Spürbar lebendiger

Das dritte „TV-Triell“: Die Sendung bei Pro Sieben, Sat 1 und Kabel 1 profitiert von Veränderungen 

Von Dietrich Leder
21.09.2021 •

Wer sich von diesem dritten „TV-Triell“ zur Bundestagswahl, das am 19. September Pro Sieben, Sat 1 und Kabel 1 von 20.15 bis 21.45 Uhr live übertrugen, wenig bis nichts versprochen hatte, wurde positiv überrascht. Die drei Privatsender, die zum börsennotierten Unternehmen Pro Sieben Sat 1 Media SE gehören, hatten aus den Erfahrungen der nicht sonderlich überzeugenden ersten beiden Triell-Veranstaltungen etwas gelernt. Fünf Punkte seien im Folgenden erwähnt. 

Zum ersten fiel die Live-Übertragung kürzer aus als bei den anderen beiden Sendungen. Zum zweiten hielten die Moderatorinnen Claudia von Brauchitsch (Sat 1) und Linda Zervakis (Pro Sieben) ihre Fragen deutlich knapper als zuvor ihre Kolleginnen und Kollegen von RTL und vor allem von ARD und ZDF. Zum dritten setzten die Moderatorinnen diesmal stärker darauf, dass die drei Kanzlerkandidaten Armin Laschet (CDU), Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Grüne) auch untereinander ins Gespräch kamen. Zum vierten pointierten kleine Einspielfilme die Probleme der jeweiligen Themenfelder, um die es jeweils nachfolgend gehen sollte. Und zum fünften wies das Studio künstliche Fenster auf, durch die Fotos jene Außenwelt zumindest andeuteten, um die es im politischen Streit zu gehen hat.

Deutschland kreist um sich selbst

Die Themen allerdings ähnelten denen der ersten beiden Gesprächsrunden. Außenpolitik beispielsweise kam auch diesmal nicht vor. Deutschland kreiste auch bei diesem Triell wieder um sich selbst. Die kleinen Veränderungen jedoch belebten die Diskussion spürbar und ließen sie weniger ritualisiert ablaufen, als dass bei den ersten zwei Runden der Fall war. Das kam vor allem Annalena Baerbock entgegen, die sich diesmal besonders angriffslustig zeigte und zur Not Armin Laschet auch ein drittes Mal widersprach, wenn der ihre Gegenargumente beiseite wischen wollte: „Bleiben Sie mal den Fakten!“

Als eine der Moderatorinnen von Teuerungen sprach, die infolge neuer Klimaschutzmaßnahmen zu erwarten seien, und in Folge dessen den Milchpreis bei 2,10 Euro pro Liter ansetzte, konterte Baerbock rasch, dass eine solche Verdopplung nicht zu erwarten sei. Laschet und Scholz werden vermutlich den aktuellen Preis eines Liters Milch nicht so im Kopf gehabt haben, geschweige denn, dass auf die Hypothese der Moderatorin so schnell und so schlagfertig gekontert hätten. Souverän blieb die Grünen-Politikerin auch, als Claudia von Brauchitsch ihr sagte, sie solle sich kürzer fassen, weil sie bislang am meisten geredet habe, was aber nicht stimmte, wie die Einblendung der Redezeitanteile gerade anzeigte. Baerbock ignorierte diesen Lapsus der Moderatorin einfach, die ihren Fehler dann aber auch gleich zugab. (Im Vergleich mit Linda Zervakis machte Claudia von Brauchitsch durchgehend den schwächeren Eindruck; sie wirkte bei weitem nicht so konzentriert und ihre Fragen waren nicht so präzise.)

Ein „Micky-Maus“-Heft als Pointe des Abends

Während Annalena Baerbock im ersten Gesprächsteil, als es um die Sozialpolitik ging, oft eine gewisse Einigkeit mit Olaf Scholz zeigte, attackierte sie in Sachen Klimapolitik Scholz wie Laschet gleichermaßen. Es war ihr anzumerken, dass ihr Angriffsziel in dieser Runde die noch amtierende große Koalition aus CDU/CSU und SPD war, die nach Baerbocks Einschätzung abgewirtschaftet hat. Mehrfach betonte sie auch noch einmal das Ziel, mit dem sie ja angetreten ist: dass sie die nächste Kanzlerin werden wolle. Etwas, das sie bei den ersten beiden Triell-Runden weitgehend aus den Augen verloren hatte.

Armin Laschet, der deutlich merkbar an einer Erkältung litt und also mehrfach mit seiner Stimme zu kämpfen hatte, verzichtete, anders als insbesondere beim zweiten Triell, auf jeden direkten Angriff. Da er sich stets bemühte, die Komplexität von Verfahren – etwa bei der Festlegung des Mindestlohns oder zum Umgang mit der EEG-Umlage – zu betonen und diese auch darzustellen, wirkte er deutlich umständlicher als seine beiden Kontrahenten, die mit starken Signalen ihrer jeweiligen Politik punkteten. Versprecher, zu denen Laschet in der freien Rede gerne neigt, unterliefen ihm auch diesmal. So sprach er beispielsweise davon, wie Deutschland „klimaneutrales Industrieland“ bleiben könne, und gab damit als Ist-Zustand aus, was noch ein fernes Ziel der Umweltpolitik ist.

Auch Laschets Reaktion auf die Pointe des Abends, als Linda Zervakis mittels eines „Micky-Maus“-Heftes aus dem Jahr 1993 darauf hinwies, dass der Kinder-Comic sich schon damals mit dem Klimawandel und dessen Folgen beschäftigt habe, fiel viel zu umständlich aus, als er breit erwähnte, dass doch damals sein Parteifreund Klaus Toepfer als damaliger Umweltminister sich schon mit dem Thema beschäftig hätte – was nur die Folgenlosigkeit von dessen politischem Handeln bewies.

TV-Trielle – ein skurriles Unikum

Angesichts des schwächelnden Laschet fiel es Olaf Scholz leicht, seine Standardfloskeln von Respekt, Solidarität und dem notwendigen Strom für Zementfabriken abzuspulen. Er musste an keiner Stelle irgendeine Emotion zeigen noch sich größerer Angriffe erwehren. Stattdessen gab er sich schon wie der Kanzler einer Koalition, in der die Grünen seiner Ansicht und Erwartung nach nur der Juniorpartner sein werden, mit dem er schon irgendwie fertig würde.

Dass CDU und CSU nun auch mal in die Opposition gehen sollten, darin waren sich am Ende Baerbock und Scholz einig. Sie klangen da siegesgewisser, als sie es nach den Umfragen sein dürfen. Gewiss ist eines: Der Wahlabend am 26. September und vielleicht auch die Tage danach, in denen es um die Regierungsfindung gehen wird, werden spannender als das komplette Trio der Trielle. Und in ein paar Jahren wird sich herausstellen, dass diese TV-Trielle ein skurriles Unikum waren. (Das dritte Triell sahen bei den drei Sendern zusammengerechnet 4,07 Mio Zuschauer; der gemeinsame Marktanteil lag bei 12,8 Prozent).

21.09.2021/MK

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