Laute Töne

Zeitreisen – durch den politischen Kommunikationsalltag

Von Michael Jäckel
03.10.2021 •

Wer kennt das nicht? Wenn Kommentatoren glauben, etwas Neues beobachtet zu haben, denken sie an die Aufmerksamkeit. Analysten, die schon lange dabei sind, neigen dagegen in der Kommentierung des öffentlichen Lebens zu einer entspannten Sicht und sprechen gerne von Déjà-vu-Erlebnissen. Die Empfänger solcher Nachrichten erwarten schlicht Aktualität. Die Idee eines täglichen Nachrichtenwesens schien manchen zunächst als evolutionär unwahrscheinlich, doch die Realität lehrt uns etwas Anderes. Je professioneller und differenzierter dieses Netzwerk des Zuspielens, Verarbeitens, Veröffentlichens und Kommentierens von Nachrichten geworden ist, desto offensichtlicher wurde: Das System kann nur so funktionieren. Für die Leser, Hörer oder Zuschauer ist es zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Kaum fehlt dieses Element im Alltag, trauert man ihm nach. Man schaue sich nur die Reaktionen auf Zeitungsstreiks, Sendeausfälle oder selbstauferlegten Medienverzicht an.

Allein diese Konstellation vermittelt ein seltsames Bild von Wertschätzung. Da ist die immer wiederkehrende Klage über den Inhalt und die Schwerpunktsetzungen der Medien, die immer nur sehr selektiv wahrgenommen werden. Zugleich ist da ein Symptom von Abhängigkeit, als könne man ohne dieses Umfeld dem eigenen Lebensrhythmus keine Struktur mehr geben. Für die großen Ideen des Journalismus ist gerade diese Ambivalenz immer eine Herausforderung gewesen. 

Nehmen wir die frühe Idee des Journalismus als „Intelligence Trust“, eine Vorstellung, die beispielsweise von dem amerikanischen Soziologen Robert Ezra Park (1864-1944) favorisiert wurde. Warum, so lautete damals die Frage, kann man die Genauigkeit der Berichterstattung über Börsen und Sportereignisse nicht auch auf das Feld der Politik übertragen? Wer ehrlich ist, muss auch für die heutigen Bedingungen einräumen, dass diese Form des Journalismus existiert. Sie wird begleitet von anderen Formen der „Genauigkeit“, die Vertreter der eigenen Profession gelegentlich zu Kommentaren veranlassen wie „Die Wände im Kanzleramt müssen Ohren haben“.

Methoden der Aufmerksamkeitsgewinnung

Journalismus soll Distanz wahren; zugleich meint er die Sonderaufmerksamkeit des Lese- oder Sehpublikums durch Informationen zu gewinnen, die eine besondere Nähe zu den politischen Akteuren erwarten lässt. Es ist also das Mischverhältnis von sachlichen und auffrischenden Elementen, die verschiedene Facetten des Schreibens über Berichtenswertes schaffen. Von Yellow Press mit erfinderischen und schrillen Komponenten bis zur sachlichen Reportage hat sich ein weites Spektrum aufgebaut. Die Methoden der Aufmerksamkeitsgewinnung werden immer strategischer, setzen auf Neugierde, bekommen wohlklingende Namen – zum Beispiel Clickbaiting (= Klickköder) oder Microblogging (= Austausch kurzer Textnachrichten) – und dürfen nicht mehr fehlen, weil alles irgendwie entscheidend sein kann.

Wer sich aus aktuellem Anlass auf eine Zeitreise der Wahlkampfkommunikation begibt, dürfte ebenso erstaunliche Eindrücke mitnehmen. Man stelle sich für einen Moment zum Beispiel vor, was ein ruhiger Wahlkampf denn sein könnte. Und dann stelle man sich vor, wie ein themenorientierter Wahlkampf das widerspiegeln würde, was uns in Definitionen politischer Willensbildung als Idealtypus beschrieben wird. Und – um den Dreisprung zu vollenden – es sei daran gedacht, dass der Wahlkampf unter Umständen auch langweilig sein könnte. Es gibt, egal wie das Blatt gewendet wird, immer eine Kritik an Wahlkämpfen.

Das Spektrum der möglichen Referenzen ist im Vorhinein niemals wirklich bekannt. Kandidaten werden daran gemessen, wie stabil sie in ihren Auffassungen sind, ob sie die Herausforderungen der Zeit erkennen und ob sie in der Lage sind, auf kurzfristige Ereignisse die richtige Antwort zu geben. Morgens berät das Wahlkampfteam über das Agenda-Setting, das an diesem Tag und darüber hinaus angestrebt werden soll. Dann geht es in die Öffentlichkeit, die stets mit Überraschungen und Unerwartetem aufwarten kann.

Das Monster Fernsehen

Ein Beispiel aus dem US-amerikanischen Wahlkampf vermag die Hürden politischer Kommunikationssteuerung zu vermitteln. Zum Wahlkampf gehört nun einmal die ständige Begleitung, häufig mit einem unveränderten Tross von Journalisten. Das widerfuhr auch dem früheren US-Präsidenten Jimmy Carter, der sich im Rahmen des Wahlkampfs über die Wahrnehmung des Wichtigen und Unwichtigen beklagte: „Die Reporter, die beispielsweise den Kandidaten Carter begleiteten, beschwerten sich, er wiederhole sich immerzu und habe selten etwas Neues zu sagen; Carter beschwerte sich, seine spontanen Bemerkungen würden mit viel größerer Wahrscheinlichkeit in den Medien erscheinen als seine häufig wiederholten Grundgedanken.“

Die Regel „Wenn nichts los ist, dann bringen wir eben Sport“ könnte also durch „Wenn der Tag keine Instant-Reaktionen verlangt, dann gerne auch mal wieder etwas Grundsätzliches“ ergänzt werden. Die Dauerbeobachtung ist somit kein wirklicher Freund des Gestaltungswillens. Als der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) einmal gefragt wurde, was seine Kanzlerschaft von der Konrad Adenauers (CDU) unterschied, soll er gesagt haben: „Es gab kein Fernsehen, Adenauer brauchte nicht immer ein staatsmännisches Gesicht zu machen. […] Das Monster Fernsehen hat radikal die Welt verändert.“ Wenn das Fernsehen ein Monster war, wie sollen dann – um der Steigerung gerecht zu werden – die sozialen Medien bzw. das Internet als Plattform charakterisiert werden? Charisma, das zeigen die Erfahrungen des vergangenen Jahrzehnts, wird überlagert durch laute Töne, die, weil auch inhaltlich skurril oder unzutreffend, einen höheren Nachrichtenwert genießen als alle Versuche, solche Aussagen zu korrigieren. Situationen dieser Art sind nicht für ‘Gutmenschen’ geschaffen.

Medien und Wahlkampf

Einst war es das Wachstum der bebauten Umwelt, also die Urbanisierung, die den Stellenwert und die Bedeutung der Medien erhöhte. Nun ist es auch und vermehrt das Wachstum der Medienproduktion, das Nervosität erzeugt. Unverändert hingegen bleibt, dass nach wie vor von der „sogenannten öffentlichen Meinung“ gesprochen wird. Auch die – ebenfalls von Robert Ezra Park geäußerte – Einschätzung, dass diese öffentliche Meinung „nichts als ein unbelehrter Gesamttrieb, der durch Stichworte hin- und hergelenkt wird“, sei, dürfte unvermindert aktuell sein. In einer zusammenfassenden Darstellung neuer Wahlkampfmethoden hieß es im Jahr 2017 bilanzierend: „Wahlkämpfe werden pluraler, differenzierter, digitaler, globaler, hybrider, dynamischer und effizienter.“ Es könnte ergänzt werden: schneller, länger (auch pro Tag), gezielter und zugleich unberechenbarer. Wer nach Zielen sucht (Target Marketing), kann selbst zum Ziel werden.

In der Zeitreise fällt darüber hinaus auf, dass die sachlich nüchterne Rubrik „Information“ schon lange nicht mehr der alleinige Maßstab ist. Erneut sind es die Mischverhältnisse, die darüber befinden, ob eine Zuordnung in das Feld des Nonfiktionalen noch gestattet ist. Der Zuschnitt zum jeweiligen Kanal muss passen. Ständig ändert sich die Situationsgeografie (Wer bevorzugt diesen Zugang zu Informationen?), eine Botschaft bekommt viele Formen und muss den kritischen Faktor Zeit beherrschen. Partei- und Wahlprogramme wirken in diesen Zusammenhängen wie Säulen, um die herum der Argumentationstanz vollzogen wird. Das Programmatische ist für die jeweiligen Protagonisten der Referenzrahmen, aus dem möglichst nicht ausgebrochen werden soll. Die journalistische Neugierde steigt, wenn eine Aussage in diesem Sinne danebenzuliegen scheint. Das Bekannte, so vermutlich die Erwartung, könne ja nachgelesen werden.

Am Ende sind es dann doch immer das Programm und die Person, die über Sieg oder Niederlage entschieden haben. Alle kommentierenden Ratschläge, die in der Regel auch mit Warnungen verbunden sind im Sinne von „Wenn er/sie das nicht hinbekommt, dann sinken seine/ihre Chancen“, antizipieren den Wunsch nach Einordnung, haben zugleich selbst etwas Kämpferisches und sind Teil des journalistischen Wettbewerbs. Dieser Wettbewerb begleitet das politische Bühnenstück bis zum Finale. Klare Regieanweisungen gibt es nicht. Danach geht es weiter. Der Aktualität bleibt man immer verpflichtet. Vertrauen ist deshalb nie einfach da, sondern wird stets auf allen Seiten strapaziert.

• Prof. Michael Jäckel ist Präsident der Universität Trier

03.10.2021/MK

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