Schicksale während der Nazi‑Zeit

Wie Kinder den Zweiten Weltkrieg erlebten: Die Dramaserie „Der Krieg und ich“

Von Manfred Riepe
30.08.2019 •

„Ich verstehe das nicht“, klagt der junge Anton verzweifelt, „die Nazis wollen doch, dass es den Menschen gutgeht. Aber Papa redet nur von Krieg.“ Anton ist zehn Jahre alt und Halbwaise. Mit seinen zwei jüngeren Geschwistern lebt der Junge im düster werdenden Deutschland des Jahres 1938. Sein sehnlichster Wunsch: nicht länger als Außenseiter gelten und endlich der Hitlerjugend beitreten. Doch sein Vater, der mit den Nationalsozialisten nichts zu tun haben möchte, verbietet es. Also fälscht der Junge dessen Unterschrift auf dem Beitrittsformular und marschiert heimlich mit den Braunhemden mit. Anton ist überglücklich. Erst allmählich wird ihm klar, dass da etwas nicht stimmt.

Die Szene stammt aus der ersten Folge der achtteiligen Fernsehserie „Der Krieg und ich“, die ab dem 31. August im gemeinsam von ARD und ZDF betriebenen Kinderkanal (Kika) erstausgestrahlt wird und ab November auch im Ersten zu sehen ist. In jeweils knapp halbstündigen Episoden wird erzählt, wie Kinder und Jugendliche aus Europa mit dem Nationalsozialismus konfrontiert wurden und wie sie den Zweiten Weltkrieg erlebten. Um das Thema Holocaust und Judenverfolgung für 11- bis 14-Jährige zu vermitteln, griffen die Autoren der Serie – Matthias Zirzow, Maarten van der Duin und Ramona Bergmann – überwiegend auf Tagebucheintragungen von Kindern zurück, die, als sie in diesem Alter waren, während der NS-Zeit lebten. Es sind Kinder aus sieben verschiedenen Ländern. In der ersten Episode geht es um „Anton aus Deutschland“.

Kindgerecht erzählen, ohne zu verharmlosen

Die Serie (Regie: Matthias Zirzow) ist im Doku-Drama-Stil gehalten, und wie in diesem Genre üblich, werden Spielszenen mit Passagen aus historischen Archivfilmen kombiniert. Ein sachlich differenzierter Off-Kommentar führt die Zielgruppe an die jeweiligen Konflikte heran. Dennoch ist die Serie ist eine Gratwanderung. So bemühen sich die Macher einerseits, die NS-Zeit kindgerecht zu vermitteln, ohne zu verharmlosen. Andererseits mussten die Verantwortlichen sicher gehen, dass Kinder von dem Stoff nicht traumatisiert werden. Aus diesem Grund reichte man die Vorlagen beim Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) ein. Das beim Bayerischen Rundfunk (BR) in München verortete Institut führte daraufhin Treatment-Lesungen mit 80 Kindern in der Altersstufe von 9 bis 11 Jahren durch. Dabei stellte sich unter anderem heraus, dass die jugendliche Zielgruppe Auschwitz für ein Feriencamp hielt. In der daraufhin erfolgten Neukonzeption des Drehbuchs wurden daher die realen Folgen der Ermordung von Menschen in Konzentrationslagern präziser benannt.

Um eine szenische Verbindung zwischen dem Archivmaterial und den Spielszenen herzustellen, wurden die lebenden Protagonisten in aufwendig konstruierten Modellen von Spielfiguren im Zinnsoldaten-Stil repräsentiert. Diese Verdopplung der Szenerie in einer Miniaturlandschaft kann allerdings nur teilweise überzeugen. So steigt in der letzten Episode der Serie künstlicher Rauch aus dem Krematorium des wie ein Märklin-Modell anmutenden Auschwitz-Nachbaus auf. Das KZ erscheint hier unfreiwilligerweise ein wenig wie der Teil einer Kinderspielzeuglandschaft.

Auch die Qualität der einzelnen Episoden, deren zeitliche Abfolge der Chronologie des Zweiten Weltkriegs folgt, ist recht unterschiedlich. Das liegt an den nicht durchweg gelungenen Drehbüchern und den nicht immer überzeugenden Darstellern. Der Einstieg in die Serie jedenfalls ist sehr gelungen. In der ersten Episode agiert der talentierte Nachwuchsdarsteller Juri Gayed als Anton an der Seite des charismatischen Berliner Schauspielers Florian Lukas als dessen Vater. Die Begeisterung des ahnungslosen Jungen für die Hitlerjugend und die Bedenken des Vaters, der im Ersten Weltkrieg ein Bein verlor, werden glaubhaft vermittelt. Als Anton enthusiastisch in der Hitlerjugend mitmarschiert, nun aber mit seiner gleichaltrigen Freundin Greta keinen Umgang mehr haben darf, weil sie Jüdin ist, wird der Konflikt emotional nachvollziehbar ausgeleuchtet.

Diese Differenzierung vermisst man in den Folgen 2 („Fritjof aus Norwegen“) und 4 („Calum aus Schottland“), in denen die kindlichen Charaktere weniger Konturen haben und auch die Figuren der Erwachsenen schemenhaft bleiben. Gelungen hingegen ist die dritte Episode „Sandrine aus Frankreich“, die sich an die Biografie des evangelisch reformierten Pastors André Trocmé anlehnt, der mit seiner Frau Magda im südfranzösischen Le Chambon-sur-Lignon jüdischen Flüchtlingskindern Unterschlupf gewährte: „Wir wissen nicht, was Juden sind. Wir kennen nur Menschen“, entgegnete der Geistliche einem Gendarmen, der das Haus Trocmés nach Flüchtlingen durchsuchte.

Menschlichkeit und Zivilcourage

In Erinnerung bleiben besonders jene Episoden, die vollkommen aus kindlicher Sicht erzählt sind. So taucht die fünfte Folge über „Romek aus Polen“ in die Welt eines Zehnjährigen ein, der in einem Ghetto ums tägliche Überleben kämpft. Die sechste Folge, „Vera aus der Sowjetunion“, macht nachvollziehbar, wie nach dem deutschen Überfall auf Russland Kinder von ihren Eltern getrennt wurden und welches Schicksal sie in Heimen erwartete. Die an Bernhard Wickis berühmten Antikriegsfilm „Die Brücke“ erinnernde Episode 7, „Justus aus Deutschland“, zeichnet nach, wie ein 15-Jähriger mit seinen Kameraden begeistert dem „Volkssturm“ beitritt und daraufhin in einem Gefecht mit amerikanischen Panzern bemerken muss, was Krieg wirklich bedeutet. Die Schlussfolge „Eva aus der Tschechischen Republik“ veranschaulicht, wie eine 14-Jährige im KZ Auschwitz durch die Musik Kraft zum Überleben findet.

Zuweilen recht eindringlich, manchmal aber auch mit erhobenem Zeigefinger, erteilen die acht Doku-Dramen eine insgesamt sehenswerte Geschichtslektion für Grundschulkinder und Jugendliche. Auf drastische und schockierende Bilder wird dabei verzichtet – ohne dass die Serie betulich würde. Im Vergleich zu Erwachsenenformaten erhalten Produktionen wie „Der Krieg und ich“ leider kein sehr großes Budget. Der Ausstattung und der Bildgestaltung ist dieser Mangel zuweilen anzusehen. Der Regisseur und sein Team kompensieren diese Defizite jedoch mit Kreativität. Auf Augenhöhe von Kindern thematisiert der Achtteiler die Bedeutung von Menschlichkeit, Zivilcourage und Nächstenliebe in schwierigen Zeiten.

Im Zentrum steht dabei immer wieder das Thema Judenverfolgung, das in mehreren Episoden aus unterschiedlichen Blickwinkeln aufgegriffen wird. Die Serie fühlt sich in die Erlebnisweise von Kindern ein, die Opfer dieses indoktrinierten Rassismus werden. Relevant ist dieses Thema unter anderem deswegen, weil im Zuge der Flüchtlingskrise des Jahres 2015 nicht wenige Migrantenkinder mit ihren Eltern nach Deutschland kamen, in deren Kultur der Antisemitismus teils tief verwurzelt ist. Hier setzt die ambitionierte öffentlich-rechtliche Produktion einen wichtigen Akzent. Und nicht zufällig wurde die Startfolge „Anton aus Deutschland“ 2019 mit der renommierten Kinderfilmauszeichnung „Der Goldene Spatz“ prämiert. Zudem erhielt die Serie den Kinder-Medien-Preis „Der weiße Elefant“. Flankiert wird die Dramaserie von medienpädagogischen Begleitprojekten, zu denen Unterrichtsmaterialien und eine Wanderausstellung gehören, die am 31. August in Berlin eröffnet wird.

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Der Krieg und ich. 8‑teilige Dramaserie

Buch: Matthias Zirzow, Maarten van der Duin und Ramona Bergmann

Regie: Matthias Zirzow

Kika (SWR), Sa 31.8.19 (Folgen 1 und 2), So 1.9.19 (Folgen 3 und 4), Sa 7.9.19 (Folgen 5 und 6), So 8.9.19 (Folgen 7 und 8), jeweils 20.00 bis 21.00 Uhr

Die einzelnen Folgen:

1. Anton aus Deutschland – Kindheit und Familie im Dritten Reich

2. Fritjof aus Norwegen – Besatzung und Widerstand

3. Sandrine aus Frankreich – Mitmenschlichkeit und Zusammenhalt

4. Calum aus Schottland – Luftkrieg und Heimatfront

5. Romek aus Polen – Leben im Ghetto

6. Vera aus der Sowjetunion – Flucht und Kriegswaisen

7. Justus aus Deutschland – Kindersoldaten

8. Eva aus der Tschechischen Republik – Konzentrationslager und Befreiung

30.08.2019/MK
Die Dramaserie „Der Krieg und ich“ ist ein international produziertes Projekt von SWR (federführend) und Looksfilm (Produktion) zusammen mit Toto Studio, BBC Alba/MG Alba, Česká Televize (CT), EC 1 Lodz und CeTA in Zusammenarbeit mit Momakin, Toute l’histoire und dem Schweizer Fernsehen (SRF). Die deutsche Erstausstrahlung erfolgt im Kika; im November wird die Serie im Ersten Programm der ARD gezeigt. Arte, NPO Zapp (Kinderfernsehen der Niederlande), TVP (Polen), RTV Slovenia und ABC Australia, übernehmen die Serie jeweils in ihr Programm. Das Schweizer Fernsehen strahlte die Serie bereits im Dezember 2018 aus. Foto: Screenshot