Radio-Kulturen im medialen Wandel

Eine Standortbestimmung und vier Thesen zur Lage des kulturorientierten Hörfunks

Von Hans-Ulrich Wagner
14.06.2019 •

Am 15. und 16. März fand zum dritten Mal der „Kölner Kongress“ des Deutschlandfunks (DLF) statt, das Thema lautete diesmal: „Erzählen. Sound. Öffentlichkeit“. Auf diesem großen internationalen Hörfunk-Symposium mit Vorträgen, Gesprächen und Live-Performances hielt Hans-Ulrich Wagner am 16. März einen Vortrag zum Thema „Radio-Kulturen im medialen Wandel“, den die MK im Folgenden dokumentiert. Der Vortrag wurde am 24. März auch vom Deutschlandfunk im Rahmen seiner Reihe „Essay und Diskurs“ gesendet und kann im Internet weiterhin zum Nachhören abgerufen werden (Link zur DLF-Webseite: bit.ly/2IGpNd6). Hans-Ulrich Wagner, Jg. 1962, arbeitet als Senior Researcher am „Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut“ in Hamburg. Er promovierte 1996 mit einer Arbeit über das Hörspielprogramm der unmittelbaren Nachkriegszeit 1945-1949. • MK

- - - - - - - - - - - - - - - - - -

Zwei Schlaglichter zum Einstieg. Die erste Situation versetzt uns in die 1950er Jahre zurück. Sie erkundet die sogenannte „Blütezeit des Radios“, die „Radio Years“, wo so etwas wie „Radio-Kultur“ herrschte und wo offensichtlich bis heute gültige Standards festgelegt wurden. Die zweite Situation ist die von heute und stellt die Frage: Welche „Radio-Kultur“ oder „Radio-Kulturen“ umgeben uns gegenwärtig?

Beginnen wir mit den Jahren, als das Radio noch ein sogenanntes Leitmedium war. Fernsehen gab es noch nicht. Man ging ins Kino, um den Hauptfilm zu sehen, und nahm „Wochenschauen“ und Kulturfilme so mit; ansonsten las man. Man merkt, dieses vereinfachte Bild der „Radio Years“, die für die Spanne von den 1930er bis zu den 1960er Jahren angesetzt werden, kann man idyllisch zeichnen und vor allem kann man es nostalgisch verklären.

Ein paar ‘Farbtupfer’ allerdings kann man dem Bild geben: Das Radio hatte eine bestimmte Bedeutung für die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft. In den bald nach Kriegsende gegründeten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten fand etwas statt, was man als Selbstverständigung bezeichnen kann. Diese erfolgte mit Hilfe von Diskussionen und Streitgesprächen, Vorträgen und Essays, Lesungen und Hörspielen, Dokumentationen und Features, Nachrichten und Kommentaren. Die Intellektuellen, die Schriftsteller, die Professoren und Publizisten schrieben auch fürs Radio, sie traten in den Programmen auf: Adorno und Benn, Böll und die Bachmann. Kein Treffen der Gruppe 47 ohne Medienecho. Kein NS-Prozess ohne Berichterstattung im Radio. Die Historikerin Christina von Hodenberg hat diese Prozesse beschrieben als den Übergang von einer Öffentlichkeit auf der Basis von Konsens hin zu einer – wie sie es nennt – „kritischen Medienöffentlichkeit“. In einer anderen Studie zeigt die Historikerin Monika Boll, dass speziell in den „Abendstudios“ und „Nachtprogrammen“ die „intellektuellen Gründungsdebatten der frühen Bundesrepublik“ stattgefunden hätten.

Doch bevor wir allzu sehr ins Schwärmen kommen, sei das schöne Bild sogleich korrigiert. „Was für ’nen Mist verzapfen Sie da!“ oder „Einsperren müsste man den Autor!“ – das sind Zitate aus Höreranrufen, aus spontanen Reaktionen des Publikums. Sie gelten 1951 Günter Eich und seinem Hörspiel „Träume“, also einem Stück, das mittlerweile kanonischen Rang hat. Die Hörer, die damals beim Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) angerufen haben, wollten vom Radio ‘unterhalten’ werden. Sie wollten „was Nettes hören“, sie wollten sich ablenken und bevorzugten Musik, leichte Musik, unterhaltende Musik. Das Radio – daran sei erinnert – wurde schließlich als „Unterhaltungsmedium“ gegründet und immer auch so begriffen.

Die Hörerzahlen übrigens, die für die Nachtprogramme ermittelt wurden, sind eher ernüchternd. Es war ein Nischenprogramm. Und Hörspiele? Die schrieben Autoren nicht selten aus ökonomischen Gründen. Vom Honorar konnte man mitunter mehrere Monate lang leben. Aber für den Literaturbetrieb zählte etwas anderes: Hier ging es um die gedruckte Literatur, um das Buch. Alfred Andersch beklagte sich einmal über die „Geheimschreiber“, also diejenigen, die vor allem für das Radio schreiben, was aber nicht wirklich zähle. Andersch porträtierte damals Wolfgang Koeppen und Ernst Schnabel, meinte aber vor allem auch sich selbst. Man kann also sagen, es sind zwei verschiedene Dinge, nämlich auf der einen Seite ‘Was die Deutschen hörten’ und auf der anderen Seite ‘Was ihre Intellektuellen für die Sender schrieben’.

So viel Radio, so viel Sound war nie

Das schärft bereits den Blick auf die Gegenwart. Denn ein Leichtes wäre es, eine Verfallsgeschichte zu zeichnen: Seit der ‘Blütezeit des Radios’ sei alles schlechter geworden, spätestens mit der Einführung der Servicewellen, des Formatradios, der privaten Sender, mit den magazinierten Durchhörprogrammen sei alles an ein Ende gekommen. Von wegen also „Die große Kulturmaschine Funk“, wie sie der SWR 2015 zum 60-jährigen Bestehen seines Sendeplatzes „Radio-Essay“ noch einmal beschwor. Von wegen „Radio-Kultur“! Alles liege im Argen.

Doch ein Blick und noch mehr ein aufmerksames Ohr auf die sich so rasch verändernden Medienumgebungen zeigt: So viel Radio, so viel Sound war nie! Im Netz stehen unzählige interessante Angebote zur Verfügung – auf YouTube, bei Spotify, in den Mediatheken, mit Internet-Only-Radioangeboten und und und. Wir haben die Auswahl, wir haben die Wahl. So viel wie noch nie ist verfügbar, allzeit und überall.

Es tut sich jede Menge. Allein auf meinem Twitter-Account empfange ich jede Menge Hinweise auf Tagungen, Ausstellungen, Performances. „Radio Art in Turmoil“ lautete der Titel einer Veranstaltung in Kopenhagen vor wenigen Wochen. „Radiophonic Spaces“ waren als „begehbares Radioarchiv“ im ‘Haus der Kulturen der Welt’ in Berlin Ende 2018 zu erkunden. „Öffentlichkeit für das Hörspiel – Hörspiele für die Öffentlichkeit“ bietet die neue, gerade laufende Veranstaltungsreihe in der Akademie der Künste. In all diesen Zusammenhängen ist viel vom „Ohrenmenschen“ die Rede, von einem regelrechten „Age of Ears“, also einem Zeitalter des Ohres. Über das Radio, das in diesen Tagen 100 Jahre alt wird, kann man sagen: So viel Radio, so viel Sound – so viel Radio Art, Sound Studies – so viel Arbeiten über „auditive Kulturen“ waren nie. Leben wir, wie ein Marktforschungsinstitut behauptet, in einer „digitalen Audio-Society“?

Damit sind wir mitten in der Frage nach der „Standort“-Bestimmung: Wie kann man Radio-Kulturen bestimmen – Öffentlichkeiten, die sich für klangliche Ereignisse, sonische Informationen interessieren; Öffentlichkeiten, die gern hören, etwas anhören, die zuhören; Kulturen, in denen Radiohören einen Platz hat und eine Relevanz bekommt? Wenn man als Wissenschaftler eingeladen ist, so etwas vorzunehmen, bedient man sich seines wissenschaftlichen Handwerks – in diesem Fall des Konzepts der „kommunikativen Figurationen“. Dieses hat sich in den letzten Jahren hervorragend bewährt, um gesellschaftliche Veränderungen zu analysieren, die im Zusammenhang mit dem medialen Wandel stattfinden. Ich versuche im Folgenden, meine Ergebnisse aufzuzeigen und einen Einblick zu geben, wie dieses Konzept sinnvoll angewendet werden kann.

Beginnen wir mit dem medialen Wandel. Meine These: Radio-Kulturen können nicht länger mehr an einem Medium festgemacht werden. Denn was ist Radio? Und – was ist nicht mehr Radio?

Wir Wissenschaftler sprechen von Medienumgebungen, die sich wandeln. Wie bereits angedeutet, auch in der Geschichte war das Radio nie allein, sondern immer Teil einer Medienumgebung. Das ist heute genauso. Durch die fortschreitende Medialisierung gilt das noch mehr. Lineares Programm, Sendeplätze, Geräte, die eindeutig als „Radio“ zu identifizieren sind – all das ist zwar noch erkennbar, aber es verändert sich grundlegend. Wir sprechen von Trends des medialen Wandels.

Solche Trends machen wir an der Differenzierung der genutzten Kommunikationskanäle fest: Jegliches Denken in ‘ein Sender’ hier und ‘ein Hörer’ da ist längst überholt. Oder nehmen wir die Verfügbarkeit: Der Trend geht zur Omnipräsenz. Alles ist verfügbar, allerorten und zu jeder Zeit. Technische Zugangsgeräte und verfügbare Kommunikationsdienste verändern sich. Wir sprechen vom Übergang zur Konnektivität der Medien, kommunikative Optionen rücken zusammen. Wir sehen die wachsende Bedeutung von dialogorientierten Kommunikationsformen. Die Zeiten eines sogenannten dispersen Publikums, eines anonymen und verstreuten Publikums, sind vorbei. Ein Trend geht hin zur Beschleunigung von Wissensproduktion und Wissensnachfrage.

Digital, zeitversetzt, individuell abrufbar

Das sind Trends, die sich abzeichnen. Immerhin belegen die jüngsten Zahlen einer Studie bei uns am Hans-Bredow-Institut auch: Natürlich wird weiterhin in einem hohen Maße Radio auf ganz traditionelle Weise gehört und das individuelle Abrufen von Radiosendungen oder Podcasts über Streaming-Anbieter, Internet-Seiten oder Apps spielt in Deutschland insgesamt noch gar keine so große Rolle. Doch wenn man sich die Zahlen dieser Studie mit dem Titel „The Peoples’ Internet“ genauer anschaut und sie allein nach Altersgruppen differenziert, verschiebt sich dieses Bild schrittweise hin zugunsten digitaler Nutzung, hin zu zeitversetzten und individuell abgerufenen Nutzungen.

Das ist vor allem interessant, wenn man sich kulturelle Interessen der Publika ansieht. Seit 1998 unterscheidet man in der Forschung sogenannte „MedienNutzerTypen“. In der jüngsten „MedienNutzerTypologie“ von 2015 werden drei der insgesamt zehn Typen so charakterisiert, dass sie kulturelle Interessen haben, dass Kultur in ihrer Lebenswelt eine Rolle spielt. Das sind in der Sprache der Typen-Bildung die „Hochkulturorientierten“, die „Engagierten“ und die „modernen Etablierten“. Sie bilden zusammen etwa 30 Prozent der Bevölkerung und stellen sich aufgrund ihrer Interessen, ihrer Wertemuster und Freizeitbeschäftigungen ein sogenanntes „Medienrepertoire“ zusammen.

Dieses „Medienrepertoire“ umfasst viele verschiedene Medien – Radio, Fernsehen, Zeitungen etc.; es umfasst viele Nutzungsformen – im Haus, mobil und außerhäusig mit Konzert- und Theaterbesuchen; es umfasst die verschiedenen Formen der digitalen Mediennutzung – also zur allgemeinen Information, zum Abruf für spezielle Interessen oder zum kommunikativen Austausch in verschiedenen Peer-Gruppen. Es überrascht vielleicht, dass zum Beispiel die „Hochkulturorientierten“ quantitativ weniger Radio hören als der Gesamtdurchschnitt. Aber ihre vielfältigen Themeninteressen machen sie zur Kernhörerschaft von Kultur- und Informationsformaten, zu den Nutzern von tieferen Auseinandersetzungen mit Themen und Inhalten.

Um nun die Radio-Kulturen vor dem Hintergrund des medialen Wandels näher zu beleuchten, nehme ich das Konzept der kommunikativen Figurationen zu Hilfe. Ich schildere Beobachtungen, die ich drei verschiedenen Zugängen zuordne: der Akteurskonstellation, dem Relevanzrahmen und den kommunikativen Praktiken.

Fangen wir mit der Akteurskonstellation an. Meine These: Es herrscht eine neue Vielfalt der Akteure beziehungsweise eine neue Unübersichtlichkeit, wenn Sie so wollen.

Das Alleinstellungsmerkmal des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als Produzent und als Vermittler von Kultur ist weggefallen. Er ist nicht länger mehr ein „Kulturakteur“ neben den anderen öffentlichen Einrichtungen wie den Theater-, Konzert- und Opernhäusern. In den „new aural cultures“, also in den Kulturen, die sich mit sonischen Aspekten befassen, gibt es vielfältige Akteure, die sich der wachsenden digitalen Möglichkeiten bedienen.

Die Podcast-Szene ist sicherlich an erster Stelle zu nennen. Die dafür erforderliche Medientechnik ist leicht handhabbar und sie ist günstig – im Prinzip kann jeder Audiobeiträge erstellen und versuchen, sich im Netz Gehör zu verschaffen. Und viele tun dies auch. Öffentlich-rechtliche Podcasts und solche von Einzelpersonen und Gruppen, von Künstlern, von Journalisten und vermehrt jetzt auch von Wissenschaftlern konkurrieren mit den Angeboten, die man traditionell als Kulturradioprogramme klassifiziert hätte.

Geografische Grenzen spielen keine Rolle mehr

Die Internationalisierung ist an zweiter Stelle zu nennen. Statt wie früher auf ein Sendegebiet beschränkt zu sein, in dem die Angebote im Nahbereich der UKW-Frequenzen ausgestrahlt werden, spielen geografische Grenzen keine Rolle mehr. Über das jeweilige Sendegebiet eines sogenannten Haussenders hinaus, ist selbstverständlich das deutschsprachige Angebot verfügbar. Und nicht nur das: Wenn die Sprachbarrieren nicht hemmen, steht das internationale Angebot zur Verfügung. Eines der schönsten Beispiele in diesem Zusammenhang ist der „Radio Garten“. Unter radio.garden ist das Ergebnis eines Forschungsprojekts zu „Transnational Radio Encounters“ zu erleben, also zu transnationalem Erzählen im und mit dem Radio. Die Kollegen haben diesen „Garten“ im Netz geschaffen, einen „Paradies-Garten“, wenn man so will, in dem man aus 8000 Sendern auswählen kann. Auf einer Weltkugel zoomt man sich hin zu einem Ort, klickt und lauscht den weltweiten Darbietungen.

Wenden wir uns der zweiten Perspektive zu: Welche Relevanzrahmen herrschen vor? Damit beschreibe ich die Orientierungen, die Werte, Normen und Ziele, die von den Akteuren benannt werden: Welche Relevanz verbinden Akteure mit ihren Handlungen? Worauf beziehen sie sich? Meine These: Die Suche nach dem, was „im öffentlichen Interesse“ ist, hat gerade erst begonnen. Es ist noch viel tun, um zu zeigen, welchen öffentlich-rechtlichen Beitrag man zu den Radio-Kulturen leisten möchte!

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanbieter bieten ein buntes Beobachtungsfeld. Anscheinend oder auch scheinbar ist man in der Defensive. Dazu zwei Beispiele. Das erste ist eine wunderbare Studie, die der WDR 2009 in Auftrag gegeben hat. Auftragnehmer dieser Studie war der Deutsche Kulturrat. Gemeinsam ging es darum, aufzuzeigen, inwiefern dieser eine öffentlich-rechtliche Sender ein „Kulturakteur“ ist, welche Rolle er im öffentlichen Kultursektor spielt, welchen erwerbswirtschaftlichen Teil des kulturellen Lebens er trägt und welche Bedeutung der Sender im kulturellen Leben spielt. Das Interessante an dieser Studie war und ist, dass sie versuchte, solche Leistungen nicht nur zu erfassen, sondern sie auch zu bilanzieren, zu beziffern, also kulturelle Leistungen messbar zu machen. Dafür wurden der WDR und der Deutsche Kulturrat damals relativ heftig kritisiert. Vielen war diese Leistungsschau zu schöngeredet, zu sehr auf Erfolgsbilanz hin geschrieben.

Ich sehe zwei grundsätzliche Probleme. Das erste Problem ist die Schwierigkeit, Leistungen eines „öffentlichen Dienstes“ in Zahlen zu fassen. Wir sind geneigt, das alles qualitativ zu beschreiben – aber quantitativ messen? Solche Leistungen mit konkreten Zahlen zu belegen? Das erscheint immer noch irritierend. Das zweite Problem ist die Herausforderung, genau das aber tun zu müssen. Die Logik unserer gegenwärtigen Liberalisierung und Kommerzialisierung zwingt „öffentliche“ Akteure dazu, genau das zu tun.

Das Ziel, noch mehr Wert für alle zu schaffen

„Creating Public Value“ war Mitte der 1990er Jahre das Schlagwort, das von Wirtschaftswissenschaftlern wie Mark Moore eingeführt wurde, um Management-Strategien öffentlicher Einrichtungen ganz allgemein zu messen, sie effizienter zu machen und das heißt auch zu reformieren. Diese Entwicklung erreichte dann auch schnell den Rundfunk als öffentliche Einrichtung. In Großbritannien legte die BBC ihren Bericht „Building Public Value“ vor, um sich neu für die digitalisierte Welt zu positionieren. Auch in Deutschland redet man seither über den „Mehrwert“ und das Ziel, noch ‘mehr’ ‘Wert’ für alle zu schaffen. Beispielsweise, wenn die „Leistungsbilanz“ des Deutschlandradios übertitelt ist mit „Mehr Wert im Radio – bundesweit und werbefrei“. Doch, wie gesagt, wie kann man das messen und wie kann man das einer Gesellschaft gegenüber ausweisen?

Das zweite Beispiel für meine These: Auf der europäischen Ebene der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, also auf der Ebene der EBU, der European Broadcasting Union, verfolgt man aktuell die Strategie der sogenannten „Contribution to Society“. Vier Großbereiche stehen in diesem Modell im Mittelpunkt, Großbereiche, zu denen der Rundfunk jeweils eine gesellschaftliche Leistung erbringt: zum Bereich der Wirtschaft, zur technischen Entwicklung, zur Demokratie sowie schließlich – und das interessiert uns hier besonders – zum Bereich von Kultur und Bildung. Darunter fasst man nicht nur das kulturelle Leben, sondern auch das kulturelle Erbe sowie alles um Persönlichkeitsbildung und Identitätsmanagement. Die EBU hat Ende 2015 einen Bericht vorgelegt, der die Verantwortlichen in den Sendeanstalten einlädt, darüber nahzudenken, was ihre „Contributions to Society“ denn sind, welche mitunter sehr verschiedenen Leistungen sie erbringen, wie diese miteinander verbunden sind und – das ist ganz wichtig – wie diese wirken, wie man deren konkreten „Impact“ messen kann.

Was die EBU hier intern anstößt, ist aus meiner Sicht noch nicht richtig angenommen worden. Dabei gäbe es jede Menge interessante Fragen: Welche Leistungen erbringen künstlerische Radiobeiträge im Literatur-, im Kulturbetrieb? Wie viele Autoren leben von den Einnahmen ihrer Arbeit für die Sender – ganz oder teilweise? Welche Rolle spielen Radiobeiträge, wenn es um Sozialisation geht? Welche Rolle, wenn es um schnelle Überblicksinformationen geht? Welche Rolle, wenn es um vertiefte Informationen, um Hintergründe, Entwicklungslinien geht? Wie viel „Radio“-Erbe haben wir und wie wird es der Gesellschaft zugänglich gemacht? Ich denke, hier könnte vieles getan werden, was meines Erachtens dazu beiträgt, einen gesellschaftlichen Wert und eine gesellschaftliche Relevanz nachhaltig aufzuzeigen.

Im Moment fallen eher die zahlreichen Broschüren auf, die werbewirksam und auf Hochglanz der Öffentlichkeit ein großes Leistungsspektrum vorführen. Gut so! Aber wie steht es um die Überprüfbarkeit, um das Messen der Leistungen? Diskutiert wird, was Selbstverpflichtungen erreichen können. Warum nicht Verpflichtungen öffentlich machen, die man später von extern (!) überprüfen lässt? Wäre das nicht ein Beitrag, einen dynamischen Kulturauftrag im Dialog mit der Gesellschaft auszuhandeln? Ich persönlich finde es wert, darüber nachzudenken, was als Beiträge zu Radio-Kulturen verhandelt wird und wie man deren Erfolg aufzeigen kann. Sehr gut passen in diesen Zusammenhang übrigens auch die neun Handlungsempfehlungen, die die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags vor gut zehn Jahren zur „Kultur in Deutschland“ festgehalten hat. An oberster Stelle stand bereits damals, „den Kulturauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks [...] zu präzisieren“. Als zweites wurde angeregt, mit der „Evaluierung der Erfüllung des Kulturauftrags durch die öffentlich-rechtlichen Rundfunk­anstalten eine unabhängige externe Institution zu beauftragen“.

Damit komme ich zur dritten Perspektive der „kommunikativen Figuration“ von „Radio-Kulturen“ heute. Werfen wir einen Blick auf konkrete Handlungen und fragen: Welche kommunikativen Praktiken lassen sich beobachten? Meine These: Es gibt eine Sehnsucht nach Kultur, kulturelle Orientierung wird gesucht.

Die große Aufgabe der Kultur

Lassen wir kurz einige Erfolgsbeispiele Revue passieren, kommunikative Praktiken, mit denen die Rundfunkmacher die Ausspielwege jenseits des linearen Programms entdecken und nutzen. Nehmen Sie den „SWR 2 Dokublog“. Seit mittlerweile gut zehn Jahren ist er nicht nur eine Internet-Plattform, die Informationen bietet. Der „SWR 2 Dokublog“ ist ein Diskussionsforum zu aktuellen Medienfragen und eine Börse, die zum Veröffentlichen einlädt. Das Prinzip „Do it youself“ erhält hier eine ganz neue Bedeutung. Oder nehmen wir die vielen neuen Online-Angebote der öffentlich-rechtlichen Dramaturgien. Allen voran das digitale Angebot von Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur, das unter www.hoerspieleundfeature.de gebündelt ist. Der „Hörspielpool“ des Bayerischen Rundfunks (BR) lädt mit den Worten ein: „Jeder Zeit ist Hörspielzeit!“. Der „Hörspielspeicher“ des WDR erklärt süffisant: „Hört doch, was Ihr wollt“. Gut so!

Schließlich die jüngsten digitalen Angebote, die Audiothek-Apps – zum Beispiel des Deutschlandfunks, einzelner ARD-Anstalten und, gebündelt, die ARD-Audiothek: Ein Web-Angebot und eine App, die Programmbeiträge in den Kategorien Hörspiel, Comedy, Wissen, Dokumentation und Reportage anbieten – also genau das Spektrum, das Kultur umfasst. Mit einigem Tamtam ist die ARD-Audiothek Ende 2017 an den Start gegangen. Die Nutzungsforschung dazu läuft gerade. Einzelne Erfolgszahlen werden von den Anbietern genannt.

Dieser Nutzung steht mittlerweile bereits ein Wandel in der Produktion gegenüber. Im Interview berichten Mitarbeiter der ARD, dass sie immer häufiger vom ‘Online first’ her denken, dass sie vom ‘Podcast first’ her ihre neuen Inhalte entwickeln. Erst in einem zweiten Schritt wird überlegt, wie man Geschichten bearbeiten muss, um sie auch noch im linearen Programm erzählen zu können.

Drei abschließende und abrundende Bemerkungen zu den Konsequenzen für die Radio-Kulturen:

Die erste Bemerkung gilt dem, was gemeinhin mit ‘gesellschaftlicher Fragmentierung’ oder ‘fragmentierten Öffentlichkeiten’ bezeichnet wird. Das ist eine unserer größten Herausforderungen aktuell: Was hält die Gesellschaft noch zusammen? Wie kann gesellschaftlicher Zusammenhang gestärkt werden? Wer oder was, wenn nicht die Kultur, hat diese große Aufgabe! Sie trägt dazu bei, dass Individuen sich zu Persönlichkeiten bilden. Sie macht aus Personen soziale Gruppen, Gemeinschaften. Sie schafft Zusammengehörigkeit. In dem EBU-Modell, das ich erwähnt habe, wird explizit diese Aufgabe angesprochen. Die öffentlich-rechtlichen Medien sollten sich das noch mehr auf die Fahne schreiben und uns ihre Leistungen aufzeigen.

Wie sähe das speziell für Radio-Kulturen aus? Welche Radio-Angebote müssten auf welche Kommunikationsbedürfnisse reagieren? Radio-Angebote welcher Art auch immer können zu verschiedenen Ebenen von Radio-Kulturen beitragen. Auf der untersten Ebene, auf der breiten Ebene einer Informationspyramide steht die Weltbeobachtung. Radio-Kulturen müssen wissen, müssen erfahren können, was vor sich geht. Was ist öffentlich relevant? Auf einer Ebene darüber stehen thematische Interessen und Vorlieben. Hier haben Hörspiele ihren Platz – sowie Features und Dokumentationen, die Aspekte der Welt aufzeigen, akustisch, mit Mitteln des Klangs, der Stimme und der Sprache. Erst weiter oben in dieser Informationspyramide kommen gruppenbezogene Bedürfnisse oder gar situativ-individuelle Bedürfnisse. Ob öffentlich-rechtliche Anbieter hier gefragt sind, lasse ich offen. Ein öffentlich verpflichtend gemachter „Kulturauftrag“ wird sich aber mit Sicherheit auf die ersten beiden Ebenen erstrecken.

Die zweite Bemerkung fragt, wie der traditionelle Akteur das alles besser leisten kann. Hier ist mein Ansatz, den Kulturakteur Radio als eng vernetzt zu beschreiben. Radio-Kulturen werden nicht allein aus Kulturradios geschaffen, erwachsen nicht aus kulturellen Programmen allein. Radio-Kulturen leben von Repertoires, von vielfältigen Interessen und Vorlieben. Wir sind es längst gewohnt, dass Kooperationen zwischen öffentlich-rechtlichen Häusern und Verlagen, Labels, Konzert- und Theaterhäusern stattfinden. Mit Blick auf Radio-Kulturen wünsche ich mir, dass der Kulturakteur Radio kulturelle Interessen und Vorlieben weckt. Durch seine öffentliche Finanzierung hat er hier auch eine ganz besondere gesellschaftliche Aufgabe wahrzunehmen. Aber ich finde es in keiner Wiese beklagenswert, wenn andere, weitere Kulturakteure hinzutreten. Im Gegenteil.

Dritte Bemerkung: Radio-Kulturen heute scheinen mir in einem spannungsreichen Verhältnis von Individualisierung und Eventisierung angesiedelt. Radiohören erscheint vielfach als eine individuelle Praktik, man hört allein, man hört für sich – zu Hause in den vier Wänden, mit einem Kopfhörer in der U-Bahn. Dem gegenüber steht das gemeinschaftliche Hören, das körperliche Erleben von Gemeinschaft. Für Musik ist das ganz besonders greifbar. Aber mir fällt auf, dass es einen erfolgreichen Trend hin zu Events gibt, also Radio Art oder Sound Art öffentlich zu präsentieren – etwa in einem Planetarium ein Hörspiel aufzuführen, oder in einer Galerie eine Installation, eine Performance mitzuerleben.

Gerade Letzteres ist für mich immer ein besonderes Erlebnis – zum einen, weil ich mich über gelungene radiokulturelle Ereignisse freue; zum anderen, weil ich glaube, hier das Bedürfnis nach Radio-Kultur zu sehen. Hier zeigt es sich. Das schafft Zusammengehörigkeit, denn wie viele andere bin auch ich immer auf der Suche nach den Radio-Kulturen.

14.06.2019/MK