Kulturfaktor Fernsehen

Zum Tod des früheren 3sat-Programmchefs Walter Konrad

Von Karl-Otto Saur
22.11.2019 •

Unter einem Multimanager, der gleichzeitig drei Fernsehprogramme verantwortet, stellt man sich sicher einen rastlosen Menschen vor, der spätestens nach zehn Minuten unruhig wird, wenn jemand länger redet, als es dieser Manager in seinem Terminplan eingeplant hatte. Walter Konrad war in den 2000er Jahren unter dem Dach des ZDF für 3sat, Arte und den damaligen ZDF-Theaterkanal verantwortlich. Aber selbst eine solche Dreifach-Funktion konnte ihn nur schwer aus der Ruhe bringen. Mochten die Zeiten medienpolitisch noch so unruhig sein, Konrad beharrte darauf, dass man unter erwachsenen Menschen weder seine Stimme lauter klingen lassen noch seinen Gesprächspartnern das Gefühl vermitteln müsse, alles besser zu wissen.

Diese Grundhaltung konnte er gleich bei seiner ersten großen Aufgabe im noch sehr jungen ZDF gebrauchen. Konrad, Jahrgang 1935, hatte Jura studiert und er wurde mit nur 32 Jahren beim ZDF in Mainz stellvertretender Justitiar. Das war und ist eine Position, die nicht nur den trockenen juristischen Sachverstand fordert. Die Hauptaufgabe hier ist vor allem auch, immer wieder mit juristischen Mitteln den Freiraum für eine politische und kulturelle Berichterstattung zu sichern. Dies war zwangsläufig eine Aufgabe, die öffentlich kaum wahrgenommen wurde, aber in der Regel dem Programm diente. Über dieses Engagement hinaus war und blieb Walter Konrad auch ein politischer Mensch. Er trat früh der Jungen Union bei. Sein Herz gehörte später in erster Linie der Kommunalpolitik. Jahrzehnte war er für die CDU im Stadtrat von Mainz und er prägte dabei die Stadt maßgeblich mit.

Eine einmalige Institution

Seine berufliche Erfahrung im Vermitteln sorgte dafür, dass er im ZDF die juristische Abteilung verließ und in den Programmbereich wechselte. So musste er nicht mehr Programme anderer unter juristischen Aspekten verteidigen, sondern er konnte selbst gestalten. Im April 1987 wurde Konrad Programmchef (Koordinator) des Senders 3sat. Dieses Satellitenprogramm aus dem Hause ZDF, gemeinsam mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk aus Österreich und der Schweiz veranstaltet, war das erste Fernsehprogramm, das die Möglichkeiten der damals neuen Satellitentechnik voll ausschöpfte. Aber nicht, um noch ein weiteres gefälliges Unterhaltungsprogramm zu bieten. 3sat war von Anfang an als Minderheitenprogramm konzipiert, das Kulturinteressierten signalisieren sollte, dass ihre Bedürfnisse ernst genommen werden. Vom täglichen Magazin „Kulturzeit“ zur besten Sendezeit, dem später noch das Wissenschaftsmagazin „Nano“ folgte, von der Pflege des Kabaretts, das im Hauptprogramm des ZDF verkümmert war, bis zur Kooperation mit allen möglichen Festivals und sonstigen Partnern aus dem Kulturleben wurde 3sat zu einer einmaligen Institution im Leben der deutschsprachigen Kultur.

Eine der von 3sat unterstützten Veranstaltungen war und ist das Fernsehfilm-Festival Baden-Baden. Neben der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste ist 3sat einer von mehreren Kooperationspartnern, von diesen aber mit Blick auf die öffentliche Resonanz der wichtigste. Denn der Sender ermöglicht die Ausstrahlung der zwölf Filme für das Fernsehpublikum, die beim Festival im Wettbewerb sind. Walter Konrad, der inzwischen auch Präsident der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste war, garantierte mit Größe und Großzügigkeit die Arbeit des Festivals. Doch seine manchmal etwas spröde Art verhinderte im einen oder anderen Fall, dass er die gerechte Anerkennung für sein Wirken fand. Aber das schmälert nicht das Verdienst, dass er dafür gesorgt hat, dass das Fernsehen auch heute noch nicht zu einer reinen Unterhaltungsmaschine geworden ist. Walter Konrad starb am 11. November im Alter von 84 Jahren.

22.11.2019/MK

Walter Konrad

Foto: ZDF/Renate Schäfer


Print-Ausgabe 24/2019

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