Mediale Macht: Eine Sternstunde in der Paulskirche

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für den Fotografen Sebastião Salgado

Von Uwe Kammann
25.10.2019 •

Tränen der Ergriffenheit. Die eines großen Menschenliebhabers am Podium. Die vieler Menschen, die an diesem 20. Oktober in der Frankfurter Paulskirche jemanden ehrten, der ein Medium nutzt, das noch nie in den Annalen der noblen Auszeichnung aus der Buchwelt vorgekommen war: die Fotografie. Mit Yehudi Menuhin war ein Musiker die Ausnahme, mit Anselm Kiefer ein Künstler. Mit Sebastião Salgado erhielt nun also einer den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, dessen Werk der Laudator Wim Wenders mit einem im „Shooting“-Zeitalter fast altmodischen Wort kennzeichnete: „Aufnahme“.

Wenders, der dem Fotografen der conditio humana ein Filmporträt unter dem biblischen Titel „Das Salz der Erde“ gewidmet hat, scheute in der Laudatio keine hohen Worte wie „Gnade“, „Heiligkeit“ oder „Schöpfung“. Doch kaum jemand hätte sie als hohles Pathos zurückgewiesen. Denn es war zu spüren – in den Lobes- und Liebesworten des Laudators, in der bewegenden Dankesrede des Geehrten –, dass hier jemand im Mittelpunkt stand, der mit jeder Faser seines Denkens, seines Fühlens, seines Tuns, seines Lebens dem verbunden ist, was an die tiefsten Gründe menschlicher Existenz rührt.

Schon einmal war die Paulskirche zum magischen Ort einer existentiellen Erleuchtung geworden, 1989, als der Schauspieler Maximilian Schell für den mit Hausverbot belegten tschechoslowakischen Friedenspreisträger Václav Havel die Preisrede verlas, mit einem prophetischen Kernsatz: Der Gummiknüppel werde nicht das letzte Wort haben. Eine strahlende Herbstsonne durchströmte damals die Paulskirche.

Auch jetzt erhellte sie diesen Ort der Aufklärung. Für jemanden, der Mitte der 90er Jahre im von Völkermord und schlimmsten Gräueln verheerten Afrika ins tiefste Herz der Finsternis gelangt war, bis an die eigene Todesgrenze, und dabei als gebrochener Mann zurückkam. Salgado erinnert an diese Schrecknis. Die Welt habe gewusst, was in Ruanda und Burundi vor sich ging, das Fernsehen habe die schrecklichsten Bilder übertragen. Die in Todesangst Fliehenden, bei denen er Tag und Nacht verbracht habe, hätten zu seiner Kameralinse wie in ein Mikrofon gesprochen: „Ich wollte, dass die Bilder Zeugnis ablegten über das Grauen, das sich vor meinen Augen abspielte und das die Weltgemeinschaft wissentlich ignorierte.“

Aus der Finsternis zurückgekehrt

Zeugnis ablegen um aufzurütteln: das große Ziel dieser medialen Sisyphosarbeit, welche schreckensgesättigte Realitäten und Grunderfahrungen – „Der Mensch ist des Menschen Wolf“ – in schonungsloser Deutlichkeit ‘aufnimmt’ und zeigt. Gesteigert durch abstrahierendes Schwarzweiß, das eine härtere Ebene einzieht, eine elementare. Gehört ästhetisierendes Ausweiden des Niederschmetternden zu den unabweislichen Konditionen?

James Nachtwey, vielfach gerühmter Kriegs- und Krisenfotograf, hat die mit solch medialer Annäherung verbundene Ambivalenz von Macht und Ohnmacht thematisiert, ebenso wie die ermordete Reporterin Anja Niedringhaus. Die Antwort: Gleichwohl, man muss all die Grausamkeiten und Schrecknisse über Bilder in unser Bewusstsein transportieren. Um etwas zu bewegen. Das ist auch der Kern von Salgados empathischer Annäherung an die Menschen, seiner nachhaltigen Anteilnahme an ihrer Heimatlosigkeit, seines tiefempfundenen Mitgefühls gerade mit den Schwächsten der Schwachen, oft schon Todgeweihten. Zur Feier in der Paulskirche, vom ZDF live übertragen, gehörte auch ein von Wenders als „Großer Frieden“ bezeichneter Ausschnitt des Sichtbaren, ebenfalls durch Salgados Kamera ‘aufgenommen’, bezeugt in seinem gewaltigen Bilderzyklus „Genesis“: eine noch unberührte Welt voller Schönheiten, nahe am Ursprünglichen.

Nicht zuletzt ist ein staunenswertes Projekt die rettend-reale Tat-Seite der medialen Medaille des großen Fotografen: die Aufforstung einer verdorrten Amazonas-Farm in seinem Heimatland Brasilien. Für Wenders der Beweis, „selbst schlimmste Verletzungen der Natur rückgängig“ machen zu können. Der aus der Finsternis zurückgekehrte Salgado setzt zuversichtlich auf die „Hoffnung, dass etwas anderes möglich ist“.

Ein großer Bogen, ja, vom Niedrigsten bis zum Höchsten, gesehen und festgehalten, eben „aufgenommen“. Und erlebt. In einer Sternstunde der Worte. Und der Bilder.

25.10.2019/MK