Mediensport

Das erste seiner Art: Ein Buch widmet sich der Geschichte des Sportdokumentarfilms

Von René Martens
26.05.2021 •

Mitte April 2021 stellte der Mediendienst „Teleschau“, ein Unternehmen, das Redaktionen Texte zum Thema Fernsehen liefert, eine Liste mit den „besten Fußball-Dokus bei Netflix, Amazon und DAZN“ zusammen. Unter diesem Titel erschien die Liste jedenfalls auf der Website des TV-Programmhefts „Prisma“, das wöchentlich einer Reihe von Tageszeitungen beiliegt. Das auch auf der Plattform yahoo.de veröffentlichte Ranking wirkt bestenfalls erratisch.

Vertreten ist dort unter anderem „Schw31ns7eiger: Memories – Von Anfang bis Legende“, eine von Til Schweiger inszenierte Hagiographie des früheren Fußball-Nationalspielers Bastian Schweinsteiger, die auch bei gutem Willen nichts in einer Bestenliste verloren hat. Ein Drittel der aufgeführten neun Produktionen stammt von dem deutschen Regisseur Aljoscha Pause, der verdienstvolle Filme gedreht hat, hier aber mindestens leicht überrepräsentiert wirkt. Asif Kapadias trotz des Erscheinungsjahrs 2019 schon als Klassiker zu betrachtender Dokumentarfilm „Diego Maradona – Rebell. Held. Gott“ fehlt dagegen, obwohl ihn Amazon Prime Video derzeit im Repertoire hat.

Wenn schon beim Fußball der Blick ziemlich verengt ist, kann man sich ausmalen, dass die Kenntnisse über dokumentarische Produktionen zu anderen Sportarten erst recht zu wünschen übriglassen. Dabei ist im Herbst 2020 ein Buch erschienen, das – neben vielem anderen – diesbezüglich als bestmögliches Gegenmittel dienen kann: „Die Entstehung des Mediensports. Zur Geschichte des Sportdokumentarfilms“ von Dietrich Leder, Jörg-Uwe Nieland und Daniela Schaaf.

Sport als Mittel der Attraktion für die Massenmedien

Wer heute auf das Buch stößt, dem werden beim allerersten Blick auf den Begriff „Mediensport“ vielleicht Assoziationen kommen, die die drei Autoren und Herausgeber nicht voraussehen konnten. Redaktionsschluss war bereits rund ein Jahr vor Erscheinen, im September 2019. Im Zuge der Corona-Pandemie hat der Begriff „Mediensport“ allerdings noch einige neue Konnotationen bekommen. Die Veranstaltungsorte des Profi-Sports sind derzeit letztlich (nur noch) Mediensportproduktionsstätten: An solchen Orten, die oft wie überdimensionierte Fernsehstudios wirken, findet Sport (nur noch) für die Medien und deren Publi­kum statt, nicht mehr für ein Publikum vor Ort. Sogar zahlreiche Formen des Freizeitsports lassen sich mittlerweile als Mediensport bezeichnen – jedenfalls in dem Sinn, dass Fitnessstudios heute ihre Kurse live im Netz streamen oder als Aufzeichnungen zur Verfügung stellen. Eine Praxis, die diese Anbieter vermutlich als Ergänzung auch dann beibehalten werden, wenn die Studios wieder öffnen dürfen. Derlei Nuancen konnten die Autoren also naturgemäß nicht mehr berücksichtigen.

Der Begriff Mediensport ist in diesem Buch im folgenden Sinn und Kontext zu verstehen: „Der moderne Sport“, schreiben die Autoren, sei „nicht erst im Lauf des 20. Jahrhunderts durch die audiovisuellen Massenmedien erobert“ worden; vielmehr sei er „von Anfang an medialisiert“ gewesen „und die visuelle Dokumentation sportlicher Aktivitäten begleitete dessen Entwicklung. Umgekehrt“, so heißt es weiter, „war der moderne Sport stets ein Mittel der Attraktion für die visuellen und später audiovisuellen Massenmedien bei ihrer Etablierung und Durchsetzung auf dem Markt.“ Beim Blick auf die heutigen Verhältnisse heben die Autoren hervor, dass dank der Möglichkeiten der Smartphone-Technologie „mittlerweile jedes sportliche Ereignis live sowie als Aufzeichnung […] erfasst und veröffentlicht“ und also entsprechend dokumentiert werden kann. Somit lässt sich auch ein Fußballspiel der F-Jugend, das von der Mutter oder dem Vater eines Spielers gestreamt wird, der Kategorie „Mediensport“ zurechnen.

Das Herzstück des Buchs sind zehn Kapitel mit ausführlichen Analysen zu ausgewählten Sportdokumentarfilmen; meistens ist ein Film pro Kapitel herausgehoben, einmal sind es zwei und zweimal drei. Nach Abschluss der Analysen folgen jeweils kürzere Darstellungen zu weiteren maßgeblichen Filmen des jeweiligen Subgenres sowie andere naheliegende Exkurse.

Als Einstieg in diesen Abschnitt dient Dietrich Leders Text über „Olympia. Fest der Völker / Fest der Schönheit“, Leni Riefenstahls zweiteiligen Film über die Olympischen Sommerspiele im nationalsozialistischen Deutschland 1936. Der Beitrag analysiert sowohl den Film als auch die unterkomplexe Rezeption der Arbeit und des Wirkens der Regisseurin – eine Rezeption, die nicht untypisch ist für die mangelnde bundesrepublikanische Aufarbeitung der NS-Geschichte.

Ein Makel, mit dem eine gesamte Branche behaftet ist

Der langjährige MK-Autor Leder geht hier unter anderem darauf ein, wie sehr viele Autoren der Legende auf den Leim gingen, Riefenstahls Olympia-Film sei formal „innovativ“ gewesen. Sie habe, betont Leder, keineswegs „viele filmische Mittel erfunden“, sondern bereits existierende filmische Methoden „radikalisiert – vor allem dank „enormer Geldmittel“, auf die sie als treue Anhängerin der NS-Ideologie zurückgreifen konnte. „Für die Produktion des Films wurden 2,75 Millionen Reichsmark kalkuliert, also mehr als das Vielfache dessen, was ein durchschnittlicher Spielfilm der Ufa des Jahres 1936 kostete“, schreibt Leder. Zwei Drittel der Geldsumme habe das Propagandaministerium zur Verfügung gestellt.

Im Fazit seiner Analyse zu „Olympia. Fest der Völker / Fest der Schönheit“ schreibt Leder: „Leni Riefenstahl begriff als Erste die Sportwettbewerbe, die sie zu dokumentieren hatte, gleichsam nur als Halbprodukte, die erst durch die Überhöhung ihrer ästhetischen Darstellung zu einem attraktiven Medienprodukt veredelt werden.“ Damit lässt sich sagen, dass „ein weitgehend von nationalsozialistischer Ideologie durchsetzter Film das Genre des Sportdokumentarfilms“ konstituiert habe. Die Spuren ihres Films, so Leder weiter, „tragen nicht nur die folgenden Olympiafilme, sondern auch die Live-Übertragungen des Fernsehens bis in die Gegenwart.“

Wenn es eine zentrale Passage gibt im Buch „Die Entstehung des Mediensports“, dann ist es vielleicht diese. Sie beschreibt einen Makel, mit dem gewissermaßen eine gesamte Branche behaftet ist. Eine Branche, die zumindest in der Öffentlichkeit nicht unbedingt den Eindruck erweckt, dass sie sich mit diesem Makel auseinandersetzt.

In ihrer Einleitung schreiben die Autoren: „Die Geschichte des Sportdokumentarfilms […] enthält gleichsam in nuce alle Fragen und Probleme, die dokumentarische Darstellungen im Film generell betreffen und sich auf deren Methoden, Erzählweisen, Darstellungsformen und Perspektiven beziehen.“ Die für die Analysen im Hauptteil des Buchs ausgewählten Filme repräsentieren dementsprechend unterschiedliche „Methoden, Erzählweisen, Darstellungsformen und Perspektiven“. Für die Methode des Cinéma Verité, die „durch die Interaktion mit den Protagonisten und die aktive Gestaltung der Handlung durch das Eingreifen der Filmemacher gekennzeichnet ist“, wie Daniela Schaaf schreibt, steht hier „Football Under Cover“ (2008). Der Film von David Assmann und Ayat Najafi erzählt davon, wie es, so Schaaf, dazu kam, dass die iranische Fußball-Nationalmannschaft der Frauen erstmals „vor Zuschauerinnen, außerhalb einer Halle und gegen ein ausländisches Team spielte“. Das gegnerische Team war der BSV Al-Dersimspor aus Berlin, für den damals auch Marlene Assmann spielte; sie ist Koproduzentin und Erzählerin des rund eineinhalbstündigen Films (und die Schwester von David Assmann, einem der beiden Regisseure des Films).

Der kritische Blick hinter die Kulissen ist etwa Seltenes

Marlene Assmann machte das Projekt überhaupt erst möglich, indem sie ihre Mitspielerinnen zum Mitmachen überredete. Der andere Regisseur, der in Teheran geborene Ayat Najafi, war Mitorganisator des Spiels; außerdem übersetzte er bei den zahlreichen Gesprächen mit den iranischen Verantwortlichen, die davon überzeugt werden mussten, das Spiel stattfinden zu lassen. „Die Filmemacher sind nicht nur omnipräsent in ihrem eigenen Projekt, sie provozieren durch ihre Aktivitäten erst die Handlung“, schreibt Schaaf. Der Film „Football Under Cover“ erschafft somit die Geschichte, die er erzählen will, erst selbst – und schreibt damit Geschichte.

Der Grund, weshalb Hellmuth Costards Film „Fußball wie noch nie“ (1971) in diesem Band ausführlich analysiert wird, ist seine künstlerische Kompromisslosigkeit: Sechs Kameraleute, die am 12. September 1970 beim englischen Erstliga-Spiel Manchester United gegen Coventry City postiert sind, filmen ausschließlich den United-Spieler George Best, egal ob er gerade am Ball ist oder nicht einmal in der Nähe des Balls. Andere Akteure oder auch die Zuschauer sind nur als Kulisse oder Nebenfiguren im Bild, nämlich nur dann, wenn auch George Best im Bild ist.

Dietrich Leder schreibt über „Fußball wie noch nie“: „Der Film radikalisiert das Prinzip der Fernsehübertragung eines Fußballspiels, die damals mit meist nur drei Kameras vor allem das Wesentliche eines Spiels, wozu in erster Linie die Tore zählten, zu erfassen suchte. Nahaufnahmen von Spielern waren die absolute Ausnahme.“ Bemerkenswert aus heutiger Sicht war die Sendezeit dieses radikalen, vom WDR finanzierten Films im Ersten Programm der ARD: „Fußball wie noch nie“ lief um 21.30 Uhr! Heute würde ein solcher Film nicht vor 23.00 Uhr ausgestrahlt werden, falls er überhaupt noch in einem Hauptprogramm gesendet würde.

Der britische Filmautor und Regisseur Asif Kapadia erfährt im Buch „Die Entstehung des Mediensports“ unter anderem eine Würdigung wegen eines Stilmittels, das er sowohl in seinem Film über den 1994 verstorbenen brasilianischen Formel-1-Fahrer und Nationalhelden Ayrton Senna („Senna“, 2010) als auch bei dem eingangs schon erwähnten, noch zu dessen Lebzeiten entstandenen Film über den argentinischen Fußballstar Diego Maradona anwendet: Ausschnitte aus Interviews mit Experten und Weggefährten sind hier jeweils nur aus dem Off zu hören, im Bild sind diese Zeitzeugen nicht. „Kapadias Stilmittel, keine ‘talking heads’ auftreten zu lassen, verstärkt die Nähe zum Protagonisten und seinen Gefühlen“, schreibt Jörg-Uwe Nieland dazu.

Wechselwirkungen zwischen Sport, Politik und Gesellschaft

Es hängt zwar immer davon ab, was für eine Geschichte man erzählen möchte und was für Bildmaterial man zur Verfügung hat. Und vielleicht eignen sich Larger-than-Life-Figuren wie Maradona und Senna am ehesten für eine solche Herangehensweise. Dennoch: Kapadia geht mit Aussagen von Zeitzeugen und Experten hier auf eine Weise um, die man sich auch für manche Dokumentarfilme oder Dokumentationen zu Themen jenseits des Sports wünschte. Das heißt: Experten bringen ihr Wissen ein, aber sie bekommen keine zu große Bedeutung dadurch, dass sie (zu oft) im Bild sind.

In Buchkapitel „Fazit und Ausblick“ schreiben die Autoren, der Sportdokumentarfilm zeige generell „eine Reihe von Defiziten“. Beispielhaft sei an dieser Stelle genannt, „dass der kritische Blick hinter die Kulissen (Strukturen und Prozesse) selten ist“. Zu den Ausnahmen von der Regel zählt der Film „Trainer!“ (2013), für den der bereits erwähnte Regisseur Aljoscha Pause eine Saison lang drei damals im deutschen Profi-Fußball tätige Trainer begleitet hat. „Trainer!“ liefert einen substanziellen Einblick in die Fußballbranche – was etwa bei vielen der Dokumentarfilme und dokumentarischen Serien über internationale Stars oder Spitzenmannschaften, die in der jüngeren Vergangenheit im Auftrag von Streaming-Anbietern entstanden sind, kaum der Fall ist. Weitere Filme, die im Buch analysiert werden, sind beispielsweise „Deutschland – ein Sommermärchen“ (2006) von Sönke Wortmann über die Fußball-WM, „Höllentour“ (2004) von Pepe Danquart über die Tour de France und „When We Were Kings“ (1996) von Leon Gast über den legendären Boxkampf von Muhammad Ali gegen George Foreman 1974 in Kinshasa.

Der Band „Die Entstehung des Mediensports“ ist nicht nur empfehlenswert für den überschaubaren Kreis jener, die sich stark für das Genre des Sportdokumentarfilms interessieren. An vielen Stellen reichen die Analysen der Autoren in andere Themenbereiche hinein, weil sie die Wechselwirkungen zwischen Sportdokumentarfilmen und Politik und Gesellschaft im Blick haben.

Das Buch von Leder, Nieland und Schaaf „zur Geschichte des Sportdokumentarfilms“ ist das erste seiner Art. Und es wird für einige Zeit zumindest das ausführlichste bleiben. Der an der Universität Newcastle lehrende britische Soziologe und Dokumentarfilmer Ian McDonald arbeitet seit einigen Jahren an der Monografie „Sport Documentaries“, sie wird mit (so ist es vom Verlag angegeben) 216 Seiten aber nicht einmal halb so umfangreich sein wie das Buch von Leder, Nieland und Schaaf. „Sport Documentaries“ soll 2023, vielleicht aber auch erst Ende 2025 erscheinen, diesbezüglich variieren die Angaben im Netz. Erstmals angekündigt war McDonalds Monographie schon 2018.

26.05.2021/MK

Print-Ausgabe 14-15/2021

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