Mit ohne Publikum

Die Besonderheiten der Kommunikation in Zeiten von Corona

Von Michael Jäckel
17.06.2020 •

Das Publikum hat viele Gesichter: Es applaudiert, es feuert an, es wendet sich ab, es spendet Lob, es erlaubt den „Bühnenakteuren“ bestimmte Formen der Interaktion, auf die es häufig auch vorbereitet wird. Ein Blick in die Geschichte und in die Gegenwart führt uns zahlreiche Bilder vor Augen, die diesen Austausch veranschaulichen. Und häufig sind es Beispiele, die auf die besondere Bedeutung des anwesenden Publikums hinweisen: spannende Sportbegegnungen, Live-Konzerte, lebendige Vorträge. Das nicht anwesende, aber doch beteiligte Publikum, welches, räumlich voneinander getrennt, an den Empfangsgeräten mitfühlt, erlebt diesen Funken, der da überspringt, auch. Aber ohne die Atmosphäre am Ort des Geschehens wirken die Ereignisse leer.

Diese Leere wird nun in Zeiten von Corona, weil es Zeiten einer veränderten Kommunikation sind, an vielen Stellen zu einer Herausforderung. Denn viele Situationen und ihre Dramaturgie sind auf Ko-Präsenz ausgelegt. Ja, die Menschen sind unterschiedlich. Aber wer möchte seinen Erfolg nicht vor einem Publikum feiern, wer liebt Anerkennung nur unter Ausblendung des Zuspruchs? Wer sucht nicht ein zustimmendes Nicken in der Zuhörerschaft? Jetzt, da beispielsweise auch an vielen Hochschulen dieser Welt der leere Hörsaal zur Kulisse eines aufgezeichneten Vortrags werden kann, beschäftigt uns die angemessene Kompensation der Signale, die uns durch einen langen Vortrag tragen. Aber nicht nur das: An vielen Orten fehlt dieser „Resonanzboden“. Mit ohne Publikum – was bewirkt diese Veränderung?

Die Ko-Präsenz und ihre Kompensation

Sie offenbart zunächst eine neue Form von Bescheidenheit. Das perfekte Ensemble einer Fernsehshow etwa wird durch Improvisation zu einer Art Generalprobe, die aus der letzten Reihe einen aufmunternden Applaus erhält. Tatsächlich werden die Protagonisten in Mehrfachrollen versetzt: Sie spielen und, weil das Saalpublikum zu Hause bleiben muss, klatschen für ihre Mitspieler. Das tun sie in der Regel mit einem weiteren Kreis von Anwesenden, die zuvor mit Regieanweisungen auf ihre Rolle eingestimmt wurden. Noch inszenierter wirkten seit jeher die Einspielungen in Sitcoms, die das spontane Lächeln oder andere impulsive Reaktionen eines gedachten Publikums in das Drehbuch integrierten.

Viele Fernsehformate verlieren an Lebendigkeit, wenn dem Moderator oder Showmaster in seiner guten Stube das Publikum fehlt, mit dem er aktiv spielen kann: kein inszenierter Spaziergang durch das Studio, kein Spiel mit der ersten Reihe, keine Befragung von Gästen. Eine gute Talkshow vermag durch das Engagement der eingeladenen Diskussionspartner das fehlende Publikum durchaus vergessen lassen. Dafür spricht zudem, dass manche Formate ohne den Verkauf von Zuschauertickets funktionieren. Aber dennoch wirkt alles sehr aufgeräumt.

Die Ko-Präsenz und ihre Kompensation gehören zu den großen Themen der Kommunikationswissenschaft. Wie kann die räumliche Distanz zwischen einem Sender und einem Empfänger überbrückt werden? Diese Frage hat eine lange Vorgeschichte und beginnt nicht mit dem audiovisuellen Zeitalter. Denn bereits im 17. Jahrhundert spielte zum Beispiel die politische Kommunikation mit einem imaginierten Publikum, das als Träger der öffentlichen Meinung herhalten musste. Das Denken Gleichgesinnter wurde für die eigenen Zwecke instrumentalisiert. Wer dies tat, konnte vorher weder auf Umfrageergebnisse noch andere belastbare Messgrößen zurückgreifen.

Das englische Petitionswesen berief sich auf ein nicht anwesendes Publikum, politische Magazine des 18. Jahrhunderts betteten politische Anliegen in fiktionale Handlungen ein und schufen in ihren Texten imaginäre politische Clubs oder verlegten die Verhandlungen eines Parlaments an erfundene Orte mit erfindungsreichen Namen. Literarische Zeitschriften wiederum nutzten das Lesepublikum als richtende Instanz. Das vielzitierte Räsonnement kannte viele mehr oder weniger ideale Gesichter. Das Publikum traf sich in Salons und schuf durch Lesen und Debattieren eine Atmosphäre der Teilhabe.

Die Sorge um ein Zuviel an Anonymität

Nicht nur hier offenbart sich die frühe Anwendung einer Spiegel-Metapher. Wenn etwa moderne Entertainer mit den Hofnarren der Vergangenheit verglichen werden, wird ihnen eine prekäre Rolle zuteil. Denn der Narr, dessen Freiheiten vom jeweiligen Herrscher definiert wurden, sollte nicht nur die Melancholie vertreiben, sondern auch „Entlastungsfunktionär“ (Wolf Lepenies) sein. Er durfte eben auch einmal das Sprachrohr des Volkes sein, vergleichbar den vielen Improvisationstheatern, die durch die Lande zogen und semantische Gefechte mit der stets anwesenden Zensur vollzogen. Dem Niedergang dieser spezifischen Dyade folgte mit dem Aufstieg des Bürgertums ein am Lebensstil des Adels orientierter Phänotyp, der sich als Flaneur oder Dandy an der Distanz zur herrschenden Gesellschaft erfreute, ohne dies explizit einem anwesenden Publikum mitzuteilen.

Das Publikum war also weder ein wirklich unbekanntes Wesen noch eine Instanz, die, in Sorge um eine mögliche Entfremdung, stets hofiert wurde. Weder band man das Publikum ein, weil Formate ohne sein Zutun nicht gelingen konnten, noch scheute man die Verbindung zu ihm. Es wurde schlicht als etwas gehandhabt, was Variation gestattete und Beteiligung ermöglichte – mit oder ohne Folgen. Es war eben auch schlicht die Sorge um ein Zuviel an Anonymität. Der Leserbrief und der Kommentar, das zugeschaltete Telefonat im Hörfunk: Immer wieder erlaubten neue Technologien neue Formen der Einbindung, die heute ganze Redaktionen beschäftigen mit dem Ziel, den Publikumswillen einzufangen. Das Schlagwort „Mitmach-Medien“ reklamiert den Höhepunkt dieser Integration.

Wie also wird aus Distanz gefühlte Nähe? Wie vermittle ich dem Zuschauer zu Hause das Gefühl, nahe bei ihm zu sein? Denn für ihn ist der Abbruch der Interaktion mit einem Sender folgenlos. Wer während einer Live-Sendung vor dem Bildschirm einschläft, muss nichts befürchten. Ein müdes Gesicht im Saalpublikum wird gegebenenfalls vom Kameramann gemieden. Aber das Ziel der Protagonisten, die vor einer Kamera oder einem Mikrofon agieren, ist die Verbindung mit den Rezipienten. Man will eine Begegnung von Angesicht zu Angesicht herstellen. Das gelingt auch dem Nachrichtensprecher oder dem Schauspieler in einer Serie. Die Forschung schuf dafür bereits in den 1950er Jahren den Begriff der parasozialen Interaktion. Eine Intimität auf Distanz erzeugt Medienbindung. Moderatoren adressieren ihr Publikum.

Erfolge solcher „Ansprachen“ versuchte die Gratifikationsforschung dann mit Items wie „You feel you know them“ oder „Characters have become like close friends to me“ zu messen. Das Feedback wurde seitdem professionalisiert. Meter-Systeme registrieren das Auf und Ab der Zuschauer- und Hörergunst. Auch die aktuelle Integration des Publikums durch Fotogalerien auf den Sitzplätzen oder Bänken verdeutlicht diese „Freundschafts“-Beziehungen. Und das Muster findet Nachahmung im religiösen und kulturellen Bereich. Das Foto wird zum Rahmen der Erinnerung. Es dient vor allem der Erinnerung an Vergangenes, aber zugleich macht es bewusst, was gerne gesehen würde.

Man begibt sich in eine Theaterrolle

Was dem Medienprofi die Einschaltquote, ist dem Lehrenden das Ergebnis der Lehrevaluation. Diese kann standardisiert erfolgen oder durch punktuelle Rückmeldungen aus dem Kreis der Teilnehmer. Aber auch die Vorlesung oder der Vortrag, der ohne die fragenden oder zustimmenden Blicke, das Stirnrunzeln und die Körpersprache auskommen muss, wird nun zu einer Herausforderung.

Die Soziologie kennt die Unterscheidung einer zentrierten und nicht-zentrierten Interaktion. Während die zentrierte Variante die Fokussierung auf etwas nahelegt, wird die Aufmerksamkeit in dem anderen Falle durch zufällige Ereignisse beeinflusst und findet keinen wirklichen Anker. Seit das Präsenzpublikum nicht nur zuhört und sich Notizen macht, sondern auch selbst technikbezogene Aktivitäten ausführt, vermischen sich die Grenzen. Aber auch die Web- oder Videokonferenz fördert eine Tendenz zur Mehrfachbefassung, insbesondere wenn die eigene Videokamera nur auf Bedarf hin freigeschaltet wird. Der geteilte Bildschirm wirkt wie eine Aufforderung, die Aufmerksamkeit dann zu optimieren, wenn die eigene Kamera vermittelt, was alle anderen sehen. Je nach Bildschirmgröße lassen sich heute bis zu 50 Köpfe in einer Galerieansicht betrachten.

Viele der digitalen Formate verlangen im digitalen Sommer des Jahres 2020 von den Protagonisten das Training ihres Einfühlungsvermögens. Es ist, als müsse die praktische Intersubjektivität an dem gedachten Modell des mehr oder weniger vollen Hörsaals erprobt werden, also keine Geistervorlesung, wie nun gelegentlich gesagt wird. Man schaut symbolisch in einen Spiegel und begibt sich in eine Theaterrolle, die dem fernen Betrachter das dem Text oder der Präsentationsfolie nicht inhärente Element in einem doppelten Sinne vor Augen führt. Die Akteure sprechen in einen „leeren Raum“, so, als würden sie aufgefordert, ein Hörbuch aufzunehmen. Während des Sprechens erleben sie in dieser besonderen Konzentrationsphase die Zeit anders. Im digitalen Sommer heißt „Mit ohne Publikum“ auch die Beförderung der Einsicht in etwas kürzere Formate.

Das Erstaunen über die Besonderheiten der aktuellen Kommunikation überrascht uns also zugleich mit Parallelen zu Phänomenen, die dem Neuen durchaus ähnlich sind. „Media Richness“ ist einer der modernen Begriffe für die Beschreibung der variierenden Vielfalt von Sender-Empfänger-Beziehungen. So kennt das 18. Jahrhundert „schriftliche Besuche“ und beschreibt damit die Empathie, die in den Zeilen eines Briefs vermittelt werden kann. Ein Podcast ist also ein mündlicher Besuch, der durchaus reich an Variation sein kann. Nicht nur das Medium macht die Musik, auch die Qualität der Botschaft.

Prof. Michael Jäckel ist Präsident der Universität Trier

17.06.2020/MK