Machtmissbrauch und Diskriminierung

Mehr als #MeToo: Prüferin Monika Wulf-Mathies fordert Kulturwandel beim WDR

Von Dieter Anschlag

24.09.2018 • „Als ich den Auftrag annahm, war mir leider nicht klar, worauf ich mich einlassen würde.“ Mit diesem Satz begann Monika Wulf-Mathies die Pressekonferenz am Nachmittag des 12. September in Bonn, wo sie ihren Abschlussbericht vorstellte, der die Ergebnisse ihrer Untersuchungen zu den Fällen sexueller Belästigung im WDR und den Umgang des Senders damit enthält. Wulf-Mathies war Ende April von WDR-Intendant Tom Buhrow als externe Prüferin mit den Untersuchungen beauftragt worden. Die 76-jährige SPD-Politikerin war früher unter anderem EU-Kommissarin und Vorsitzende der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV). Buhrow war bei der Vorstellung des Berichts in Bonn ebenfalls anwesend.

Der Abschlussbericht von Monika Wulf-Mathies trägt den Titel „Mehr als #MeToo – Die Verantwortung des WDR als Arbeitgeber“. Der Bericht selbst ist 22 DIN-A4-Seiten lang und ist ergänzt um einen 13-seitigen Anhang mit unter anderem einem Kapitel zu rechtlichen Fragen. Seit Mai habe sie, wie Wulf-Mathies in Bonn erläuterte, für ihre Untersuchungen rund 35 ein- bis zweistündige Gespräche mit Beschäftigten, Führungskräften, Personalrat, Anwaltskanzleien und externen Experten geführt. Der WDR habe ihr zudem vorbehaltlos Einsicht in sämtliche Akten und Dokumente gewährt. Es habe diesbezüglich ein „großes Vertrauen“ gegeben, so etwas sei „nicht selbstverständlich“, sagte Wulf-Mathies und ergänzte: „Dass der WDR bereit war, sich von einer externen Prüferin so intensiv durchleuchten zu lassen und die Ergebnisse nicht in der Schublade verschwinden zu lassen, finde ich durchaus mutig.“

Ein desolates Bild

Dass Monika Wulf-Mathies auf der Pressekonferenz in ihrem einleitenden Satz das Wort „leider“ verwendete, war ein früher Hinweis wohl darauf, dass die Erkenntnisse – der Blick in den Abgrund sozusagen – und das daraus folgende Fazit ihrer Untersuchungen noch schlimmer ausgefallen sind, als sie es selbst vermutet haben dürfte. Und das ist für den WDR, die mit über 4300 Beschäftigten größte Landesrundfunkanstalt der ARD, eine äußerst bittere Bilanz. Es lässt sich denn auch sagen, dass der Abschlussbericht aufzeigt, dass der WDR als Arbeitgeber im Management ein desolates Bild hinterlässt. Und es geht dabei um die Entwicklungen schon seit den 1990er Jahren, wie aus den Ausführungen der Prüferin klar wurde, also auch Entwicklungen schon lange vor der Amtszeit von Tom Buhrow, der seit Juli 2013 WDR-Intendant ist.

Im Frühjahr 2018 waren durch Recherchen des Netzwerks „Correctiv“ und der Zeitschrift „Stern“ Vorwürfe sexuellen Missbrauchs im WDR bekannt geworden (Stichwort: #MeToo im WDR). In der Folge hatte es Kritik an der Führungsspitze des Senders gegeben, die interne Aufklärung der Fälle nicht mit dem entsprechenden Nachdruck voranzutreiben. Ein Vorwurf war auch, dass Leute mit der Aufklärung betraut worden seien, die nicht genug kritische Dis­tanz zum WDR hätten. Dies hatte dazu geführt, dass Intendant Buhrow sich dazu veranlasst sah, eine externe Expertise zu besorgen und damit Monika Wulf-Mathies beauftragte. Sie solle einen „schonungslosen Blick“ auf den WDR und seine Machtstrukturen werfen und aus unabhängiger Position bewerten, wie der Sender die Fälle sexueller Belästigung aufgearbeitet habe (vgl. zum Thema diesen MK-Artikel, diesen MK-Artikel und diese MK-Meldung).

Wulf-Mathies räumte zwar ein, dass der WDR bei den bekannt gewordenen Fällen teilweise wenig habe unternehmen können, und zwar dann, wenn es sich um anonyme Hinweise gehandelt habe; sie kam aber insgesamt zu dem Ergebnis, dass seitens des Senders insgesamt „ein größerer Ermittlungseifer notwendig gewesen wäre“. Aufklärung sei vor allem in schon länger zurückliegenden Fällen auch daran gescheitert, dass es keine Regeln gegeben habe, wie mit solchen Vorwürfen umzugehen sei. Opfer hätten sich im Übrigen kaum direkt an den WDR gewandt, und wenn, dann gerade in diesen Fällen lieber anonym.

Sexuelle Belästigung die Spitze des Eisbergs

Zur Begründung, warum die Betroffenen unerkannt bleiben wollten, sagte Wulf-Mathies: „Es scheint ein großes Misstrauen gegenüber Vorgesetzen und Führungskräften zu geben. Außerdem hatten alle Frauen, die betroffen waren, Angst vor negativen beruflichen Konsequenzen. Dies galt natürlich besonders für junge Frauen, für Praktikantinnen, Studentinnen, freie Mitarbeiterinnen, die sich in einem starken Abhängigkeitsverhältnis von ihren Vorgesetzten befanden und sich darum sorgten, dann in Zukunft keine Chance mehr beim WDR zu haben, wenn sie sich melden würden.“

Dann ging Wulf-Mathies über zum grundsätzlichen Problem beim WDR. In den vielen Gesprächen, die sie führte, habe sich nämlich sehr bald gezeigt, „dass das Thema sexuelle Belästigung die Spitze des Eisbergs ist, hinter dem sich Machtmissbrauch, Diskriminierungserfahrung, aber auch nur eine generelle Unzufriedenheit oder ein Unbehagen mit dem Betriebsklima verbergen.“ Hier liege das strukturelle Problem des Senders und hier, das sei die Konsequenz, müsse der WDR als Arbeitgeber einen nachhaltigen Kulturwandel vollziehen. Hinsichtlich der Defizite, die sie beim WDR feststellte, sagte Wulf-Mathies auf der Pressekonferenz in Bonn unter anderem:

• „Wie stark das Machtgefälle zwischen unterschiedlichen Mitarbeitergruppen beim WDR ist, ist vielen auch vielleicht gar nicht bewusst. Aber es schafft Abhängigkeitsverhältnisse in den Arbeitsbeziehungen und kann zum Nährboden für Machtmissbrauch und Diskriminierung werden. Macht wird nämlich nicht nur auf den Führungsetagen ausgeübt, sondern auch überall dort, wo jemand Aufträge, zum Beispiel an freie Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter, vergibt.“

• „Das hohe Maß an Dezentralität beim WDR begünstigt aus meiner Sicht die Entwicklung eines Eigenlebens in den Direktionen und behindert einen horizontalen Erfahrungsaustausch und trägt zur Abschottung und Verfestigung hierarchischer Abhängigkeiten bei. Viele Gesprächspartner haben die sogenannten Silostrukturen beklagt, die Durchlässigkeit und Transparenz einschränken und die Bildung von Seilschaften fördern können. Aus den dezentralen Strukturen ergeben sich dann auch zuweilen Machtpositionen und Erbhöfe, die die Bildung nicht nur von Seilschaften, sondern auch eine einseitige Personalauswahl fördern können.“

Vermisst: Respektvolles Betriebsklima

• „Da es keine verbindlichen WDR-weiten Auswahlkriterien für Führungskräfte gibt, entscheidet jede Direktion weitgehend selbst, wie sie Führungspositionen besetzt. Dabei wird das Hauptgewicht meist auf die journalistische Fähigkeiten oder Fachkenntnisse gelegt; soziale Kompetenz und charakterliche Eignung, aber manchmal auch Management-Qualitäten kommen dabei häufig zu kurz. Personalverantwortung wird eher unterbewertet und gute Mitarbeiterführung oft auch nicht wirklich honoriert. Die Beschäftigten beklagen deshalb häufig, dass viele Vorgesetzte ihre Arbeitgeberfunktion – das schließt ihre Fürsorgepflicht und ihre Verantwortung gegenüber ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein – nicht ausreichend wahrnehmen.“

• „Meine Gesprächspartner vermissten vor allem ein wertschätzendes und respektvolles Betriebsklima. Es ist deshalb aus meiner Sicht am wichtigsten, dass der Intendant die Verbesserung des Betriebsklimas zur Chefsache macht. Das bedeutet zunächst, sich intensiv und gezielt der Stärkung der internen Kommunikation zu widmen.“

Eine weitere Schlussfolgerung aus ihren Untersuchungen sei einerseits, so Wulf-Mathies, dass es nun darauf ankomme, im Sender „ein Klima des Vertrauens zu schaffen, dass Betroffenen Beschwerden über sexuelle Belästigung erleichtert“. Aber es gehe andererseits, so die übergeordnete Schlussfolgerung, „um mehr als #MeToo: Es geht um die Qualität der Zusammenarbeit zwischen Führungskräften und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, um gegenseitige Wertschätzung über alle Ebenen hinweg“. Wulf-Mathies machte in ihren Ausführungen zum Umgang des WDR mit der #MeToo-Affäre zwischendurch auch den Einschub: „Es gibt vieles, das der WDR richtig macht und gemacht hat, aber darüber war in meinem Fall jetzt nicht primär zu richten.“

In den Veränderungen, die vom WDR jetzt gefordert seien, sehe sie, so Wulf-Mathies weiter, auch „eine große Chance: durch einen Kulturwandel den WDR fitzumachen für künftige Herausforderungen und damit auch seine Attraktivität als Arbeitgeber unter Beweis zu stellen.“ Es sei klar, dass dies nicht im Hauruckverfahren gehe, sondern ein langfristiger Prozess sei. Wulf-Mathies: „Kulturwandel fordert von allen aktive Beiträge und verlangt auch, traditionelle Rollen, in denen man sich vielleicht eingerichtet hat, zu hinterfragen und neues Vertrauen aufzubauen.“

Intendant Buhrow bittet Betroffene um Entschuldigung

In ihrem Bericht fordert die Prüferin insbesondere zwei „ganz besonders wichtige“ Verbesserungsmaßnahmen vom WDR: eine Selbstverpflichtung des Arbeitgebers und die Einrichtung einer Clearingstelle. Die Selbstverpflichtung des Arbeitgebers bedeute unter anderem, dass dort formuliert sei, „dass sexuelle Belästigung, Diskriminierung und Machtmissbrauch nicht geduldet werden, dass klar ist, welches Verhalten verboten ist und Sanktionen nach sich zieht, dass Beschwerden ernst genommen werden, dass Betroffene und Zeugen vor Vergeltungsmaßnahmen geschützt werden, dass der Arbeitgeber Vorwürfe gründlich und proaktiv untersucht, auch wenn sie anonym geäußert werden“.

Die Clearingstelle habe den „Auftrag, die Beschwerden zu prüfen und ihre Ergebnisse an den Arbeitgeber weiterzuleiten, der sie abschließend zu bewerten und den Beschwerdeführenden sowie der Clearingstelle dann das Ergebnis mitzuteilen habe. Die Clearingstelle müsse also, so Wulf-Mathies, „eine „Drehscheibe für alle Informationen und Garant für zügiges Handeln sein und die bisherigen Kommunikationsprobleme zwischen unterschiedlichen Akteuren im Beschwerdeverfahren beseitigen“.

Außerdem, so eine weitere Forderung der Prüferin, brauche der WDR eine neue Dienstvereinbarung zum Schutz vor sexueller Belästigung, da die alte Vereinbarung aus dem Jahr 2015 nicht die gewünschte Wirkung gehabt und viele Fragen offen gelassen habe. Hier sei ein „verbindliches Regelwerk“ vonnöten. Ein Vorschlag von Wulf-Mathies für eine neue Dienstvereinbarung ist im Anhang ihres Abschlussberichts enthalten.

Bevor Monika Wulf-Mathies am Nachmittag des 12. September auf der Pressekonferenz in Bonn ihren Abschlussbericht vorstellte, hatte sie am Vormittag desselben Tages in Köln den WDR-Mitarbeitern direkt über ihre Ergebnisse berichtet. Dabei wies sie Medienberichten zufolge darauf hin, dass es „etwas Befriedendes hätte“, würde der Sender sich bei den betroffenen Frauen entschuldigen. Auf der Pressekonferenz in Bonn reagierte WDR-Intendant Tom Buhrow darauf und erklärte, er „möchte wiederholen“, was er gesagt habe, als Monika Wulf-Mathies die Aufgabe als externe Prüferin angenommen habe: „Ich möchte im Namen des WDR und persönlich um Entschuldigung bitten alle Betroffenen, denen da Leid widerfahren ist, und die, die nicht das Gefühl hatten, wenn sie sich anvertrauen, werden sie geschützt.“

Die alten Silos aufbrechen

Buhrow betonte noch einmal, dass sexuelle Belästigung inakzeptabel sei und im WDR nicht geduldet werde und dass man künftig Hinweisen sorgfältiger nachgehen werde. Der WDR-Intendant dankte ausdrücklich „allen Frauen für ihren Mut, die sich in den letzten Monaten anvertraut haben, vor allen Dingen, wenn sie sich mit Namen anvertraut haben, so dass es dann verwertbar war. Dieser Mut dieser Frauen hat uns in die Lage versetzt, dann auch arbeitsrechtliche Konsequenzen zu ziehen.“ Auf Nachfrage bei der Pressekonferenz sagte Buhrow, dass es gegen „ungefähr ein Dutzend Mitarbeiter“ des WDR Vorwürfe sexueller Belästigung gegeben habe; dabei lägen manche Fälle sehr weit zurück.

Man werde die Aufgaben, die der Bericht von Monika Wulf-Mathies dem WDR stelle, sehr ernst nehmen, so Buhrow. Der Sender sei auch schon dabei, nicht zuletzt aufgrund der redaktionellen Anforderungen durch den digitalen Umbruch, „Strukturen aufzubrechen“. Das führe dazu, „dass sich die alten Silos oder Zugehörigkeiten, die sich da über Jahrzehnte gebildet haben, aufbrechen lassen“. Buhrow sagte, er erwarte „jetzt auch Mut auf allen Ebenen von den entsprechenden Führungskräften im WDR “.

Mit Blick auf seine Entscheidung für die externe Prüfung und deren Folgen meinte Buhrow „Ich bereue nicht, dass wir den Weg gehen. Es unterscheidet uns eben, dass wir diesen Weg der Konfrontation und der Selbstkritik öffentlich tun. Das ist ein bisschen unterschiedlich zu anderen Unternehmen, wie die das vielleicht bewältigen. Aber dass es nötig ist, ist mit den Händen zu greifen.“ Was das Betriebsklima im Sender angeht, erklärte Buhrow in Bonn: „Ich möchte einen WDR, in dem wir angstfrei miteinander umgehen.“

24.09.2018/MK