Nach dem Glaubenskrieg um die Kultur

Wie steht es mit der einst umstrittenen Reform des Radioprogramms HR 2 Kultur?

Von Uwe Kammann
30.12.2021 •

Wie anfangen? Vielleicht mit dem Satz „Eine Welt ohne Radio ist kaum vorstellbar“, programmatisch vorangestellt einer aktuellen Ausstellung in Frankfurt zu 100 Jahren Radiogeschichte? Oder mit der Ankündigung, dass die gerade gestartete Online-Plattform „Euronews Culture“ mit „Kreativität in Aktion“ demnächst die „kulturelle Landschaft des Kontinents verändern“ will? Besser mit der Ansage des beim Hessischen Rundfunk (HR) frisch gewählten Intendanten Florian Hager, er komme nicht als „digitaler Evangelist“, der nun allen erzählen müsse, „wie es läuft“? Womöglich mit der gerade mühselig auf den Weg gebrachten ARD-Kulturplattform am Standort Weimar? Oder am besten mit der ernüchternden Feststellung, dass in den Kopfrubriken der Online-Auftritte von „Tagesschau“ (ARD) und „Heute“ (ZDF) das Wort Kulturschlicht nicht vorkommt?

Kultur, ja, Kultur, nein; Kultur so, Kultur so nicht. Um die Frage, wie der Begriff Kultur, dem im Medienstaatsvertrag ein besonderer Auftragsstatus zugewiesen wird, in der Programmpraxis – hier speziell: des Radios – ausgelegt und behandelt werden muss oder müsste, tobte vor zwei Jahren in hessischen Landen ein regelrechter Glaubenskrieg. Anlass war eine von der Senderspitze angekündigte Reform des Hörfunkprogramms HR 2 Kultur, zugespitzt auf das Ziel, es solle ein „Klassiksender“ werden (vgl. MK-Meldung). Das war in Substanz und Form eine auch heute noch schier unglaubliche Kommunikations-Fehlleistung, die eine publizistisch vehement angefeuerte und dann laut vernehmliche Gegenbewegung hervorrief.

Aggressiv formulierte Abwehr

Die gipfelte in einer Protestversammlung in der Deutschen Nationalbibliothek (vgl. MK-Artikel). Mit lauter Kulturvertretern auf dem Podium, die die vorhandenen, tradierten Formen des linearen Radioprogramms noch lange nicht verabschieden, sondern unbedingt weiter bewahren wollten. Online-Präsenz von Sendungen auf Abruf ersetze nicht ein farbiges, vielstimmiges Programm, das mit Überraschungen aufwarte, dem Hörer Zufallsfunde beschere und Neugier belohne. Ein Programm zudem, das nicht zuletzt auch dann gehört werden könne, wenn man nicht am Rechner sitze – in den klassischen Situationen also, von der Frühstücksbegleitung über das Autofahren bis zu den Hausarbeiten.

Als Vertreter des HR bei der Versammlung konnte seinerzeit der leitende Redakteur Alf Mentzer die Aufgebrachten kaum beruhigen. Auch wenn er versicherte, das herkömmliche Programm von HR 2 Kultur werde nicht radikal kahlgeschlagen, geschätzte ‘Klassiker’ wie die Gesprächssendung „Doppelkopf“ und die einstündige Journalismus-Mischblüte „Der Tag“ fänden weiterhin ihren Platz. Doch allein dass er Worte gebrauchte wie „Ausspielwege“ (eben für das Nebeneinander verschiedener medialer Formen) und „Kultur-Unit“ (für ein redaktionell-produktives und im besten Sinne organisches Verschmelzen eben dieser Medienformen unter dem übergreifenden Thementableau Kultur) schürte aggressiv formulierte Abwehr, unterm Generalverdacht: modernistisches Teufelszeug.

Da hat sich vieles beruhigt

Und heute, gut zwei Jahre später? Da hat sich vieles beruhigt. Zum einen, weil die Reform des Kulturprogramms relativ sanft ausfiel. Ihr Hauptmerkmal: die nun tagsüber einheitlich unterm Vorzeichen ‘klassisch’ eingefärbte Musik, über längere Strecken moderiert. Nur abends finden sich Abweichungen vornehmlich in Richtung Weltmusik, Folk, Jazz, Singer-Songwriter-Machart – Farben, die vorher das Programm in lebendiger Mischung dominiert hatten. Das wiederum war Folge einer Reform aus dem Jahr 2003, als der damalige HR-Hörfunkdirektor Heinz Sommer und die damalige HR-2-Wellenchefin Angelika Bierbaum befanden, die bis dato vorherrschende Klassik vergräme potenzielle jüngere Hörer.

Dass Programme wie Deutschlandfunk Kultur und MDR Kultur heute weiter der Mischung anhängen (grob etikettiert: mit hohem Pop-Anteil), belegt eher, dass hier Bauchentscheidungen die Richtung vorgeben. Karoline Sinur, die heute im Dreierteam zusammen mit Karin Tanz und Jesko von Schwichow HR 2 Kultur als Programm redaktionell betreut und organisiert (die frühere Wellenleitung existiert nicht mehr), sagt zum Echo ganz klar: „Die Hörerschaft ist bei der Musik gespalten.“

Das lineare Radio ist „noch relevant“

Zu einer Verjüngung des Publikums hat die Reform nicht geführt, der Altersschnitt liegt bei 61 Jahren. Auch die Reichweite hat nicht profitiert, ist sogar noch gesunken, von 90.000 (Herbst 2019) auf nun rund 73.000 tägliche Hörer. Das sagt die aktuelle Media-Analyse (in der aber, wie immer, einiges an Unwägbarkeiten steckt, weil die Zahlen umfrage- und nicht technikbasiert erhoben werden). Karoline Sinur relativiert: Zum einen habe die Reform nicht auf eine generelle Verjüngung der Hörerschaft gezielt; zum anderen sei eine gute Verweildauer zu konstatieren, eben bei der Kerngruppe: den „klassisch Kulturinteressierten“.

Wie sich das weiterentwickelt – sprich: in welchem Verhältnis künftig die Online-Nutzung zum herkömmlichen Radiohören stehen wird –, ist für die ‘klassische’ HR-2-Redakteurin offen; eine Prognose sei schwierig. Doch nach jetzigem Stand sei im Rahmen der Audiostrategie des Hessischen Rundfunks das lineare Radio „noch relevant“. Was bedeute: „Wir wollen linear weitermachen, haben eine lineare Verpflichtung geerbt.“ Klar sei wiederum: Die künftige Entwicklung werde vom weiteren Nutzungsverhalten abhängen.

Hans Sarkowicz, eine Art Radio- und Kultur-Urgestein des HR, sieht dies alles aus seinem Ruhestandssessel (im Oktober war für ihn als Wellenchef von HR 2 Kultur Schluss) ziemlich gelassen. Zum einen dauere es immer, „bis eine Reform greift“. Zum anderen sei zu konstatieren, dass einige Sendeformen – wie Hörspiele oder Lesungen – einfach im Netz besser liefen, oft sogar das Zehn- oder Fünfzehnfache an Hörern/Nutzern erreichten, dabei unverkennbar von der mehrwöchigen Verweildauer auf den Online-Plattformen profitierten. Natürlich liefen die Kernsendungen weiter auf der Kulturwelle. Aber keiner dürfe sich Illusionen hingeben: „Das Lineare ist vor allem für die Älteren wichtig.“

Funktionierende Unit im Kleinen

Aus seiner letzten Leitungszeit bei HR 2 Kultur zieht Sarkowicz kein schlechtes Fazit mit Blick darauf, was den Reformprozess aus dem Jahr 2019 im Kern bestimmt und geprägt hat: die Bildung der namentlich im Managerdeutsch daherkommenden Kultur-Unit. Was manche vermutet hätten, sei nicht eingetreten: Es habe im Zuge der neuen Struktur kein Konkurrenzgehabe, auch keinen Streit gegeben. Vielmehr bestehe eine Grundlinie des Arbeitens, die sich bei HR 2 Kultur trotz der personellen Umschichtung zugunsten der im Team geleiteten Kultur-Unit bewährt habe: nämlich gemeinsam Ideen zu entwickeln. Auch Karoline Sinur sieht das so: Es sei eine „Stärkung durch Einheit“ zu konstatieren, die Netzpräsenz habe nicht zur Exklusivität geführt, das verbliebene HR-2-Team präge weiterhin das lineare Programm, so über die Musikauswahl und die Gestaltung der aktuellen Beiträge (wozu beispielsweise auch die Auswahl der Gesprächsgäste gehöre).

An dieser Stelle kommt wieder Alf Mentzer ins Spiel. Damals – bei der großen Protestversammlung im Herbst 2019 – hatte er zwar bekannt, „erfreut, beeindruckt und gerührt“ zu sein angesichts der dort unisono proklamierten Anhänglichkeit an das herkömmliche lineare Programm; doch vehement hatte er das Ziel verteidigt, über vielfältige digitale Angebote ein größeres, offeneres und jugendlicheres Publikum zu gewinnen. Wobei, wie er mehrfach betonte, dies nicht durch einen einfachen Transport der originären Sendungen aus dem linearen Programm ins Netz funktioniere. Vielmehr müssten diese Angebote eigenständig entwickelt werden und gestaltet sein.

Keine Einheit im Großen

Heute, nach mehr als zwei Jahren, ist Mentzer sicher (und „sehr zufrieden“), dass der eingeschlagene Weg mit der Kultur-Unit richtig war und ist: „Wir erreichen mit unseren Kulturformaten sehr viel mehr Nutzerinnen und Nutzer und vor allem erreichen wir Menschen, die und deren Kulturinteressen der HR bis dato eher vernachlässigt hatte.“ Auf der Basis der neugebauten Strukturen – was, grob gesagt, bedeutet, die früheren Redaktionsschranken und -spezialschubladen zugunsten einer übergreifenden Einheit zu überwinden – lasse sich die Kulturberichterstattung massiv erhöhen. So etwa in den spezifischen Online-Angeboten des Senders, welche althergebrachte Fernsehsendungen wie die regionale „Hessenschau“ oder das ARD-Kulturmagazin „Titel, Thesen, Temperamente“ („ttt“) ergänzen, fortführen, erweitern und variieren: wie eben hessenschau.deHessenschau-FacebookHessenschau-Insta,ttt-Instaund ttt-Facebook. Gleichzeitig ließen sich Kulturbeiträge für die Radioprogramme HR 2 Kultur und HR-Info produzieren. Für die im Rahmen einer solcherart verstandenen HR-Digitalstrategie und -praxis angestrebten Erfolge nennt Mentzer drei Beispiele, die auch für betont jugendliche Themen stehen. So die Kultur-Doku-Reihe „Dichtung und Wahrheit – Wie HipHop nach Deutschland kam“. Außerdem eine Dokumentation von „Titel, Thesen, Temperamente“ über den Offenbacher Rapper „Haftbefehl“, die auf YouTube mehr Menschen erreicht habe als je eine Sendung des Magazins. Das dritte Beispiel ist der für Spotify, die ARD-Audiothek und HR 2 Kultur entwickelte Podcast „Freiheit Deluxe – mit Jagoda Marinić“, der stetig beliebter werde; eine zweite Staffel sei bereits genehmigt.

Zur Kultur-Unit, so erläutert Mentzer die Arbeitsstruktur, gehöre ein Kultur-Desk, als „Schnittstelle zwischen der Kulturwelt, den linearen Ausspielwegen und unseren digitalen Produkten“. Hier würden Termine und Themen identifiziert („gescannt“) und deren Bearbeitung geplant und umgesetzt. Zum Desk-Team gehörten ein Themen-‘Scanner’, ein Planer, ein ‘Makler’ (der die Beiträge an die Wellen und an hessenschau.de bringe), zwei Reporterinnen, zwei Audio-Produzentinnen, eine das Online-Angebot hessenschau.de beliefernde Kollegin und eine, die diese Aufgabe in Richtung Instagram und Facebook wahrnehme. Verbunden sei der Kultur-Desk wiederum mit einem Produktions-Desk (Grafiker und Producer). Alle arbeiteten zum überwiegenden Teil komplett in der Kultur-Unit, hier aber wiederum in den unterschiedlichen Bereichen. Noch allerdings gebe es Kollegen, die teilweise in der Kultur-Unit, bei HR 2 Kultur oder bei der Hessen-Unit arbeiteten.

Ganz klar „produktorientiert“ ausgerichtet

Was der Mitinitiator und -Entwickler der Kultur-Unit immer wieder als wesentlich unterstreicht: das interdisziplinäre Arbeiten der Teams, von der Entwicklung bis zur Produktion. Es gehe um die Herstellung „professioneller digitaler Produkte“, die „den Standards der Plattformen hinsichtlich Produktion, grafischer Gestaltung, Distribution und Community-Management entsprechen“. Immer unter der Fragestellung, „welches Kulturthema auf welchem Ausspielweg realisiert werden muss“, um möglichst jene zu erreichen, welche sich für eben dieses Thema interessierten.

Mit diesem neuartigen Modell, da ist Alf Mentzer sehr sicher, sei der Hessische Rundfunk den anderen ARD-Sendern voraus, die weiterhin versuchten, innerhalb bestehender Strukturen „crossmediale Kompromisse“ zu entwickeln – Kompromisse, die angesichts der neuen Situation mit den inzwischen hochindividuellen Medienzugängen und auch Nutzungen die Häuser „nicht wirklich“ voranbrächten. Das große Plus des HR sei jetzt, ganz klar „produktorientiert“ ausgerichtet zu sein und zu arbeiten, „genuin für die jeweilige Plattform“.

Aus der Beschreibung und aus dem Gesamturteil ist Genugtuung herauszuhören; auch natürlich aus dem Hinweis, dass andere ARD-Anstalten wie WDR, RBB und SWR sich das HR-Modell schon genau angesehen hätten. Entscheidend für den Mehrwert sei, den andernorts üblichen Status des Crossmedialen gleichsam „übersprungen“ zu haben.

Und die öffentlich-rechtliche Kenntlichkeit?

Doch es gibt auch große Fragezeichen, ob dieses rein produktorientierte Sich-Einnisten auf allen Plattformen, auch den privaten, in jeder Hinsicht von Vorteil ist. Wo bleibt die eindeutige öffentlich-rechtliche Kenntlichkeit? – das steckt als Vorbehalt in diesem Zweifel. Das Modell „Funk“ dient als Exempel. Ja, dieses Online-Jugendangebot von ARD und ZDF ist über YouTube, Instagram, Facebook, Snapchat und TikTok zu erreichen, auch über funk.net. Auf den privaten Plattformen ist die Absender-Identität allerdings kaum kenntlich, wird verschämt nahezu unterdrückt.

Insofern fragt Hans Sarkowicz kritisch: „Was haben wir von Spotify?“ Wahrscheinlich ist dies die Generalfrage. Was nützt dieses offensichtlich effektive und erfolgreiche HR-Meta-Medien-Modell in der inneren Arbeitsstruktur, wenn nicht übergreifend sich alle Landesrundfunkanstalten sowie die Über-Klammer ARD und das ZDF auf eine gemeinsame – doppelt unterstrichen: gemeinsame – Online-Strategie einigen können? Denn klar ist: Gegen Netflix & Co. hilft kein Klein-Klein nach gängigem Muster, sind die Mediatheken in der jetzigen Form unzureichend.

Wirksame Konkurrenz müsste auf ein ganz anderes Instrument setzen: nämlich auf ein Online-Portal unter markantem (Marken-)Namen, das sich im Ganzen als genuine Medien-Kultur-Einheit versteht – attraktiv in jeder Hinsicht, vielfältig und gesellschaftsdienlich. Eben im wahrsten Sinne: öffentlich-rechtlich. Ein allzu frommer Wunsch?

30.12.2021/MK

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