Systemsprenger

31. Fernsehfilm‑Festival Baden‑Baden: Hauptpreis für einen SWR‑„Tatort“

Von Steffen Grimberg
20.12.2019 •

Seit beim Fernsehfilm-Festival Baden-Baden der Hans-Abich-Preis verliehen wird, läuft bei der großen Abschlussgala immer ein Trailer mit knorzigen Aussprüchen des legendären ARD-Programmdirektors und Intendanten. Da sieht man Abich dann gern mal in verrauchter Runde sitzen und „Ideen und gute Machart sind nicht allein vom Geld abhängig“ sagen. Abich (1918-2003) wusste ja, wovon er sprach. Intendant war er schließlich beim finanziell nie auf Rosen gebetteten Kleinsender Radio Bremen, der trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – als kreative Kaderschmiede der ARD galt. Mit manchen seiner Sprüche war Abich geradezu visionär: „Der deutsche Rundfunk kann nicht von mir verteidigt werden – er muss sich in seiner Alltagsarbeit verteidigen“, ist so ein Spruch. Ganz allmählich kommen auch die Anstalten selbst auf diesen Trichter.

Nun geht es in Baden-Baden, wo mit Blick auf die diesjährigen zwölf nominierten Filme sicherlich nicht alle zu den wirklich stärksten des Fernsehjahrgangs 2019 zählten, nicht nur um Alltagsarbeit, im Gegenteil. Aber auch wenn der Anspruch, stets das Beste in Sachen Fernsehfilm des auslaufenden Programmjahres zu zeigen und vor allem öffentlich zu diskutieren, nicht ganz eingelöst wurde: In Baden-Baden geht es schon um das Besondere, auch das Besondere, das alltagstauglich ist. Und dem trugen die Preisentscheidungen des diesjährigen 31. Fernsehfilm-Festivals (25. bis 29. November) sehr wohl Rechnung.

Eine gewitzt philosophische Zeitschleifengeiselnahmegeschichte

Das begann bereits mit dem 3sat-Zuschauerpreis, der 2019 an die ZDF-Produktion „Stumme Schreie“ ging. Der Film von Johannes Fabrick (Regie) und Thorsten Näter (Buch) behandelt das Thema Kindesmisshandlung so einfühlsam wie packend und überzeugte damit das 3sat-Publikum. Auch in diesem Jahr strahlte 3sat wieder die Baden-Badener Wettbewerbsfilme in seinem Programm aus, damit die Zuschauer abstimmen konnten, welche Produktion ihnen am besten gefiel. (Nicht ausgestrahlt werden konnte aus rechtlichen Gründen der Privatsenderbeitrag „Ein ganz normaler Tag“ von Sat 1.)

Den Nachwuchs-Regiepreis „MFG-Star“, gestiftet von der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg, gewann mit „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt ein Stoff, der schon vom ersten Augenblick an herausragte. Bereits das Drehbuch (ebenfalls von Nora Fingscheidt) hatte den renommierten Emder Drehbuchpreis gewonnen, beim Europäischen Filmpreis 2019 zählte „Systemsprenger“ zu den nominierten Produktionen für den besten Film und bei der Berlinale 2019 hatte er den Silbernen Bären gewonnen. Die Geschichte der elfjährigen Benni, die nicht weiß, wohin mit ihrer Wut und deshalb ein System nach dem anderen sprengt, zeigt, was ein Film immer noch kann. Wenn er nur will. „Systemsprenger“ entstand in Koproduktion mit der ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“. Jurorin für den „MFG-Star“ war in diesem Jahr die Regisseurin Hermine Huntgeburth („Teufelsbraten“, „Männertreu“).

Auch die anderen dieses Jahr in Baden-Baden preisgekrönten Filme sprengen – alle auf ihre Art – gängige Systeme. Im Hauptwettbewerb ging ein Sonderpreis für herausragende künstlerische Leistungen an Dietrich Brüggemann für Buch, Regie und Musik bei der „Tatort“-Folge „Murot und das Murmeltier“ (ARD/HR). Die Jury des Hauptwettbewerbs lobte die „so intelligente wie spannende, gewitzt philosophische und spielerisch selbstreferentielle Zeitschleifengeiselnahmegeschichte, die durch die Darstellung der Routinen des Polizeifilmformats ebendieselben aufhebt“. Der „Tatort“ mit Kommissar Murot (Ulrich Tukur) erhielt auch den Preis der Studentenjury, die in ihrer Begründung unter anderem befand: „‘Murot und das Murmeltier’ schafft etwas, das öffentlich-rechtlichen Produktionen viel zu selten gelingt: eine Seherfahrung zu schaffen, die mitreißt und unterhält, die Tiefgang ohne pädagogische Überdeutlichkeit liefert und generationenübergreifend Zielgruppen anspricht“.

Schauspielerpreis für Karl Markovics

Und der Hessische Rundfunk zeigt mit seinem in der ARD ziemlich einmaligen Beharren auf einer kompletten In-house-Eigenproduktion beim Fernsehfilm, welche kreative Flughöhe sich dadurch erreichen lässt – bis hin zur vom HR-Rundfunksinfonieorchester kongenial eingespielten Musik für diesen Murot-„Tatort“, die, so die Jury des Hauptwettbewerbs, „dem Film Rhythmus und tongewordene Struktur gibt“. Dass Medien wie die „Bild“-Zeitung sich mittlerweile routinemäßig als Anwalt der Nicht-Verstehenwollenden geben und bei HR-„Tatorten“ schon reflexhaft die Frage „Ist ein ‘Tatort’ ohne Leiche überhaupt ein Krimi?“ in den Raum bellen, auch das darf getrost als Auszeichnung verstanden werden. So wie es Liane Jessen, bis Frühjahr 2019 HR-Fernsehspielchefin, heuer in Baden-Baden auf den Punkt brachte: „Man hat uns angefleht, bitte auch mal normales Fernsehen zu machen. Ich darf aber überhaupt nicht normales Fernsehen machen, wenn ich mich gegen Amazon und Netflix behaupten will.“ Angesichts der von der Spielfilmkoordination der ARD postulierten, aber zum Glück nicht konsequent eingehaltenen Zurückhaltung bei experimentellen Ansätzen darf man für jeden dieser Filme dankbar sein.

Auch der von der Hauptjury vergebene Sonderpreis für herausragende schauspielerische Leistungen sprengt gewissermaßen das System. Nicht nur dadurch, dass hier mit „Das Wunder von Wörgl“ endlich einmal wieder ein federführend vom Österreichischen Rundfunk (ORF) produzierter Film auf dem Treppchen stand. Die Geschichte des von Karl Markovics, der den Sonderpreis erhielt, grandios gespielten Bürgermeisters der Tiroler Kleinstadt Wörgl zog wirklich in den Bann. Da erfindet ein ehemaliger Lokomotivführer mitten in der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre eine alternative Geldwirtschaft. Das System in Gestalt der Österreichischen Nationalbank schlägt zwar unerbittlich und am Ende erfolgreicher zurück. Doch dieses „Wunder von Wörgl“ wirkt bis heute fort. Und der Film von Urs Egger (Regie) und Thomas Reider (Buch) zeigt ganz nebenbei, dass das Fernsehen immer noch auch ein vermeintlich sprödes und höchst anspruchsvolles Thema packend umsetzen kann (koproduzierende Sender waren BR, Arte, SRF und RAI Südtirol).

Hans-Abich-Preis geht an Julia von Heinz

Keineswegs systemkonform war denn auch der Hauptpreis von Baden-Baden, der ‘Fernsehfilm-Preis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste’. Er ging ebenfalls an einen „Tatort“, an die SWR-Folge „Für immer und Dich“. Diese Geschichte eines sexuellen Missbrauchs, durchwoben von gegenseitiger Abhängigkeit und zunehmender Gewalt, aus der sich die junge Frau schließlich selbst befreien kann, verlangt den Zuschauern etwas ab. Die eigentliche Krimigeschichte – bei „Für immer und Dich“ handelt es sich um den vierten Fall des Schwarzwald-Teams vom SWR – tritt gnädig in den Hintergrund. Der Film (Buch: Magnus Vattrodt) „erlaubt in klugem Maß, sich selbst ein Bild zu machen“, so Jurorin Heike Hupertz, er schaffe „Freiräume der eigenen Verantwortung“. Ganz nebenbei ist er Roadmovie und poetische Reflexion auf die Selbstverständlichkeit, „dass wir in einer multiethnischen Gesellschaft leben“, so die Jury.

Dass „Für-immer-und-Dich“-Regisseurin Julia von Heinz in diesem Jahr zugleich auch mit dem Hans-Abich-Preis ausgezeichnet wurde, hätte den alten Knorzer wahrscheinlich diebisch gefreut. Denn die 43-jährige von Heinz ist nicht nur die bislang jüngste Preisträgerin, die mit dieser Auszeichnung geehrt wurde, sondern auch die andere große Systemsprengerin – nicht nur von Baden-Baden. Niemand kann dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk so radikal kritisch wie liebevoll den Spiegel vorhalten, wie sie es bei ihrer Dankesrede beim Abich-Preis tat.

„Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist eine der großen Errungenschaften unserer Demokratie“, so Julia von Heinz. Heute richte er sich aber am Willen einer Mehrheit aus, die das lineare Fernsehen nutzt: „Aber wer ist diese Mehrheit? Die Mehrheit sind heute Menschen im letzten Drittel ihres Lebens und diese sind – noch – einigermaßen zufrieden mit dem, was ihnen hier geboten wird.“ Nämlich einem „Programm, immer noch ausgedacht und inszeniert zu über 70 Prozent von weißen heterosexuellen Männern aus Westdeutschland zwischen 40 und 60“ – und deren Perspektive widerspiegelnd. „Ich finde diese Perspektive wichtig und sehenswert!“, betonte Julia von Heinz: „Aber andere Perspektiven nicht weniger.“

Wem gehört der öffentlich-rechtliche Rundfunk?

Man sollte, so von Heinz, „statt einer aussterbenden Marktquote, welche die Quote der älteren Generation ist“, doch einmal versuchsweise andere Quoten anlegen, um beispielsweise migrantische oder schwule und lesbische Perspektiven zu Wort kommen zu lassen. Oder – ganz kühn – die von jungen Menschen zwischen 15 und 30, die immerhin rund 22 Prozent der Bevölkerung ausmachten. „Die Streamer wissen das und binden mit jeder neuen Serie neue junge Zuschauer und Gruppen an sich, die sich in den einheitlichen Perspektiven, die ihnen in ARD und ZDF geboten werden, nicht mehr wiederfinden“, so die Abich-Preisträgerin in ihrer Rede: „Netflix hat Diversität und Gleichstellung als Kriterium definiert. Warum? Das ist nicht nur eine Frage der political correctness, sondern auch eine wirtschaftliche Frage. Der Konzern weiß, dass durch die Öffnung zu neuen Bilderwelten mehr und jüngeres Publikum angesprochen werden kann. Weil sie die Innovationskraft kennen von Menschen, die bisher nur vom Rand aus zuschauen durften.“

Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk wie bisher weitermache, trage er sich selbst zu Grabe, sagte von Heinz: „Aber das dürfen wir nicht hinnehmen, denn der öffentlich-rechtliche Rundfunk gehört uns nicht. Er gehört der nachfolgenden Generation, die wir sehenden Auges von ihm entfremden.“ Nur an die Zeit bis zur eigenen Pensionierung zu denken, das sei „ein Vergehen an denjenigen, die diese Institution eines Tages noch viel dringender brauchen werden, als wir heute“.

Leider war im Saal des Baden-Badener Kurhauses bis auf den just am Tag der Preisverleihung in den Ruhestand gehenden SWR-Programmdirektor Christoph Hauser kein öffentlich-rechtlicher Gewaltiger anwesend, den die fulminante Rede hätte anstacheln können, selbst zum Systemsprenger zu werden. Bleibt abzuwarten, was das nächste Jahr diesbezüglich in Baden-Baden bringen wird. Die Jury des Festivals hat seit diesem Jahr mit Christiane von Wahlert eine neue Vorsitzende. Die frühere Geschäftsführerin der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO) und derzeitige Leiterin der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung wird die Jury auch 2020 und 2021 besetzen und leiten.

20.12.2019/MK