Kunststücke und Knalleffekte

Aus der Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden 2019

Von Hans-Ulrich Wagner
16.05.2019 •

In einem Hörspiel über den diesjährigen Wettbewerb des Hörspielpreises der Kriegsblinden müsste es kunterbunt zugehen. Die stimmliche Ausdruckskraft nicht nur von professionellen Schauspielern, sondern auch vieler Autoren selbst müsste vermittelt werden. Die leisen Töne sollten darin zum Ausdruck kommen, die, die Sprache nicht illustrieren, sondern mit kleinen Elementen einen ganz neuen Erlebnisraum schaffen. Daneben stünden dann die äußerst dichten Klangwelten, die Hörspielkomponisten mit allen elektroakustischen Mitteln heutzutage erschaffen. Speziell in diesem Jahr dürften überdies alle Arten von Knall und die Geräusche des Krieges nicht fehlen. Zu klären wäre für die Produktion, ob dieses Hörspiel eine Geschichte erzählen möchte oder ob es einzelnen Facetten kaleidoskopartig nebeneinander stellt. Es bieten sich doku-fiktionale Ansätze und postdramatische Arrangements an. Geübte Hörspielhörer würden mit Sicherheit erkennen, von welcher Dramaturgie ein solches Hörspiel betreut und mit den jeweiligen Stammautoren entwickelt wurde.

Doch es geht um einen schriftlichen Bericht über den Wettbewerb und Aussagen über mehr als 1700 Minuten Hörspielkunst des Jahrgangs 2018: Insgesamt 24 Produktionen standen zur Wahl, davon waren 22 Einreichungen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten aus Deutschland (18), Österreich (2) und der deutschsprachigen Schweiz (2), zwei kamen als Vorschläge der Jury hinzu (jeweils deutsche Produktionen). Laut Statut des „Preises für Radiokunst“ wird die Auszeichnung „für ein von einem deutschsprachigen Sender konzipiertes und produziertes Originalhörspiel verliehen, das in herausragender Weise die Möglichkeiten der Kunstform Hörspiel realisiert und erweitert“. Dreizehn blinde und nicht-blinde Jurorinnen und Juroren waren nach Bremen eingeladen worden, darüber zu urteilen, eingeladen vom Bund der Kriegsblinden Deutschlands (BKD) und von der Film- und Medienstiftung NRW, den beiden Trägern des traditionsreichen Preises; alle Jury-Mitglieder waren vorab mit einem dicken Paket voller CDs versorgt worden.

Drei höchst unterschiedliche Nominierungen

Solchermaßen vorbereitet wurde beim Gastgeber Radio Bremen an einem Jury-Arbeitstag im März diskutiert und in mehreren Schritten gewählt, so dass das Korpus immer kleiner wurde, sich schließlich drei Nominierungen herauskristallisierten und am Ende das Gewinnerstück feststand. Die drei für den Preis nominierten Produktionen waren „Der Absprung“ (WDR) von Paul Plamper, „Die Toten von Feuerland. Ein Hörspiel mit Handlung“ (NDR) von Ulrike Haage und Andreas Ammer sowie „Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen“ (RBB) von Susann Maria Hempel. Es sind drei Stücke, die sämtlich aktuelle radiophone Qualitäten demonstrieren und dabei unterschiedlicher nicht hätten sein können.

Paul Plamper, der Hörspielroutinier, besticht durch eine neuerliche Versuchsanordnung, mit der er gesellschaftliche Probleme zu sezieren weiß. Diesmal sind es Fremdenangst und Fremdenhass, die im Spiel um ein multinationales Theater-Ensemble im fiktiven, aber treffend bezeichneten Leerstadt offenbar werden. Plamper analysiert in seinem Stück „Der Absprung“, wie gesellschaftliche und politische Kommunikation funktionieren, welchen Dynamiken das öffentliche Sprechen unterliegt. Das klingt wie ein Belauschen von Alltagssituationen, ist wie ein Spiegelbild von Wahrheiten, die wir allerorts zu hören bekommen. Fast ist man geneigt, von einem Plamper-Sound zu sprechen, der einem bekannt, vertraut vorkommt und der doch wieder einmal in die Tiefe der gesellschaftlichen Auseinandersetzung führt. Überzeugende Hörspielkunst.

Ganz anders die überbordende Produktion des Duos Ulrike Haage und Andreas Ammer. Ihr Hörspiel „Die Toten von Feuerland“ ist ein großes Erzählstück über die Ureinwohner Feuerlands. Es verbindet die dokumentarisch verbürgte Geschichte eines fünfzehnjährigen Patagoniers, der in die vermeintlich zivilisierte Welt gebracht wird, mit dem Thema Kolonialismus und der einsetzenden Debatte um postkoloniale Verantwortung. Vor allem die Komponistin Ulrike Haage setzt dabei auf den großen Klangapparat und macht das Stück zu einem üppig ausgestatteten opernhaften Event.

Der Preis geht an ein Stück von Susann Maria Hempel

Größer könnte der Gegensatz nicht sein zu dem Hörspiel, das aus den drei nominierten Stücken als Gewinner hervorging. Susann Maria Hempel ist im Gegensatz zu den gerade genannten Hörspielautoren eine Newcomerin. Obwohl bereits erfahren als Musikerin und experimentelle Filmemacherin bedeutete ihr Hörspiel „Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen“ für sie den ersten Ausflug ins Radioschaffen. Hier wird eine intensive Geschichte für das Medium erzählt. Hempel hatte über Jahre hinweg Gespräche mit einem ehemaligen DDR-Häftling geführt. Doch sie führt dieses Material in ihrer Produktion nicht etwa dokumentarisch vor, sondern verwandelt es, transformiert es mit ihrer eigenen Stimme und macht es zu einem schnell und eher leise gesprochenen Monolog, einem hervorquellenden Textfluss. Es ist ein intensives Hörerlebnis, das diese Suche nach den „Seelenatomen“ bereitet bzw. einem abverlangt. Die kurzen Kompositionen der Autorin setzen die notwendigen Ruhepunkte, um diesen Weg durch die in der Psychiatrie gebrochenen Biografie des einstigen Häftlings und seine Sehnsuchtssuche in der Natur mitzugehen. Ein überaus sinnliches Erleben, das die Mehrzahl der Jurorinnen und Juroren in den Bann schlug. So wurde „Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen“ das Gewinnerstück des 68. Hörspielpreises der Kriegsblinden.

Was lässt sich im Überblick außerdem über das Korpus des Wettbewerbs 2019 sagen, das der Jury vorlag, über all die anderen Produktionen, die diskutiert wurden, aber nicht in die finale Runde gelangten? Zunächst einmal, dass alle Texte konsequent für das Radio entwickelt worden sind. Mitunter gab es Texte, die sowohl als Bühnenfassung wie auch als Hörspieleinrichtung ihre Stärken unter Beweis stellen, wie beispielsweise Michel Decars hinreißend komische Dekonstruktion des Phänomens „Philipp Lahm“ (Deutschlandfunk Kultur).

Mitunter gab es literarische Texte, die im Druck erschienen waren, doch wurden diese von Autoren, Übersetzern, Komponisten, Regisseuren zu eigenständigen neuen radiophonen Werken ausgearbeitet. Solche Bezüge zum Literaturmarkt zeigten sich in „Simeliberg“, einem vom Bayerischen Rundfunk (BR) in Zusammenarbeit mit Radio Bremen produzierten Hörspiel des mit einem Computerprogramm schreibenden Schweizer Autors Michael Fehr, dessen Sprechauftritte gegenwärtig für Furore sorgen. Oder in Gisela von Wysockis erfundenem Gespräch mit Theodor W. Adorno, das der Hessische Rundfunk (HR) unter dem Titel „Das Denken ist selbst ein Leben“ zu einem überaus hörenswerten Erzählstück einspielte. Und dieser Bezug zeigte sich auch mit Blick auf das Buch „Un genre d’épopée“ des Frankokanadiers Dany Boudreault, dessen Roman über eine Jugend in der Provinz vom Übersetzer Wolfram Höll für den Schweizer Rundfunk (SRF-Studio Basel) zum poetischen und realistischen Coming-of-Age-Hörspiel „Wir sind schön, für hässliche Leute“ umgearbeitet wurde (Ko-Bearbeiterin: Susanne Janson).

Die anderen ‘Texte’ wurden direkt für das Medium geschrieben und erarbeitet, darunter Improvisationskunst des Hörspielduos Jan Georg Schütte und Wolfgang Seesko, das mit Teil 2 der Produktion „Paartherapeut Klaus Kranitz – Bei Trennung Geld zurück“ wiederum dem Alltag Geschichten ablauscht (Radio Bremen, Koproduzent: Saarländischer Rundfunk). Darunter auch die äußerst amüsante populärwissenschaftliche Doku-Fiktion „Die Van-Berg-Konstante“ (WDR) vom Duo Serotonin (das sind Marie-Luise Goerke und Matthias Pusch).

Der geschützte, begrenzte, abgetrennte Raum

Auffallend war, dass gesellschaftliche Fragen diesmal eher selten im Vordergrund standen bzw. direkt aufgegriffen wurden. Paul Plampers Stück „Der Absprung“ bildet die Ausnahme. In Tina Müllers Produktion „Gespräche über uns – Unfinished Business“, die der MDR eingereicht hatte, ging es um die Begegnung von Flüchtlingen und Schutzsuchenden mit deutschen Helfern. Doch die Jury-Diskussion darüber zeigte, dass aus dem Perspektivwechsel auf das, was diese Begegnungen mit uns machen und über uns aussagen, hier die Geschichte einer weltfremden, unerfahrenen Helferin und eines Flüchtlings mit großem Erfahrungsvorsprung wird, ein Spiel über Ent-Täuschungen und Verletzungen. Kritisch wurde das vom neuen NDR-Dramaturgen Michael Becker ins Rennen geschickte Stück „Who cares?!“ beurteilt. Die Theatermacherinnen Katharina Speckmann, Katharina Pelosi, Johanna Castell und Rosa Wernecke (die letzteren drei bilden die Gruppe Swoosh Lieu) haben dafür mit sogenannten „Care-Arbeiterinnen“ gesprochen und eine „vielstimmige Personalversammlung der Sorgetragenden“ zusammengestellt. Doch diese „experimentelle Radioarbeit“ wurde – nach den Produktionen von Rimini Protokoll und anderen Gruppen, die solche Ansätze mit den Experten des Alltags entwickelt haben – als wenig innovativ erachtet und es wurde die analytische Qualität der „feministischen Perspektive“ vermisst.

Viele der bei der diesjährigen Jury-Sitzung fesselnden Produktionen haben interessanterweise ihren Ausgangspunkt in einem geschützten, begrenzten, abgetrennten Raum. Von Susann Maria Hempels Gesprächen mit dem ehemaligen DDR-Häftling war bereits die Rede. Von Christine Nagels Hörspielfeature über den tschechischen Lyriker Ivan Blatný soll als nächstes die Rede sein. Dieser Dichter zog sich im englischen Exil in den Schutz der Psychiatrie zurück und fand seine Zuflucht und seine Existenz im Schreiben, in Form von Notizen, selbst auf Toilettenpapier, manisch, obsessiv, mitunter poetisch. Nagel erfindet viele Stimmen, um dieser im Schreiben entstehenden Welt Ausdruck zu verleihen: „Blatnýs Kopf oder: Gott der Linguist lehrt uns atmen“ (RBB; Koproduzent: Deutschlandfunk) fand mehrere Fürsprecher in der Jury.

Des Weiteren sei das „Requiem“ angesprochen, das der produktive Theater- und Hörspielautor Roland Schimmelpfennig unter dem Titel „100 Songs“ für den SWR-Hörfunk schrieb. Das Stück ist im Jenseits angesiedelt, die popkulturellen Verweise werden von einem Chor aus Menschen benutzt, die eine Katastrophe – offenbar ein Bombenattentat in einem Bahnhof – gerade aus dem Leben gerissen hat. „Nun singen sie wieder“, so hatte Max Frisch vor 70 Jahren eine solche Anlage eines Stücks übertitelt, in der die Welt zerrissen wird und die eben noch im Alltag gefangenen Figuren auf ihre Lebensfäden zurückblicken. In Schimmelpfennigs Hörspiel, inszeniert von Leonhard Koppelmann, wird es eine Symphonie über „Don’t dream“.

Sound-Explosionen: Das Hören als Klangerlebnis

Bleibt zum Abschluss der ausdrückliche Hinweis auf zwei Produktionen, die auch aus persönlicher Sicht des Jurors ganz besondere Aufmerksamkeit verdienen: „Ein Nachmittag im Museum der unvergessenen Geräusche“ (SR/MDR) von Christoph Buggert und „Das Bad im Knall. Eine Phänomenologie der Kürze in 39 Versuchen“ (SWR) von Hermann Kretzschmar. Sicherlich ist es kein Zufall, dass diese beiden Stücke den Sound zum Gegenstand haben bzw. ihre Geschichte aus dem Klangerlebnis heraus entwickeln.

In „Ein Nachmittag im Museum der unvergessenen Geräusche“, dem Alterswerk des langjährigen Hörspielmachers und -förderers Christoph Buggert, ist es das autobiografisch geprägte Erzählen um die Geräusche des Krieges, die lebensgefährlich sind, die man kennen muss, um ihrer Wirkung womöglich zu entkommen, und die man nicht wieder loswird. Wolf-Dietrich Sprenger spricht in dem Stück die Rolle des älteren Ich-Erzählers mit einem wahren Chronisten-Sound; das Ensemble Liquid Penguin hat Produktion und Regie übernommen und unternimmt die immer neuen Rundgänge durch das „Museum“, das „im Kopf“ ist. Es ist eine Klangreise in die immer noch gegenwärtige Vergangenheit.

Und zuguterletzt die Empfehlung eines „Bades im Knall“. Diese Tour d’horizon des Musikers Hermann Kretzschmar macht auf Hören Lust. 39 Mini-Hörspiele werden hier zu einer Enzyklopädie von Sound-Explosionen. Ein Knall also am Ende dieses Jury-Berichts – sicherlich auch eine zündende Idee für den Abschluss des einleitend entworfenen Experiments, ein Hörspiel über den Hörspielpreis der Kriegsblinden im Kopf zu erfinden.

• Hans-Ulrich Wagner war Mitglied der Jury des 68. Hörspielpreises der Kriegsblinden 2019

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Die Jury-Begründung für die Preisvergabe:

«„Ich rede, also bin ich“, dieses Motto scheint die treibende Kraft des Hörspiels Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen zu sein. Denn atemlos und dennoch zart, fast geflüstert, erschafft sich die einzige Stimme, die wir hier hören, Sekunde für Sekunde buchstäblich neu. Erinnerungsbilder tauchen auf und verschwinden, Erlebnisfragmente aus der untergegangenen DDR und einem Ich, das ständig unterzugehen droht. Diese Geschichte eines beschädigten Lebens erschließt sich über die Dauer des soghaft wirkenden Stücks, und zwar aus nächster Nähe: Immer wieder stellt sich eine Identifikation der Hörerin mit der im Hörspiel angesprochenen Zuhörerin Susann ein, die gewissermaßen Antriebsmotor und Registriergerät für die gehetzte Erzählstimme ist. Es hat etwas Magisches, wie diese Hörerin ein Etwas aus dem „schweigenden Nichts“ herauf beschwört, das nach Rudolf Arnheim Voraussetzung von Radiokunst ist. Susann Maria Hempel spricht ihre Figur durchgehend mit geradezu hypnotischer Intensität. Ihre experimentelle Komposition unterstreicht das fragile Eigenleben der Stimme und der von ihr beschworenen Innenwelt. „Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen“ basiert auf Interviews der Autorin mit einem ehemaligen DDR-Häftling, der aufgrund eines Schocks an Amnesie leidet. In der mehrfachen künstlerischen Brechung dieser Geschichte wird die Frage nach der Seele und ihrer Zerbrechlichkeit ins Universale erweitert und es entsteht ein emotionales wie artistisch hochkomplexes, leises Stück.»

16.05.2019/MK
Logo des 68. Wettbewerbs: Insgesamt 24 Hörspiele standen zur Wahl Foto: Screenshot
Von ihr stammt das 2019 preisgekrönte Hörspiel: Susann Maria Hempel Foto: Samuel Henne
Der Preis: Bronze-Relief „Hand mit Lorbeer“, gestaltet vom kriegsblinden Künstler Dario Malkowski Foto: MK