Stimmen, Geister und Gespenster

Die drei Finalisten des Hörspielpreises der Kriegsblinden 2018

Von Jochen Meißner

13.05.2018 • Die Erscheinungsform, in der uns Charaktere im Hörspiel gegenübertreten, ist eine gespenstische und geisterhafte, aber nicht unbedingt eine körperlose. Denn natürlich hört man den Stimmen ihre Gestalt an, manchmal auch ihre Herkunft, ihre Erfahrung und ihr Alter. Jede Stimme hat in ihrem je eigenen Frequenzspektrum ihre akustische Materialität. Bevor man die Stimmen im Echoraum eines Aufzeichnungsmediums fixieren konnte, gehörten sie einem Bereich an, den man als das Übernatürliche oder das Spirituelle bezeichnete. Zur Kommunikation musste man sich in spiritistischen Sitzungen eines sogenannten Mediums bedienen.

Dass sich alle drei der zum diesjährigen Hörspielpreis der Kriegsblinden nominierten Stücke mehr oder weniger explizit mit dieser geisterhaften Konfiguration des Medialen beschäftigen, ist überraschend. So sah sich Jan Wagner bei den Recherchen zu seinem Stück „Gold. Revue“ als „Gastgeist unter lauter Gespenstern“ und auch in John Burnsides Hörspiel „Coldhaven“ ist die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Toten unscharf und verschwommen. Katja Brunners Figuren in ihrem Hörspiel „Geister sind auch nur Menschen“ bewegen sich zwischen Leben und Tod, allerdings auf einer viel konkreteren Ebene als die in den poetischen Sphären von Wagner und Burnside. Ein deutscher Lyriker, Jahrgang 1971, ein schottischer Romancier, Jahrgang 1955, und eine Schweizer Dramatikerin, Jahrgang 1991, beschäftigen sich auf ihre je eigene Weise mehr oder weniger explizit mit dem Geisterhaften – inszeniert von drei Regisseuren, mit ihren ebenfalls eigenen Handschriften im radiophonen Medium.

Das Gold, das Robbenwesen und das Einzelkämpferleben

Leonhard Koppelmann beseelt in seiner Inszenierung von Jan Wagners lyrischem Stimmenspiel „Gold. Revue“, einer 75-minütigen Koproduktion von Deutschlandfunk (DLF) und Südwestrundfunk (SWR), das Gold mit der Stimme von Mechthild Grossmann. Ihr nimmt man die geologischen Zeiträume ab, in denen es unverändert und unveränderbar als Katalysator sozialer Verhältnisse fungiert. Wagner erzählt von einer kurzen Episode im Kalifornien Mitte des 19. Jahrhunderts, in der das Gold hochreaktiv war und für rauschhafte Zustände sorgte: „Das Land verbraucht die Menschen schnell“, heißt es im Hörspiel und nach einem Leben zwischen Huren, Missionaren und „Läusen groß wie Chilibohnen“ erzählt ein toter Goldgräber auch noch sechs Fuß unter der Erde von seinem Schicksal, bevor auch er Teil der Geologie wird. Seinen Revue-Charakter bekommt das Stück durch die Songs von Sven-Ingo Koch, in denen man das Echo von „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ aus der Oper von Bertolt Brecht und Kurt Weill nachklingen hört.

Im fiktiven schottischen Dorf Coldhaven, dem Schauplatz von John Burnsides gleichnamigen Originalhörspiel, einer 62-minütigen Produktion des SWR mit unter anderem Felix Goeser, Johannes Silberschneider und Corinna Harfouch, geschehen nicht weniger sündige Dinge als in Wagners Revue. „Heimgesucht von den Stimmen der Lebenden und der Toten, der Menschen und der Vögel und der Robbenwesen“ entwickelt die Geschichte um ein ertrunkenes Mädchen und einen Jungen, der als Geist wiederkehrt, ihre verhängnisvolle Dynamik. Die Bibliothek des Dörfchens, und damit sein Wissensspeicher, wird abgerissen. Die Bücher werden für einen guten Zweck, der nichts mit Büchern zu tun hat, versteigert. Was bleibt, ist der Briefträger – ein übriggebliebenes Übertragungsmedium aus der analogen Zeit. Er ist nicht mehr ganz richtig im Kopf und wahrscheinlich verantwortlich für den Tod des Mädchens, das er für ein Robbenwesen gehalten hat. Klaus Buhlert, der für Übersetzung, Bearbeitung und Regie verantwortlich zeichnet, belässt in seiner radiophonen Realisierung dem Text seine zauberische Fremdheit. Menschen sind auch nur Geister.

Objekte höherer Kräfte

Umgekehrt ist es in Katja Brunners Hörspiel „Geister sind auch nur Menschen“, einer 53-minütigen Produktion des Schweizer Rundfunks (SRF) unter der Regie von Erik Altorfer und mit der Komposition von Mario Marchisella. Ebenso wie man sich in Klaus Buhlerts „Coldhaven“-Inszenierung nie sicher sein kann, von welcher medialen Position die jeweilige Figur spricht – ob als Geist oder als Mensch –, so schwer ist auch bei Erik Altorfer die in einem Pflegeheim lebende Hauptfigur Frau Heisinger (Marion Breckwoldt) zu verorten. Denn nach einem „Hirnschlag/Schlaganfall/Hirnausfall“ kann sie eigentlich nicht mehr sprechen und monologisiert trotzdem „für sie, also mich, die Frau Heisinger“ vor sich hin. Nie hat man eine innere Stimme von einer so vertrackten Sprecherposition, die zwischen erster und dritter Person Singular schwankt, vor sich hinwüten hören: „Jetzt ist unfreiwilligerweise nur noch das Liegen beliebt bei meinem Körper und mir beliebt es nicht mehr zu liegen, ich möchte bitte gegangen sein dürfen.“

Auch die anderen Pflegeheim-Insassen in Katja Brunners Hörspiel empfinden sich als „Zukunftslosigkeiten, die an Rollatoren zusammenbrechen“. Das Geisterhafte an den auf ihre gebrechliche Körperlichkeit reduzierten Existenzen ist die Negation eben dieser Körperlichkeit durch die Pflegefachkräfte. Hämatome werden sarkastisch als Zeichen der Zuneigung gewertet, während umgekehrt Berührungen durch die Pflegebedürftigen als Übergriffe sanktioniert werden. Die Alten werden „benahrungsmittelt, bevormundet, bezogen und abgezogen“. Ausgerechnet die jüngste Autorin der drei Nominierten macht sich darüber Gedanken, was passiert, wenn Menschen „sich karrierebedingt für ein Einzelkämpferleben entschieden haben und sich der Kämpfer in ihnen verabschiedet“, und gibt gleich die Antwort: „Wer da nicht auf eigenen Kosten vorgesorgt hat, wird schwer nachzahlen müssen, wer da nicht ein soziales Flair mitbringt, wird schwer büßen müssen.“ Menschen sind auch nur Geister, Geister auch nur Menschen und beide sind Objekte höherer Kräfte, seien es die der Marktlogiken des Goldes bzw. des Geldes oder die eines magischen Weltverständnisses, in dem Medien immer noch mit dem Übernatürlichen im Bunde stehen. Beides keine schönen Vorstellungen.

13.05.2018/MK

Print-Ausgabe 16/2018

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