Lichte und dunkle Momente

Das Filmfestival Cologne 2019 und seine Fernsehsektion

Von Jörg Gerle
14.11.2019 •

Politiker gehen selten ins Kino. Müssen sie sich doch, wie der nordrhein-westfälische Staatssekretär Nathanael Liminski (CDU), selbst in ihrer knapp bemessenen Freizeit um Gesetzesvorlagen kümmern, die unaussprechliche Titel haben. Und welcher aktive Politiker nimmt sich schon, wie etwa alljährlich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die Zeit, über fünfeinhalb Stunden im Halbdunkel eines Festsaals zu verschwinden, um einer höchst persönlichen, höchst arbeitsfremden Leidenschaft zu frönen. Damit ist bei Merkel nicht ein Bierfestsaal während des Oktoberfestes (und kein Kino!) gemeint, sondern das Wagner-Festspielhaus auf dem Grünen Hügel in Bayreuth – immerhin!

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), der sich letztes Jahr zumindest auf der Preisverleihung des Filmfestivals Cologne sehen ließ und sich via Laudatio begeistert vom Kino im Allgemeinen und der belobigten Veranstaltung im Speziellen gezeigt hatte, versprach dabei nichts Minderes als einen Geldsegen für das Festival (vgl. MK-Artikel). 2019 kam er nicht, schickte aber zum vom 10. bis 17. Oktober abgehaltenen 29. Festival den Chef seiner Staatskanzlei, besagten Staatssekretär Nathanael Liminski. Der zeigte sich bei der diesjährigen Preis­verleihung, von deren Moderator Liminski, 34, als „das Gehirn des Ministerpräsidenten“ bezeichnet wurde, ähnlich euphorisch wie sein Chef und kündigte mit den Worten „Filmfestival Cologne kann es nicht genug geben“ allerdings nur eine maue Erhöhung der Landesmittel von bisher 400.000 auf 500.000 Euro an, nebst Neugründung einer gesellschaftsrechtlich noch unklaren Festival GmbH (vgl. MK-Meldung). Aber immerhin: Es ist ein gewisses Bekenntnis zum nun wohl finanziell wichtigsten Filmfestival in NRW und zur Filmkultur in dem Land.

Wenn’s ums Geld geht: Köln noch Lichtjahre zurück

Doch selbst wenn man weitere Gelder der Film- und Medienstiftung NRW, der Stadt Köln und diverser Sponsoren hinzuzählt, bleibt man in Köln Lichtjahre hinter den Budgets ähnlicher von der Politik gepushter Festivals zurück. Die Berlinale rechnet mit 26 Mio, das Filmfest München als direkter Konkurrent in der zweiten Reihe haushaltet mit gut 7 Mio Euro. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) liebt das Kino eben noch ein klein wenig mehr als Armin Laschet. Der Bund fördert übrigens die mit 23,9 Mio Euro ebenfalls üppig bedachten Festspiele in Bayreuth zusätzlich mit knapp 3 Mio und sichert so die Opernfreikarten für Angela Merkel – aber das nur am Rande.

Politiker gehen zwar selten ins Kino, doch sie sind sich sehr wohl um dessen Wirkung in der Öffentlichkeit bewusst. So kann sich das Kölner Filmfestival-Team um Direktorin Martina Richter und Programmleiter Johannes Hensen auch in Zukunft über mehr Planungssicherheit freuen. Gut so, denn gerade bei einer Nabelschau aktuellen Filmschaffens, über das sich ein Festival wie das in Köln definiert, braucht man Stars, die, mit ihren Filmen im Schlepptau, für genug Öffentlichkeit, sprich: Publikum sorgen – und für Stars braucht man Geld. Mit Nicolas Winding Refn und Abel Ferrara waren 2019 gleich zwei internationale Größen persönlich anwesend, die man nicht zuletzt mit 25.000 Euro (Filmpreis Köln) bzw. 10.000 Euro („Hollywood Reporter Award“) an den Rhein locken konnte. (Welt-)Premieren hatten sie zwar nicht mitgebracht, aber dennoch drückten sie dem Festival ihren Stempel auf wie bislang kaum andere Stars von internationalem Format.

Da geriet die kleine, aber feine Werkschau „lokalerer Art“, wie die zu Regielegende Heinrich Breloer („Die Manns – Ein Jahrhundertroman“, „Brecht“) fast schon ein wenig in den Hintergrund, obschon er im zweitgrößten Saal des erstmals komplett bespielten Kölner „Filmpalastes“ bei der Vorführung des zweiten der beiden Teile seines berühmten, 1997 erstmals in der ARD zu sehenden Entführungsdramas „Todesspiel“ (Schleyer, RAF, die „Landshut“) vom Publikum gefeiert wurde. Zeitgleich wie übrigens im größten Saal des Kölner Multiplex-Kinos: Neil Dudgeon. Genau, jener britische Schauspieler, der seit 2011 in der Rolle des DCI John Barnaby die Hauptrolle in der unverwüstlichen Serie „Inspector Barnaby“ verkörpert. Der inzwischen 20. Staffel zu Ehren zeigte man in Köln eine brandneue Folge und präsentierte den Cast in einer munteren Frage- und Antwort-Runde (das ZDF-Publikum wartet seit dem Ende der 19. Staffel am 20. Januar 2019 sehnsüchtig auf die Fortsetzungen).

Komplettiert wurde dieser besondere Fernsehtag innerhalb des Festivals (es war der 11. Oktober) durch das nicht minder mitreißend auftrumpfende Cast-und-Crew-Team von „Easy Love“. Der ausverkaufte große Saal feierte in der Spätvorstellung das kleine vom WDR koproduzierte Experimentaldokumentarfilm-Drama über sieben liebende Frauen und Männer zwischen 25 und 45. Und das Festival spendierte dieser Produktion am Ende den Filmpreis NRW als besten Film der Festivalreihe „Made in NRW“. Neben den souverän eingeübten Dankesreden auf der Preisverleihung nahm „Easy-Love“-Produzent Lino Rettinger seine 20.000 Euro Preisgeld mit erfrischender Verve und ehrlicher Glückseligkeit entgegen und sorgte mit seiner ausgebreiteten „Leidensgeschichte des Films“ (von den ersten Ideen bis zur Weltpremiere auf der diesjährigen Berlinale) für das auflockerndste Momentum bei der Abschlussgala am 17. Oktober im E-Werk in Köln-Mülheim.

Die altehrwürdige Reihe „Top Ten TV“

Das Filmfestival Cologne, das 2016 aus der traditionsreichen Fernsehschau Cologne Conference hervorgegangen ist und sich auf der Wikipedia-Seite als „das weltweit publikumsstärkstes TV-Festival“ feiert, hatte ansonsten in Sachen Fernsehen in diesem Jahr wenig Publikumswirksames zu bieten. Es mag daran liegen, dass man die altehrwürdige, weil am längsten existierende Festivalreihe „Top Ten TV“ fast schon ein wenig vom Spielplan drängt: gern im Spätprogramm, im Gegensatz zu den meisten anderen Programmpunkten ohne Wiederholungs-Slot und an den sechs Hauptprogrammtagen nicht komplett schaubar, da sich drei „Top-Ten“-Filmpaarungen im Programm überschnitten haben. Es sieht ganz so aus, als habe man die auch für andere Filmfestivals in Deutschland vorbildliche Reihe nun bewusst an den dunklen Rand platziert.

Schade auch, dass lediglich zu einem der zehn Programme Gäste gewonnen werden konnten – und zwar zum einzigen rein deutschen Beitrag der „Top Ten TV“, nämlich dem ZDF-Fernsehfilm „Tage des letzten Schnees“ (Produktion: Network Movie). Hier kamen, neben der Crew um Nils Morten-Osburg (Drehbuchautor) und Jan Costin Wagner (Autor der Romanvorlage) immerhin wenigstens die Schauspielerin Victoria Mayer und der Schauspieler Barnaby Metschurat, indes ohne die ebenfalls in dem Krimidrama mitspielenden Publikumslieblinge Henry Hübchen und Bjarne Mädel im Schlepptau. Gut, es wäre wahrscheinlich auch zu viel verlangt, einen Benedict Cumberbatch für das britische TV-Movie „Brexit – Chronik eines Abschieds“ einzufliegen; zumal der gerade so stechend aktuelle und brisante 90-Minüter über den Lügenwahlkampf zum EU-Ausstieg der Briten ohnehin seit April in Deutschland bereits auf DVD erhältlich ist. Wunderbar wäre es indes gewesen, für die am 16. Oktober abgehaltene große Vorpremiere der britisch-amerikanischen Sky-Originalserie „Catherine the Great“ (Start: 24. Oktober) auch ein wenig Prominenz an den roten Teppich zu holen. Wenn schon nicht die Darsteller Helen Mirren, Jason Clarke und Richard Roxburgh, dann doch zumindest Regisseur Philip Martin („Kommissar Wallander“, „The Crown“) und Drehbuchautor Nigel Williams („Der Seewolf“ mit Sebastian Koch, „Der Name der Rose“/Serie), die dem Festival auch in der Fernsehsektion den gewünschten internationalen Glanz verliehen hätten.

Das Wiedererstarken des Dokumentarfilms

Höchst spannend wäre es auch sicher gewesen, die so beliebten Frage-und-Antwort-Runden nach den Filmen auch zum einzigen Dokumentarfilm der „Top-Ten“-Sektion fortzuführen. Die österreichisch-amerikanische Produktion „Sea of Shadows“ von Richard Ladkani war nicht nur ein Highlight des 2019er Festivals, sondern auch ein investigativer Thriller der Extraklasse, in dem die beunruhigende Nähe zwischen mexikanischer Mafia und chinesischer Volksmedizin aufgezeigt wird, die ein ganzes Ökosystem samt kleinstem Wal der Welt zu vernichten droht. Aber vielleicht ist ja nächstes Jahr ein wenig mehr Geld fürs Drumherum da, um auch der Fernsehsektion (wieder) mehr lichte Moment für die Öffentlichkeit zu bescheren.

Apropos lichte Momente: Es gab sie auch in diesem Jahrgang. Grundsätzlich ist das Wiedererstarken des Dokumentarfilms zu begrüßen. Nachdem man einst im Zuge der Umfokussierung auf mehr Kino die „Top Ten Documentary“ mit Schwerpunkt Fernsehen abgeschafft hatte, kommt sie nun mit neuem Branding zurück zum Festival und heißt jetzt „Best of Cinema Documentary“. Sie zeigte Produktionen wie „Hail Satan?“ über die Empfindlichkeit der US-Öffentlichkeit in Fragen der Religionsfreiheit, „One Child Nation“ über die menschenverachtende „Ein-Kind-Politik“ in China zwischen 1979 und 2015 oder „Mike Wallace is here“ über den unbequemen Interviewer und „60-Minutes“-Moderator, der von 1968 bis 2006 US-Fernsehgeschichte schrieb. Alles herausragende Dokumentationen, von denen „One Child Nation“ den mit 10.000 dotierten Phoenix-Preis für den besten Dokumentarfilm des Festivals einheimste.

Nicolas Winding Refn überstrahlt alles

Überstrahlt wurde das Festivalprogramm indes durch den Filmpreis-Köln-Gewinner Nicolas Winding Refn. Während Abel Ferrara wenigstens seinen neuen Film „Tommaso“ vorstellen konnte und in Köln ansonsten als zerstreuter Sonderling von sich reden machte, während der „International-Actors-Award“-Gewinner August Diehl lediglich zur Award-Show anreiste und seinen Preis etwas verstohlen, aber dankend als „seinen ersten Preis für nichts Bestimmtes“ annahm (und damit einmal mehr die Überflüssigkeit dieses Preises dokumentierte), geriet der dänische Regie-Exzentriker Winding Refn gleich dreifach zum Glücksgriff: Man konnte heuer in Köln fünf seiner älteren Regie-Werke bewundern („Bronson“, „Drive“ und die „Pusher“-Trilogie), mehr über seine Ambitionen als Bewahrer abseitiger Trashfilme erfahren und man konnte miterleben, wie er durch die Verschmelzung von Kino und Games die Tür zu einer neuen audiovisuellen/interaktiven medialen Welt öffnen hilft.

In einer Diskussionsrunde stellte der inzwischen in New York lebende 49-jährige Regisseur seine Vision einer Streaming-Plattform „byNWR.com“ vor, auf der er B-Pictures und Exploitation-Filme kostenlos für ein interessiertes Publikum aufbereitet (fünf dieser Filme hatte er zudem mit nach Köln gebracht und im Arthaus-Kino „Filmpalette“ vorgeführt). In einer weiteren Präsentationsrunde fanden sich mit Winding Refn und dem Kultstatus genießenden Game-Designer, -Produzenten und -Regisseur Hideo Kojima zwei kreative Geister, die sich gegenseitig befruchten: Kojima hatte eine Rolle in Winding Refns neuer Amazon-Prime-Video-Serie „To old to die young“, Winding Refn wurde im Gegenzug für Kojimas neues PS4-Game „Death Stranding“ körpergescannt und fungiert dort im Spiel als animierter exzentrischer Charakter.

Anscheinend um die Bedeutung der Kollaboration der beiden rastlosen, für das Erzählkino und das Erzählerische in der Games-Entwicklung so stilbildenden Geister zu beweisen, erhielt Hideo Kojima gleichsam den vom Filmfestival Cologne neu gestifteten, mit 10.000 Euro dotierten „Cologne Creative Award“. Die Auftritte von Winding Refn und Kojima waren zu Recht die größten Publikumsattraktionen des diesjährigen Festivals und die Höhepunkte bei der Preisverleihung. Das Festival selbst bedarf aber noch einer erheblichen Arbeit an Fokussierung und Strategie, will man nicht wohlig auf dem NRW-Niveau hängenbleiben.

14.11.2019/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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