Partizipation, Publikum und Pluralismus

Zum Verhältnis zwischen Journalismus und sozialen Online‑Netzwerken

Von Katja Artsiomenka
12.09.2019 •

Facebook, Instagram und Twitter prägen immer häufiger öffentliche Debatten. Social-Media-Angebote avancieren zu neuen Gatekeepern, während der klassische Journalismus ins Abseits zu geraten droht. In der Aufmerksamkeitsökonomie des Internets sind Reichweiten wichtiger geworden als Wahrheiten. Katja Artsiomenka, 35, geht der Frage nach, was es für den Journalismus bedeutet, wenn das Publikum einerseits in fragmentierte Teilpublika zerfällt, andererseits aber passive Rezipienten zu aktiven Konsumenten werden können, etwa auch als Blogger. Artsiomenka, promovierte Journalistin, wurde 2011 als Hörfunkautorin mit dem Civis-Medienpreis ausgezeichnet. Im Rahmen ihrer Tätigkeit als Dozentin hielt sie über das Verhältnis von Journalismus und sozialen Online-Netzwerken an der Kölner Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) einen Vortrag, der die Grundlage für den folgenden Text bildet. • MK

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Digitalisierung und Globalisierung, Algorithmen und Fake News, Filterblasen und Echokammern, Individualisierungstendenzen und Fragmentierung der Gesellschaft, Verrohung öffentlicher Diskussionen, Hetze und Hass, Fremdenfeindlichkeit und wachsender Nationalismus, Brexit und die AfD, Populisten und Social Bots auf dem Vormarsch, wachsende Sehnsucht nach Autoritäten und Aufstieg von Autokraten – und natürlich das Phänomen Donald Trump: Mit solchen Stichwortlisten beginnt heute fast jede öffentliche Auseinandersetzung zum Thema Strukturwandel der Öffentlichkeit. Beendet werden diese Auseinandersetzungen üblicherweise fast genauso originell und zukunftweisend wie ihre Anfänge es schon versprechen: Wir müssen miteinander reden. Oder eben nicht. Man weiß nicht mehr so recht, ob und mit wem und wie und in welchem Umfang man noch reden kann/darf/soll/muss. Irgendwo dazwischen wird auf die Ängste und Sorgen der Bürger eingegangen, in dem Sinne, dass sie ernst genommen werden müssen, und es wird die Rolle der Medien erwähnt, die zu all dem Übel angeblich maßgeblich beitragen. Aber natürlich kommen die Medien irgendwo dazwischen, denn sie sind Medien, sie sind immer in diesem ‘Irgendwo-dazwischen’. Offenbar weiß man aber nicht mehr wirklich, wofür das gut sein soll. Wie auch?

Die ökonomische Krise des Journalismus, seine Identitäts- und Qualitätskrisen sind in aller Munde. Zugleich füllen Begriffe wie Vertrauensverlust, Homogenisierung und Verflechtung zwischen Journalisten und Eliten eine weitere Stichworte-Liste der Empörung. Es mag der Eindruck entstehen, dass die ganze Gesellschaft plötzlich ein einziges Dokument für ihre Kommunikation nutzt, das eigentlich ausschließlich für die Informationsspeicherung, jedoch nicht zur Informationsverarbeitung gedacht ist: eine Liste mit Stichworten.

Die Nützlichkeit von Listen beim Einkaufen oder bei der Erstellung eines To-do-Plans ist unbestritten. Jedoch scheint es, dass solche Listen weniger nützlich sind, wenn es darum geht, eine Verständigung zu erreichen, eine Diskussion anzustoßen oder gemeinsam zu einer Problemlösung zu gelangen und damit die Partizipation am gesellschaftlichen Ganzen zu ermöglichen. Über die Triftigkeit der Thesen, die hinter Stichworten wie Vertrauensverlust oder Homogenisierung stehen, ist die Forschung uneinig. Vertrauensverlust? Ja oder nein, je nach Studie und Auftragsgeber. Homogenisierung? Vielleicht, ist ja gar nicht so schlimm. Und so weiter. Einigkeit besteht allerdings bei den Forderungen, die an den Journalismus gestellt werden. Der Journalismusforscher und Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger formuliert beispielsweise diese Forderung: Der neue Journalismus „soll einen Gegensatz zum traditionellen Journalismus bilden, der hierarchisch und einseitig informiert“. Journalismus soll also als Navigator, Ermöglicher und Moderator in der Gesellschaft agieren.

An der Entwicklung einer praktischen Gebrauchsanweisung für einen Journalismus, der im Social-Media-Zeitalter den genannten Anforderungen in einer pluralen und pluriformen Gesellschaft gerecht wird, arbeiten zur Zeit viele Disziplinen: Kommunikationswissenschaft, Journalismusforschung, Nutzerforschung, Medienwirkungsforschung. Eigentlich haben alle etwas zu sagen, von der Politikwissenschaft bis zu den Neurowissenschaften. Das macht nämlich Journalismus aus: Offenbar wissen alle, wie es geht, im Unterschied etwa zur Quantenphysik. Diese Disziplinen bringen eine Menge Erkenntnisse hervor, die in ihrem Zusammenspiel genauso verwirrend wirken können wie die Überlegungen der Medienwissenschaften in ihrer anfänglichen Phase.

Wie damals, als beispielsweise bei Marshall McLuhan potenziell so ziemlich alles in der Welt ein Medium sein konnte (Rad, Wohnung, Waffe, Geld, Kleidung, Brücke oder Schreibmaschine, aber auch das gesprochene Wort, Radio und Zeitungen), wird heute darüber diskutiert, ob im Grunde jeder als Journalist fungieren kann. Da die Technik einen uneingeschränkten Zugang zur Öffentlichkeit ermöglicht, wird das hohe Lied vom Bürgerjournalismus gesungen und von Medienkonsumenten, die selbst zu Produzenten werden können (zu sogenannten Prosumenten). Längst kann jeder offenbar nach eigenem Geschmack und für den eigenen Privatbedarf eine eigene Öffentlichkeit hervorzaubern. Das gilt sowohl für Menschen als auch für Algorithmen. Die Fragmentierung der Öffentlichkeit – ein weiteres Symptom unserer Zeit. Nicht nur der Begriff der Medien mit seinen schillernden Bedeutungen existiert nun im Plural, sondern wir sprechen auch von Öffentlichkeiten und Publika.

Internet als Raum des Potenziellen

Aus der Vielzahl der Öffentlichkeiten entsteht jedoch nicht automatisch eine aufgeklärte und pluralistische Gesellschaft, nur weil Öffentlichkeiten im Plural vorhanden sind. Denn ihre Vielzahl macht zunächst vor allem eines offensichtlich: die Unterschiede. Deterritorialisiert und entzeitlicht im digitalen Raum verlieren diese Differenzen ihre Kontexte (vgl. Pörksen 2018: 116ff.). Die Kritik der kontextlosen „Guck-guck-Welt“ ist nicht neu. Ebenso wie die Frage, inwieweit die Medien sie verursachen (vgl. Postman 1985). Das Neue an der neuen „Guck-guck-Welt“ ist ihre offensichtliche Gleichzeitigkeit der Unvereinbarkeiten und ihre ungeheurere Geschwindigkeit. Der Journalismus ist dabei nur einer unter den zahlreichen Akteuren, die um die öffentliche Aufmerksamkeit konkurrieren. Am deutlichsten zeigt sich das in den sozialen Online-Netzwerken. Ist der Wettbewerb in diesem digitalen Raum sinnstiftend und kann er dazu beitragen, aus der Vielzahl der Öffentlichkeiten eine Vielfalt der Öffentlichkeiten herzustellen? Oder lässt er sich mit dem Kampf von Don Quijote mit den Windmühlen vergleichen, nicht nur weil er nicht zu gewinnen ist, sondern auch weil dadurch die gemeinsame Realität verschwindet?

Im Folgenden wird versucht, das Verhältnis von digitalem Journalismus und sozialen Online-Netzwerken ein wenig genauer zu durchleuchten. Was genau wird damit benannt, wenn wir über den Medien- und Öffentlichkeitswandel sprechen, der von der Digitalisierung ausgelöst und vorangetrieben wird? Wir sprechen vor allem über das Internet: ein Hybridmedium, das Hybridformate wie Social-Media-Posts, Blogs oder Podcasting hervorbringt und damit auch zur „Hybridisierung“ des Journalismus beiträgt (vgl. Neuberger 2018: 36-38). Das World Wide Web soll die Partizipation im Journalismus stärken, indem diese Hybridformate und -angebote in den Journalismus integriert werden. Das ergibt sich zumindest aus den Merkmalen des Internets und den Aufgaben eines digitalen Journalismus, die ihm in den Kommunikationswissenschaften zugeschrieben werden.

Social-Media-Algorithmen versprechen, ähnliches zu leisten wie der Journalismus. Und das wird in der Fachliteratur etwa wie folgt beschrieben: Zunächst geht es darum, einen Raum des Potenziellen zu benennen, welches das Internet mit sich bringt. Dieses Potenzielle wird vor allem im Vergleich zu publizistischen Medien aus dem Vor-Internet-Zeitalter beschrieben, was die herkömmlichen Medien nun sehr blass aussehen lässt. Dann werden die Differenzen erläutert, die zwischen dem Potenziellen und dem tatsächlich Möglichen entstehen. Es geht also um die Schwächen, die es noch zu beseitigen gilt. Abschließend werden die Risiken erwähnt. Je nach Einstellung des Autors kommen pessimistische oder optimistische Sichtweisen in entsprechendem Umfang zum Ausdruck.

Algorithmen avancieren zu neuen Gatekeepern. Wie aber gestaltet sich das Verhältnis zwischen Journalismus, Technik und Partizipation? Die Ausführungen von Christoph Neuberger (2018) dazu lassen sich folgendermaßen systematisieren:

1) Der Raum des Potenziellen: Das Internet verspricht Transparenz, Partizipation, Interaktion, Vernetzung und Dezentralität der medial vermittelten öffentlichen Kommunikation. Da die Inhalte online potenziell jederzeit verfügbar sind, wird dem Internet außerdem das Potenzial zur Beschleunigung und zugleich zur Entschleunigung zugeschrieben. Die räumlichen Grenzen sollen zudem kein Hindernis mehr für die Kommunikation darstellen. Global eben.

2) Im Vergleich zum Internet gilt die herkömmliche medial vermittelte öffentliche Kommunikation als selektiv, einseitig, hierarchisch, linear, zentral, asymmetrisch und intransparent. Das liegt vor allem daran, dass nach dem traditionellen Kommunikationsmodell die Rollen zwischen Kommunikator und Rezipient klar voneinander abgegrenzt und nicht zu verwechseln sind. Die Rezipienten haben dabei einen beschränkten Zugang zur Öffentlichkeit und sind dadurch auf eine vermittelnde Leistung des Journalismus angewiesen. Der Journalismus darf unter diesen Umständen nach eigenen professionellen Regeln entscheiden, was wie und in welchem Umfang an die Öffentlichkeit gelangt – allerdings nach professionellen Regeln, die für das Publikum nicht unbedingt nachvollziehbar sind und deshalb nicht transparent erscheinen.

3) Als Schwäche des Internets lässt sich hauptsächlich das nicht realisierte Potenzial verstehen, die wechselseitigen Erwartungen zwischen den Beteiligten abzustimmen. Denn das Internet wird von einer Vielzahl von Akteuren genutzt, die unterschiedliche Interessen und Strategien verfolgen und auch im unterschiedlichen Umfang über Ressourcen und Macht verfügen. Die Kommunikationsnormen sind dabei noch nicht ausgehandelt. Außerdem kann man sich in diesem überfüllten und unübersichtlichen Informationsraum nicht so einfach orientieren. Transparenz stößt an ihre Grenze. Der uneingeschränkte Zugang zur Öffentlichkeit allein scheint also für die Behebung der asymmetrischen Verhältnisse zwischen Rezipienten und Kommunikatoren nicht auszureichen.

4) Risiken: Aus der Entgrenzung zwischen dem Privaten und Öffentlichen resultiert ein riskantes Unterfangen. Denn eine Demokratie ist ohne die Privatsphäre nicht denkbar.

Die Benennung dieser essentiellen Merkmale des Internets in Bezug auf die medial vermittelte Kommunikation wäre allerdings ohne den sogenannten Krisendiskurs des Journalismus unvollständig. Die ökonomische Krise, die Qualitätskrise und zunehmend die Identitätskrise sind die Krisen, die am häufigsten diskutiert werden. Diese Krisen gelten in der Kommunikationswissenschaft als grundlegende Herausforderungen für den Journalismus. All diese Krisen sind mit Routinelösungen nicht zu meistern und die Folgen der Entscheidungen, die zur Bewältigung dieser Krisen getroffen und umgesetzt werden, sind nicht abschätzbar (vgl. Neuberger 2018: 35). Was zeichnet nun die Identitätskrise aus, die durch die Digitalisierung der öffentlichen Kommunikation verursacht worden sein soll? Den Kern dieser Krise bzw. Herausforderung bildet das Phänomen der Partizipation, das dadurch entsteht, dass online die ehedem passiven Rezipienten aktiv an Formen der Massenkommunikation teilhaben können. Es ist also von entscheidender Bedeutung, zu klären, was den Journalismus ausmacht und warum und ob nun seine Grundlage tatsächlich durch die neue Online-Partizipation erschüttert ist.

Journalismus als Partizipation am gesellschaftlichen Ganzen

Aus normativer und medienethischer Perspektive sollten nicht die Akteure oder Institutionen des Journalismus in den Mittelpunkt gerückt werden, sondern seine gesellschaftliche Aufgabe. Diese Aufgabe ist nicht mit den Funktionen gleichzusetzen, die der Journalismus erfüllt. Man kann sich unendlich lange über seine Funktionen streiten – ob er seine Informationsfunktion stärker, seine Unterhaltungsfunktion weniger wahrnehmen sollte oder ob es überhaupt zu den Funktionen des Journalismus gehört, die Rolle eines Psychotherapeuten für die Gesellschaft zu übernehmen, und ob seine sozialtherapeutische Funktion darin besteht, sich mit den Ängsten und Sorgen der Bevölkerung zu befassen und sie zu heilen. Aber wenn wir darüber sprechen, wie der Journalismus einen Ausweg aus dem aktuellen Krisendiskurs finden soll, greift diese ‘funktionalistische’ Herangehensweise zu kurz. Wenn wir über den Journalismus in einer Demokratie diskutieren, ist es von entscheidender Bedeutung, sich auf die gesellschaftliche Aufgabe zu konzentrieren, die diesen Beruf ausmacht. Und diese Aufgabe lautet: Öffentlichkeit herzustellen.

„Berufe können mancherlei Funktionen haben, je nachdem, unter welchen Bedingungen und von wem sie ausgeübt werden. Es kann sein, dass Ärzte Patienten heilen und Journalisten wichtige Informationen verbreiten, wenn die Umstände es erlauben und sie dazu willens und in der Lage sind. Es kann aber auch sein, dass Ärzte ihr berufliches Können verwenden, um auf der Rampe von Auschwitz die Stärksten zu selektieren und die Übrigen in die Gaskammern zu schicken. Und es kann sein, dass Journalisten ihre Kunst des Schreibens in den Dienst einer Diktatur stellen, um ihr Zustimmung zu verschaffen. Aufgaben haben Berufe dagegen nur eine.“ Dieses Zitat stammt von dem Journalismus-Forscher und Medienethiker Horst Pöttker. Er wird oft zitiert, wenn es um die gesellschaftliche Aufgabe von Journalismus, das Herstellen von Öffentlichkeit, geht. Aber er wird oft verkürzt zitiert und mit etwas anderen Passagen als mit dem genannten Zitat (Pöttker 2008: 64). Denn seine Auffassung davon, wie der Journalismus Öffentlichkeit herstellt, unterscheidet sich radikal von der verbreiteten Perspektive, dass der Journalismus im Sinne von Niklas Luhmann bloß die Komplexität der Welt zu reduzieren habe. Pöttker geht davon aus, dass der Journalismus Öffentlichkeit nicht durch die Reduktion der Komplexität herstellt, sondern davon, dass die Öffentlichkeit entsteht, wenn diese Komplexität nicht reduziert, sondern überbrückt wird. Es geht also vor allem darum, dass der Journalismus die Kommunikationsbarrieren beseitigt, die in einer komplexen Gesellschaft zwischen ihren Mitgliedern unweigerlich entstehen (vgl. Pöttker 2000: 378).

Die funktionale Ausdifferenzierung der Gesellschaft im Zuge der industriellen Revolution hat nicht nur eine Menge von Berufen hervorgebracht, darunter den Journalismus, sondern auch dazu beigetragen, dass die Lebenswirklichkeiten der Menschen in einer komplexen, ausdifferenzierten Gesellschaft füreinander unzugänglich geworden sind. Es ist also unmöglich geworden, durch die eigene unmittelbare Erfahrung eine mehr oder weniger umfassende Vorstellung von der Welt zu gewinnen. Um dieses zerlegte Erfahrungswissen zusammenzufügen, brachte die Moderne eine Institution hervor: den Journalismus als Beruf, der für die Überwindung von Kommunikationsbarrieren und Hindernissen in einer Gesellschaft zuständig sein sollte. Seine Aufgabe besteht nach Ansicht von Pöttker darin, das Erfahrungswissen aus unterschiedlichen voneinander abgegrenzten Bereichen und voneinander abgeschiedenen Lebenswirklichkeiten zu gewinnen und in eine „offene“ Sphäre zu übertragen, die jedem zugänglich ist: die Öffentlichkeit eben. Damit ist auch gemeint, dass alle Gruppen und Individuen einer komplexen Gesellschaft eine Chance bekommen sollen, mit ihren besonderen Wahrnehmungen, Erfahrungen und Interessen in den Medien vorzukommen. Ohne diese „offene Sphäre“ wäre die Selbstregulierung einer komplexen Gesellschaft und die gesamtgesellschaftliche Problemverarbeitung unmöglich (vgl. ebd.: 377ff.).

Die Herstellung von Öffentlichkeit als die Aufgabe des Journalismus ist damit, so argumentiert Pöttker, die Aufgabe, „für alle die Möglichkeit der Partizipation am gesellschaftlichen Ganzen“ zu sichern. Die Partizipation lässt sich als der Kern des Journalismus verstehen. Sie lässt sich nicht davon trennen. Genau wie die ausdifferenzierte Gesellschaft des 19. Jahrhunderts braucht die Gesellschaft der fragmentierten Öffentlichkeit des 21. Jahrhunderts eine Institution, die die Partizipation „am gesellschaftlichen Ganzen“ ermöglicht. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Partizipation aus zwei Blickwinkeln betrachtet werden kann: zum einen als Partizipation am gesellschaftlichen Ganzen durch den Journalismus, zum anderen als Partizipation am Journalismus selbst (vgl. Haarkötter 2015: 142).

Im zweiten Fall geht es also um die Beteiligung oder Teilhabe durch die Übernahme einer oder mehrerer journalistischer Rollen auf unterschiedlichen Produktionsebenen (Themenfindung, Recherche, Produktion oder Weiterverbreitung von Inhalten, die Auswahl von Information oder Anregungen zu veröffentlichten Inhalten). Auf welche Art und Weise die Partizipation realisiert wird, hängt von der Inklusionsleistung des Journalismus und der Partizipationsleistung der Gesellschaft ab. Es geht also darum, auf welche Art und Weise die Gesellschaft einbezogen wird und auf welche Art und Weise die angebotenen Beteiligungsformen von der Gesellschaft akzeptiert und in Anspruch genommen werden (vgl. Reimer et al. 2015: 7ff.). Das Miteinander, Nebeneinander oder Gegeneinander von sozialen Online-Netzwerken und dem Journalismus rückt damit praktisch automatisch in den Mittelpunkt, denn die sozialen Online-Netzwerke versprechen mehr Beteiligung, mehr Interaktion und bieten unzählige Möglichkeiten für die Inklusionsleistung an.

Online-Netzwerke und Partizipation

Was wir über den tatsächlichen Stand der Dinge aus der empirischen Forschung wissen, klingt eher desillusionierend. Einen interessanten Einblick bietet das Forschungsprojekt „Die (Wieder-)Entdeckung des Publikums“. Ein Forschungsteam des Hans-Bredow-Instituts beschäftigte sich dabei mit der Frage, welche Beteiligungsmöglichkeiten Redaktionen anbieten und welche davon das Publikum tatsächlich nutzt. Außerdem wurde der Frage nach den gegenseitigen Erwartungen nachgegangen. In vier einzelnen Fallstudien wurden die Inklusions- und Partizipationsleistungen bei der ARD-„Tagesschau“ und bei tagesschau.de., der „Süddeutschen Zeitung“ und sueddeutsche.de, bei einer ARD-Polittalk-Sendung und ihren Online-Angeboten sowie bei der Wochenzeitung „Freitag“ und bei freitag.de empirisch untersucht.

Viele der Ergebnisse zeigen zunächst, dass der Großteil des Publikums wenig an einem Austausch mit Journalisten interessiert ist und nicht unbedingt danach strebt, sich am Journalismus zu beteiligen. Nach der vielzitierten 90-9-1-Regel produziert die große Mehrheit der Nutzer eben keine eigenen Inhalte, sondern 90 Prozent lesen nur mit (vgl. Heise 2015: 8). Zugleich hält sich die Bereitschaft der Redaktionen, sich mit ihrem Publikum intensiv auseinanderzusetzen, in Grenzen: Einen Raum für Kommentare oder Feedback bereitstellen? Ja. Immer mal wieder Zuschauer-Leser-Reporter-Aktionen veranstalten? Ja, aber das Publikum soll sich nach Ansicht der Redaktionen nicht zu stark einmischen und schon gar nicht mitmischen (vgl. ebd.: 10).

Die Rentabilität von Social Media

Einen Sonderweg in puncto Partizipation hat die „Freitag“-Redaktion eingeschlagen: Außer dem Print- und Online-Angebot der Zeitung und der Präsenz in den sozialen Online-Netzwerken setzt die Redaktion auf die Entwicklung der eigenen Online-Community. Noch sei das Angebot „nur“ eine „Zeitung mit angeschlossener Community“, lautete die Aussage der Redaktion im Forschungsprojekt. Das langfristige Ziel sei eine eigenständige Seite, „auf der Leute sich frei bewegen können, bloggen können, sich untereinander vernetzen können“ (Reimer et al. 2015: 18). Leser sollen auch eigene Startseiten mit abonnierten Nutzern einrichten können, die ähnlich wie ein News-Feed bei Facebook funktionieren könnten.

Zum Zeitpunkt der Untersuchung hatten die Nutzer bereits die Möglichkeit, auf der Community-Seite von freitag.de eigene Blogs zu schreiben, und die Redaktion wählte regelmäßig besonders gelungene Beiträge aus der Community aus und veröffentlichte sie auf der Startseite von freitag.de. Dabei haben zwei Online-Redakteure beinahe die Qual der Wahl. Denn fast die Hälfte des gesamten Online-Inhalts von freitag.de machen die Beiträge aus der Community aus. Die Studie zeigte, dass die Nutzer von freitag.de sehr aktiv sind: Etwa 20 Prozent der Befragten haben eigene Beiträge für die „Freitag“-Community verfasst. Die Redaktionsmitglieder erfüllen damit jeweils die Rolle des Kurators für die Community. Dabei wählen sie die Beiträge nicht nur für die Startseite aus, sondern auch für die Rubrik „Netzschau“ in der Printausgabe, wo Auszüge aus den Beiträgen der Community veröffentlicht werden (vgl. Reimer et al. 2015).

Auch wenn für die meisten Redaktionen der Bereich Social Media zur Zeit vor allem ein Kostenfaktor ist, dessen Rentabilität für viele Medienmanager noch lange nicht erwiesen ist: Besonders aufschlussreich sind Befunde der Untersuchung des Hans-Bredow-Instituts, die darauf hinweisen, dass bei freitag.de in unterschiedlichen Beteiligungsräumen unterschiedliche Diskurskulturen gepflegt werden. Bei den redaktionellen Beiträgen zum Beispiel überwiegen in den Kommentarbereichen Argumente, weiterführende Informationen und alternative Themenzugänge. In den Kommentaren zu Community-Beiträgen dominiert hingegen die Reaktion auf andere Kommentare. Die redaktionellen Beiträge auf Facebook werden vor allem durch Meinungsäußerungen kommentiert. Hier kommen auch eindeutig häufiger persönliche Angriffe vor. Die sozialen Online-Netzwerke werden dabei von der Redaktion vor allem als ein Distributionskanal wahrgenommen (vgl. ebd.).

Um die aktuelle journalistische Vorstellung von Partizipation zu verstehen, ist das Verhältnis zwischen Redaktionen und sozialen Online-Netzwerken wie Facebook oder Twitter besonders aufschlussreich. Bei genauer Betrachtung kommen hier die entscheidenden Probleme und Fragen der Gegenwart zum Vorschein oder – wie es schon längst in der Forschung heißt – die „eingebaute Schizophrenie“, die den Journalismus ausmacht. Gemeint sind die kaum überwindbaren Widersprüche, die die journalistische Arbeit täglich bestimmen: zwischen Ökonomie und Ethik, Profitorientierung und Sozialverantwortung, zwischen der Realität der Organisation und den Idealen der Profession (vgl. Loosen/Pörksen/Scholl 2008: 17). Diese Spannungsverhältnisse sind meiner Ansicht nach strukturell nicht überwindbar, sondern nur durch das tägliche, unermüdliche, selbstbewusste journalistische Handeln ausbalancierbar. Im Unterschied dazu hat der Journalismus im Wettbewerb mit sozialen Online-Netzwerken noch die Chance, sich zu wehren, bevor ein weiteres unlösbares Dilemma entsteht.

Die empirische Forschung zeigt, dass Redaktionen den Nutzen der sozialen Online-Netzwerke vor allem in der Reichweitengenerierung sehen. Facebook wird demnach primär nicht als Kommunikations-, sondern als Distributionskanal benutzt, um die eigenen Inhalte zu verbreiten, für sie zu werben, ein neues Publikum zu gewinnen. Etwas überspitzt formuliert: Die Medien handeln in den sozialen Online-Netzwerken überwiegend strategisch und nicht kommunikativ. Dieser Unterscheidung liegt Jürgen Habermas’ Verständnis vom kommunikativen Handeln zugrunde. Den Redaktionen geht es also nicht darum, zu kommunizieren, um Verständigung durch Dialog oder Argumente zu erreichen, sondern es geht vor allem um die Reichweite. Soziale Online-Netzwerke haben jedoch eigene Spielregeln, auf welche die Redaktionen keinen Einfluss haben. Diese Spielregeln sind eigentlich partizipationsorientiert. Und zwar geht es nicht nur um die Partizipation durch Inhalte, sondern auch um die Partizipation an Inhalten.

Drei zentrale Fragen zum Einsatz von Social Media

Die in sozialen Online-Netzwerken publizierten Angebote erscheinen an sich nicht als abgeschlossene Werke, sondern werden durch die Partizipation von Kommentierenden, Weiterleitenden und Bewertenden verändert und fortgesetzt, fast so wie bei Street Art. Die Qualität der Ergebnisse wird dabei oft bemängelt. Die erste Frage muss deshalb lauten: Wie kann man erhoffen, dass das Publikum qualitativ hochwertig kommuniziert – also kommunikativ handelt –, wenn die Redaktionen selbst nicht kommunikativ, sondern strategisch handeln? Die aktuellen Entwicklungen zeigen außerdem, dass der Journalismus mit seiner Strategie, Social Media für die Optimierung eigener Reichweiten einzusetzen, nicht besonders viel gewonnen hat.

Sascha Hölig und Wiebke Loosen resümieren den Stand der empirischen Forschung wie folgt: Die Nutzer interessieren sich eigentlich in den sozialen Online-Netzwerken für Nachrichten nicht, sondern „sie stolpern mehr oder weniger darüber, während sie sich eigentlich für ihre Kontakte interessieren“ (Hölig/Loosen 2018: 233). Es geht also eher um Konversation als um Information. In diesem Kontext stellt sich deshalb die zweite Frage: Kann der Journalismus es verantworten, in einem Kommunikationsraum überwiegend strategisch zu handeln, wo so etwas wie Austausch und Dialog eigentlich zumindest dem Anschein nach möglich wäre? Eigentlich hat Journalismus, unabhängig vom Raum, in dem er agiert, eine Aufgabe, und diese Aufgabe lautet (wie erwähnt): Öffentlichkeit herzustellen, also Partizipation zu ermöglichen. Die Aufgabe gilt genauso in den sozialen Online-Netzwerken wie in anderen öffentlichen Kommunikationsräumen, in denen Journalismus in Erscheinung tritt. Daraus resultiert die dritte Frage: Ist ein selbstbestimmtes journalistisches Handeln auf solchen Plattformen wie Facebook überhaupt möglich?

Das Posten von journalistischen Inhalten in sozialen Online-Netzwerken macht diese nicht automatisch dialogfreundlich. Der Kommunikationsprozess, dem zum Beispiel eine linear ausgestrahlte Rundfunksendung folgt – Anmoderation, Beitrag, gegebenenfalls Anrufe des Publikums und vielleicht Hörer- oder Zuschauerpost –, funktioniert via Social Media nicht, wenn man die Teilhabe am Journalismus ermöglichen möchte. Über welche Fragen genau soll das Publikum nachdenken und sich austauschen? Was erwarten die Redaktionen eigentlich vom Publikum? Worüber genau sollen wir denn miteinander reden? Erste Ansätze zeigen sich in Aufforderungen wie „Sagen Sie uns Ihre Meinung“ oder in Pro-Contra-Umfragen. Gerade diese haben ein spannungsreiches Potenzial. Denn einerseits bemüht sich der Journalismus unermüdlich darum, zu zeigen, wie komplex die Welt ist, andererseits fordert der Journalismus mit derartigen Umfragen das Publikum selbst dazu auf, Positionen in zugespitzten und extrem verkürzten Formen zu äußern.

Wichtiger aber noch wäre es, Social-Media-Potenziale unmittelbar in Prozesse journalistischer Aussagenentstehung zu integrieren. Und wir müssten darüber nachdenken, welche journalistischen Darstellungsformen überhaupt für die Verbreitung in sozialen Online-Netzwerken geeignet sind. Eignen sich zum Beispiel Nachrichtenmeldungen wirklich als Grundlage für Publikumsdiskussionen? Man kann sich zwar darüber unterhalten, ob sie wahr oder falsch sind, aber Nachrichten sind keine dialogfördernde Darstellungsform. Das liegt an ihrer Beschaffenheit – kurz und faktisch. Für Deutungen und Einordnungen gibt es andere Darstellungsformen, die eine wirkliche Grundlage für den Austausch sein könnten.

Gezwungen zu einer neuen Berufsrolle

Neu überdacht werden sollten auch die Rolle der Social-Media-Redaktionen und deren Beziehung zum Publikum. Sowohl in der Forschung als auch in der Praxis zerbricht man sich gerade den Kopf darüber, wer eigentlich diese Nutzer sind, die in den sozialen Online-Netzwerken unterwegs sind. Was machen sie denn eigentlich und warum? „Wer spricht denn da?“, lautete zum Beispiel die Leitfrage der letzten Civis-Konferenz. „Wer spricht denn da?“ müsste auch gefragt werden, wenn Redaktionen in sozialen Online-Netzwerken kommunizieren. Facebook & Co. haben die klassischen Medien dazu gezwungen, mit Social-Media-Redakteuren eine neue Berufsrolle zu schaffen. Aber was macht diesen Beruf aus? Mit wem spricht wer da? Welche Rolle haben die Social-­Media-Redakteure, die journalistische Inhalte nach außen vertreten, welche von anderen Redaktionsmitgliedern entwickelt wurden? Ist das überhaupt möglich? Insbesondere bei Darstellungsformen, die eben keine Nachrichten sind?

Die ökonomischen Imperative relativieren üblicherweise einige theoretische Überlegungen oder negieren sie gar. Es ist aber äußerlich fraglich, ob die Zweck-Mittel-Relation in diesem Kontext das entscheidende Kriterium für das redaktionelle Handeln darstellen soll und ob damit nicht an der falschen Stelle gespart wird. Denn wenn „die Skala subjektiven Fühlens und privaten Empfindens aufs höchste gesteigert und bereichert wird“, was sich in den sozialen Online-Netzwerken ziemlich deutlich beobachten lässt, führt es unvermeidlich zum Verlust einer gemeinsamen Realität, zu „Weltverlust“ und zu einer Entpolitisierung des Privaten (Arendt 2014: 63). Die offene Sphäre der Öffentlichkeit trägt kaum zur Selbstregulierung der Gesellschaft und zu gemeinsamer Problemlösung bei, wenn dort solche Fragen in den Mittelpunkt rücken wie die, warum man „in den eigenen Wänden, zwischen Bett und Schrank, Tisch und Stuhl, umgeben von Hund, Katze und Blumentopf“ (ebd.: 65) nicht mehr glücklich ist.

Das Theorie-Praxis-Verhältnis darf deshalb nicht auf die Überlegungen reduziert werden, ob die Redaktionen nun zahlreiche Stellen für Social-Media-Redakteure schaffen und besetzen sollen und ob sie davon profitieren können. Es geht vordergründig darum, zu klären, ob die Redaktionen zur Normalisierung der Realität der sozialen Online-Netzwerke und damit zur Steigerung der Subjektivitäten beitragen oder ihr entgegenwirken möchten. Das Nutzen-­Kosten-Kalkül sollte dabei viel früher bedacht werden, lange bevor sich eine Redaktion ein Social-Media-Profil zulegt. Strenggenommen: Wenn ein Social-Media-Engagement ökonomisch nicht zu leisten ist, wäre es dann vielleicht sinnvoll, erst gar nicht einzusteigen? Das wäre jedenfalls eine eindeutige Antwort auf die Veränderungen.

Wenn der Journalismus sich auf fremdes Gebiet wagt – und die sozialen Online-Netzwerke sind für ihn fremdes Terrain – und wenn die Redaktionen auf diesen Plattformen unbedingt agieren wollen, dann wäre es angebracht, sich darüber Gedanken zu machen, welche Spielregeln dort gelten und welche Spielregeln man selbst aufstellen kann. Denn wenn man nicht die eigenen Regeln etabliert, folgt man Regeln, die andere – oder gar Algorithmen – gesetzt haben. Das aktuelle Lagebild von der redaktionellen Präsenz in den sozialen Online-Netzwerken erinnert sehr an eine Performance, die Marina Abramović 1974 in einer Galerie in Neapel veranstaltet hat. Sechs Stunden lang setzte sie sich wehrlos den Besuchern aus, denen vorab alle Freiheiten im Umgang zugesagt wurden. 72 Gegenstände – von einer Rose über ein Messer bis hin zu einer geladenen Pistole – durften sie benutzten. Das Ergebnis: Besucher zogen der Performance-Künstlerin das Oberteil aus, betatschten sie und eine Person versuchte sogar, Abramović zu erschießen, konnte aber im letzten Augenblick daran gehindert werden. Das Publikum mischte sich ein.

Im Unterschied zu den Medien hatte Abramović bei dieser Performance eine klare kommunikative Absicht: das Innerste der Menschen nach außen zu holen. Die Medien schaffen es zwar, auch ohne eine klare kommunikative Absicht zu zeigen, das Innere der Menschen problemlos nach außen zu kehren, was immer wieder in Form von Hassreden und Shitstorms deutlich wird; das jedoch ist weder ihre publizistische Absicht noch Aufgabe. Der feine Unterschied zwischen den Medien und Marina Abramović besteht darin, dass die Künstlerin selbst darüber bestimmte, unter welchen Bedingungen in ihrer Performance gehandelt wurde.

Echte Kommunikation statt nur Konversation

Öffentlicher Raum entsteht nicht allein dadurch, dass viele Perspektiven zum Vorschein kommen. Öffentlichkeit ist nur dann möglich, wenn, wie Hannah Arendt es in ihrem Buch „Vita activa“ auf den Punkt brachte, „ungeachtet aller Unterschiede der Position und der daraus resultierenden Vielfalt der Aspekte es doch offenkundig ist, dass alle mit demselben Gegenstand befasst sind“ (Arendt 2014: 72). Diese Aufgabe hat der Journalismus. Genau das zu gewährleisten, ist die normative Aufgabe von Journalisten. Das ist der Unterschied zwischen Konversation und echter Kommunikation. Nur so ist echte Partizipation mit Hilfe von sozialen Online-Netzwerken möglich. Es liegt in der Verantwortung des Journalismus, nicht nur den Gegenstand einer Diskussion in den Mittelpunkt zu stellen, sondern auch zu gewährleisten, dass es bei jedem Austausch und bei aller Vielfalt der Positionen und Perspektiven stets um denselben Gegenstand geht.

Verantworten bedeutet antworten. Das verstand zumindest der digitale Vordenker Vilém Flusser unter Verantwortung. Verantworten bedeutet, eine Antwort schuldig zu sein, im Dialog zu bleiben. Denn nur Dialoge können nach Flussers Ansicht das Neue hervorbringen und damit Inhalt – Content, würde man heute sagen – in Information umwandeln. Und nur in Dialogen wird nach Meinung von Flusser der Mensch überhaupt zum Menschen und findet seine Identität: eine Identität, die sich in der Vernetzung mit den anderen bildet. Für die Bewältigung der Identitätskrise des Journalismus wäre viel gewonnen, wenn der Journalismus seine Identität ebenfalls im Dialog und in der Vernetzung fände.

Lassen sich die genannten Herausforderungen überhaupt bewältigen? Auch das ist der Kern der journalistischen Aufgabe, eine Öffentlichkeit herzustellen, im besten Fall eine kritische. Aber die Erfüllung dieser Aufgabe ist, wie Horst Pöttker schon vor Jahren verdeutlichte, eine Sisyphusarbeit. Daran hat sich auch heute nichts geändert.

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Literatur

Arendt, Hannah (Auflage 2014): Vita activa oder Vom tätigen Leben. München: Piper-Verlag

Haarkötter, Hektor (2015): Anonymität im partizipativen Journalismus. Empirische Untersuchung der User-Kommentare auf journalistischen Facebook-Seiten. In: Grimm, Petra/Keber, Tobias O./Zöllner, Oliver (Hrsg.): Anonymität und Transparenz in der digitalen Gesellschaft. Stuttgart: Franz-Steiner-Verlag

Heise, Nele (2015): Keine Einbahnstraße. Wie Journalisten mit dem Publikum kommunizieren. In: „epd medien“, Heft 6, S. 7-10

Hölig, Sascha/Loosen, Wiebke (2018): Das Publikum des Journalismus. Nachrichtenrezeption, Einstellungen und aktive Beteiligung. In: Nuernbergk, Christian/Neuberger, Christoph (Hrsg.): Journalismus im Internet: Profession – Partizipation – Technisierung. Wiesbaden: Springer VS, S. 209-240

Neuberger, Christoph (2018): Journalismus in der Netzwerköffentlichkeit. Zum Verhältnis zwischen Profession, Partizipation und Technik. In: Nuernbergk, Christian/Neuberger, Christoph (Hrsg.): Journalismus im Internet: Profession – Partizipation – Technisierung. Wiesbaden: Springer VS, S.11-56

Pörksen, Bernhard (2018): Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung. Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung. München: Carl-Hanser-Verlag

Postman, Neil (1985): Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie. Frankfurt am Main: Fischer-Verlag

Pöttker, Horst (2008): Öffentlichkeit als Sisyphusarbeit. Über unlösbare Widersprüche des Journalismus. In: Loosen, Wiebke/Pörksen, Bernhard/Scholl, Armin (Hrsg.): Paradoxien des Journalismus. Theorie – Empirie – Praxis. Festschrift für Siegfried Weischenberg. Wiesbaden: Springer VS, S. 63-78

Pöttker, Horst (2000): Kompensation von Komplexität. Journalismustheorie als Begründung journalistischer Qualitätsmaßstäbe. In: Löffelholz, Martin (Hrsg.): Theorien des Journalismus. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 375-390

Loosen, Wiebke/Pörksen, Bernhard/Scholl, Armin (2008): Einführung und Begriffsklärung. In: Loosen, Wiebke/Pörksen, Bernhard/ Scholl, Armin (Hrsg.): Paradoxien des Journalismus. Theorie – Empirie – Praxis. Festschrift für Siegfried Weischenberg, Wiesbaden: Springer VS., S. 17-33

Reimer, J./Heise, N./Loosen, W./Schmidt, J.-H./Klein, J./Attrodt, A./Quader, A. (2015): Publikumsinklusion beim „Freitag“. Fallstudienbericht aus dem DFG-Projekt „Die (Wieder-)Entdeckung des Publikums“. Hamburg: Hans-Bredow-Institut (Arbeitspapiere des Hans-Bredow-Instituts, Nr. 36)

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