Neuigkeiten und Nullsummenspiele

Einige persönliche Beobachtungen über das Kommunizieren in einer digitalen Welt

Von Norbert Schneider
14.10.2020 •

Die anhaltende Corona-Pandemie verschärft alte Fragen und gibt auch neue Antworten: Wie informieren sich die Menschen? Und: Wie kommunizieren sie? Jetzt nicht mehr analog wie zuletzt, sondern überwiegend digital?

I.

Wie informiere ich mich? Überwiegend auf dreierlei Weise. Noch immer wie bisher, vom Gerücht bis zur belegbaren Nachricht – wenn auch erheblich reduziert – direkt, face to face; wie bisher – und speziell auch während einer Pandemie – über die Massenmedien, indirekt, durch Rundfunk und Print. Und, nicht ganz neu, aber exponentiell verstärkt aus den zigtausend Quellen des Internets.

Unabhängig von einer Pandemie gilt: Informiert zu sein, ist wichtiger denn je, gerade der Unübersichtlichkeit wegen, die die zigtausend Quellen herstellen. Zugleich muss man sich mehr denn je fragen: Stimmt das, was ich höre, sehe, lese? Und woher weiß man, dass es stimmt, solange sogar Präsidenten sich gebärden wie Pippi Langstrumpf („Zweimal drei macht vier“) und ihre geglaubte Wirklichkeit als real verbreiten, solange unter dem Schirm der Meinungsfreiheit ungestört Lügen verbreitet werden können? Solange braucht es beim Produzenten und beim Rezipienten von Information viel Aufwand, um das, was man umgangssprachlich „das Wahre“ nennt, zu finden, was aber nur einfach das Richtige ist, solange die Wahrheit eine Sache des Glaubens bleibt. Das bedeutet: Wer angemessen und mit Belegen versehen informiert sein will, muss mehr als bisher dafür tun und wahrscheinlich – gegen den ersten Augenschein – auch mehr dafür bezahlen. Wissen wird wichtiger und teurer.

Den Bedarf an Tageswissen, an Aktualität deckt und verdeckt zugleich der Online-Journalismus, erreichbar über diverse Plattformen, noch einige Zeit nach Art von spiegel.de und bild.de, und scheinbar gratis. Dieser Online-Journalismus bedient ein Spektrum von „Buzzfeed“ bis „Krautreporter“ und hat noch keinen richtig guten Ruf. Noch erweckt der Online-Redakteur den Eindruck: Her mit den Sachen! Wir haben Platz genug! Schon heute stehen sich online daher Texte und Bilder auf den Füßen. Breaking News, das war einmal; jetzt breakt jede news die vorherige. Auch deshalb wird die Zeit zwischen Ereignis und Information über das Ereignis kurz und kürzer.

Dass dieser „Informations-Tsunami“ (Zygmunt Bauman) seinen Druck auf Dauer halten kann, darf man bezweifeln. Auf Dauer schlägt zu viel auf den Magen. Viel ist nicht dasselbe wie Vielfalt. Und vor allem: Wer nutzt das alles und wem nützt es? Nur Rechner verfügen über eine schier grenzenlose Kapazität. Die Grenze des Menschen bleibt seine Fassungskraft. Die Anbieter werden lernen: Es ist nicht die Menge, stupid! Obwohl es unendlich viel mehr gibt, wird man kaum mehr rezipieren als bisher.

Zu viel Information schafft auf Dauer keine Informiertheit, sondern macht orientierungslos. Die Menge macht die Schere zwischen individuell genutzten und ungenutzten Informationen unumkehrbar größer. Doch es gibt keinen doggy bag für liegen gebliebene Informationen, die ich wegpacke und erst morgen konsumiere. Da wären sie längst alt und ranzig. Gegessen wird vielmehr hier und jetzt. Das führt dazu, dass Wichtiges liegen bleibt im Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Es wächst das Risiko einer falschen Ernährung. Das Thema „Informationsdiät“ wird demnächst die Universitäten erreichen. Ich sehe schon, wie ein neuer Studiengang und ein neuer Lehrstuhl eingerichtet werden.

Das Geschäftsmodell dieses Just-in-time-Online-Journalismus ist alt und hat sich bewährt: Er finanziert sich mehr oder weniger sichtbar und zunehmend penetrant durch Werbung. Journalismus und Werbung, bisher immer noch ein wenig schamhaft verlobt, haben endlich ganz offen den Bund fürs Überleben geschlossen. Anonymes Finanzieren könnte eines der Probleme werden, das nur durch eine strikte Regulierung gelöst werden kann.

Das Informationsangebot, das mit Schnelligkeit, Vollständigkeit und Kürze winkt, erinnert Ältere aber auch an Produkte einer werbefreien Publizistik. Man könnte, diesem Ansatz folgend, ähnliche Angebote machen, die auch im digitalen Gewand auf Qualität setzen und nicht auf Klicks, vergleichbar den werbefreien Angeboten des Pay-TV-Senders HBO als Reaktion auf die in Werbung ertrinkenden Programme der US-Networks. Das kann zu einer Renaissance der Relevanz führen. Doch zu diesem Zweck bedarf es neuer Mittel. Denn es sprudeln nicht nur zehn, sondern zehn hoch zehn Quellen, klar, trüb, auf alle Fälle ohne Pause.

Um diese Ernte von Big Data einzufahren, braucht es neue Strukturen, neue Konzepte, neue Agenturen, neue Maschinen und, neben einer geübten Publizistik, auch neue Akteure: Milieuspezialisten, Informationsscouts, digitale Trüffelschweine, in erster Linie Menschen, nicht Rechner, die mir, obwohl ich der Ältere bin, mit ihrem Duzfuß mitten ins Gesicht springen. Wenn diese Berufsgruppe der Vorkoster ihren Job gemacht hat, kommt der klassische Journalist und bindet, in Zukunft mehr denn je, die Säcke zu, die andere gefüllt haben. Er bürgt für fremde Inhalte. Man muss ihm vertrauen können. Er verantwortet eine digitale Öffentlichkeit.

Wer wird für das, was Vertrauen verdient, auf Dauer bezahlen? Eine neue Dreiklassengesellschaft wird entstehen. Erstens die Klasse der fabelhaft Informierten, der Eliten, der Entscheider. Für sie bekommt der alte Satz, dass Wissen Macht ist, neuen Glanz. Wissen ist nicht mehr nur Kompetenz, sondern Kapital. Erst bezahlt man dafür, dann rechnet man damit. Es wird zweitens, im Zwischendeck, die Klasse der Semiprofessionellen geben. Sie haben einen Januskopf. Sie sind Amateure als Beschaffer und Profis als Nutzer. Und es wird drittens die Masse geben, die sich an gewöhnlichen Tagen von Fastfood nährt. Sie schneidet sich, angelockt und ferngesteuert durch Super Apps und Golden Apps und Hon Apps aus dem Werbekuchen, was schmeckt, vor allem Unterhaltungsrosinen, und alles kostenlos, wie es scheint. Tatsächlich zahlen diese Nutzer mit dem einzigen, was ihnen geblieben ist, mit ihren persönlichen Daten. Das tut nicht weh. Datenraub verursacht keine körperlichen Schmerzen. Der Arbeitnehmer wird zum Datengeber. Aber ist ein solches Modell, dessen Pointe in einem Raub besteht, zukunftsfähig?

Das Besondere der Informationsgesellschaft von morgen und damit wirklich neu wird sein, dass das WorldWideWeb als Informationsspeicher jedermann offensteht. Noch ist unklar, welche Rolle das Netz als eine unmittelbare, ungereinigte, scheinbar ungefilterte Quellenplattform für Informationen aller Art auf Dauer spielen wird? Was holt man sich direkt? Über Immobilien, Kochrezepte, Autos und mögliche Liebespartner hinaus, jenseits von Alltagswissen und Prominentenstorys? Und bei wem? Ob Google das auf Dauer liefern wird, steht dahin. Denn was bleibt einer Suchmaschine an Einnahmen, wenn unsere Daten eines wirklich schönen Tages nicht mehr abgeschöpft und vermarktet werden dürfen? Oder wenn sich herausstellt, dass sie nichts mehr wert sind, weil sie sich zu ähnlich sind. Oder wenn sie aus Gründen einer zu langen Lagerung faulen und entsorgt werden müssen?

Immer weniger Produzenten machen sich die Hände mit Druckerschwärze schmutzig. Papier, Vertrieb und Personal sind zu teuer. Es gibt zu wenig Werbung und zu viele Redakteure. Also ein Ende mit Print? Eher nicht. Noch nie ist ein Medium, das sich etabliert hat und gesellschaftlich akzeptiert wird, spurlos verschwunden. Print wird unter den Informationsplattformen das Privileg der reichen Leute und entsprechend teuer. Alles andere wird über die bekannten Benutzeroberflächen rezipiert, über Bildschirm, Smartphone, Tablet und Laptop und über weitere Erfindungen, die wir noch nicht richtig kennen (Brille, Uhr, Chip im Arm…) Das kostet wenig und ist clean. Jedes Jahr kommt ein neues Modell auf den Markt, das noch cleaner ist.

II.

Eine Frage am Rand: Was tut das dem Rundfunk an? Das öffentlich-rechtliche Fernsehen bleibt (oder wird wieder) Leitmedium. Jetzt erst recht. Nichts ist auf Sicht billiger und vor allem besser. Der Rundfunk wird sich von liebgewordenen Verirrungen, Fixierungen und Unarten trennen müssen. Etwa von seiner Affenliebe zur Quote. Am besten bald. Er wird sich auf seine Kernkompetenzen besinnen müssen, auf die Grundversorgung, auf Live-Information, in der Fiktion auf regionale Geschichten und Gesichter, auf die Erzählungen einer Gesellschaft, auf ihre Mythen von ehedem und die Alltagsmythen von heute; und auf Visionen, die mehr sind als pure Phantasie. Sein Proprium bleibt seine viele Menschen versammelnde Reichweite: eine Botschaft für viele Menschen zur selben Sache zur selben Zeit; nicht nur in pandemischen Zeiten.

Für die Masse bleibt Fernsehen der Büttel fürs Neue, das Schwarze Brett einer Gesellschaft, nach wie vor das Medium für Brot und Spiele, die Heimat der Serienburger, eine jederzeit besonnte Unterhaltungsbank. Denn Fernsehen lebt neben seinen eigenen Stärken von einer fremden Schwäche: dass der mobile, flexible Mensch gleichwohl gerne die Beine hochlegt, dass er, weil er doch nur Mensch ist, nicht nur am siebten Tage ruhen will.

Neben dem Fernsehen entwickelt sich das Nicht-Lineare individuell, vor allem mit den großen Erzählungen. Jeder wird sie nach seinem eigenen time schedule rezipieren, unprogrammiert, autonom. Das Fernsehen wird diese nicht-lineare Welt annoncieren, wie einen Gruß aus der Küche. Doch gegessen wird nicht, wenn das Restaurant geöffnet, sondern wenn man Lust auf Essen hat, mit der Fernbedienung als Speisekarte. Das ist die neue Freiheit.

Arbeit wird auf den Nutzer abgewälzt (wie man nicht nur, als man noch fliegen wollte, beim Buchen eines Online-Tickets erleben kann). Die neue Freiheit reduziert sich auf den Befehl: Such dir was! Der Anbieter entwirft nur noch das digitale Formular. Den großen Rest muss der Kunde erledigen. Weit und breit ist kein Mensch, den er fragen könnte. Nicht selten hängt er mit kalter Wut in einer Hotline: Wenn Sie von uns nichts hören wollen, wählen Sie die Eins.

III.

Menschenleere prägt die Bilder einer künftigen Kommunikation. Es gibt immer mehr scheinbar sprechende, tatsächlich aber tieftote Rechner. Manche nennen diese Entpersonalisierung aus Kostengründen eine Entmenschlichung. Andere reden vom Zeitalter des Posthumanen, in dem die Sachen menschenähnlich werden: smarte Waffen, intelligente Raketen, pfiffige Drohnen, computergenerierte ‘Gesprächspartner’ und Ratgeber. Das Mündel Technik will Vormund sein. Der wesentliche Effekt: Es verschwimmt die Kategorie der Verantwortung (Hannah Arendt). Alles wird zum Adiaphoron. Zuständige sucht man vergebens. Oder, wie Zygmunt Bauman ein wenig zugespitzt sagt: „Die wichtigste Neuerung ist, dass der Statusunterschied von Mittel und Zweck verschwunden ist. Es fand gleichsam ein Befreiungskampf statt, in dem sich die Axt triumphal vom Scharfrichter emanzipierte.“ Getwittert heißt das: Rechner schlägt Personal. Technik schlägt Ethik.

Kommunizieren und Konsumieren verknoten sich im Netz. Sie funktionieren nach derselben Logik. Es ist die Anbieterlogik der ausnahmefreien Regel. Quadratisch, praktisch, gut. Das Ziel ist ein Paradox: die grenzenlose Ordnung. Kontingenz wäre Chaos, Überraschungen wären zeitraubend und vor allem teuer. Redundanz wäre nutzlos wie ein drittes Nasenloch. Online-Formulare verzichten konsequent auf die Spalte für das Abweichende. Der trouble desk ist abgeschafft. Das Credo des Digitalkapitalismus lautet: Jede Regel ohne Ausnahme!

Erfolgreich digital kommuniziert, wer erfolgreich ein Programm durchläuft. Die Devise der devices heißt: Mach einen Schritt nach dem andern! Sei ordentlich! Den Weg in ein glückliches Leben pflastern Aufforderungen wie die: Lass dich programmieren! Oder für Alphabethiker: Schreib! Dein! Buch! Zugleich vollzieht sich backstage ein Kontrastprogramm. Während die digitale Kommunikation immer stärker reglementiert wird, weil sie nur so funktioniert, werden die analogen Regeln immer rücksichtsloser gebrochen. Auf der Straße. In der Bahn. Im Flugzeug. In der Pandemie.

Digitale Kommunikation ist pandemiefeindlich: Sie lebt vom Abstand. Sie macht Distanz produktiv. Man sieht sich, aber man berührt sich nicht. So wird die Drohne das Wappentier. Wird eine Begegnung gefährlich, kann man sie beenden. Neuerdings auch nachverfolgen. Vorverfolgen wird das Nächste sein. Man sieht niemanden rot werden oder an den Händen schwitzen. Zygmunt Bauman sagt, es werde „die Schmeißfliege der Verbindlichkeit“ verjagt, „die sonst stets unter das tröstende Pflaster zwischenmenschlicher Begegnungen zu kriechen“ pflege. Gefühle müssen draußen bleiben, werden allenfalls als optische Kürzel, als Emoticons ins Bild gesetzt. Menschen bleiben, wenn sie das wollen, anonym: kein Name, keine Adresse. Ein Hochamt für die vollmundigen Feigen. Die mobben, drohen, hassen, die straffrei aus ihrem Herzen eine Mördergrube machen können.

Löcher oder leere Stellen gibt es nicht für den, der digital kommuniziert. Langeweile war einmal. „Alles, nur nicht langweilen“ ist eine Selbstbeschreibung des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB). Digitalisierte Geräte stopfen, always on, alle Zeitlöcher. Das Versprechen der social networks heißt: Du fällst in kein Loch! Du bist nie mehr allein! Du gehörst zu uns, zum Netzwerk. Aber hält ein Netz auf Dauer warm?

In einer bestimmten Hinsicht ist der digitale Nutzer nie allein. Hinz von Google und Kunz von der NSA schauen ihm pausenlos über die Schulter. Und Apple kann ihn orten. Doch man sieht nichts und es tut auch nichts weh. Also stört diese unüberbietbare Indiskretion nur noch wenige. Manche genießen am Ende das kleine Glück des Exhibitionisten. Es lebe die Transparenz, auch nachdem sie dabei ist, tyrannisch zu werden. Da solche Menschen keine Geheimnisse mehr haben (wollen), machen sie Geheimdienste brotlos. Wo nichts mehr riecht, gibt es auch nichts zu schnüffeln.

Die Bürger dieses „Geständnisstaats“ (Bauman), in dem sich niemand mehr etwas vorzuwerfen hat, werden mit ihrem Desinteresse an Privatheit Geschöpfe der Sicherheit, die Kontrolle nicht fürchten, sondern wollen, und das gleich aus zwei Gründen: einmal, weil man sie damit wahrnimmt, vor allem aber, weil sie sich als Überwachte sicher fühlen. Mit der Beseitigung von Geheimnis und Intimität, mit dem Auslöschen von Privatheit ist ein Zustand erreicht, den Søren Kierkegaard einst so beschrieben hat: „Ich wollte, ich wäre ein Vogel. Dann könnte ich fliegen. Ich wollte, ich wäre zwei Vögel. Dann könnte ich hinter mir herfliegen. Ich wollte, ich wäre drei Vögel. Dann könnte ich beobachten, wie ich hinter mir herfliege.“

Das Basisversprechen der digitalen Kommunikation, die digitale Dividende, ist der Zeitgewinn. Die Schnellsten im Kampf gegen die analoge Uhr sind derzeit (noch) SMS oder WhatsApp und Tweets. Knapp dahinter liegt die E-Mail. Statt Rechtschreiben nur noch Schreiben oder Diktieren. Statt langwierig lieber kurzweilig. Statt Botschaften zwischen den Zeilen nur noch Schlagzeilen. Keine schwierigen Konstruktionen! Wir sehen die traurigen Hinterbliebenen am Grab des Nebensatzes. Mails schickt man, ohne Nebenstrecke und Nebensatz, direkt an den Empfänger. Mit vielen Kopien. Das fördert flache Hierarchien. „Hallo, Prof, ich bin heute verhindert. Meine Oma wird beerdigt.“ Hilfsweise: „Mein Rechner ist abgestürzt.“ Was aussieht wie Augenhöhe, ist Augenwischerei. Auch der mailende Chef bleibt Chef. Er verfeinert seine Kompetenz als An-Bieder-Meier.

Bei Chef fällt mir ein: Was ist aus dem papierlosen Büro geworden? Vor allem der Satz: „Können Sie mir das mal ausdrucken!“ Das zeigt, dass auch bei der Digitalisierung eine Gewinn-und-Verlust-Rechnung Erkenntnisse fördert. Auch viele kurze Mails ergeben eine lange Strecke. Manager müssen heute bis zu 30.000 Mails im Jahr abarbeiten. Das Paradox spricht sich herum: Zeitgewinn schafft Zeitverlust. Doch nicht in jeder Kürze liegt auch Würze! Die letzte Mail hat keine Taschen: „Mail mich nicht an! Nie wieder!“

Aus den vielen analogen Geräten sind ein paar wenige digitale entstanden. Im Zweifel ein einziges. Man nutzt nicht mehr einzeln und konsekutiv, sondern gebündelt simultan. Max Webers Brett hat verloren. Selbst virtuose Multitasker bohren keine dicken Bretter mehr. Gesucht wird weniger die Erkenntnis, sondern der Thrill, den der Pilot im Cockpit bei Gewitter mit einem gleichzeitigen Brand in der Kabine fühlt.

Die Stars sind freilich nicht die Piloten. Der Star ist der Rechner. Wenn ein neuer den Markt betritt, wird er inszeniert wie die Ankunft des Messias. Dann ist digitaler Advent. Die Schöpfer und Erhalter des Rechners versprechen eine bessere Welt. Sie predigen einen technologischen Monotheismus. Dessen erstes Gebot heißt: Es gibt nur einen Zugang zum Leben, mich, den Rechner. Du sollst keine anderen Zugänge haben neben mir. Wem das zu religiös ist, dem sagt auch schon ein Wort wie Download, wer Koch ist und wer Kellner.

Eine sprachliche Hauptrolle auf der digitalen Kommunikationsbühne spielt der Imperativ. Auch er zielt auf Kürze und Zeitgewinn. Das Credo der Befehlsrhetorik heißt: Möglichst viel in möglichst kurzer Zeit! Nicht verweilen, weitereilen! Nur kurze Sätze. Was meinte Ibsen, als er sagte: „Am Rande der Erschöpfung reden wir alle in Hauptsätzen“? Der Imperativ trocknet Zwischenräume aus. Er meidet Grübeleien, Innehalten, Rückfragen. Der Imperativ ist ein Lebensbeschleuniger. Er macht an. Er verachtet die Ruhelage. Die Befehlstaste eines Laptops erinnert an den analogen Spieß auf dem Kasernenhof: „Druck aus! Steh hier nicht rum! Tu was! Beweg dich! Lade down!“ Wer schlappmacht, wird zwar nicht gehängt, doch abgehängt.

Für viele Geschäfte muss ich das Haus nicht mehr verlassen. Online spart Aufwand und Zeit. Einerseits. Doch die gesparte Zeit verrinnt, wenn man weitersurft, weil Neugier und Spieltrieb ihr versuchliches Haupt erheben. Der Volksmund sagt dazu schon immer: „Wie gewonnen so zerronnen.“

Ohne den digitalen Schlüsselbund, an dem PINs und Codes und geheime Benutzernamen hängen, bliebe dem, der kommunizieren will, vieles verschlossen. Also muss man möglichst viele Schlüssel haben, möglichst viele Adressen kennen – das macht den Unterschied. So entstehen digital gated cities, neue Grenzen und neue Milieus.

Manches erinnert an Mittelalter. Die einen können schon schreiben und die andern können erst lesen. Die große Masse sieht am liebsten Bilder. Für sie gibt es die biblia pauperum. Und dann gibt es noch die feine vierte Klasse. Das sind die wenigen, die es sich leisten können, schreiben und lesen zu lassen. Die traf man in der Kirche und bei Hofe. Bei ihnen lag die ganze Macht.

Der Stiefzwilling des Imperativs ist der kapitalistische Komparativ. Steve Jobs hat den von ihm zu Apple gelockten John Sculley, als dieser Pepsi-Cola-Chef war, gefragt: „Wollen Sie den Rest Ihres Lebens Zuckerwasser verkaufen oder wollen Sie eine Chance, die Welt zu verbessern?“ Es schläft ein Plus in allen Dingen. In jedem Frosch steckt ein Prinz. Es gibt nicht nur Miles, es gibt immer noch More. Treuepunkte, Rabatte, digitales Flaschenpfand. Doch auch hier grüßen von ferne die Lebenslüge und ihre kleine Schwester, die Nullsumme. Meistens haben wir vorher bezahlt, was sie uns nachher schenken.

Wer sehen will, wie sich die digitale Kommunikation entwickelt, dem sei als Showroom die U-Bahn empfohlen. Fast jeder hängt am Gerät wie am Tropf, spielt, telefoniert, informiert und unterhält sich mit einem Unsichtbaren. Pausenlos. Die Apps und iTunes blinken und stöhnen und bimmeln. Sie kennen und geben keine Ruhe. Die Flatrate macht den Spaß billig. Die Räder rattern. Sonst ist alles still. Was aber machen die Surfer, wenn sie aussteigen müssen? Was macht ihnen dann noch Spaß? Was erwarten sie noch vom Leben? Haben sie einen Plan A?

IV.

Dieser Text hat etwa 20.000 Zeichen. Ich verantworte ihn. Google verwortet ihn erst und verwertet ihn, wenn er online steht. Die NSA hat ihn auch, kann ihn aber wegen Rechnermangel erst 2036 auswerten. Apple weiß, wann und wo er geschrieben wurde. Da sind wir doch immerhin schon vier.

Norbert Schneider, 80, war von Juni 1993 bis September 2010 Direktor der in Düsseldorf ansässigen Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM). Zuvor war er Referent und später Direktor im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (1971 bis 1981) in Frankfurt am Main, Direktor für Hörfunk und Fernsehen beim damaligen Sender Freies Berlin und Geschäftsführer der Allianz-Film GmbH Berlin.

14.10.2020/MK

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