Sportifizierung

Die US-Präsidentschaftswahl und ihre eher unpolitische Darstellung im Fernsehen

Von Dietrich Leder
27.11.2020 •

Zehn Tage, nachdem die letzten Wahllokale in den USA geschlossen hatten, gab CNN bekannt (und war sich mit allen führenden US-Sendern und Nachrichtenagenturen einig), dass nun bei der US-Präsidentschaftswahl 2020 auch die letzten noch ausstehenden Ergebnisse in einigen Bundesstaaten klar seien. Das ist zwar kein offizielles Ergebnis, kann aber als verlässliche Aussage des Ausgangs der Wahlen in den einzelnen Bundesstaaten gelten, so dass seit diesem Freitag, den 13. November, Joe Biden von der Demokratischen Partei darauf vertrauen kann, dass er über 306 Stimmen und damit die Mehrheit im Gremium der Wahlleute verfügt, das am 14. Dezember den US-Präsidenten wählen wird. Bidens Konkurrent, dem amtierenden Präsidenten Donald Trump, stehen dort hingegen nur 232 Personen zur Seite. Somit haben sich die Mehrheitsverhältnisse exakt umgedreht: Biden hat 2020 so viele Wahlleute hinter sich wie der Republikaner Trump vor vier Jahren.

Doch seine jetzige Niederlage will der amtierende Präsident immer noch nicht eingestehen. In bizarren Twitter-Nachrichten, die Trump am laufenden Band absandte, und auch bei Fernsehauftritten erklärte er immer wieder, dass Joe Biden nur durch Betrug die Wahl gewonnen haben könne. Das wurde schließlich denen, die diese Botschaften übermitteln, zu viel. Twitter versieht solche Nachrichten von Trump seit einiger Zeit mit dem Hinweis, dass dessen Äußerungen nicht mit den Fakten übereinstimmen. Und eine Reihe von US-Fernsehsendern stieg am 6. November aus der Live-Übertragung einer Pressekonferenz aus, in der Trump sich in einem mäandernden Monolog selbst feierte, den Kontrahenten von der Demokratischen Partei schmähte und erneut ohne jedweden Beweis behauptete, es seien Wahlergebnisse gefälscht worden.

CNN-Moderatoren an der „Magic Wall“

Darüber, ob der Ausstieg aus der Live-Übertragung richtig war oder nicht, wurde auch in Deutschland kritisch diskutiert. Selbstverständlich war der Abbruch der Übertragung der ohne irgendein sachliches Argument oder gar einen stichhaltigen Beweis vorgetragenen Suada von Trump in erster Linie eine emotionale Reaktion. Sie deutete an, wie viel Selbstverleugnung die Fernsehjournalisten im Umgang mit dem amtierenden Präsidenten in den vergangenen vier Jahren an den Tag legen mussten. Und sie signalisierte, dass die Autorität des Präsidenten, der die eigene Wahlniederlage nicht anerkennen will, deutlich gelitten hat. Er wurde nun so behandelt, wie man Lügenbolde und Schwätzer ohne jeden Charme und Witz stets behandeln sollte – mit Missachtung.

Die Niederlage von Donald Trump deutete sich spätestens an, als der auch hierzulande zu empfangende Sender CNN am 6. November (Freitag) um 10.30 Uhr deutscher Zeit vermeldete, dass im Bundesstaat Georgia der Konkurrent die Führung in der Auszählung übernommen hätte: „Biden takes the lead“. Georgia galt als einer der Schlüsselstaaten der Präsidentschaftswahl 2020. Hier hatte bei der letzten Wahl vor vier Jahren Trump entscheidende Stimmen geholt. Hier lag er bei der aktuellen Auszählung noch am 4. November (Mittwoch) in Führung, so dass er den Sieg schon sicher glaubte. Doch dann holte Joe Biden auf, nicht zuletzt weil in diesem Bundesstaat die Stimmen aus den Großstädten und von den Briefwählern wie überall als letztes ausgezählt wurden. Diese wählen traditionell eher die Demokraten als die Republikaner und sind Trump gegenüber skeptischer eingestellt als die Bewohner der ländlichen Gebiete. Um 14.50 Uhr desselben Tages (6. November) dann die noch wichtigere Meldung, dass Biden auch im Bundesstaat Pennsylvania, dem viele Wahlleute-Stimmen zufallen, die Führung übernommen habe.

CNN zeigte seit Schließung der Wahllokale über Tage eine auf Dauer gestellte Wahlsondersendung, bei der sich zwei Teams abwechselten. So sah man vor allem den beiden Moderatoren John King und Phil Mattingly bei der Arbeit zu, wie sie an einem Videodisplay, das sie „Magic Wall“ nannten, die jeweils eintreffenden Ergebnisse erörterten und anhand der Statistiken früherer Wahlen Prognosen über noch fehlende Wahlresultate abgaben. Mit Kind und Mattingly lernte man die Unterschiede in den vielen Wahlbezirken kennen, mitunter tauchte man dabei so tief in die Regionen ein, dass man zu erfahren glaubte, wie noch jedes Dorf, jede Kleinstadt und jeder Wahlbezirk einer mittleren Großstadt abstimmen würde. Das Tempo, mit dem die beiden Moderatoren die Zahlen bekanntgaben und mit dem sie gleichzeitig die „Magic Wall“ bedienten, beeindruckte, auch wenn ihr Handeln eher einem Jonglieren glich, mit dem Varieté-Künstler ihr Publikum becircen – mehr artistischer Selbstzweck denn politische Aufklärung. Zweimal fiel die „Magic Wall“ aus, was die Moderatoren dazu zwang, an einer nun nicht veränderbaren Landkarte ihre Erkenntnisse ohne Click- und Wischfunktionen vorzutragen. Und – siehe da – sie konnten es.

Dass beim deutschen Fernsehen auch in der ARD das Touchscreen, auf dem in den Hauptstunden Jörg Schönenborn und in den anderen Zeiten Ellen Ehni (beide WDR) die Wahlergebnisse vortrugen und interpretierten, in der eigentlichen Wahlnacht (3. November) seine Mucken zeigte, daran erinnerte am 6. November Friedrich Küppersbusch in einer Videoglosse der ZDF-„Heute-Show“. Zu diesen Problemen wurde Schönenborn dann auch von der „Süddeutschen Zeitung“ auch noch befragt, was beweist, auf welchen Metaebenen diese US-Präsidentschaftswahl medial nun angelangt war. An diesem Freitag, an dem – wie gesagt – es wahrscheinlich wurde, dass Joe Biden in Georgia und in Pennsylvania siegte, hatte man in der „Heute“-Nachrichtensendung (19.00 Uhr) zuvor denn auch mal zu mutmaßen gewagt, dass ein Sieg Bidens „immer wahrscheinlicher“ werde.

Böhmermann und Anne Will, Laschet und Röttgen

Das ZDF hatte wie die ARD die Berichterstattung in den Tagen nach der Wahl stark heruntergefahren, was angesichts der sich hinziehenden Ereignisse rund um die Auszählungen durchaus verständlich war. Aber auch der Ereignis- und Dokumentationskanal Phoenix berichtete lieber ausführlich von Randereignissen in Deutschland als von den immer noch spannenden Vorgängen in den USA. Immerhin gab es dann noch Sondersendungen wie einen „Brennpunkt“ in der ARD, in dem an jenem Freitag die Prognose des ZDF vorsichtig bestätigt wurde: Wenn die eintreffenden Wahlergebnisse beim sich abzeichnenden Trend blieben, würde am Ende Joe Biden die Präsidentschaft übernehmen.

Jan Böhmermann unterließ am 6. November in der ersten Ausgabe seiner neuen Sendung „ZDF Magazin Royale“ jedweden Kommentar zur US-Wahl, stattdessen arbeitete er sich an Verschwörungstheorien aller Art ab. Eine Woche darauf verulkte er dann die Darstellung der US-Wahlen bei CNN, als er einen Comedian vor einer „Magic Wall“ herumhampeln ließ. Der Gag hielt sich in Grenzen. Schön allerdings die Idee, den Comedian dann auch den Kampf um den CDU-Parteivorsitz in ähnlicher Weise wie die US-Wahl darstellen zu lassen. Dieser CDU-Dreikampf zwischen Armin Laschet, Friedrich Merz und Norbert Röttgen wirkte sich im Übrigen auch auf die Talkshows aus, in denen die US-Wahl Thema war. Als am 8. November auf einmal Laschet in der Runde bei „Anne Will“ (ARD/NDR) saß, obgleich er kein ausgewiesener Außenpolitiker ist, wirkte das wie eine Wiedergutmachung, da in vielen anderen Talkshows zumeist Röttgen dabei war, der als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags eingeladen worden war. Durch große Sachkenntnis fiel Laschet an diesem Abend bei Anne Will nicht auf. In der Woche darauf (am 15. November) war dann, allerdings zu einem anderen Thema, Friedrich Merz zu Gast bei Anne Will.

Zum Zeitpunkt der Sendung von Anne Will am 8. November galt die Wahl in den USA bereits als vorentschieden. Am Tag zuvor hatte CNN um 17.26 Uhr (wieder: deutsche Zeit) als erster Sender auf Basis einer Projektion bekannt gegeben, dass Biden in Pennsylvania uneinholbar vor Trump läge. Das bedeutete, dass Biden die Mehrheit der Stimmen im Gremium der Wahlleute erreicht haben würde. Somit meldete CNN an diesem Tag in der Textzeile, die den unteren Rand des Bildschirms begrenzte: „Joseph R. Biden Jr. Elected 46th President“. Alle anderen amerikanischen Fernsehsender einschließlich des Fox-Networks, das bis zu dieser Wahl als Sprachrohr von Donald Trump galt, zogen innerhalb weniger Minuten nach.

Eine bewegende, erschütternde Szene

Donald Trump hatte demnach die Wahl verloren und würde im Januar 2021 nach einer einmaligen Amtszeit von Joe Biden abgelöst werden. In der nachfolgenden Diskussionsrunde bei CNN kam es wenig später zu einer bewegenden Szene, als der Journalist und Kommentator Van Jones, der früher einmal zum Beraterkreis von Trump-Vorgänger Barack Obama zählte, zu weinen anfing, als er, der Afroamerikaner ist, die Folgen dieses mutmaßlichen Wahlausgangs kommentieren sollte. Hier war für einen Augenblick auf erschütternde Weise zu spüren, was der von Trump wenn schon nicht lancierte, so doch aber legitimierte Rassismus bei denen angerichtet hatte, die zu dessen Opfern zählen. Es war zu spüren, wie schwer die Furcht, noch eine weitere Amtszeit Trumps ertragen zu müssen, auf Menschen wie Van Jones gelastet hatte.

Die Darstellung der US-Wahl im Fernsehen besaß auf dieser emotionalen Ebene durchaus ihre besonderen Momente. Sie entfaltete, wie geschildert, eine über mehrere Tage sich erstreckende Spannung, die angesichts der juristischen Interventionen des Präsidenten und seines Stabs vermutlich erst dann endgültig erlöschen wird, wenn am 14. Dezember das Gremium der Wahlleute Joe Biden zum 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt haben wird. Auf einer Pressekonferenz, die am 10. November (Dienstagabend) live bei CNN zu beobachten war, zeigte sich Biden schon sehr präsidial; er schmähte seinen politischen Gegner nicht, obgleich dieser seine Niederlage gegen jede politische Konvention noch nicht anerkannte, sondern bedachte ihn mit leiser Ironie.

Die Wahlberichterstattung besaß auch den ein oder anderem überaus komischen Moment. Als beispielsweise das Trump-Lager am 7. November in einer Pressekonferenz von den rechtlichen Schritten berichten wollte, die man gegen die Wahlergebnisse zu unternehmen gedenke, hatte man sich im Ort vertan. Statt in einem Luxushotel mit dem Namen „Four Seasons“ in Philadelphia fand die Veranstaltung in einem gleichnamigen Gartencenter statt, dem ein Sex-Shop namens „Fantasy Island“ und ein Krematorium gegenüberlagen. Dabei sah man in den Fernsehaufnahmen von Rudy Giuliani, der als Rechtsberater von Trump die Justizkampagne der Republikaner steuert, zu seiner Rechten im Hintergrund einen ordentlich zusammengelegten Gartenschlauch liegen.

Insgesamt war die mediale Darstellung dieser Wahl merkwürdig unpolitisch. Die Ursachen der dann doch unerwartet hohen Zahl von Trump-Wählern, die keine Wahlvorhersage erahnt hatte, wurde kaum untersucht. Stattdessen war metaphorisch immer wieder von einer Spaltung der US-Gesellschaft die Rede, der man – wenn überhaupt – in der Schilderung von Einzelpersonen und Familien nachging, statt sie beispielsweise soziologisch zu erfassen.

Der Verdacht, die Wahl sei eher unpolitisch dargestellt worden, wird erhärtet durch die Ähnlichkeit, welche die Darstellung der Wahlergebnisse an der „Magic Wall“ zu den Analysen von Fußballspielszenen aufweist, wie sie Kommentatoren etwa der Bundesliga oder der Champions League an einem Touchscreen betreiben. Auch sie drücken emsig auf dem Display herum, um Bilder aufzurufen, und zeichnen mit der Hand Pfeile und Kreise auf diese Bilder. Ähnlich wie den Politikanalysten steht den Fußballkommentatoren ein großes Arsenal statistischer Daten zu Verfügung, die sie sofort und mühelos abrufen, um dann Prognosen für die Zukunft abzugeben. Noch eine Ähnlichkeit mit dem Sport ist bereits in der Struktur der US-Demokratie angelegt. Es ist die Zuspitzung des politischen Wettbewerbs auf das Duell, die dem sportlichen Wettbewerb nachgebildet wurde, bei dem zwei Kämpfer gegeneinander antreten und den Sieg ausfechten. Auch die Überschriften, die CNN für seine Sondersendungen jeweils wählte, bestätigen diese Annahme der Nähe zum Sport: Die Formulierung „Key Race Alert“ etwa deutete die Wahl als Rennen zweier Kandidaten, bei dem die bessere Kondition im Endspurt entscheiden sollte. Und der Verlierer der Präsidentschaftswahl heißt wie der in einem sportlichen Wettbewerb „Runner-up“.

Trump und die Kraft des Performativen

Während sich der Sport in den USA vor allem in den letzten beiden Jahren angesichts des wachsenden Rassismus politisierte, indem sich die Sportler nicht nur in den USA, sondern unter anderem auch hierzulande vor den Wettbewerben durch Gesten mit der Bewegung „Black Lives Matter“ solidarisieren, sportifizierte sich die Politik im Fernsehen in einem Maß, dass man als Zuschauer Joe Biden nur als Sieger, mit dem man sympathisiert, und nicht als Politiker mit einer Agenda und einer Biografie wahrnimmt. Für Donald Trump hingegen kann ein Gegner, der ihn besiegt hat, nur mittels Betrug gewonnen haben. Wenn man den Berichten der Menschen, die mit ihm Golf spielen, Glauben schenken darf, weiß Trump, wovon er spricht. Als CNN die Meldung vom Sieg Bidens sendete, war Trump jedenfalls wieder einmal auf einem, natürlich: auf seinem Golfplatz.

Für ihn gilt allerdings noch eine zweite Handlungsweise, die ihm aus seinem Beruf als Moderator der Reality-Show „The Apprentice“ erwuchs und die man als Kraft des Performativen bezeichnen könnte. In diesem Spiel um Lehrstellen, das ab 2004 beim Network NBC zu sehen war und unter der Leitung von Trump als „Rat Race“ der Kandidaten angelegt war, galten die Worte des Moderators als Tatsachen. Wenn er sagte, dass jemand gefeuert worden sei, war derjenige in dieser Show, also einer Welt des Fiktiven, tatsächlich gefeuert.

Ähnlich verhielt sich Trump als Präsident, nur dass hier seine performativen Äußerungen üble Folgen für andere hatten. Der immer noch als mutmaßlich geltende Ausgang bei der jetzigen Präsidentschaftswahl gemahnte ihn nun daran, dass sich die Welt der Tatsachen nicht unbedingt daran hält, was man selbst glaubt oder wünscht. „You’re fired“ schrieben Demonstranten, die den Sieg Bidens in den Straßen der Großstädte feierten, auf ihre Plakate. Sie hielten dem Präsidenten also den kurzen Satz entgegen, mit dem Trump in „The Apprentice“ den Verlierern in der Show nicht nur deren Niederlage verkündete, sondern sie auch demütigte. Kein Wunder, dass Gerüchte umgehen, dass Donald Trump, der „The Apprentice“ bis 2015 moderierte, nach dem Amtsantritt von Joe Biden als neuer US-Präsident in die Fernsehwelt zurückkehrt, der er entstammt.

27.11.2020/MK

Print-Ausgabe 1/2021

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