Notwendige Bemerkungen

Zum Tod des Naturfilmers und Umweltschützers Horst Stern

Von Karl-Otto Saur
23.01.2019 •

„Kinder und Tiere gehen immer!“ Das war schon in den 1950er Jahren ein Erfolgskonzept, als das Fernsehen langsam die deutschen Wohnzimmer eroberte. Doch der Umgang mit Tieren musste erst gelernt werden. Einer der ersten, der diesen Pfad betrat, war Bernhard Grzimek, der Direktor des Zoos in Frankfurt am Main. Mit gütiger Stimme erzählte er in seiner ARD-Sendung den Zuschauern von den Tieren und ihren Eigenarten. Und jedesmal brachte er einen Bewohner aus seinem Frankfurter Zoo mit ins Studio vor die Kameras. Doch eines Tages kam die Begleitung nicht aus seinem Tierpark. Dafür wurde das Tier aber bekannter als alle anderen, die er bis dahin vorgestellt hatte: Es war eine Steinlaus, deren Begleiter jedoch war in Wirklichkeit nicht Professor Grzimek, sondern der legendäre Humorist Loriot, der Grzimek wunderbar parodierte. Die Steinlaus wurde so durch Loriot weltberühmt.

Die Ehre, von Loriot parodiert zu werden, hatte fast zur gleichen Zeit auch Horst Stern, den Loriot überaus schätzte. Der hatte mit seiner Sendereihe „Sterns Stunde“ (ARD/SDR) in den 1970er Jahren eine ähnliche Popularität erreicht wie Bernhard Grzimek. Sterns Fernsehkarriere begann mit dem ersten Film der Reihe „Sterns Stunde“, der den lapidaren Untertitel „Bemerkungen über die Biene“ hatte. Das war 1970 und zu einer Zeit, in der man noch nicht einmal ansatzweise erahnt hätte, dass fast 50 Jahre später einmal eine „Bienenwelle“ den Buchmarkt überschwemmen würde. In den folgenden zehn Jahren gab es weitere Sendungen aus der Reihe, die zunächst im Titel nur die Gattung (vom Hausschwein bis zur Spinne) erwähnte, mit der sich die „Bemerkungen“ beschäftigten. Doch je länger Stern sich mit dem Verhältnis von Mensch und Tier auseinandersetzte, desto aussagekräftiger wurden diese Titel. Stern widmete sich dann auch Themen wie dem „Pferd im Zirkus“ oder dem „Tier in der Pharmaforschung“. Und die große Resonanz auf seine Sendungen zeigte, wie notwendig seine Bemerkungen waren. Natur- und Umweltschutz waren damals nicht so selbstverständlich wie heute.

Sendungen mit großer Resonanz

Sterns Mission war, die Menschen daran zu erinnern, dass das Verhältnis vom Mensch zum Tier sich nicht auf Fleischfabriken oder Schönheitswettbewerbe von Hunden beschränken sollte. Bereits nach der ersten Sendung 1970 waren die Reaktionen der Zuschauer ungewöhnlich positiv. Stern wurde nicht als Oberlehrer empfunden, der einen Erziehungsauftrag erfüllt, sondern als ein verständnisvoller Freund, der sein Wissen und seine Erfahrungen mit den Zuschauern teilen will. Und der immer wieder auch sehr provokativ sein konnte.

Seine Funktion hing auch mit seinen Lebenserfahrungen zusammen. Horst Stern wurde 1922 in Stettin geboren. Seine Jugend war von der Zeit des Nationalsozialismus geprägt. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde er mit 17 Jahren zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Am Kriegsende geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft, wo er unter anderem als Dolmetscher tätig war. Als er 1948 aus der Gefangenschaft kam, setzte er sein Dolmetschertätigkeit für die Amerikaner fort. Danach beschloss er, Gerichtsreporter zu werden, und arbeitete in dieser Funktion für die „Stuttgarter Nachrichten“. Aber bald wurde er auch mit anderen Themen beauftragt. In dieser Zeit wuchs sein Interesse an der Ökologie, ein Themenbereich, der sein ganzes weiteres Leben bestimmen sollte. Mit Adolf Theobald – dem damals schon legendären Zeitschriftengründer – schuf er 1980 die Zeitschrift „Natur“. Doch seine wahre Berufung hatte Horst Stern, der zwischenzeitlich auch für den Hörfunk tätig war, im Fernsehen gefunden. 1975 war er Mitgründer des Bundes für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND) und 1982 Mitgründer der Deutschen Umweltstiftung; nebenbei war er von 1972 bis 1979 auch Umweltschutzbeauftragter des Landkreises Lindau.

1979 beendete Stern seine Karriere beim Fernsehen. Und 1984 wanderte er nach Irland aus, verabschiedete sich vom hektischen Leben in Deutschland und begann, Romane und Erzählungen zu schreiben. Im Jahr 2000 kehrte er nach Deutschland zurück und verbrachte die letzten Lebensjahre in Passau – einer Stadt, die sich seit Generationen mit Umweltproblemen und dem Kampf um die Naturerhaltung auseinandersetzen musste. Am 17. Januar starb Horst Stern in Passau im Alter von 96 Jahren.

23.01.2019/MK
Horst Stern (1922-2019) Foto: SDR

Print-Ausgabe 12/2019

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