Spielen, Sterben, Schauen

Das Fernsehbild ist Teil des Spiels: Über den Fußball im 21. Jahrhundert und seine Götter

Von Torsten Körner
12.12.2020 •

Fußball schauen, heißt sterben lernen. Man verschreibt sich nicht dem Fußball, man wird von ihm geschrieben. Oft kann man nicht einmal sagen, wo man sich angesteckt hat, wo man infiziert wurde. Manche wurden von ihren Vätern in Stadien geschleppt, andere spielten Straßenfußball, manche sahen Fernsehen, andere traten in Vereine ein. Nicht jeder, der heute am Fußballtropf hängt, hat früher selbst gespielt, aber jeder, der dem Fußball seit Jahrzehnten fiebernd folgt, spürt gerade eine Zeitenwende. Nie war der Fußball so perfekt wie heute, nie spürte man deutlicher, dass er stirbt, mit uns, dem Zuschauer, dem Publikum, dem Fan, den Infizierten. Ein Leichentuch wird über den Rasen gezogen. Darunter rollt der Ball immer schneller und schneller.

Horst Szymaniak, 43-facher deutscher Nationalspieler, Teilnehmer an zwei Weltmeisterschaften, öffnete mir die Tür. Etwas Blut an der Lippe. Hatte er gerade versucht, sich zu rasieren, als ich klingelte? Der Betonklotz am Rande von Melle, wo er lebte, machte einen trostlosen Eindruck. Dieser Eindruck fand seine Fortsetzung in der fast leeren Wohnung. Nicht einmal ein Bett war ihm geblieben, nur ein Sofa und ein sehr großer, klobiger Fernseher. Den habe er vom DFB geschenkt bekommen, damit er Bundesliga und Länderspiele sehen könne. Ein alter Schäferhund wich ihm nicht von der Seite, in der Küche stapelten sich Lebensmittelkonserven, Eintöpfe aller Art. Die Fenster waren staubblind, in den Gardinen klebte schimmelndes Licht. Szymaniak (1934-2009) war ein Weltfußballer, ein Star, einer der ersten deutschen Legionäre in Italien und ein Lieblingsspieler von Bundestrainer Sepp Herberger, der mal über ihn sagte: „Über seine Grätsche drehe ich mal einen Lehrfilm.“ Den Film gibt es nicht und Herberger ist schon lange tot.

Das erste Länderspiel, das ich in einem Stadion sah, fand am Samstag, den 22. Dezember 1979, im Gelsenkirchener Parkstadion statt: Deutschland gegen die Türkei. Die Erinnerungsbilder sind so grün und braunstichig wie die siebziger Jahre. Ein Reisebus voller Männer, Bier, Gesänge. Stundenlang auf der A1. Das Stadion eine trübe Schüssel voller Winterluft, Dezemberatem und Flutlicht. Die Spieler waren sehr, sehr klein, die Menschenmenge war sehr, sehr groß. Fast beängstigend groß für mich, einen vierzehnjährigen Jungen im Bundeswehrparka. Im Tor: Norbert Nigbur. Davor: Kaltz, Cullmann, Förster (Bernd), Bonhof, Stielike, Müller (Hansi), Rummenigge, Fischer, Nickel. Das Spiel erinnere ich nicht mehr, nur noch seine mikroskopischen Zeitbahnen stehen mir vor Augen, stecken mir in den Sinnen, im Leib. Das umständliche Einparken des Reisebusses zwischen anderen Bussen, das Hinaufpilgern zum Eingang, das dichte Gedränge, die Hymne im Stadionrund, das sich unendlich langsam leerende Stadion nach dem Schlusspfiff. In dieser deutschen Stadionschüssel aus Beton und Bein, aus Leidenschaft und nationalem Fußballwahn steckte ich fest, stecke ich bis heute.

Das Desaster

Am 17. November 2020, im Ersten Programm der ARD war es live zu verfolgen, verlor die deutsche Fußballnationalmannschaft in Sevilla 0:6 gegen Spanien. Das war sicher eine historische Niederlage, aber anders als gedacht, denn sehr viel eindrücklicher als das Desaster waren die audiovisuellen Signaturen, die fühlbar machten, dass hier möglicherweise etwas zu Ende geht, dass hier eine Transformation stattfindet, und das meint nicht in erster Linie das Kapitel Jogi Löw. Während der Fernsehfußball-Fußballabend wie stets aufs äußerste zerdehnt und überdehnt wurde, zermalmte das wegen Corona leere Stadionrund jedes Zeitgefühl oder besser: Es schuf Sedimente der Vergänglichkeit, der Vergeblichkeit, Schichten voller Kalk und Knochen.

Das Estadio Olímpico de La Cartuja in Sevilla konnte sich nicht leeren, weil es leer war, von Beginn an, es hatte die Zeit geschluckt und spie jetzt rülpsend das Nichts aus. Ein Stadion, aus dem die Zuschauer langsam abziehen, erzählt eine Geschichte, das leere Stadion schweigt dröhnend, es steht da, wie eine Uhr ohne Zeiger, es liegt da wie der Schauplatz eines apokalyptischen Films, es wirkt wie ein Fossil, das von der physischen Zeugenschaft spricht, vom Glanz der Tage, als hier Fahnen wehten, als man schrie, sich in Trikots zwängte, die Wangen bemalte, die Welle machte und ein Ticket löste, das den Zuschauer zum Co-Akteur des Rasenspiels machte. Diese Epoche ist vorbei. Die Spieler haben soeben demonstriert, dass sie auch ohne Zuschauer im Stadion fähig und willens sind, etwas Historisches spielend herzustellen, inmitten eines Gerippes, einer Schüssel aus Stein.

Maradona in Meppen

Die Rasenpflege ist eine hohe Kunst. Wir kämpften mit Maulwurfshaufen, mit Schnee und Eis, mit Pfützen und Staub, wir kämpften mit knöchelhohen Halmen, mit Asche und Bodenwellen. Damals. Früher. Einst. Wer heute ein Bundesliga-Stadion besucht, nehmen wir zum Beispiel den Signal-Iduna-Park, der so heißt, weil Borussia Dortmund sich keinen Mythos mehr leisten kann, wird dort gigantische Rasenbeleuchtungsanlagen vorfinden, die dem Rasen auch im Winter ein sattes Grün schenken. „Diese Wachstumslampen produzieren Licht mit einer Wellenlänge von 400-700 nm (Nanometern), was der photosynthetisch aktiven Strahlung entspricht.“ So steht es in den Richtlinien des europäischen Fußballverbands UEFA. Dort wird auch die Bildbedeutung eines gesunden Fernsehrasens hervorgehoben: „Der Spielfeldzustand wirkt sich zum einen auf die spielerische Qualität aus und wirft zum anderen ein Licht auf den Wettbewerb, das Stadion, den Ausrichterverein bzw. -verband und das Land. Jedes Spielfeld sollte in optischer wie qualitativer Hinsicht mit anderen Spielfeldern von ähnlichem internationalen Standard vergleichbar sein.“ Vom Rasen hat also ein Licht auszugehen, das dem Image des Fußballprodukts dient. Das Fernsehbild ist Teil des Spiels, das Spiel ist immer auch Bild und diese Ikonographie ist bis zum letzten Halm definiert.

Asif Kapadias Dokumentarfilm „Diego Maradona“, der kurze Zeit im Kino lief und jetzt bei Streaming-Portalen abgerufen oder als DVD erworben werden kann, ist das faszinierende Zeugnis einer verlorenen Zeit, einer Fußballepoche, die noch Heilige und Helden kannte, die bei lebendigem Leib von ihren Fans aufgegessen wurden. Wir erleben, wie die Neapolitaner ihren Diego gleichsam in Stücke reißen. Wir sehen diese symbolische Inkarnation geradezu als kannibalischen Akt und zugleich wird Diego in einen Halbgott verwandelt, auch einen Märtyrer, der – anders als die kirchlichen Vorbilder – schon zu Lebzeiten zu einer Reliquie wird, ein Starkörper, dem wir beim Verfalls- und Fäulnisprozess gleichsam zu sehen können. Diese Tragik ist unvergänglich und sie ist lebendiger als die Spiele, in denen Maradona antrat, denn einzelne Tore können zwar als Artefakte genossen, auch Dribblings oder „die Hand Gottes“ als sakrale Momente in der Heldenhalle des Sports aufbewahrt werden, aber der Thrill eines gegenwärtigen Spiels kehrt nie zurück.

Jedes Spiel lässt einen unendlichen Haufen Asche zurück, Pässe, die möglich waren, aber ausblieben, Schüsse, die nicht geboren, Tore, die nicht geschossen, Fouls, die nicht begangen, Flanken, die nicht geschlagen, Einwürfe, die nicht getätigt, Pfiffe, die nicht gepfiffen und Chancen, die nicht ergriffen wurden. Jedes Spiel ist ein Friedhof vertaner Spiele. Aber während das Spiel läuft, birst es vor Unendlichkeit. Wer hätte Maradona sein können, wenn er nicht dem schwarzen Schnee verfallen wäre, wenn ihn nicht die Camorra unter die Fittiche genommen hätte? All diese Tore, die er nicht hat schießen können. Weil der Mensch immer mehr das ist, was er nicht ist, als das, was er tatsächlich ist, ist Maradona auch ein Mensch, der für uns tausendmal gestorben ist, selbst wenn er triumphierte und jubelte und Champagner floss.

Spielermaterial

Am 3. August 1982 passte ich mit der Innenseite zu Diego Maradona. Der FC Barcelona spielte in Meppen und ich war dabei. Es war das erste Spiel des Wunderstürmers in Europa. Das Stadion platzte aus allen Nähten, Menschen hingen in Bäumen, saßen nahe der Eckfahne (wie ich), drängten sich auf improvisierten Bänken, auf dem Rasen. Vor dem Spiel jonglierte das Zirkuskind mit dem Ball über den Platz, verfolgt von unzähligen Bewunderern. Nichts und niemand schützte die Stars vor der neugierigen Masse. Nun gut, wir waren im Emsland, wo die Menschen eher emotionsskeptisch sind, eher wortkarg und affektgekühlt, aber an diesem Tag verwandelte Maradona die Emsländer in selige, träumende, in unsterbliche Kinder. Allen stand klar vor Augen, dass dieser Tag unauslöschlich bliebe in unser aller Leben. Und wenn die Masse das gemeinsam weiß und fühlt, stirbt es sich ein wenig leichter.

Wer einmal versucht hat, einen aktuellen Bundesliga-Profi und Nationalspieler vor die Kamera zu bekommen, um ein ausführliches, etwa einstündiges Interview zu führen, stößt auf einen Kokon aus Beratern, PR-Agenten und Vereinsvertretern, die den jeweiligen Spieler schützen und abschotten wie einen Edelstein. Die Kommodifizierung des Körperkapitals, die sich niederschlägt in Formulierungen wie „Kaderwert“ oder „Spielermaterial“, verbietet es, diesen Warenkörper für renditefreie, journalistische Zwecke preiszugeben. Der Spieler muss auch dann arbeiten, wenn er nicht spielt, Geld sollen möglichst nur die Stakeholder des Vereins und des Spielers mit ihm verdienen dürfen. Die Öffentlichkeit, in der er sich bewegt, ist möglichst hauseigen, jeder Verein hält sich mittlerweile ein Klub-TV, in dem ein Gated-Community-Journalismus gepflegt wird. Die generierten Inhalte sind in der Regel soft, clean, humorvoll, stressfrei und reizarm. Das Spielerprodukt soll nicht durch Äußerungen beschädigt werden, die in dieser dressierten Öffentlichkeit auftauchen. Sportsendungen wie das „Aktuelle Sportstudio“ des ZDF sind an diese kontrollierten Zonen nahezu angeschlossen.

Pils

Wer denkt da nicht zurück an Filme wie Christian Weisenborns und Michael Wulfes’ Langzeitbeobachtung „Profis – Ein Jahr Fußball mit Paul Breitner und Uli Hoeneß“ (1979), eine im Rückblick sensationelle Dokumentation über die beiden Stars des FC Bayern München und die Saison 1978/79. Oder an Reinhart Hoffmeisters Reportage über Franz Beckenbauer (ZDF, 1970). Oder auch an Wolfgang Ettlichs Fußballfilme. Solche Filme, die den Fußball lieben, aber das Geschäft und die Show sezieren, die unabhängig sind und dennoch intime Einblicke bieten, solche Filme gibt es heute nicht mehr. Horst Szymaniak ist einer von Ettlichs Protagonisten in „Im Westen ging die Sonne auf“ (WDR, 2002), einer Dokumentation über den Revierfußball, eine melancholische Archäologie des Potts, des Pöhlens, des Fußballs und seiner Fans. Ein solches Porträt wäre in diesen gegenwarts- und augenblicksfixierten Zeiten kaum zu verkaufen. 

Wir tranken Pils. In Syzmaniaks winzigem und ziemlich zerfressenem Auto waren wir zu einer nahen Gastwirtschaft gefahren. Beim zweiten Bier erzählte er, wie er den jungen Franz Beckenbauer 1965 unter seine Fittiche genommen hatte, als sie vor dem entscheidenden WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden zusammen auf einem Zimmer lagen. Nach dem Bier waren wir gut gelaunt und fragten uns, ob wir nicht spontan aufbrechen sollten, um den Kaiser im fernen Kitzbühel zu besuchen. Später standen wir schweigend vor dem Auto und verwarfen die Idee. Der rechte Außenspiegel hing abgenickt herunter. Szymaniak, der übrigens bis zu seinem Tod SPD-Mitglied war, hatte schon vor langer Zeit einen prophetischen Satz gesagt: „Wir sind die letzten Helden des 20. Jahrhunderts, nach uns kommen nur noch Spieler aus Kunststoff.“

Knochenmühlen

„Das Leben des Menschen schwindet vom Moment der Geburt an – aber rascher noch schwindet das eines Fußballers: bei den wenigen Jahren, in denen er auf dem Höhepunkt ist, und den vielen Jahren nachher – in der verbrauchten Luft eines Wirtshauses, in der Kabine, wo er dann Handlangerdienste leistet, in einer Fabrik, an einer Baustelle.
Brian Glanville: Der Profi (1965)

Stecken einem – sagen wir mal – 40 Jahre Bundesliga in den Knochen, als Zuschauer und Fernsehkind, dann hat man Spielergenerationen kommen und gehen sehen. Lange Zeit fühlt man sich stets sehr viel jünger als diese Spieler, vielleicht weil sie etwas Heroisches haben, etwas Hartes, Unabweisbares, aber vielleicht auch, weil man sich selbst im Angesicht des Fußballs immer jünger macht und fühlt, weil uns das Spiel infantilisiert und jeder Spieltag die Lebensuhr aufs Neue zurückdreht. So ein Spielerleben ist im Nu vergangen, eben noch Talent und mit 18 drei Tore gegen Bayern München (Olaf Thon 1984 im DFB-Pokalhalbfinale) und plötzlich Abschiedsspiel und feuchte Augen. Die Bundesliga ist eine Knochenmühle für die Spieler und ein Jungbrunnen für den Zuschauer. Jahrgang auf Jahrgang brandet heran, Frischlinge, Top-Talente, die von uns, den Sofahelden, mit vampireskem Lebensdurst angezapft werden. Dabei geht dieser Austausch der Jahrgänge schleichend voran, denn während einer wie der Schalker Klaus „Tanne“ Fichtel ewig und 552 Bundesliga-Spiele bleibt, tanzen andere, wie David Odonkor, nur einen Sommer und schlagen dabei 227 Flanken. Kommen und Gehen.

Wir jedoch sitzen, bleiben, während in uns ein Walhalla der größten Rasenkrieger lebt und wächst, Jahr um Jahr wird die Ruhmeshalle in uns größer und bunter, wimmelnder, derweil wir selbst schrumpfen, grauer werden, kleiner und namenloser. Aber, ach, das versöhnt uns ja mit dem großen Abschied, weil die Spieler auch schon zu Lebzeiten verschwinden und viel schneller als wir abtreten müssen, aussortiert und vergessen werden, sofern nicht wir sie erinnernd retten und revitalisieren. Und jetzt sind wir es, die Alten, die den ebenfalls Alten, den Verschwundenen Blut spenden, den Retrohelden, die zurückkehren dürfen auf YouTube, in Shows, in Artikeln, Jubiläen und Rückblicken. Weil aber dort meist nur der Prominenz gehuldigt wird, liegt es an uns, den Jedermann, den Mitläufer, den Bankdrücker und Einwechselkandidaten auch zu bergen aus dem Malstrom des Vergessens. So kann der Fan selbst dort Individualität kreieren, wo das Produkt Fußball den stromlinienförmigen Rasenhelden zur Schau stellt, herstellt und kontrolliert.

Körperknäuel

Am 2. Mai 1984 wurde der Reporter beinahe zu Tode gequetscht, vor kindlicher Freude. Nachdem sich an diesem Tag Schalke 04 und Bayern München im Halbfinale des DFB-Pokals mit einem 6:6-Unentschieden getrennt hatten und nicht etwa ein Elfmeterschießen das Drama noch an diesem Abend beendete, sondern erst ein Wiederholungsspiel eine Woche später in München – was für ein von heute aus betrachtet unfassbares Procedere, was für ein grandioser Umgang mit Zeit, was für ein absurder Überfluss! –, versuchte der ZDF-Reporter Rolf Töpperwien, ein Schlawiner ersten Ranges, den 18-jährigen Olaf Thon zu interviewen, den „Mann des Tages“, der zuvor drei der Schalker Tore geschossen hatte und nun mit Töpperwien in einem Meer von Fans steckte und von diesen hin- und hergeworfen wurde. Es ist ein Gesamtkörper, bestehend aus einem Journalisten mit angsterfüllten Augen („Macht doch das Bild frei!“), behelmten, aber machtlosen Polizisten, ekstatischen Fans, die zu einem tausendarmigen Monstrum verschmelzen und einem Spieler, der nahezu unauffindbar ist, ein Spieler, von dem man nicht weiß, wo er beginnt oder aufhört.

Wer das damals sah, wettete keinen Pfennig darauf, dass dieses Menschenknäuel jemals wieder entwirrt werden und Olaf Thon seine Karriere als Spieler fortsetzen könnte. Dieses Bild ist denkwürdig, ikonographisch, nicht nur weil sich in ihm ein unfassbarer Fußballabend verdichtete (im Übrigen begann das ZDF an diesem Abend seine Live-Übertragung erst 15 Minuten nach Spielbeginn!) oder ein Jungstar geboren war, sondern auch weil sich eine ganze Fußballära hier abbildete und die Differenz zu heute überdeutlich wird. Der Hochleistungsfußball des 21. Jahrhunderts duldet solche grenzüberschreitenden Körperverbrüderungen nicht mehr, ja, er verbietet sie geradezu bei Strafe, er arbeitet darauf hin, dass die Körperwelten immer weiter voneinander separiert werden. Spieler, Fans und Journalisten bewegen sich in definierten Zonen und haben einem klar reglementierten Bewegungsprotokoll zu folgen.

Segregation

Je professioneller der Profi, desto größer die Körperdistanz zum Fan, desto verschiedener die Physis. Heutige Fußballer sind Totalkörper, keine Partie ihrer Körper bleibt unversorgt, untrainiert, unbeobachtet, der Körper wird vermessen und mit wissenschaftlicher Sachlichkeit optimiert. Früher mochte es Trainer geben, die Schleifer und Generäle waren, Feldwebel und Quälgeister wie Max Merkel, Branko Zebec und Felix Magath, aber das waren Drill-Solisten, während heutzutage ein ganzer Stab von Fitness-Experten das Körperwerk nüchtern verrichtet. Die Fans hingegen müssen ebenso diszipliniert konsumieren, als Pay-TV-Kunden, als Ticketkäufer, als Merchandising-Abnehmer, als Garanten der Einschaltquote im Free-TV, als Bier- und Chips-Fans, als Adressaten der Werbeindustrie und als Enthusiasmus-Masse, die das Produkt Fußball legitimiert.

Der Fußball des 21. Jahrhunderts betreibt eine Körper-Segregation, denn die abgeschotteten Profis dürfen ihren Fans nie zu nahe kommen, weil diese Berührungen den Warenkörper des Fußballers gefährden, weil solche Begegnungen Risiken bergen. Der perverse Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund im Jahr 2017 machte die kalte Logik von Finanzmarktgeschäften ebenso augenfällig, wie die Verwandlung der Spieler in Spekulationsobjekte, die sowohl vor irren Attentätern, aber auch vor fanatisch Liebenden geschützt werden müssen. Die Spielerkörper des 21. Jahrhunderts sind so geldwert und kapitalintensiv, dass die emotionale Bewirtschaftung durch den Fan nur aus der Ferne erfolgen darf. Zwischen dem durchschnittlichen Fankörper und dem durchschnittlichen Profikörper liegen heute Welten. Die Spieler früherer Tage waren mitunter kaum von den Fans zu unterscheiden und pflegten nach dem Training, nach dem Spiel nicht selten den gleichen Lebens- und Genussstil. Namen wie Horst Szymaniak, Helmut Rahn, Erwin Kostedde, Wolfram Wuttke und Mario Basler repräsentieren nur die trink- und genussfreudige Spitze von Spielergenerationen, die bisweilen noch zusammen mit den Fans am Tresen standen, die von ihnen in die Luft geworfen, auf den Schultern getragen oder beim Training von ihnen beschimpft oder gehuldigt wurden.

Diese Nahbarkeit musste ausgemerzt werden, um den Profi auf das höchste Performance- und Entertainment-Level zu bringen. Doch die Segregation ruft einen paradoxen Widerspruch hervor: Je größer die Spieler, desto größer die Distanz zum Fan, je perfekter das Spiel, desto eisiger die Luft, die die Player umweht, je heroischer die Leistungen, desto heldenloser der Fan. Aus der Gemeinde, aus der Kirche, aus der Religion Fußball ist etwas ganz Profaneres, etwas Entsakralisiertes geworden, sowohl die Spieler als auch die Fans leiden unter Gefühlen der Heimatlosigkeit und Orientierungslosigkeit, weil man einander nicht mehr bergen und nicht mehr miteinander beten kann.

Die ritualisierten Treuebekundungen der Profis, das ostentative Jubeln und Vorzeigen des Vereinswappens oder gar das Küssen des Trikots oder das Auf-das-Herz-Schlagen nach einem Tor sind symbolische Tagesmünze, schnell vergessen, wenig wert. Treue kann sich in diesem Geschäft kaum noch jemand leisten. One-Club-Player wie Dieter Eilts (Werder Bremen), Francesco Totti (AS Rom) oder Berti Vogts (Borussia Mönchengladbach) wird es in Zukunft nicht mehr geben. Und die immer wilder blühenden Tätowierungen auf den Spielerkörpern wirken wie die Kompensation verlorener Volkstümlichkeit, die Haut als plebejische Leinwand, eine Geste, die umschlägt in Bildhaftigkeit ohne Bodennähe, in die Simulation von Straße. Auf Arm und Bein schießt bildhaft ins Kraut, was Profis früher lebten, heute jedoch allenfalls träumen dürfen.

Die Corona-Pandemie verschärft die Körpertrennung, ein düsteres Zukunftsbild zeichnet sich ab. Die leeren Sitze in den Stadien gleichen Grabsteinen, weshalb sie jetzt zunehmend mit riesigen Werbebannern verhüllt werden. Etwas Obszönes geht von diesen leeren Sitzen aus, sie klagen an. Im amerikanischen Sportfernsehen sind die ersten Zuschauer digital ins Stadion kopiert worden, um den Fernsehzuschauern die Illusion eines gefüllten Stadions zu bieten. Doch warum sollte dieser Trend einseitig sein? Wenn auf lange Sicht der Fan als virtueller Avatar ersetzt werden kann, warum sollten dann nicht auch die Spieler virtuell komponiert und erschaffen werden? Warum die Körper nicht unempfänglich machen für Kreuzbandrisse und Viren, Fieber und Fett? Läuft die Maximaloptimierung der Profis und der Fans nicht darauf hinaus, die Physis gänzlich zu kassieren? Den sterblichen Leib, das mürbe Fleisch? Science-Fiction? Vielleicht – wenn es den Fußball dann noch gibt – wird man in 300 Jahren genauso fasziniert und kopfschüttelnd auf überfüllte Fußballstadien zurückblicken wie wir auf römische Gladiatorenkämpfe. Ins Stadion gehen? Was für ein Gemetzel, was für ein physisches Lotteriespiel!

Epitaph

Die Menschen, schrieb Blaise Pascal, sind unfehlbare Narren, auch deshalb, weil sie sich immer selbst betrügen und zerstreuen, unterhalten lassen, um dem Tod nicht ins Auge sehen zu müssen. Ohne Zerstreuungen geht es nicht, konzediert Pascal, aber dass es ohne nicht geht, ist sehr, sehr schlimm. Die Zerstreuungen meinte er, lassen uns unmerklich dem Tode anheimfallen, sie seien unser Existenznarkotikum. Ich denke, Pascal hat Maradona nie spielen sehen. Maradona spielen sehen, hieß, dem Leben und Sterben beizuwohnen. Dieses knubbelige Kerlchen starb tausend Tode auf dem Rasen und abseits davon.

Dieser Text war bereits geschrieben, als am 25. November die Eilmeldungen aufzuckten: „Gott ist tot“, „Der Fuß Gottes“, „Legende“, „Genie“ oder „Zwischen Himmel und Hölle“. Jetzt kann man noch einmal seine Tricks bewundern, seine Dribblings, hektisch zusammengeschnitten und mit Hymnen-Pop unterlegt. Man staunt, dass Maradona all diese Attentate auf seinen Körper überhaupt überlebt hat. Seine Gegenspieler wirken oft wie Schlächter, die das Genie nicht dulden wollen und können. In ihren Grätschen manifestiert sich Hass, aber auch Bewunderung, weil sie es selbst nicht fassen können, wie man diese Axthiebe überlebt. Diego Armando Maradona steht für eine Fußballära, in der die Körper von Fans und Fußballern noch nicht getrennt waren; auch daran ist er verbrannt, er hat die Sterblichkeit des Menschen versinnbildlicht und tausend Tode gespielt, aber er hat sein eigenes Grab tanzend transzendiert. Seine Dribblings waren immer das Spucken auf Gräber und zugleich troff Vergeblichkeit und Vergänglichkeit in den Rasen. Maradona war alles in einem: Gott und Kokser, Priester und Sünder, Freier und Freund, Betrüger, Säufer, Fresser, Kannibale und Fleisch, er war Fan, sein eigenes Medium und zugleich der Ball. Er war der Ball, das Leder und das Weltrund.

12.12.2020/MK

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