG) Baden-Württemberg ausgelobten Regie-Nachwuchspreis MFG-Star. Die Fernsehregisseurin und Autorin Sherry Hormann entschied sich als Einzeljurorin dafür, die Auszeichnung an den Film „Die Saat“ von Mia Maariel Meyer zu vergeben. „Die Saat“ (SWR/Arte, Buch: Hanno Koffler) erzählt von der gefährlichen Freundschaft der Bauarbeiter-Tochter Doreen mit dem neureichen Nachbarmädchen Mara. Außerdem für den MfG-Star nominiert waren diesmal „Toubab“ (ZDF/Arte) von Florian Dietrich (Regie, Buch) und Arne Dechow (Buch), „Monday um Zehn“ (BR/Arte) von Mareille Klein (Regie, Buch) und „Borga“ (SWR/Arte) von York-Fabian Raabe (Regie, Buch) und Toks Körner (Buch).

Ehrenpreis für Wiedemann und Berg

Und dann schwebte natürlich auch in diesem Jahr wieder die Serie über Baden-Baden. Der vom Stifter und Festivalveranstalter, der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste, vergebene Ehrenpreis für herausragende Leistungen ging an Quirin Berg und Max Wiedemann. Die Auszeichnung für die beiden Produzenten, so Festivalleiterin Cathrin Ehrlich, sei durchaus als Statement zur weiteren Öffnung des Baden-Badener Festivals in Richtung Fernsehserien gemeint: „Es soll ein Zeichen dafür sein, dass auf dem Festival andere, neue Formate und Senderplattformen willkommen sind.“ Die Produktionsfirma Wiedemann & Berg, die auch viele gute Fernsehfilme realisiert hat, stand zuletzt auch besonders für Serien wie „Dark“ (Netflix), „Der Pass“ (Sky), „4 Blocks“ oder „Para – Wir sind King“ (beides TNT Serie; der Sender heißt mittlerweile Warner TV Serie).

Dass die Schauspielerin Maria Furtwängler am Preisverleihungsabend in Baden-Badener Kurhaus ihre launige Laudatio auf Quirin Berg und Max Wiedemann dann in einem leeren Saal ohne Publikum halten musste, war natürlich nicht geplant. Doch die spontan-digitale Verleihungsveranstaltung, wie immer von RBB-Moderator Knut Elstermann geleitet, hat auch als Netz-Erlebnis ihren Reiz (siehe: www.fernsehfilmfestival.de).

Die Causa Abich

Zum „Ehrenpreis“ ist anzufügen, dass er diesen neuen und vorläufigen Namen sehr kurzfristig erhielt. Eigentlich geht es hier um den Hans-Abich-Preis, der in Baden-Baden seit 2004 „für herausragende Verdienste um den Fernsehfilm“ verliehen wird. Nachdem kurz vor dem diesjährigen Festival die „Zeit“ in ihrer Ausgabe vom 11. November 2021 einen größeren Artikel zur NS-Vergangenheit des Filmproduzenten und ARD-Programmdirektors Hans Abich veröffentlichte, entschied die Akademie am nächsten Tag, die Auszeichnung bis auf Weiteres als „Ehrenpreis für herausragende Leistungen“ zu vergeben (vgl. hierzu diesen MK-Artikel). Abich war Initiator und Mitbegründer des Fernsehfilm-Festivals Baden-Baden. Die Akademie will die Recherche-Ergebnisse der „Zeit“ umfassend prüfen lassen und aufarbeiten. Wenn die Überprüfung in der Causa Abich keine gravierenden Gesichtspunkte ergebe, solle der Ehrenpreis im nächsten Jahr wieder als Hans-Abich-Preis vergeben werden, hieß es weiter.

Dass Corona dann doch dazu führte, dass der Schluss und damit auch der Höhepunkt des Festivals dann ohne Publikum stattfinden musste, war sehr bedauerlich. Aber: „Wir haben das Beste daraus gemacht. Es war die richtige Entscheidung“, sagte Cathrin Ehrlich. Und was für eine. Denn das bedeutete für sie einen Abschied ohne größere Preisverleihung vor Publikum – nach 27 Jahren sagt Ehrlich Baden-Baden ade. Seit 1994 war sie Mitarbeiterin beim Fernseh-Filmfestival, das damals noch unter „Baden-Badener Tage des Fernsehspiels“ firmierte, seit 2015 ist sie die Leiterin. Und unternahm den für Baden-Baden mutigen Schritt, beim klassischen 90-minütigen Fernsehfilm zu bleiben, aber die Serie alljährlich mit zu thematisieren und in Bezug dazu zu setzen.

Dabei bleibt für Cathrin Ehrlich der Fernsehfilm eine „einzigartige Kunstgattung“. Ehrlich ging es stets darum, wie sie sagt, die „Serie nach vorne zu bringen, ohne den Neunzigminüter abzuwerten“. Wobei sie im Gespräch mit der MK offen zugibt, dass sie mit Beginn des Serienbooms vor einem halben Jahrzehnt die Tage des Fernsehfilms gezählt sah. „Heute bin ich optimistischer“, erklärt sie, denn Serie wie Fernsehfilm stünden vor den gleichen Herausforderungen und konkurrierten um knapper werdende Aufmerksamkeit im immer ausdifferenzierten Medienangebot. Hier machten sich bei manchen Serien „Ermüdungserscheinungen“ breit. „Der lange Plot-Aufbau, vor allem wenn er im Mittelmaß verharrt, ist nicht für alle spannend“, sagt Ehrlich diplomatisch: „Ich bin mittlerweile sehr froh, wenn ich ein Stück in 90 Minuten zu Ende erzählt bekomme.“

Abschied für Cathrin Ehrlich

Was ihr im Rückblick auf die jüngere Vergangenheit allerdings fehlt, ist der Mut. Angemahnt werde er seit Jahren, so Ehrlich. Und dann erläutert sie: „Leider hat sich nicht viel geändert. Aber das liegt nicht an den Büchern oder dem fehlenden Mut der Macherinnen und Macher. Das eine oder andere Happy-End, das wir auch hier in Baden-Baden zu sehen bekommen haben, stand ursprünglich nicht so im Drehbuch. Und ich wage zu behaupten: Es sind dann Quotenentscheidungen.“ Die im Übrigen selten wirklich aufgehen. „Mut, Kreativität und Experimentierfreude“ mahnte auch Hans-Jürgen Drescher an, der Präsident der Deutschen Akademie für Darstellende Künste: „Dazu gehört auch, dass die Notwendigkeit des Wandels nicht durch Spar- und Strukturdebatten in Frage gestellt wird.“

Den Wandel in Baden-Baden, hoffentlich ohne Spar-, aber durchaus mit Strukturdebatten, werden von nun andere gestalten. Der Kulturmanager Urs Spörri, der unter anderem auch für das Filmfest München, den Max-Ophüls-Preis und die in Simmern im Hunsrück veranstalteten „Heimat Europa Filmfestspiele“ arbeitet, übernimmt ab 2022 die künstlerische Leitung des Fernsehfilm-Festivals. In der Geschäftsführung rückt Daniela Ginten nach, die auch die Geschäfte der Akademie verantwortet. Ihnen gibt Cathrin Ehrlich für die Zukunft des Festivals mit auf den Weg: „Wir sollten uns öffnen für Serien, für Streaming-Anbieter und vielleicht für andere Auswahlkriterien beim Wettbewerb.“ Und weil ein gemeinsamer Wettbewerb mit Einzelstücken und Serien keinen Sinn macht, regt sie den strukturellen Wandel gleich mit an: „Ich denke, dass man einen zusätzlichen Wettbewerb etablieren sollte.“

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Die 12 Wettbewerbsfilme beim Fernsehfilm-Festival Baden-Baden

Sörensen hat Angst (ARD/NDR)

Ruhe! Hier stirbt Lothar (ARD/WDR)

Jackpot (ARD/SWR)

Freunde (ARD/HR)

Geliefert (ARD/BR/Arte)

Polizeiruf 110: Bis Mitternacht (ARD/BR)

Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution (ARD/MDR/BR/Degeto)

Bring mich nach Hause (ZDF)

An seiner Seite (ZDF/Arte)

Waidmannsdank (ORF/ZDF)

Eden für jeden (SRF)

Aus Haut und Knochen (Sat 1)

20.12.2021/MK

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