Permanente Live-Zeit

Das definitive Bildschirmmagazin des Fernsehjahrgangs 1989

Von Dietrich Leder
05.01.1990 •

Ein Rückblick in 13 Kurzbeiträgen (garantierte Maximallänge: 2 Min. 30 Sek.) und gediegenen Zwischenmoderationen mit den wichtigsten Fernsehbildern und -tönen des Jahres sowie einem Vor- und Nachwort

Vorwort: Von Michail Gorbatschow stammt der Satz des Jahres. Er sagte im Sommer zu Erich Honecker: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, und dersetzte es – getreu dem Motto „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“ – in die Praxis um. Das vergangene Jahr nahm sich daran gleichfalls ein Beispiel und lief deshalb so hektisch ab, dass wir normalen Fernsehzuschauer felsenfest davon überzeugt sind, 1989 bestünde aus sechzehnkommafünf Monaten, mindestens. „Unsere Zeit“, sagte Alexander Kluge 1985, „zersplittert die Zeitmaße, wie sie die räumlichen Maße aufhebt. Entweder warten wir oder aber es überstürzt sich.“

JANUAR

Als Anfang des Jahres im ZDF das Zeitalter des Dauerlogos ausbrach und sich das Sendersignet in voller Lichtstärke (witzigerweise erst links, dann rechts) im dunklen Weltraum von Kubricks (übrigens überschätztem) „2001“ breitmachte, brach ein kulturkritischer Sturm der Entrüstung los und bescherte uns ein Krampfthema des Jahres.

Das gesamte Jahr sollte sich die Branche mit den Plänen einer Fusion von SDR und SWF herumschlagen, die Lothar Späth „seinen“ Rundfunk- und Fernsehleuten verordnet hat. Den Höhepunkt der schwäbischen Provinzposse bildete ein katastrophaler Rechenfehler der Beratungsfirma McKinsey, die Einsparungsmöglichkeiten einer Fusion ermitteln sollte. In Zukunft sollte man sich zumindest diese Firma ersparen. Apropos Späth: Sein mit Jack Lang ausgehecktes Projekt eines deutsch-französischen Kulturkanals durchlitt gleichfalls eine Achterbahn der Gefühle. Erst zierten sich ARD und ZDF, endlich schien alles klar zu sein, da brach der Deutsche Herbst herein und schon wollten einige Intendanten den deutsch-französischen zu einem deutsch-deutschen Kanal umbiegen. Dieser Gegenvorschlag lieferte uns den endgültigen Beweis dafür, dass wir eines deutsch-französischen und später europäischen Kulturkanals (mit der Keimzelle La Sept) bedürfen. Alles lieber als ein Fernsehprogramm, das allein durch das mit sich multiplizierte Adjektiv „deutsch“ definiert wird!

FEBRUAR

Frank Elstner wendet in der dritten Ausgabe seiner Samstagabendshow „Nase vorn“ die Stimmung im Lande, indem er sich radikal von allen eigenen Ideen (Nasenbären, Telefaxspiel etc.pp.) verabschiedet – ein öffentliches Harakiri, wie es erfolgreicher kaum ausgehen könnte.

Nicht vergessen seien die diesjährigen Desaster der öffentlich-rechtlichen Anstalten, für die beispielsweise der hochmoderne Euro-Schrott à la „Peter Strohm“, „Euro-Cops“ oder „Mission Eureka“, der alljährliche Serienquark (im saisonalen Angebot: Förster, Ärzte, Pfarrer, Taxifahrerin, Bierbrauer), internationale Großproduktionen wie „Hemingway“, Nitschereien von „ttt“ (mit einem doppelt-gemoppelten Igittberger) oder die wohlfeile Unterhaltungskonfektion sorgten. Gerade die in den letzten drei, vier Jahren (von Fernsehdirektoren wie Günter Struve) gehätschelten Unterhaltungsredakteure, die stets zu wissen vorgaben, wie das Publikum zu erreichen sei, setzten gleich reihenweise neue (und uralte) Projekte in den Sand, ohne dass es ihnen nachweislich schadete. Die Liste ihrer Planungskatastrophen reicht von “Fragen Sie Frau Dr. Cora” über „Chicita“, „Hurra Deutschland“, „Bericht aus Bonn“, „Spiel ohne Grenzen“, „Superflip“ und „Live-Zeit“ bis hin zum „Startest“.

MÄRZ

Das von der AIDS-Krankheit gezeichnete Gesicht, seine letzte Selbstinszenierung, seine sarkastischen Kommentare und seine Beschreibung dessen, was der Sterbende von der bundesrepublikanischen Gesellschaft Ende der achtziger Jahre wahrnahm, wird keiner so leicht vergessen, der Kurt Raabs (gemeinsam mit Hanno Baethe und Hans Hirschmüller gedrehten) Videofilm „Sehnsucht nach Sodom“ als Kleines Fernsehspiel an einem späten Dienstagabend im ZDF sah – ein Memento der Jetztzeit.

Es wurde so oft gesagt, dass jeder daran glaubt. Doch nur das Gegenteil stimmt: Es ist dem Dokumentarfilm im Fernsehen tatsächlich noch nie so gutgegangen wie im letzten Jahr – ökonomisch wie ästhetisch. Die Sendeplätze haben zugenommen, zuletzt kam ein Termin für lange Filmformen am Dienstagabend in der ARD hinzu. Und in den Dritten Programmen haben Redakteure in den letzten Jahren planmäßig dem Dokumentarfilm Raum verschafft. Beispielhafte Produktionen des letzten Jahres: Farockis „Image und Umsatz“ (SWF), Bitomskys „Der VW-Komplex“ (WDR, vorab auf Eins Plus), Andrea Morgenthalers „Roger Bornemann – Tod eines Skinheads“ (SWF), Rolf Schübels „Der Indianer“ (ZDF), Eberhard Fechners „La Paloma“ (WDR), Böhms „Zu Besuch bei Börsianern“ (WDR).

Film des Jahres: „Lager des Schweigens“ von Bernhard Mangiante, eine Koproduktion von La Sept und WDR. In diesem von West 3 im Sommer ausgestrahlten Film (Redaktion: Gerhard Honal) über die französischen Konzentrationslager des Petain-Regimes fiel als einer der Augenzeugen der Kommunist Walter Janka mit seinen präzisen Bobachtungen auf, weil er seine eigene Partei und sich selbst nicht schonte. Wenige Wochen später veröffentlichte der Rowohlt-Verlag als Taschenbuch (irreführenderweise in der Reihe „Essay“) einen Auszug seiner Memoiren unter dem Titel „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“. Die Geschichte des Walter Janka wird hier weitererzählt, wie er in die DDR zurückkehrt, dort den Aufbau-Verlag übernimmt und schließlich 1956 in einem DDR-Schauprozess als Verräter zu einer Zuchthausstrafe verurteilt wird. Mit der Schilderung des Prozesses wurde der Autor, der heute noch in der DDR lebt, in kurzer Zeit zum wichtigsten Kronzeugen gegen die Anpassung der Intellektuellen in der nach-stalinistischen DDR von 1956 bis zum Herbst diesen Jahres.

Die dokumentarische Qualität des Films von Magiante zeigt sich für mich auch darin, dass sein Bild Jankas dessen literarischem Selbstbild auf eine fast schon erschreckende Weise gleicht; der harschen und absolut selbstkritischen Artikulation vor der Kamera entspricht, dass Janka in zwei Kapiteln des Rowohlt-Textes von sich selbst in der dritten Person Singular schreibt. (Diese Geschichte will ich durch zwei Lektürehinweise, neben dem auf Jankas Buch selbstverständlich, ergänzen: Wer etwas über ihn erfahren möchte, wird ihn in Hans Mayers Autobiografie charakterisiert finden; und Heinz Zöger, der gleichzeitig mit ihm verhaftet wurde, ist in Carola Sterns Buch „In den Netzen der Erinnerung“ nachhaltig beschrieben.)

Ostern: Als die ARD aus Anlass des 80. Geburtstag des Jubilars ein Gespräch ausstrahlt, das S 3 bereits Ende 1988 gezeigt hatte, wurde das Urteil noch einmal bundesweit wiederholt, das der Sohn seines hochberühmten, Neffe seines gleichfalls renommierten Onkels, Bruder seines tragischen Bruders – kurz: unser aller Golo M. – den Philosophen Horkheimer und Adorno nachwarf, sie seien die „größten Lumpen“ gewesen. Sein Interviewer, der ach so sensible Gero von Boehm, hätte mit den Worten replizieren können: „Selbst wenn es so wäre, werter Mann, für jede Zeile von diesen gebe ich Ihr Gesamtwerk her“; doch er sagte es nicht und sollte sich deshalb schämen.

Das schönste Spiel im vergangenen Jahr war die Raterei „Wer wird was warum nicht?“ Warum beispielsweise Henning Röhl nicht zum RIAS-Chef berufen wurde, wissen nur die Amerikaner oder die FDP. Wäre er’s nur geworden, das hätte allen die „Tagesthemen“-Affäre um Hajo Friedrichs und das „Bild“-Desaster der Hano-Kritik erspart. Schön war auch das Dementi-Spiel „Ich wechsle doch nicht zu RTL plus“ (Spitzenreiter hier: Gerd Berger, der sich über die Falschmeldung seines Wechsels so sehr erregte, dass er ihn zwei Monate später in die Tat umsetzte) und das Spiel „Warum ausgerechnet der?“, das Günther von Lojewski gewann (nach der Halbwertzeit für SFB-Intendanten müsste er seine beste Amtszeit in Berlin schon hinter sich haben, wenn er sie je vor sich hatte). Als bester Einkäufer erwies sich nicht RTL-Thoma, der mit Gottschalk, Jauch und Kulenkampff das Angebotsloch seines Unterhaltungsprogramms stopfte, sondern Dieter Stolte, der neben Janke noch Kienzle und Braun für ZDF-Spitzenpositionen auf den Lerchenberg verpflichtete. Hoffentlich kommt er damit besser durch die nächste Sommerflaute als mit dem überflüssigen 20.00-Uhr-Start des U-Programms in diesem Jahr.

APRIL

Dass Geschichte die Sinngebung des Sinnlosen sei, hat das Fernsehen auch in diesem Jahr wieder bewiesen, in dem es sie in die Abfolge der Jubiläen auflöste, demnach 800 Jahre Hamburger Hafen, 200 Jahre Französische Revolution, 100 Jahre Adolf Hitler, 50 Jahre Kriegsbeginn, 40 Jahre Grundgesetz, zwei Jahre Barschel, ein Jahr Gladbeck, Ramstein und Remscheid in irgendeinem Zusammenhang stehen – fragt sich nur: in welchem?

Das Erste Programm wird nicht produziert, sondern koordiniert. Koordinieren sollen vor allem die drei hauptamtlichen Koordinatoren Schwarzkopf (ARD-Programmdirektor), Schulze (Politik, Gesellschaft, Kultur) und Klein (Sport). In Zeiten verschärfter Konkurrenz müsste das Koordinatorentriumvirat noch kräftiger koordinieren als ohnehin schon. Welch ein Irrtum! Martin Schulze, der sich bei seinen öffentlichen Auftritten (etwa bei den „Mainzer Tagen der Fernsehkritik“ des Jahres 1989) selbst nicht mehr zuhören kann, verschlief das Großereignis der Berliner Massendemonstration am 4. November wie das der Maueröffnung fünf Tage später. Fritz Klein erwies sich während der Auseinandersetzungen um Wimbledon als eine solch eklatante Fehlbesetzung, dass man seine Berufung vor mehreren Jahren nur als letzte Rettungsmaßnahme für die unter ihm leidende NDR-Sportredaktion entschuldigen kann. Und Dietrich Schwarzkopf, der Medienjournalisten so gerne belehrt, gab im Januar die Parole aus, man solle auf die private Konkurrenz „unaufgeregt“ reagieren. Daran hat sich mit Ausnahme der „Empfangsherren“ des WDR keiner gehalten.

MAI

Die frisch gestartete Verkaufsshow „Der Preis ist heiß“ von RTL plus erwies sich als die moderne Variante jener Busreisen, die arme Rentner nach Luxemburg oder anderswo locken, um ihnen unterwegs Rheumadecken anzudrehen; dummerweise wird sie von vielen DDR-Bürgern als Fortbildungsprogramm in Sachen „bundesrebbubliganischer Breisgestaltung" angesehen.

Wie ist im Fernsehen miteinander zu reden? So recht weiß das keiner. Geglückte Situationen in den sog. Talkshows bilden die Ausnahme, die Regel heißt Rumgequake, Meinungshuberei, Posing. Eine Ursache für das Scheitern besteht darin, dass es für viele Redakteure nicht hinreicht, nur die Bedingungen zu erfüllen, die im normalen Leben ein anregendes Gespräch ermöglichen: Termin, umbauter Raum, Gäste. Sie fügen den unvermeidlichen Gesprächsleiter und – besonders wichtig – das Thema wie den Anlass hinzu. Als Austragungsort wählen sie gerne entweder ein steriles Studio, das von der Abteilung „Ausstattung“ naturalistisch in ein Gesprächslokal verwandelt wird, oder einen semi-öffentlichen Raum, den sie gleich mit ihrer ganzen Präpotenz erobern und sich ihm ästhetisch anverwandeln (phänotypisch: die Alte Oper Frankfurt bei „Live“, ZDF).

Die Profis unter den Gesprächspartnern wissen, dass sie auf einer Bühne stehen, also monologisieren müssen und so etwas wie einen Dialog allein zu spielen haben. Das, was der andere sagt, dient nur als Aufhänger, an den man aufknüpft mit dem, was man (oft in Selbstüberschätzung) den eigenen Gedanken nennt. Und der Diskussionsleiter exekutiert, als wäre er Genosse Mittag, seinen Plan. Kein Wunder, dass es am Ende eines solchen Fernsehgesprächs, wenn die Kameras ausgeschaltet sind, in der Regel erst richtig losgeht.

Als Alternativen zu dieser muffigen Talk-Routine bieten sich zwei radikale Konzepte an: die Crash-Tour des „Heißen Stuhls“ (RTL plus), die einen Gast gegen mehrere Kontrahenten antreten lässt und somit den real existierenden sportiven Charakter solcherart Veranstaltung herausstreicht, oder die ästhetisch auf das Wesentliche reduzierte Form, in der Alexander Kluge (in „10 to 11“ von DCTP auf RTL plus) seine engagierten und präzisen Gespräche mit Künstlern wie Werner Schröter oder Michael Gielen führt und mit der Kamera dokumentiert – „Kultur ohne Rabatt“, für die ich gerne jede zweite Woche seine misslungene Magazin-Variante mit dem Schnipselkompott in Kauf nehme.

JUNI

Unter den vielen Bildern, die aus Peking von den Greueln der greisen Staatsführung berichteten, bleibt eines in Erinnerung, das einen jungen Mann zeigt, der mitten auf der Prachtstraße stehend waffenlos eine in Reihe fahrende Panzerkolonne erst zu Ausweichmanövern und schließlich zum Stehen bringt – weil dieses Bild in den Tagen der staatlichen Konterrevolution einen Rest an utopischem Gehalt birgt, demnach es irgendwann einmal gelänge, der Gewalt gewaltlos zu trotzen.

Wir leben von den Nachrichten des Fernsehens. Sie beruhigen unser Bewusstsein mit dem Hinweis, wir wüssten, was geschieht. Es hat den Anschein, als seien wir per Knopfdruck jederzeit an die Weltgeschichte angeschlossen. Und was wir auf dem Bildschirm nicht sehen, steht prinzipiell unter dem Verdacht, nicht zu existieren. Unsere politische Phantasie, die sich vorzustellen versucht, was man nicht aus eigener Anschauung kennt, ist nur noch schwach ausgebildet.

Aus aktuellem Anlass ist aber an Folgendes zu erinnern: Erstens ist selbst das, was wir in vielen Berichten sehen, nur Symbol für das Ganze, um das es den Berichterstattern geht. Aus Peking wie später aus Bukarest sahen wir zunächst die Gewalt derer, die sich wehrten – weil die Kameras auf ihrer Seite waren. Die Gewalt der Gegenseite sah man erst, als weitere Bilder aus China herausgeschmuggelt waren und in Rumänien die Leichen der von der „Securitate“ umgebrachten Menschen exhumiert wurden zu einem Zeitpunkt, als die Niederlage Ceausescus feststand.

Zweitens täuscht uns die Unmittelbarkeit des Bildes eine direkte Augenzeugenschaft der Reporter oft nur vor. Wir bemerken diese von den Reportern vorgetäuschte Authentizität genau dann, wenn wir mehrere Berichte vom selben Ort zur selben Zeit miteinander vergleichen können. Vom Hörensagen aufgeschnappte Nachrichten und mitgeschnittene Fernsehbilder werden zu einem Bericht aufgekocht, der vom Schweiß der hartnäckigen Recherche odiert scheint.

Drittens neigt die Berufsgruppe der Journalisten am stärksten zur Rechthaberei. Wagemutig werden die gerade von den Demonstranten geschliffenen Bastionen des Stasi noch einmal gestürmt, hartnäckig die gefallenen Götter attackiert, mit Tremolo in der Stimme wird eingeklagt, was man vor Wochen noch nicht mal leise zu sagen wagte. Wendehälse, die gibt es auch hierzulande. Bei ihren heutigen hehren Botschaften (als Mahnung gen Osten) wird mir genauso übel wie bei den fetten Parolen der Kalten Krieger, die jetzt überall auftauchen und die Zukunft gen Groß-Deutschland asphaltieren.

JULI

Steffi Graf gewinnt, Boris Becker gewinnt, Gerd Szepanski gewinnt, Ulli Potofski gewinnt, Helmut Thoma gewinnt, die Werbeindustrie gewinnt – nur Heribert Faßbender ist beleidigt und zwar „allerseits“.

Angenommen, ARD oder ZDF hätten die Rechte an Wimbledon gekauft, wäre es dann nicht in der Logik dieses Fernsehjahres folgerichtig gewesen, wenn Hanns Joachim Friedrichs oder Ruprecht Eser (oder beide gemeinsam und mit Martina Ruperti of course) die Ausgaben ihrer Sendungen des Endspieltags live vom ramponierten Gras des Londoner Nobelklubs gefahren hätten – mit von Weizsäcker als Ehrengast und den beiden racket-schwingenden Stars als Zierde? Lange Zeit habe ich diese Jagd auf die Schauplätze der Geschichte (bei den diversen Staatsbesuchen und Gipfeln des Jahres) nicht verstanden. Hinter das für mich entscheidende Motiv kam ich erst, als mehrere Passanten einer SFB-Reporterin auf die Frage, warum sie am Tag der Öffnung des Brandenburger Tores zu diesem gewallfahrt seien, sinngemäß antworteten, sie hätten noch keinen geschichtlichen Augenblick miterlebt, nun wollten sie aber Augenzeuge sein. Kann es nicht sein, dass der sonderbare Run auf die Berliner Mauer dieselbe Motivwurzel hat wie der Jet-Set unserer Nachrichtenmatadoren?

Das Fernsehen füttert uns auf der einen Seite mit Geschichte derart, dass wir sie leid werden und nichts mehr von ihr wissen wollen. Erinnern Sie sich noch der diversen pädagogisch ummäntelten Formen, uns die Geschichte des Zweiten Weltkriegs in diesem Jahr nahezubringen? Auf der anderen Seite vermittelt es permanent den Flair des Dabeiseins, um seine Anwesenheit herauszustreichen und zu rechtfertigen. Die Folge: Das, was wir erleben, ist für uns keine Geschichte, es sei denn das Fernsehen wäre anwesend und filmte es.

Die Silvester ans Brandenburger Tor drängten, waren von solchem Gefühl bestimmt. Sie wollten gemeinsam mit dem Fernsehen (und letzten Endes durch es ausgelöst) noch einmal den historischen Augenblick als Realinszenierung durchschmecken, den sie am TiVi erlebt hatten: Die Live-Wiederholung eines historischen Augenblicks der befreienden Mauereroberung und der lustvollen Ost-West-Verbrüderung. Dass sich mehrere Hundert Zuschauer oder Demonstranten oder Fans verletzten, als sie die Monitorwand des DDR-Fernsehens erklommen, auf der genau das zu sehen war, was sie selbst betreiben wollten, nämlich auf das Brandenburger Tor zu klettern, kann man nicht nur als zynischen Treppenwitz festhalten – vielleicht ist es zugleich ein Zeichen dafür, was uns alle nach einer durchzechten gesamtdeutschen Nacht erwartet.

AUGUST

Die Fernbedienung wird für den Fußballfan zum Grundversorgungsmittel, garantiert sie doch den schnellen Wechsel zwischen den Spielen von der Fußball-Bundesliga, die von der „Sportschau“ (ARD) und „Anpfiff“ (RTL plus) parallel ausgestrahlt werden – kaum sieht man Potofski, sitzt man, schwups, wieder in der „ersten Reihe“.

Nachrichtensample I: Der Hit des Jahres nach der Verkaufsstatistik hieß „Looking for Freedom“ und wurde von Schmalzlocke und „Kid“-Partner David Hasselhoff geschluchzt; sein Erfolg wie auch der des (Wieder-)Vereinigungstanzes „Lambada“ (oder des Shooting-Stars „Liebling“ Momper) ist nur als Produkt des Medienverbundes mit dem Fernsehen zu begreifen, in dem die Mega-Serie der Gören,„Knight Rider“, wie die Kürzeststückeder „Kaoma“-Damen Reklame trieben. +++ Die klassische Fehlleistung vollbrachte der Bundeskanzler, als er im ZDF-„Heute-Journal“ zur Lage der Koalition erklärte: „Wir müssen versuchen, miteinander pfleglich unterzugehen“ – beim Versuch, über die Malaise hinwegzureden, platschte der Meister des sprachlichen, körperlichen und (wie wir seit Berlin-Schöneberg wissen) musikalischen Ungeschicks mitten in diese hinein. +++  Den schönsten Zwist lieferten sich die Häuser Kirch und Springer, und zwar genau so, wie sich Hänschen und Klein-Erna das vorstellen – mit Fintenschlagen, Ränkeschmieden, Gehässigkeiten, Auf- und Verkäufen; während das ZDF untertauchte (wg. Kirch), wagte es die ARD, den Konflikt von Jens junior durchleuchten zu lassen, doch außer einem schönen Zeitlupenzoom auf Leo Kirch höchstselbst kam dabei nicht viel heraus, es sei denn die ARD-Premiere, dass eine „Rundy"-Meldung ernst genommen und gegen das ZDF gewendet wurde.

SEPTEMBER

Die Trabbis fallen von der DDR ab und in die Bundesrepublik via Budapest ein und bieten hier dank ebenso einfallsloser wie dämlicher Reporter stets dasselbe Bild: Wagen töffelt heran, Fahrer kurbelt angesichts des mit einem Mikrofon bewaffneten Berichterstatters freiwillig das Fenster herunter und antwortet auf die Frage, wie er sich denn als Flüchtling im freien Westen fühle, in 189 von 201 gefilmten Fällen mit der genauen Bestimmung „unbeschreiblich“.

Nachrichtensample II: Kabarett sei nicht im Sinne eines ausgewogenen Programms, meinte öffentlich ZDF-Programmdirektor Oswald Ring – womit er irgendwie Recht haben könnte, ohne dass das Satireverbot seines Hauptprogramms, das er mit diesem Satz argumentativ untermauern wollte, etwas anderes als Hausrecht wäre. +++ Die „Mittagslücke“ wurde von den Lückenbüßern, genannt „Mittagsmagazin“, auf eher routinierte denn inspirierte Weise gefüllt, wobei, das sei nicht verschwiegen, sich das ZDF als wesentlich stärker (und hübscher!) erweist als der in diesem Segment für die ARD aktive Bayerische Rundfunk (BR) mit seiner restlos überforderten Crew um Hannelore Fischer. +++ Wolfgang Graß summierte das, was er in anderthalbjähriger Arbeit als Geschäftsführer bei Sat 1 erlebt hatte, im schönen Wort, es sei eine „ungeheure Erfahrung“ gewesen – womit er die mächtige Kraft eines solide ausgewählten Adjektivs bewies.

OKTOBER

Von den historisch wohl wichtigsten Demonstrationen in der DDR (am 4. Oktober in Dresden und am 9. Oktober in Leipzig) existieren nur die Videobilder der Stasi, aber auch „richtige“ Fernsehbilder hätten die wochenlangen Debatten darum, was wirklich wann und in wessen Absicht geschah, nicht verhindert, weil sich die historische Wahrheit dieser Situationen nicht in Bilder hätte fassen lassen.

Über die Wirkung und Bedeutung des Fernsehens für die Entwicklung des Bürgerprotestes in der DDR ist in zweifacher Richtung nachzudenken. Das nur noch von Phrasen getragene Gebäude des SED-Staates brach zusammen, als der Außendruck seiner Bevölkerung übermächtig wurde. Dieser war unter dem Eindruck der Fernsehbilder der Ausreisenden in ARD und ZDF entscheidend gewachsen. Diejenigen, die in der DDR blieben, weil sie es wollten, oder das Risiko des Transfers via Budapester oder Prager Botschaft nicht eingehen mochten, fühlten sich restlos von ihrem Staat verschaukelt. Das trieb zu jenem Unmut an, der sich im ersten (noch nicht fernsehpräsenten) Massenprotest artikulierte und innerhalb von vier Wochen zu einer oppositionellen Lawine anwuchs. Es ist aber festzuhalten, dass historisch erst die Reformen in der UdSSR, Ungarn und Polen die Massenflucht ermöglichten und diese wiederum ihre Fernsehbilder und nicht umgekehrt! Die Frage hieße also richtig gestellt: Wie hat das westliche elektronische Informationssystem mit seinen Konsumangeboten wie der Möglichkeit gesellschaftlicher Kritik die Blockade der Agitation durchbrochen, die von den Staaten des real-existierenden Sozialismus als cordon sanitaireum „ihre“ Völker gezogen wurde?

Gleichzeitig ist darüber nachzudenken, welches Bild von der Bundesrepublik die Fernsehsendungen von ARD und ZDF bei den Bürgern der DDR entwarfen. Johannes Gross schrieb in diesen Tagen im Feuilleton der „FAZ“ sinngemäß, dass die Zuschauer drüben die übertriebene Kritik des Fernsehens an den hiesigen Zuständen souverän ignoriert hätten. Das ist selbstverständlich ideologischer Quark, der auch durch Wiederkäuen keine Substanz gewinnt. Erst die (durchaus ja bescheidene) souveräne Kritik des Fernsehens an der Bundesrepublik als Ausdruck gesellschaftlicher Opposition konnte in der nach-stalinistischen DDR eine Idee davon erzeugen, wie gegen Staat und Partei zu opponieren sei und welche Kontrollrechte man erobern könne.

NOVEMBER

Nach Öffnung der Grenzen wird die Mauer zum permanenten Fernsehstudio umgerüstet, den hämmernden Mauerspechten entsprechen die mit dem Richtmikro um sich sichelnden Fernsehreporter aus Ost und West, die ein Stück spontaner Wahrhaftigkeit oder wahrhaftiger Spontaneität einfangen wollen und so die Absurdität eines lebhaft bewegten Standbildes hervorbringen.

Nach den hektischen Berliner Tagen mit ihrem auf Permanenz gestellten Live fällt mir auf, was mir fehlt. Eine Analyse dessen, was seit Anfang Oktober geschah, die sich noch einmal kritisch der aufgenommen Bilder annimmt, die in Zusammenhang stellt, was auseinandergerückt scheint, die auf den Begriff zu bringen trachtet, was in der Spontaneität des Augenblicks unterzugehen droht, die auf dem zweiten Blick der Dinge beharrt. Die Form des Fernsehessays, für die man ja Regisseure wie Alexander Kluge, Harun Farocki, Helke Sander, Chris Marker und andere gewinnen könnte, wird hierzulande nur vom „Kleinen Fernsehspiel“ im ZDF und von der Filmredaktion des WDR gepflegt, deren Aufgabe nun gerade nicht darin besteht, die aktuelle Berichterstattung analytisch zu begleiten.

Leider haben andere Redaktionen davor, so ist zu vermuten, zu viel Angst, weil sie Intellektualität besonders dann scheuen, wenn sie sich des eigenen Mediums anzunehmen droht. In einem solchen Film fände ein Bild seinen Platz, das ich am 9. Dezember um 18.20 Uhr im ZDF sah und das ich für ein finsteres Aperçu der DDR-Revolte halte: Als auf dem SED-Sonderparteitag Gregor Gysi als Retter gewählt wird, sieht man Delegierte vor Pappkartons sitzend ihren Stimmzettel ausfüllen – es handelte sich, ich bin mir zu 99 Prozent sicher, um Bananenkartons.

DEZEMBER

Der erste kurze (bald zum Nachrichtenclip aufsteigende) Ausschnitt eines Amateurvideos von der gespenstischen Gerichtsverhandlung, in der dem rumänischen Diktator Ceausescu und seiner Frau der kurze Prozess gemacht wird, kulminiert in dessen Todesbild – noch im Leichenantlitz mit seinen aufgerissenen Augen und Schusswunden meint man ungläubiges Staunen zu lesen.

Die Geschichte des rumänischen Volksaufstands, der schließlich mit der Waffengewalt der Armee die Autokratie des Ceausescu-Clans stürzte, ist maßgeblich vom Fernsehen mitbestimmt und festgehalten worden. So kündete sich der reale Machtverfall des einst so mächtigen selbsternannten Conducators an, als die Fernsehübertragung seiner Rede vor der unübersehbaren Menschenmenge in Bukarest abgebrochen werden musste, um nicht die Protestrufe der Menge zu dokumentieren. Der sichtbare Zensurakt im Live-Bericht zeigte auf, dass Ceausescu die Wirklichkeit nicht einmal mehr im Sinne des Fernsehens beherrschte. Kurz bevor die Regie abschaltete, sah man überdeutlich die Überraschung auf dem Gesicht des Diktators, der sich nicht hatte vorstellen können, wie weit die Insubordination „seiner“ Bevölkerung geht.

Die Tatsache, dass der Bukarester Fernsehsender selbst hartumkämpftes Zentrum des Widerstandes wurde, unterstrich die Bedeutung des audiovisuellen Informationsmediums. Von hier aus klärten die Aufständischen die Zuschauer über die Verbrechen des Clans auf und berichteten über den aktuellen Verlauf der Kämpfe. Die Szene im Studio selbst, die wir immer wieder in kurzen und kürzesten Ausschnitten sahen, verkörperte in ihren ebenso hektischen wie entschlossen wirkenden Protagonisten den Aufstand. Gleichzeitig hatte vieles, was über den Sender lief, symbolischen Charakter. So muss man auch die Bilder des toten Diktators deuten, sie dienten als Beweis dafür, dass die Verhältnisse nicht mehr umzukehren waren.

Ähnliche Funktion sollte wohl auch das mehrfache Ausstrahlen des längeren Berichts vom Prozess erfüllen. Es ging weniger darum, den totalen Realitätsverlust des rumänischen Diktators festzuhalten, der nicht begriffen hatte, wie es um ihn stand, als vielmehr zu beurkunden, dass sein Tod unmittelbar mit den gegen ihn erhobenen Vorwürfen des Massenmordes zu tun hatte. Das ist selbstverständlich kein rechtsstaatliches Prinzip, sondern stellt dieses geradezu auf den Kopf. So warf das Videoband in der gesendeten Form mehr Fragen auf, als es beantwortete. Die Schnitte im Material, die ganze Passagen durch Standbilder desselben Materials ersetzte, wurden mit dem Hinweis auf den Schutz der Ankläger und Richter erklärt. Nur stimmt das nicht ganz. Es wurde im Material auch in Augenblicken geschnitten, in denen sich keiner dieser Prozessbeteiligten in den Blickwinkel der Kamera hineinbewegte. Das konnte man daran erkennen, dass die schlechte Belichtungsautomatik, die auf solche Bewegungen rasch durch das Öffnen der Blende reagierte, starr blieb. Eine Interpretation dieses Fernsehbildes im Fernsehen blieb aus.

In der Bukarest-Berichterstattung demonstrierte nur Dagobert Lindlau einmal, wie mit dem übernommenen Material interpretatorisch umzugehen ist. Er war es auch, den ich in einem (nicht sonderlich gelungenen) Adorno-Porträt von Henning Burk im Sommer mit einem alten Interview zitiert fand, in dem er den Philosophen nach der Ästhetik der DDR-Nationalhymne befrug und dieser das hohle Pathos des Becher-Textes aus dessen Struktur herausarbeitete. „Deutschland, einig Vaterland“, erinnern Sie sich?

Nachwort: Bei allen Aufnahmen aus Leipzig, Berlin oder Budapestist für mich das Bild des Jahres der Augenblick, in dem Alexander Dubcek in einer einfachen Geste den Menschen in Prag zeigte, dass er sie, die den Sieg über die diktatorische Partei errungen hatten, in seine Arme schließen wolle. Zu dem Bild passt das Musikstück des Jahres, das von Neil Young stammt und den Titel „Rockin’ in the Free World“ trägt. Erinnert sei an jenen Schriftsteller, der in diesem Jahr starb und wie kein anderer das Gefühl des Post-Histoire literarisch ausgemalt hat: Samuel Beckett, dessen Clov im „Endspiel“ sagt: „Was alles ist? In einem Wort? Das ist es, was du wissen willst? Moment mal. (Er richtet das Fernglas nach draußen, schaut, lässt das Fernglas sinken und wendet sich Hamm zu.) Kaputt.“

Die achtziger Jahre sind zu Ende. Neil Young hatte sie mit seinem „Hey Hey, My My (Into the Black)“ genial eingelärmt. Ihm seien die Musiker von „Hüsker Dü“ zur Seite gestellt, die als Trio das Jahrzehnt auf energische Weise begleitet und mit den Soloplatten der beiden Bandmitglieder Bob Mould und Grant Hart das Jahr 1989 so enthusiasmierend abgeschlossen haben. Sie mögen für viele stehen, die mich meine Fernsehexkursionen während der letzten zehn Jahre haben überstehen lassen. Von den beiden, die in diesen zehn Jahren viel wichtiger waren und „Alf“ lieben, ganz zu schweigen.

 

• Text aus Heft Nr. 1/1990 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

05.01.1990/MK